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Literatur (diverse)



Jonathan Lethem

Menschen und Superhelden

rezensiert von Thomas Harbach

Schon in seinem mehrfach ausgezeichneten autobiographischen Roman “Fortress of Solitude” hat der Amerikaner Jonathan Lethem sehr zur Verblüffung seiner Leser nicht nur die Bewunderung in erster Linie jugendlicher Leser für die Comicschöpfungen Stan Lees und damit Marvel in die grundsätzlich realistische Handlung einfließen lassen, sondern seinen beiden Jugendlichen Charaktere dank eines gefunden Ringes übernatürliche Kräfte verliehen. Zwar bewegte sich diese Handlungsebene noch auf einer fast metaphysischen Glaubensebene und stak sehr stark aus diesem eigentlich dunkel Coming of Age Plot heraus, aber mit seiner zweiten Story- Sammlung „Men and Cartoons“ setzt der Amerikaner die Heroisierung der amerikanischen Comichelden in immer mehr zerfallenden Durchschnittsfamilie fort. Aber nicht alle der insgesamt neun Geschichten spielen im semirealistischen Superheldenmilieu. Das Spektrum reicht von klassischer Science Fiction bis zur humorvollen Farce. Ganz bewusst hat der Autor den Titel „Men“ seinem Hinweis auf die Comicbezüge hinzugefügt. Wobei „Men“ sich am ehesten mit dem antiquierten Jüngling übersetzen ließe, da sich Jonathan Lethems Charaktere in dem seltsamen Schwebezustand zwischen körperlichem Erwachsenen und geistigem Kind mit spürbarem Misstrauen dem realen Leben gegenüber befinden. In der ersten Geschichte „the Vision“ ist es für den Leser wichtig, diesen unwichtigen Nebencharaktere der „Avengers“ zu kennen, um die Pointe sowohl auf der realistischen als auch der Comicebene zu verstehen. Adam Kessner ist mit dem Ich- Erzähler aufgewachsen. In seiner Jugend hat er sich in erster Linie für diesen Nebencharakter dieser berühmten Marvel- Serie gesehen. Zwanzig Jahre später ist er zusammen mit seiner Frau wieder in das Viertel seiner Jugend zurückgezogen und hat ein Haus gekauft. Zu einem Spieleabend eingeladen versucht der Erzähler seinen ehemaligen Klassenkameraden und jetzigen Nachbarn vor seiner Frau zu provozieren, ohne an die Folgen zu denken. Jonathan Lethem trifft den gleichen melancholischen Ton, der „Fortess of Solitude“ zu einem derartigen Lesevergnügen gemacht hat. Insbesondere gleichaltrige Leser wie der Autor werden an ihre eigene Jugend erinnert und müssen sich – wie auch die Protagonisten – beim Schritt ins Erwachsenenleben hinterfragen. Die Dialoge sind wunderbar pointiert und doppeldeutig. Insgesamt drei weitere Texte – „Big Planet Zero“, „Vivian Relph“ und „Super Goat Man“ behandeln die schon in der ersten Arbeit „The Vision“ aufgeworfenen Themen weiter. Zusammen bilden sie einen interessanten Episodenroman, dem nur eine abschließende Fuge fehlt. Die vier angesprochenen Texte ragen auch qualitativ sehr stark aus der kurzweilig zu lesenden, aber auch verhältnismäßig dünnen Ausgabe heraus. Dabei ist „Vivian Relph“ die am ehesten emotional einfach nur melancholische Episode. Die Quotenfrau und der Quotenmann auf einer Party treffen sich später am Flughafen und in einem Restaurant wieder. Trotz der auch für den Leser erkennbaren Chemie zwischen den beiden Menschen bleiben sie distanziert, bis er sie schließlich auf dem Empfang ihres neuen Ehemanns ein weiteres und letztes Mal trifft. Gemeinsam scheinen sie den verpassten Chancen nachzutrauern, ohne das sie wirklich sagen können, woran es gelegen hat. „Big Planet Zero“ fängt mit der Wiederbegegnung zweier Schulfreunde an, die sich – wie in vielen von Lethems Werken – über die Faszination der frühen MArvel Comics gefunden und im späteren Leben nach der Schule wieder verloren haben. Inzwischen ist der Ich- Erzähler ein erfolgreicher, wenn auch nicht unbedingt vermögender Zeichner eines satirischen Comics für ein Musikmagazin, während sein Freund zu einem esoterischen Eigenbrödler und Lebenskünstler geworden ist. Aus dem Besuch für eine Stunde wird schließlich ein impliziertes Schattendasein, das dem Erzähler vor Augen führt, was erstens aus den Träumen seiner Jugend geworden ist, zweitens wie viel ihm wirklich der Erfolg des künstlerischen Augenblicks bedeutet und was er letzt endlich zurückgelassen hat. Sehr ruhig mit einem leicht ironischen Unterton erzählt fließt der Text ohne wirkliche Höhepunkte dahin und das offene, wenn auch ein wenig zynische Ende wirkt ganz absichtlich wie ein Antihöhepunkt mit vielen Fragen aber keinen Antworten gestaltet. Der Höhepunkt der Sammlung ist „Super Goat Man“. In dieser langen Geschichte geht Lethem nicht nur auf die Superhelden der dritten Garnitur – Super Goat Man hat nur eine fünfteilige Comicserie in einem nichts sagenden kleinen Verlag erhalten – ein, sondern baut ihnen ein ähnlich beeindruckendes und lesenswertes Denkmal wie es Kurt Busiek in seiner herausragenden Comicserie „Astro City“ gelungen ist. Der Erzähler berichtet gleich zu Beginn der Geschichte, das Super Goat Man als realer Held sich nach der enttäuschenden Resonanz auf seiner Comicserie aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat. Er wohnt jetzt als sein Nachbar in New York und versteht sich gut mit dem Vater des Erzählers Everett. Der Leser verfolgt das Heranwachsens Everetts und seine Universitätszeit, wo ausgerechnet Super Goat Man als Professor unterrichtet, bis plötzlich alkoholisierte Jugendliche den gescheiterten Helden herausfordern. Die ambivalente Beziehung zwischen drittklassigem Superhelden und Erzähler/ Heranwachsenden bestimmt nur vordergründig den Ton der Geschichte. Viel mehr geht es Lethem aufzuzeigen, wie schwer es ist, seinen eigenen Lebensweg zu finden und die Ideale der Vätergeneration in der richtigen Perspektive zu betrachten. Aber wie auch in „The Vision“ scheitern Lethems Protagonisten an ihrer Unfähigkeit, die sie selbst nicht berührende Vergangenheit ruhen zu lassen. Dabei rückt der Autor teilweise zu aufdringlich in Kevin Smiths Territorium ab, um die guten Ansätze seiner lesenswerten Geschichten auf einem wirklich erwachsenen Niveau zu extrapolieren. Unabhängig von dieser Schwäche ist „Super Goat Man“ aufgrund der gut bis sehr gut gezeichneten Figuren und vor allem der melancholischen, aber nicht depressiven Grundstimmung eine lesenswerte und zeitlose Geschichte. Der Grundtenor hätte besser zu „Fortress of Solitude“ gepasst als der schon angesprochene aufgesetzte Superkräftehandlungsbogen.

