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Mystery (diverse)



Christian Montillon

Todesflüsse

rezensiert von Thomas Harbach

Mit dem siebzehnten Hardcover betritt der Zaubermond- Verlag nicht nur für die eigene Serie literarisches Neuland, selbst im Rahmen der mehr als achthundert Heftromane hat es bislang keine Sammlung einzelner, nicht zusammenhängender Geschichten gegeben. Christian Montillon hat für den vorliegenden Band insgesamt neun Geschichten verfasst, die zu unterschiedlichen Zeiten spielen, die Ereignisse aus den Heftromanen aufnehmen und in einem Fall ein alternatives Ende anbieten.

Gleich zu Beginn der Sammlung stehen die beiden mit jeweils fast fünfzig Seiten längsten Geschichten. In „Die dunkle Erbschaft“ wird dem Professor ein Tagebuch zugespielt, in dem der Schreiber vom Einfluss eines Schwarzmagiers berichtet, von seinem untoten Sohn und schließlich seiner eigenen Suche nach einer Erklärung. Das Tagebuch stellt eine Art Hilferuf an Professor Zamorra dar. Kaum hat er die Lektüre beendet, muss er sich den Mächten des Bösen direkt vor seiner Haustür stellen. Die Idee, die wichtigsten Ereignisse in Tagebuchform zu erzählen, beherrscht den ersten Teil der Story, danach schwenkt das Geschehen um und Montillon berichtet wieder aus der ersten Erzählebene. Die Tagebuchpassagen stellen den besseren Teil der Geschichte dar. Oft fragmentarisch deuten diese Ereignisse an, während die folgende Konfrontation den Zwängen der Kurzgeschichte untergeordnet ist. Hier geht alles zu schnell, zu direkt und leider zu einfach.

„Todesflüsse“ ist die effektivere Geschichte. Geschickt und plakativ etabliert der Autor sein kurzweiliges Szenario mit einer Reihe eindrucksvoller Bilder: die Früchte des Baumes und der blutrote Fluss bilden die Gegenpole eines Konfliktes, in den Zamorra dank lebhafter Träume hineingezogen wird. Auf die Spur eines Mörders kann er nur dank seiner Träume kommen. Mit einem Hauch Surrealismus stellt Montillon diese Alptraumlandschaft dar. Bis auf die einzelnen Morde erzählt der Autor die Geschichte ausschließlich aus Zamorras Perspektive und lässt den Leser an der Suche teilhaben. Da Motive gänzlich im Dunkeln bleiben, ist „Todesflüsse“ eine unterhaltsame und interessante Geschichte mit einem leider schwächeren Showdown am Ende. Es wird schnell deutlich, dass Nicole und Zamorra alleine nicht in der Lage sind, den Feind zu besiegen und sich alles als großer Plan eines weiteren Schattenspielers herausstellt.

In „Tag des Sterbens“ variiert der Autor die Thematik des Pakts mit dem Teufel auf eine Weise, wie es nur im Zamorra Universum möglich ist. Schließlich gibt es sonst keine Serie und keine Historie, in der der Höllenfürst seinen Thron geräumt hat. Im Fall des Isaac Franklin hatte er dessen Seele persönlich gekauft, der Kontrakt ist also nicht auf seine Nachfolgerin übergegangen. Aber diese kann es sich nicht erlauben, das Kleingedruckte zu beachten, sonst geht ihr Ruf bei der leichtgläubigen Bevölkerung verloren. Sehr kurzweilig und originell erzählt mit einer düsteren, aber passenden Pointe versehen. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Geschichte nutzt Montillon die Möglichkeiten der Kurzgeschichte sehr viel besser aus und konzentriert seine Idee in der richtigen Form und mit einer befriedigenden Pointe auf ausreichend Erzählraum.

Dagegen ist „Der Selbstmörder“ eine schwache Geschichte mit notdürftig verbundenen Elementen. Was auf den ersten Blick als Sektenmord erscheint, wird zum Selbstmord, um auf einer übernatürlichen Ebene die Chance des Weiterlebens auf Kosten anderer zu beinhalten. Leider gelingt es Montillon nicht, eine Sympathieebene zwischen Leser und Frederic March, dem Protagonisten aufzubauen. Die Geschichte hinterlässt den Eindruck, aus verschiedenen Versatzstücken zusammengesetzt worden zu sein und eine Art hierarchische Jekyll und Hyde Geschichte darstellen zu wollen. Auch in Hinblick auf die Lösung sowie die Ermittlungsarbeit Zamorras und Nicoles wirkt viele konstruiert und notdürftig zu einem zusammenhängenden Text verbunden. Dabei hätte man aus der grundlegenden Idee vielleicht mit etwas mehr Raum und einem anderen Ansatz deutlich mehr machen können.

