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Literatur (diverse)



Philip K. Dick

Unterwegs in einem kleinen Land

rezensiert von Thomas Harbach

“Unterwegs in einem kleinen Land” gehört zu der Handvoll von realistischen Mainstreamromanen, mit denen Philip K. Dick in den frĂŒhen fĂŒnfziger Jahren seine Schriftstellerlaufbahn begonnen hat. FĂŒr die meisten BĂŒcher hat Dick keinen Verleger gefunden. Sie sind in seinen Schubladen wieder verschwunden, wĂ€hrend sich der Amerikaner der Science Fiction zuwandte. Erst nach seinem Tod sind die einzelnen Romane zuerst in kleinen Verlagen posthum veröffentlicht worden und Dick als realistischer Beobachter des amerikanischen Zeitgeists gefeiert worden. Aus heutiger Sicht beschreiben die Werke nicht nur Amerika zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem wirtschaftlichen Aufschwung der Baby Boomer Generation, sie unterstreichen autobiographisch eingefĂ€rbt Dicks innere Zerrissenheit und Angst vor der Gleichförmigkeit. Nicht selten spielt ein Radio bzw. Fernsehladen eine Rolle. Dick hat neben seiner damals noch erfolglosen Schriftstellerei in einem derartigen “Kleinstadtladen” bedroht von aufkommenden Einkaufscentren gearbeitet, um die Rechnungen seiner jungen Familie zu bezahlen. Nicht selten lĂ€sst sich der 1928 geborene - und damit zur Entstehung des vorliegenden Romans “Unterwegs in einem kleinen Land” genauso alt wie seine Protagonisten - dank der verschiedenen Biographien inzwischen klar erkennbar in teilweise unterschiedlichen Figuren eines Romans wieder finden.
“Unterwegs in einem kleinen Land” ist eine Vierecksgeschichte, in deren Mittelpunkt zwei sehr unterschiedliche und doch in ihrer Suche nach Perfektion, nach Freiheit sich Ă€hnliche Familien stehen.
Roger Lindahls Ehefrau Virginia bringt zu Beginn des Romans ihren gemeinsamen Sohn Gregg in eine Art Privatschule weit außerhalb Los Angeles in die Berge. Gregg leidet unter Asthma und den stetig steigenden Spannungen zwischen Roger und Virginia. Roger ist nicht nur aus finanziellen GrĂŒnden gegen diese Internatsschule. Kaum hat Virginia ihren Sohn hingebracht, meldet Roger ihn am nĂ€chsten Tag wieder ab. Philip K. Dick charakterisiert die Lindahls auf ausgesprochen originelle wie auch extreme Art und Weise. Virginia wird als Ă€ngstliche Autofahrerin beschrieben, die jeden Spurwechsel und jedes Überholmanöver mit Schaudern erwartet. Roger ist kein rasanter, aber ein zĂŒgiger Autofahrer, der wert darauf legt, dass der Wagen werkstatttechnisch in Schuss ist. Ein wenig arrogant ist er der Meinung, dass MĂ€nner die besseren Autofahrer sind. Kaum hat der Leser diese beiden sehr unterschiedlichen Menschen kennen gelernt, schlĂ€gt Dick eher ĂŒberraschend einen Bogen in ihre Vergangenheit. Roger Lindahl ist schon einmal verheiratet gewesen. Aus dieser Ehe stammt eine Tochter. Geschieden beschließt Lindahl, mit einem geliehenen Wagen und seinen Sachen nach Kalifornien von der OstkĂŒste auszuwandern. Kurz bevor er diese KontinalĂŒberquerrung unternimmt, lernt er Virginia kennen. Sie ist deutlich jĂŒnger, stammt aus einem reicheren Elternhaus. Sie wird ihrem zukĂŒnftigen Mann nach Kalifornien folgen.
