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Mystery (diverse)



China Mieville

Andere Himmel

rezensiert von Thomas Harbach

Mit “Andere Himmel” legt der Bastei- Verlag China Mievilles erste Kurzgeschichtensammlung auf. Mehr und mehr beginnt sich Mieville nicht nur als bombastischer, einfallsreicher und mit seinen Hintergründen erdrückender Autor des New Weird zu etabliere, auch die unüberhörbaren politischen Zwischentöne werden nachdrücklicher und lauter. In vielen der hier vorliegenden Kurzgeschichten bis zu der schon einmal veröffentlichten Novelle „The Tain“ zeigt Mieville, wie er die Welt sieht bzw. über unsere Dimension heraus erahnt. Seine Geschichten sind wie das Subgenre dunkel, ungewöhnlich und ungemütlich und herausfordernd. Die Wurzeln insbesondere in den gotischen Horrorfilmen des Hammerstudios in Kombination mit der klassischen Literatur – siehe „The Scar“ als Mievilles Melville Roman – unverkennbar und ins Groteske extrapoliert. Im Gegensatz zu den Romanen allerdings ist der explizierte und teilweise ausufernde Erzähler Mieville in seinem Spielraum begrenzt. Während er sich in seinen Romane in eine nicht mehr zu überschauende Anzahl von Handlungsebenen flüchten kann, die in einem absurden, aber fesselnden Showdown zusammenfließen und aus Dutzenden von einzelnen Fragmenten schließlich einen Roman entstehen lassen, stellt sich in einigen der hier vorliegenden Texte die Frage, ob die Kurzgeschichte nur der Sammlung von Gedanken für einen weiteren umfangreicheren Roman dient.
Von den insgesamt vierzehn Geschichten – dreizehn, um genauso zu sein, da “Auf dem Weg zur Front” im Grunde ein Comic ist – sind nur drei wirklich neue Geschichten. Der Großteil des letzten Viertels nimmt die Novelle „The Tain“ ein, die schon im Jahre 2002 bei ps publishing in einer relativ kleinen Auflage veröffentlicht worden ist.
Wie sehr China Mieville die einzelnen Genres zu seinem Vorteil nutzt und entsprechend verändert, zeigt die Titelgeschichte „Suche Jake“; dem die Sammlung auch gewidmet worden ist. Aus der Ich- Erzählerperspektive in Form von Briefen sucht ein Mann seinen Freund Jake, den er im Zuge der Veränderung Londons über Nacht verloren hat. Der Autor gibt keine weiteren Informationen über die Veränderung, sie findet statt. Die Menschen sind aus der Stadt verschwunden und entweder in der Realität oder der Phantasie durch „Monster“ ersetzt worden. Wie auch in seinen Romanen fragmentiert China Mieville in seinen Kurzgeschichten die Realität, liefert seinen gut im Zuge von gekonnt inszenierten, aber beunruhigenden Texten keine weiteren Erklärungen mit. Der Leser ist auf sich alleine gestellt. Neben der nihilistischen Stimmung dringt der Autor unter die Haut seiner Protagonisten. Er stellt sie als gewöhnliche Menschen voller Hoffnungen und Fehler dar. Während diese Charaktere noch mit den eigenen Schwächen zu kämpfen haben, verändert der Autor für sie ihre brüchige Realität und setzt sie kontinuierlich einem wahren Schauer von Ereignissen aus. Die äußerliche Entwurzelung folgt der inneren Unruhe, zwingt die Figuren allerdings auch, über den Tellerrand hinauszusehen und sich auf die Suche nach einem neuen „Nest“ zu machen. Am Ende stehen sie gereift, allerdings mit leeren Händen dar. Stellvertretend für eine Reihe anderer Texte ist „Suche Jake“ eine natürliche Fortführung von James Ballards Bahnbrechenden Katastrophenromanen in den sechziger Jahren. Auch wenn Mieville bei der vorliegenden Geschichte auf ein vorhandenes London zurückgreift und die Geschichte nicht in seine phantastisch- bizarren Stadtkonstruktionen vorlegt, trägt die Geschichte Ballards inzwischen so klassisch gewordenen Flair in sich. Die beiden britischen Autoren haben nie die Erklärung ihrer Ideen gesucht und beide forderten lieber die Phantasie der Leser und die bissigen Kommentare der Kritiker heraus, als sich selbst zu erklären. Da inzwischen auch das vollständige Kurzgeschichtenwerk Ballards vorliegt, ist es für einen interessierten Leser eine gute Möglichkeit, den New Wave der sechziger Jahre mit dem New Weird des neuen Jahrtausends zu vergleichen. Auch wenn beide Autoren gänzlich andere Vorgehensweise haben, sind die implizierten Themen und vor allem das stetige Querdenken überraschend homogen.