Die zweite wirklich ausgezeichnete Kurzgeschichte ist „Traumfrau“. Eine ungewöhnliche Werwolfthematik in einer sowohl räumlich als auch zeitlich sehr kompakten Geschichte mit überzeugenden Nebencharakteren und einem tragischen Ende. Christian Montillon lässt seine Leser mehrmals in die Irre laufen und hat sichtliches Vergnügen, sie zumindest in der ersten Hälfte der Geschichte an der Nase herumzuführen. Geschickt stellt er auf den ersten Blick klischeehafte Situationen in den Vordergrund, um diese dann in Anderer als erwarteter Form aufzulösen. Die Verbindung zwischen den Überprotagonisten Professor Zamorra und Nicole auf der einen Seite und dem Brautpaar auf der anderen Seite funktioniert sehr gut, der Autor gibt Letzteren einprägsame Züge mit auf den Weg an dem eigentlich schönsten Abend eines jeden Lebens.

„Wundermittel“ dagegen ist wieder eine fragmentarische und auf eine Pointe hingeschriebene Geschichte. Der Autor durchbricht jeglichen Spannungsbogen, in dem er einen Vortrag in der Gegenwart mit einem Abenteuer in der Vergangenheit kombiniert. Der Leser kennt das vermeintliche Ende schon, das Wie wird nur noch erläutert. Im Schlussspurt kommt die obligatorische Frage nach Beweisen, um die Thesen zu untermauern. Die Geschichte stellt zwar eine nette, oberflächlich kurzweilige Unterhaltung dar, fällt aber im Vergleich zu Texten wie „Traumfrau“ deutlich aber. Aber wie für einige andere Geschichten dieser Sammlung gilt auch die Aussage, dass hier dank der verschiedenen Elemente – Wundermittel, Mumien, Zeitreise – eine gute Idee in nicht ausreichendem Maße umgesetzt worden ist und ein zweiter Versuch in Form einer Novelle oder eines Heftromans durchaus empfehlenswert sein könnte.

Während „Dämmern“ wahrscheinlich nicht nur stilistisch ein Experiment darstellt – der Leser oder besser Betrachter wird wissen, was gemeint ist - stellt der längere „der Clou“ von Beginn an eine interessante, verschachtelte Variation des in die Falle locken dar. Gleich zu Beginn baut der Autor eine Erwartungsebene auf, die er mit einem Federstrich negiert. Kaum hat sich der Leser auf diese neue Realität eingestellt, entpuppt sie sich wieder als Fiktion. Geschickt werden Zamorra und Nicole in eine Falle gelockt, die auch der aufmerksame außen stehende Betrachter so nicht erkennen kann. Kaum in der Falle dreht Montillon mit sichtlichem Vergnügen die Schraube noch ein wenig weiter an, in dem sich eine bekannte Figur als Fassade herausstellt. Die Schwierigkeit besteht allerdings darin, dass Geschehen aufzulesen und eine befriedigende Lösung zu finden. Durch das Eingreifen Asmodis löst sich der Plot zu schnell und zu einfach im Vergleich zum verschachtelten Auftakt auf. Mit einer angehängten Pointe folgt der Autor der Horror- Tradition, hinterlässt aber einen etwas enttäuschten Leser. Die Story zerfällt in zwei ungleiche Teile, der interessante Auftakt entschädigt allerdings für das zu einfache Ende.

Die letzte Geschichte der Sammlung ist als Satire zu betrachten. Nichts ist ernst, oder? Montillon entlarvt anscheinend den Willen des Leser, doch im Grunde lenkt er nur von den wahren und düsteren Hintergründen ab: dem Kommerz. Geschrieben wird, was gekauft wird. Die Autoren sind die Sklaven des Geldes, die für den glückseligen Augenblick auf ihrem Konto am liebsten ihre Seele verkaufen und immer wieder zur Sklavenarbeit zurückkehren. An keinem Punkt wird das deutlicher als an der letzten Geschichte. Der verzweifelte Versuch, unsägliche Tendenzen im Groschenheft in Worte zu fassen und im Augenblick der Niederlage trotzdem an die niederen Instinkte der Leser zu appellieren und auf eine Fortführung der Serie zu hoffen.

