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Literatur (diverse)



Philip K. Dick

Stimmen der Straße

rezensiert von Thomas Harbach

Obwohl fünf Jahre vor „Unterwegs in einem kleinen Land“ entstanden und nach „Gather yourselves together“ wahrscheinlich der frühste Philip K. Dick Roman könnte „Stimmen der Straße“ ohne Probleme als eine interessante „Was wäre wenn?“ Fortsetzung durchgehen. Was wäre, wenn Roger Lindahl weiterhin unter der Fuchtel des vermögenden Bonners in dem kleinen Radio- und Fernsehgeschäft geblieben wäre. Der Laden, in dem „Stimmen der Straßen“ Protagonist Stuart Hadley in Oakland bzw. dem fiktiven Cedar Groves arbeitet, ist zwar deutlich kleiner, aber unter dessen Angestellten das Konfliktpotential deutlich höher ist.

Fast exemplarisch bis leider ungewöhnlich für Dicks Schaffen belehrend beschreibt der Autor den sozialen wie gesellschaftlichen Abstieg Stuart Hadleys, dessen Katharsis schließlich im Anschluss an körperliche Verunstaltung folgt. Auf den ersten Seiten verfolgt der Leser eine anscheinend nicht untypische Alkoholnacht Hadleys. Nach einem handfesten Streit landet er schließlich in der Ausnüchterungszelle. Am nächsten Morgen nach Hause zurückgekehrt, erfährt der Leser, dass Hadleys Frau hochschwanger ist und die Haushaltskasse so gut wie leer. Dick beschreibt Hadley als eine Art Elfenbeinträumer, der klischeehaft nichts mit seinem bisherigen, einfachen Leben und inzwischen seiner langweiligen Ehe anfangen kann. Für einen Erstlingsroman ein grundsätzlich schwieriges Thema. Dick fehlen noch die Mittel, um Hadleys schwierigen Status Quo zu beschreiben und vor allem dem Leser eine glaubwürdige Grundlage anzubieten. Die Charakterisierung Hadleys ist insbesondere in den Auftaktkapiteln unsympathisch – nicht unbedingt problematisch – bis eindimensional. Als wolle der Autor jedes Klischees des aggressiven Alkoholikers mit Selbstvernichtungstendenzen zwanghaft in diese Figur pressen. Dabei fehlt ihm das wahrscheinlich selbst erlebte Einfühlungsvermögen eines David Goodies oder Jim Thompson, deren gebrochene Antihelden beispielhaft in die Auftaktkapitel des vorliegenden Romans gepasst hätten.
Dass Hadley eine langweilige bzw. im Grunde nur bürgerliche Ehe führt, wird vom Autoren eher impliziert angedeutet als wirklich ausformuliert. Hadleys anscheinend attraktive und nette Frau ist eher eine Art Statthalter der typisch amerikanischen Hausfrau als wirklich eine überzeugende Protagonistin. Sie bleibt bis zum Ende des Buches eine bemitleidenswerte Frau, die sich aus Hadleys Schatten nicht lösen will, nicht lösen kann oder plottechnisch am Ende auch nicht lösen darf.
Philip K. Dich nimmt sich ausgesprochen viel Zeit, Hadleys direkte Umwelt – inklusiv seiner Kollegen und seines Vorgesetzten – ausführlichst zu beschreiben. Diese Detailgenauigkeit geht zu Lasten des Tempos und lässt die Auftaktkapitel ein wenig phlegmatisch erscheinen. Diese präzise Beschreibung ist hinsichtlich der weiteren Plotentwicklung notwendig, da Dick Hadley - ohne ihn viel im Raum zu bewegen – auf eine intellektuelle wie körperliche Odyssee schickt, an deren Ende der geistige wie körperliche Zusammenbruch stehen.
Wie schon in „Unterwegs in einem kleinen Land“ und später in seinen paranoiden Kosmologien trifft Hadley auf einen Priester. Anfänglich beschwert er sich lautstark, wie ein Prediger in einem überdimensionalen, reich ausgestatten Haus mit einer attraktiven und vor allem einer sehr jungen Frau leben kann. Hadley setzt Glauben mit Armut gleich. Hin zu kommt, dass Theodore Beckheim ein charismatischer Farbiger ist. Seine Religion ist wie öfters bei Dick eher ambivalent aggressiv. Die apokalyptische Predigt erinnert an spätere verbale Exzesse in seiner „Valis“ Trilogie. Dieser ganze Abschnitt ist sicherlich ungewöhnlich und der Kniefall vor diesen extremen Religionen kommt für den Leser genauso wie Hadley sehr überraschend, aber zusammengefasst gehört diese Passage zu den stärksten frühliterarischen Szenen Dicks. Das Misstrauen gegenüber allen Religionen zieht sich wie ein roter Faden durch Dicks Arbeit bis zu seiner semireligiösen Begegnung mit Valis. Die noch teilweise rudimentären Grundfassungen dieser „Gottphobie“ lassen sich noch stärker in „Unterwegs in einem kleinen Land“ als dem vorliegenden früher verfassten, aber in diesem Punkt deutlich explizierter gestalteten Roman verfolgen. Für alle Dick Romane gilt aber, dass seine typischen amerikanischen Mittelstandsbürger keine neue Heimstatt im Glauben finden.
Nach der „geistigen“ Enttäuschung, folgt für Hadley mit der nächsten Begegnung die fleischliche Herausforderung.
Marsha Frazer ist eine attraktive, etwas ältere Frau und gleichzeitig in einem der unwahrscheinlichen Wendungen des Romans Beckheims Geliebte. Das erste Mal, das in einem seltsamen Kompromiss an die damals herrschenden Moralvorstellungen, das sie mit einem Farbigen – in der homogenen Übersetzung zeitgemäß Neger genannt – zusammenlebt. Ihr erster Mann ist im Zweiten Weltkrieg gefallen, ihre Kinder sind in verschiedenen Internaten. Marsha Frazer wirkt – ebenfalls eine überraschender chronologischer Widerspruch – wie eine Weiterentwicklung Liz Bonners aus dem fünf Jahre später erschienenen Roman „Unterwegs in einem kleinen Land“. Marsha Frazer ist die Herausgeberin des kleinen Magazins „Succubus“, eines zumindest ebenfalls eher ein konstruierter Plotbestandteil, antisemitisches Künstlermagazin, das in Dicks fiktiver Stadt sehr schnell Verbreitung findet. Hadley wird von den eher implizierten Ansichten des Magazins nicht wirklich angesprochen. Er sucht eher verzweifelt in den Seiten einen Ausweg aus seiner Isolation. Diesen bietet zumindest kurzzeitig die wilde Liebesaffäre mit Marsha Frazer. Im Vergleich zu den eher routiniert distanziert beschriebenen Liebesszenen seiner anderen realistischen Romane wirkt die erste sexuelle Annäherung der Beiden auf der Landstraße fast wie eine gegenseitige Vergewaltigung. Sie wirkt ein bisschen übertrieben und auf der emotionalen Seite überambitioniert geschrieben, aber die schockierende Wirkung dieser modernen Freidenkerin – erst einen Farbigen, dann einen Verheirateten und selbst noch nicht einmal rechtskräftig vom zweiten Ehemann geschieden – insbesondere auf die Leser der fünfziger Jahre kann sich der außen stehende Betrachtung im Falle der leider nicht erfolgten Veröffentlichung buchstäblich vorstellen. Wie die Gedankenmodelle des Magazins lehnt Hadley schließlich – wahrscheinlich auch durch den immer stärker werdenden Alkoholkonsum – die fleischliche Lust ab. Seine Verzweifelung kumuliert in einem nächtlichen Überfall auf den Laden, in dem er zu einem anscheinend guten Verkaufsleiter befördert worden ist. Dick schenkt dem Leser und seinem geschlagenen Protagonisten – von Helden zu sprechen wäre zynisch – ein Happy End, dieses wirkt aber weniger überzeugend als die Provokationen der vorangegangenen Begegnungen kommerziell glättend. Da Hadleys Frau als Figur insbesondere in der ersten Hälfte des Romans derartig schwach entwickelt worden ist, bauen sich in einer angedeuteten Dreiecksbeziehung so gut wie keine Spannungen zwischen den einzelnen Figuren auf.