In der Novelle „The Tain“ greifen fremde Wesen aus ihrer Parallelwelt durch Spiegel nach unserer - ?- Realität. Im Gegensatz zu den zwischen zehn bis fünfzehn Seiten langen Kurzgeschichten, in denen Mieville im Grunde nur pointiert Ideen anpacken, aber selten vollenden kann, ist die Geschichte die reifste und fesselnste der Sammlung. Er lässt Zeit, in der Tradition der britischen Horrorgeschichten eines Henry James das Szenario zu entwickeln. Da der Autor hier wie auch in einer Handvoll anderer Geschichten reale Hintergründe und teilweise historische Ereignisse benutzt, wirkt die hier beschriebene Atmosphäre noch bizarrer, noch fremdartiger. Mieville macht es sichtlich Spaß, den Leser in eine ihm vertraute Welt einzuladen, um diese dann nach einem kurzen Moment der Ruhe zu verfremden und surrealistisch zu gestalten. Diese Veränderung der Hintergründe wird in die sich wandelnden Seelenlandschaften seiner oft waidwunden Charaktere übertragen. Keine seiner Figuren ist wirklich frei von Schuld, keiner der Protagonisten kann einen Weg aus dieser Situation erkennen und nur wenige Figuren erreichen am Ende der Geschichten stellvertretend für den Leser wirklich das Licht. Und dieses Licht steht dann nicht stellvertretend für den Heilsbringer, sondern ist im Grunde nur eine Illusion. Wie der Cyberpunk möchte der New Weird die Veränderung im Menschen zeigen, aber nicht erklären. Wer jetzt in Mievilles Kurzgeschichten wie Romanen neben einer stilistischen außergewöhnlichen Beschreibung fremdartiger Orte Logik und bodenständige Wissenschaft erweitert, wird weitersuchen müssen. Autoren wie Mieville geht es um den Augenblick, die Stimmung und das Groteske, aber niemals das Fassbare. Ihm geht es darum, im Leser eine beständige Unruhe auszulösen, ihn in Versuch zu führen, kontinuierlich über die Schulter zu schauen. Keine einfache Aufgabe, wenn man bedenkt, dass seine Geschichten niemals im Hier und Jetzt spielen. Dazu bedarf es nicht nur einem scharfen Auge, sondern eines wachen Geistes, um die Strömungen der Gegenwart in eine fremdartige, grotesk surrealistische Umgebung zu übertragen und trotzdem den Nerv der Zeit zu treffen. Auch wenn die einzelnen Kurzgeschichten über einen Zeitraum von mehreren Jahren entstanden sind und die Novelle „The Tain“ gesondert veröffentlicht worden sind, bilden die einzelnen Episoden mit dem längeren Text als Höhepunkt und Abschluss eine faszinierende Fuge. Die Titelgeschichte „Andere Himmel“ – bei der englischen Veröffentlichung stand „Looking for Jake“, die Auftaktgeschichte Pate für die ganze Sammlung, beide Geschichten fassen Mievilles Werks aus sehr unterschiedlichen Perspektiven gekonnt zusammen – ist eine für einen jungen Menschen schöne und für Mieville fast poetische Auseinandersetzung mit dem Alter. Wie die Kooperation mit Emma Bircham und Maz Schaefer – über die Entstehung der Zusammenarbeit und die beiden anderen Autoren erfährt man leider nichts – ragt diese Geschichte auf den ersten Blick aus der Sammlung heraus. Dabei hat die von den drei Autoren geschriebene Story noch eine der wenigen stilistischen Würdigungen zu bieten. Es ist sicherlich kein Zufall, dass sie an Ray Bradburys Geschichten erinnert. Einen Bradbury extrapoliert in die Gegenwart eines das Genre beherrschenden Stephen Kings. Die beiden erwähnten Beispiele zeigen einen experimentierfreudigen China Mieville, der aus den engen Skletten seiner bislang vier Romane ausbricht. So unterschiedlich auch die ebenfalls auf Deutsch erschienene „Perdido Street Station“ von „The Iron Council“ auch sein mag, so ähnlich ist der inzwischen zu einem Markenzeichen gewordene Hintergrund der Geschichten. Und das ist teilweise auch das Problem der Sammlung. In den moisten Storys komprimiert und variiert Mieville Themen seiner Romane. Er hat allerdings nicht den Raum, seine erzählerischen Stärken auszuspielen und so bleiben einige der sehr kurzen Texte fragmentarisch und unnahbar. Die an Borges surrealistische Welt angelehnte Novelle „The Tain“ ist ein Kompromiss zwischen seinen faszinierenden Romanen und den eher durchschnittlichen Kurzgeschichten. Oft erdrückt die Atmosphäre die kaum vorhandene Handlung. Um Mieville kennenzulernen, epfiehlt sich weiterhin der Griff zum Roman. Hier sei auf „Perdido Street Station“ und vor allem „The Scar“ hingewiesen. Wer die Wartezeit zwischen den einzelnen, sehr umfangreichen Romanen überbrücken möchte, der findet in der vorliegenden Kurzgeschichtensammlung seiner viele Ideen, die teilweise hier in einer Art Matrix der eigentlichen Romane präsentiert worden sind. Vieles wirkt trotz der stilistischen Stärke – auch dank der guten Übersetzung durch Eva Eppers – immer noch roh und unfertig. Der Leser hat das Gefühl, dem Entstehen einer Skulptur zuzusehen. In China Mievilles Fall aus den Knochen der Urtiere, in deren Skelett die „Perdido Street Station“ gebaut worden ist. Die Romane sind die fertigen Kunstwerke und die Kurzgeschichten die dreidimensionale Vorlagen. Wer den ganzen Weg gehen möchte, findet in der vorliegenden Sammlung einen adäquaten Begleiter, wer sich nur für das Ergebnis interessiert, wird bei den Romanen besser bedient sein.

China Mieville: "Andere Himmel"
Roman, Softcover, 347 Seiten
Bastei- Verlag 2007

ISBN 3-4042-4361-7

Weitere Bücher von China Mieville:
 - Der Eiserne Rat
 - Un Lon Dun

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