Christian Montillons „Todesflüsse“ gehört zu den besseren Hardcovern der „Professor Zamorra“ Reihe in letzter Zeit und setzt den Trend fort, im Rahmen dieser Reihe zu experimentieren. Nachdem der Versuch abgebrochen worden ist, die Zamorra Geschichte noch einmal von Beginn an aus einer anderen Perspektive zu erzählen, sollten die Kurzgeschichten vielleicht kein regelmäßiger, aber ein zumindest wiederkehrender Bestandteil der Reihe werden. Viele Ideen in diesem Band sind für einen Roman nicht ausreichend, andere Ansätze hätten durchaus handlungstechnisch für einen Heftroman gereicht. Die wechselnden Szenarien und die manchmal von der fortlaufenden Handlung der eigentlichen Serie losgelösten Plots lassen sich – auch von der stilistischen Seite her- gut lesen. Die Qualität aller Texte zusammen betrachtend ist deutlich schwankend, einige Ideen funktionieren im Mantel der Kurzgeschichte sehr gut, andere sind zu fragmentarisch erzählt oder einfach unoriginell.

Direkt beim Verlag bestellen

Christian Montillon: "Todesflüsse"
Anthologie, Hardcover
Zaubermond 2006

Weitere Bücher von Christian Montillon:
 - Dan Shocker´s Macabros 1: Der Leichenorden von Itaron
 - Das Mord Medium
 - Der Weg zur Quelle
 - Die acht Namenlosen - Lepso Trilogie Band 2

Leserrezensionen

Leserrezensionen
29.08.06, 00:17 Uhr
Florian Hilleberg
Benutzer/in


registriert seit:
Aug 2006
Endlich mal eine kleine Anthologie, welche bizarre Erlebnisse aus dem ereignisreichen Leben von Professor Zamorra erzählt, die nicht dazu ausreichen einen ganzen Heftroman zu füllen. Begrüßenswert ist dabei auch das Wegfallen der Rahmenhandlung, welche bislang immer als Grundgerüst für ähnliche Projekte in den Heftromanserien „Larry Brent“ und „Professor Zamorra“ herhalten musste.
Wie so oft in Storysammlungen werden nicht alle Geschichten Begeisterungsstürme auslösen, denn eine gute Anthologie zeichnet sich durch Abwechslung aus, was zwangsläufig dazu führt, dass der Geschmack des Lesers nicht immer voll getroffen wird. Wenn die Geschichten aber alle von einem Autor stammen, den man auch sonst gerne liest, ist die Zahl der „schlechteren“ Erzählungen ungleich geringer. Mir persönlich gefiel eigentlich nur die titelgebende Story Todesflüsse nicht wirklich. Waren mir die Erklärungen, weshalb Zamorra nun diese Träume hatte und auch die Gründe für die Vorgehensweise dieses übermächtigen Wesens doch ein wenig zu weit hergeholt. Zumal die Story für eine Kurzgeschichte auch zu viel Handlung auf einem zu engen Raum unterzubringen versuchte. Hier hätte Herr Montillon die Geschichte ruhig in der Schublade lassen können, um sie ein anderes Mal als Heftroman herauszubringen.
Eine sehr gute Idee, war die Komplikationen anzusprechen, die auftreten, wenn eine Klausel aus einem Höllenvertrag eingelöst werden soll, aber der Initiator dieses Vertrages der Hölle längst den Rücken gekehrt hat. Leider fällt dem aufmerksamen Leser auch ein kleiner Logikfehler auf, denn es steht geschrieben, dass dem Langlebigen während der Vertragslaufzeit kein Dämon etwas anhaben darf. Dennoch hat Gryf den Mann vor Vampiren gerettet. Nun, gerettet werden muss nur der, der in Gefahr schwebt. Wenn Dämonen ihm aber nicht antun dürfen, sehe ich auch keinen Rettungsbedarf. Dennoch eine sehr gute Geschichte, die allein durch ihren Plot alle kleinen Ungereimtheiten wett macht.
Hervorzuheben ist auch die Story Dämmern, welche unter den Lesern wohl sehr ambivalent aufgenommen werden wird. Doch für mich ist es eine hervorragende Geschichte, und dass nicht nur, weil man sie ziemlich schnell lesen kann, sondern auch weil man treffender wohl die Leiden in der Hölle nicht schildern kann. Für so etwas reichen Worte einfach nicht aus.
In der letzten Geschichte des Bandes, wird wieder einmal bewiesen, dass im Zamorra-Universum nicht immer alles todernst ablaufen muss und immer wieder mal Freiraum für eine gute Satire besteht. Dabei kommen sogar die John-Sinclair-Fans auf ihre Kosten, denn nun endlich kennen wir die wahren Gründe für die Rückkehr des Schwarzen Tods, auch wenn die letzte Fußnote leider nicht mehr erklärt wurde.
Apropos Sinclair: Der Geisterjäger wird in diesem Band sogar mit einem Zitat gewürdigt, welches am Anfang zu der Kurzgeschichte „Traumfrau“ zu finden ist.
Alles in allem ein sehr gelungenes Experiment, dass man auf jeden Fall wiederholen sollte.