Im Grunde hat Dick bevor er noch den emotionalen Konflikt gĂ€nzlich ausbreitet, das Land - ohne sich reisetechnisch zu bewegen – durchquert und damit die PrĂ€misse des suggestiven Titels erfĂŒllt. WĂ€hrend ihrer Zeit an der OstkĂŒste hat Virginia freiwillig als Krankenschwester in einem Soldatenlazarett gearbeitet, Lindahl sich eher originell und dank der Abfindung aufgrund eines Arbeitsunfalls mit finanzieller Bodenhaftung vor der MilitĂ€rzeit gedrĂŒckt. Im Westen lockt nicht Hollywood, sondern die RĂŒstungsindustrie. Kaum ist der Krieg vorbei, sitzen Virginia und Lindahl auf der Straße. Der folgende existentielle Kampf wird von Dick ein wenig zu kompakt, zu wenig impulsiv beschrieben. Seiner Idee beraubt, in einem Haushaltswarenladen auf selbststĂ€ndiger Basis einen Radiokundenservice einzurichten und quasi als VorlĂ€ufer zu den intensiveren Fernseher Wartungen zu agieren, droht Lindahl zu verzweifeln. Jahrelang jobbt er, bis er sich schließlich mit seinem kleinen Fernseh- und Radioladen selbststĂ€ndig macht. Der Laden kostet ihn sehr viel Zeit, so dass sich Virginia und Gregg bald vernachlĂ€ssigt fĂŒhlen. Er verdient zumindest Geld Trotzdem spĂŒrt Roger jeden Augenblick eine gewisse Existenzangst. Obwohl Roger Lindahl im Kleinen den amerikanischen Traum lebt, steht ihm Dick keinen Augenblick der Ruhe zu.
Im Internat lernen die Lindahls die Bonners kennen. Ihre zwei Söhne gehen ebenfalls auf die Schule, die Bonners selbst leben in einem etwas besseren Viertel der Stadt. Liz Bonner bietet so gleich eine Fahrgemeinschaft an. Charles Bonner hat sein Geld in eine BĂ€ckerei investiert und sieht sich als passiver Unternehmer, der gerne in Lindahls Laden investieren möchte. Virginia hĂ€lt die etwas zĂŒgellose Liz fĂŒr dumm und frivol. Wie zwei ZĂŒge auf Kollisionskurs eilen die brĂŒchigen Geflechte der beiden Familien aufeinander zu. Die Auflösung des Buches ist auf der ersten Blick ĂŒberraschend, hinsichtlich des Epilogs konsequent wie auch nihilistisch sich aus der Verantwortung stehlend trotz des Versuches, dem Geschehen einen positiven Ausdruck zu geben.
Wie in seinen Science Fiction Romanen greift Philip K. Dick liebend gerne auf Charaktere des amerikanischen Mittelstandes zurĂŒck. Eine soziale Schicht, die sich in den fĂŒnfziger Jahren erst zu bilden begann. Sowohl die Lindahls als auch die Bonners suchen irgendwie in ihren Beziehungen zueinander und in Bezug auf ihre Umwelt eine Bodenhaftung. Es sind die Kinder, die unvoreingenommen Comic lesend das Geschehen fast stellvertretend fĂŒr den Leser verfolgen, aber nicht einordnen können. Dicks Figuren sind eher spĂ€rlich charakterisiert, teilweise unterwickelt. Ob es sich dabei in Bezug auf die Mainstreamromane um Absicht handelt, sei dahin gestellt. Nicht selten hat Dick in seinen frĂŒhen Science Fiction Romanen auch liebend gerne auf menschliche Chiffren zurĂŒckgegriffen und eine ausfĂŒhrliche Charakterisierung seiner hilflosen bis unglĂŒcklichen, schließlich ĂŒber sich hinauswachsenden Helden verzichtet. Viel mehr versucht Dick kritisch, aber nicht immer ganz gelungen aus den beiden Familien Eckpfeiler des kleinen Landes - die Weiten Amerikas stehen in