Als Roman an sich ist die Konzeption des Buches ambitionierter als die Ausführung. Manche Szenen werden gut und atmosphärisch stimmig aufgebaut, um dann gerade zu im Nichts zu enden. Der unerklärliche Absturz einer Durchschnittsmannes dank oder wegen des Alkohols wird stringent beschrieben, das finale Unglück morbide und nachhaltig. Allerdings versucht Dick auch durch Äußerlichkeiten seine Botschaft – für den Leser nur zu vermuten, aber ohne Argumente des Autoren nicht erkennbar – teilweise mit dem Holzhammer zu verbreiten. Persönlicher Verlust, religiöse Intoleranz und der Missbrauch von politischer Macht sind Themen, die heute nicht nur immer noch aktuell sind, die sich vor allem in Dicks umfangreichen Werk immer wieder finden. Hinsichtlich der Übermittlung seiner Warnungen/ Botschaften wird der Autor in seinen späteren utopischen wie auch realistischen Romanen deutlich subtiler vorgehen.
Im Vergleich allerdings zu vieler seiner anderen Mainstreamromanen lässt sich in diesem zornigen Portrait eines Mittelstandes mit Vergangenheit aber auch richtige Zukunftserwartungen erkennen, welches Potential in dem späteren Science Fiction Philip K. Dick schlummert. Das kraftvolle sprachliche Bild des gegen die „unzerstörbaren Glaswände der Welt“ rennen ist ein erster Ausblick auf seine skeptischen Science Fiction Romane mit realistischen Fundamenten, bei denen die Dick´schen Protagonisten in den unzerstörbaren Glaswänden der Welt manipuliert, betrogen, in die Irre geführt oder dem Wahnsinn Preis gegeben werden. Überträgt man mit dieser Perspektive - das Gewaltpotential literarisch plakativ extrapolierend - Hadleys innere Zerrissenheit, seines Rastlosigkeit, seine Unzufriedenheit sowohl mit seiner beruflichen Existenz als auch die Ängste vor eigenen Kindern, vor familiärer Bindung und damit der Aufgabe seiner im Roman allerhöchstens rudimentär beschriebenen Träume auf einen jungen Dick, dann wirkt „Stimmen der Straßen“ interessant, vielleicht nicht autobiographisch, aber zumindest suggestiv.



Philip K. Dick: "Stimmen der Straße"
Roman, Hardcover, 396 Seiten
Liebeskind 2010

ISBN 9-7839-3589-0724

Weitere Bücher von Philip K. Dick:
 - Irrgarten des Todes
 - und wenn unsere Welt ihr Himmel ist?
 - Unterwegs in einem kleinen Land

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