Die schwächste der Comicgeschichten ist mit einem endlosen ironisch klingenden, aber ebenso wie die Geschichte leider ermündenden Titel versehen: „The Dystopianist thinking…“ Der Dystopianist versucht die Vorgehensweise seines Antagonisten im Vorwege zu erkennen und anscheinend als Comicdrehbuch niederzuschreiben. Dabei fokussiert sich Lethem ausschließlich auf dessen Denkweise. Eine Sympathieebene zum Leser wird nicht schlagen. An der sehr distanzierten und unnötig komplex gestalteten Erzählstruktur scheitert Lethem schließlich in der vorliegenden Geschichte und lässt den Leser verwirrt, aber leider nicht sonderlich unterhalten zurück.


Dagegen ist zum Beispiel „Access Fantasy“ eine klassige Science Fiction Story. Die Welt der Reichen und Begüterten ist von den in der Überzahl befindlichen Slums der armen Bevölkerung durch eine nur einseitige zu durchdringende Barriere getrennt. Nur die schönsten und aussichtsreichen Slummenschen werden von automatischen Robotern durch die Barriere gebracht, um dort eine At moderne Werbung zu zelebrieren. Der Ton ist dunkler, die Dialoge sind schwerfälliger und Lethem fällt es schwer, aus der sehr guten Ausgangsidee eine wirklich überzeugende und nachdenkliche stimmende Geschichte zu machen. Er agiert stellenweise zu überambitioniert und lässt den zufrieden stellenden, wenn auch nicht innovativen Plot nicht den Raum, sich wirklich zu entwickeln. „The Spray“ ist dagegen wie „The Glasses“ eine einfache Ideengeschichte, deren Plot nicht nachhaltig genug entwickelt worden ist. In der ersten Geschichte geht es um die Erfindung eines Wundersprays, das gestohlene Gegenstände an ihrem ursprünglichen Ort wieder sichtbar macht. Die beiden Bestohlenen entwenden der Polizei das Spray und setzen es durch Zufall in den eigenen Wänden ein, was fatale Folgen insbesondere für die eigene Beziehung nach sich zieht. „The Glasses“ ist eine Farce auf die labile Beziehung zwischen unzufriedenem Kunden und zwei Optikern, denen es nicht gelingt, den Farbigen von seinem Fehlverhalten abzubringen. Im Gegensatz zu „The Spray“ endet „The Glasses“ im plottechnischen Nichts und wirkt rückblickend wie ein Fragment.

Zusammengefasst ist „Men and Cartoons“ eine nur teilweise befriedigende Kurzgeschichtenanthologie. Manche der Texte wirken unfreiwillig konstruiert und sind plottechnisch zu wenig ausgereift, stilistisch aber ansprechend geschrieben. Aber immer wenn sich Jonathan Lethem mit dem Heranwachsen, dem Lösen von alten Träumen und Idealen, Beziehungen insbesondere zwischen Mann und Frau beschäftigt, leben seine Texte förmlich auf und hinterlassen phasenweise insbesondere in der von amerikanischen Comics geprägten Lesergeneration ein wolliges, aber auch traurig stimmendes Grundgefühl. Die Grundlage der Rezension bildet die amerikanische Paperbackausgabe, eine deutsche Hardcoverausgabe ist im Tropen- Verlag erschienen.



Jonathan Lethem: "Menschen und Superhelden"
Anthologie, Hardcover, 172 Seiten
Tropen Verlag 2005

ISBN 9-7839-3217-0751

Weitere Bücher von Jonathan Lethem:
 - Chronic City
 - Die Festung der Einsamkeit
 - Girl in a Landscape
 - Knarre mit Begleitmusik
 - The Walls of the Sky, The Walls of the Eye

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