einem starken Kontrast zu Kleingeistigkeit der Figuren - zu machen. Liz als sich verzweifelte nach Liebe sehnende Frau wird schließlich als VorlĂ€ufer der Hippie Bewegung und freien Liebe beschrieben; Virginia als unterkĂŒhlte SĂŒdstaatenschönheit, die weiterhin mit dem Geld ihrer Familie erstaunlich viel erreichen kann; der dumm dreiste bis arrogant selbstverliebte Charles Bonner ist sicherlich ein Mann mit monetĂ€ren Visionen, die von den HĂ€nden der einfachen Arbeiter - in diesem Fall Roger Lindahl, der vom eigenen Chef zu einer Art GeschĂ€ftsfĂŒhrer zynisch gesprochen die Karrieretreppe „hinauf“ stolpert - errichtet werden mĂŒssen. Als Familien leben die Lindahls und die Bonners sowohl untereinander als auch im Kern ihrer Umwelt gegenĂŒber aneinander vorbei. Die Wirkung dieses signifikanten Punktes negiert Dick teilweise, in dem er aufzeigt, dass Roger Lindahl schon einmal an den elterlichen wie ehelichen Pflichten gescheitert ist. Daher kommt sein innerer Aufbruch nicht sonderlich ĂŒberraschend und nimmt die “Easy Rider” Bewegung wie allerdings auch die Flucht vor spießbĂŒrgerlicher Sesshaftigkeit sowie dem Übernehmen von Verantwortung in einem ertrĂ€glichen Maße vorweg. Nicht selten beschrĂ€nkt sich Dick aber auf Facetten und extrapoliert seine kritischen Beobachtungen viel zu wenig.
Im Vergleich zum im Grunde langen “Prolog” wirkt der mittlere Handlungsabschnitt zufrieden stellend ausformuliert, wĂ€hrend der eigentliche Showdown knappe dreißig Seiten vor dem Ende des Romans nicht nur ĂŒberraschend kommt, sondern wie ein Antihöhepunkt erscheint. Die Emotionen, welche Dicks Figuren positiv wie negativ anfĂ€nglich in sich tragen, scheinen wie verpufft. Trotz der SchwĂ€chen bei der Charakterisierung ist Dicks Roman auf der persönlichen, emotionalen Ebene ein erstaunlich souverĂ€nes und lebendiges Portrait der USA in den fĂŒnfziger Jahren, das quasi von einem Zeitzeugen geschrieben worden ist. Vielleicht ein wenig zu ĂŒberambitioniert, zur sehr die Interpretation von “normalen” alltĂ€glichen VorgĂ€ngen suchend zwischen Vergangenheit - den Auswirkungen der industriellen AufrĂŒstung im Zweiten Weltkrieg - und Zukunft - das Farbfernsehen wirft seine lange Schatten voraus.
Die Hintergrundbeschreibungen sind absichtlich spĂ€rlich gehalten, sie sollen mehr die dramatische Stimmung unterstĂŒtzen. Aus dem Nichts heraus ohne die karge, aber stringente Handlung zu erdrĂŒcken zeichnet Dick ein Portrait des amerikanischen Mittelstandes, der sich erst finden muss; der erkennen wird, das Eigeninitiative und Unternehmer/Pioniergeist eingesetzt werden mĂŒssen, um den amerikanischen Kontinent zu erobern. Der trotzdem fĂŒr die einzelnen Protagonisten eine Art emotionales GefĂ€ngnis, ein kleines Land bleiben wird, in dem sie sich so weit und so lange bewegen können, wie sie möchten. Sie werden immer an ihre geistigen Grenzen stoßen.

Philip K. Dick: "Unterwegs in einem kleinen Land"
Roman, Hardcover, 387 Seiten
Liebeskind 2010

ISBN 9-7839-3589-0632

Weitere Bücher von Philip K. Dick:
 - Irrgarten des Todes
 - Stimmen der Straße
 - und wenn unsere Welt ihr Himmel ist?

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