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Literatur (diverse)



Uwe Tellkamp

Der Eisvogel

rezensiert von Thomas Harbach

Der verdiente Erfolg von „Der Turm“ wirft einen langen Schatten auf die beiden bislang von Uwe Tellkamp veröffentlichten Romane. Während der Autor der Neuveröffentlichung seines Erstlings „Der Hecht, die Träume und das portugiesische Cafe“ widersprochen hat, wird „Der Eisvogel“ im Suhrkamp- Verlag dieser Tage wieder aufgelegt. Für Auszüge des Romans hat Uwe Tellkamp den Ingeborg- Bachmann- Preis erhalten. Dabei erreichte der Autor als Novum die absolute Mehrheit der Juroren. Es gibt inzwischen Stimmen, die davon sprechen, dass der Bachmann Text erst deutlich nach „Der Eisvogel“ geschrieben worden ist und sich in den teilweise stilistisch überambitionierten Unzulänglichkeiten nicht wiederfindet.

Uwe Tellkamp möchte im Auftaktkapital sein lesendes Publikum wie Truman Capote in „Kaltblütig“ oder Michael Haneke in seinen provozierenden Filmen schockieren. Der Protagonist Wiggo Ritter, Sohn eines reichen Investmentbänkers, hat einen Menschen erschossen. Teilweise aus der Ich- Perspektive erzählt blättert Uwe Tellkamp anschließend durch Zeugenaussagen für eine mögliche Gerichtsverhandlung unterstützt das bisherige Leben des Wiggo Ritters auf. Und hier liegt eines der Probleme des Buches. Uwe Tellkamp hat sich zu wenig Mühe gegeben, in seinem aggressiven, plakativen und leider sehr floskelartig erscheinendem Exzess Alternativen aufzuzeigen bzw. die von ihm beschrittenen Wege mit solide Recherche unterstützt intelligenter zu extrapolieren. So vermischt der Autor den Börsengang der T- Aktie aus dem Jahre 1996 mit den erst späteren Exzessen des Neuen Marktes. Ein kleiner Fehler, der sich aber in verschiedenen Variationen durch das ganze Buch zieht. So ist Wiggo Ritter zusammen mit seiner Zwillingsschwester Dorothea – nicht das einzige Zwillingspärchen im Roman – in Frankreich aufgewachsen, wo sein Vater ein erfolgreicher Bänker gewesen ist. Später dominiert er die Berliner City mit seinem außerordentlichen Palais. Zu Beginn des Buches ist er Investmentbänker – ohne das Uwe Tellkamp mit diesem Begriff wirklich etwas anfangen kann -, später Filialleiter, dann initiiert er Kredite unter anderem für mittelständische Unternehmen oder agiert als Fonds/ Assett -manager. Passt schon ist die plottechnische Devise. Und diese Schwäche zieht sich auch durch Wiggo Ritters Leben. Intelligent, charmant, sicherlich auch gut aussehend. So beginnt die Assistentin des Vaters ohne Probleme eine kurze Affäre mit dem Jungen, um letzt endlich die Karriereleiter in Singapur hoch zu fallen. Wiggo Ritter beginnt ein Philosophiestudium, durch das ihn ein Professor der ominösen und omnipräsenten 68er Generation – zu der auch Wiggos Vater zumindest kurzzeitig gehört hat – schließlich fallen lässt. Die Unikarriere beendet sieht Wiego Ritter sein ganzes weiteres Leben gestört bzw. zerstört. Labil, beeinflussbar begegnet Ritter in einer seiner depressiven Phasen dem charismatischen wie verschlagenen Mauritz Kaltmeister, der einen natürlich geheimnisvollen wie zumindest hinter den Kulissen einflussreichen Zirkel namens „Wiedergeburt“ leitet. Dieser elitäre Kreis verfügt auch über einen Terroristenflügel, der im Gegensatz zur ehemaligen „RFA“ Fraktion die Verhältnisse nicht grundlegend ändern, sondern einfach nur ein bisschen zurecht rücken möchte. Vom Establishment toleriert handelt es sich um eine Revolution von oben aus erzkonservativen und damit nationalen Interessen nahestehenden Kreisen. Hier bewegt sich Uwe Tellkamp am Rande zum Neonationalsozialismus, scheut aber wie der Teufel das Weihwasser eine direkte Anspielung. Dieser These widerspricht ausgerechnet das eher unverständliche Ziel, die auf klassischen Mehrheitsprinzipien basierende Basisdemokratie zu Gunsten einer geistigen Aristokratie hinwegzufegen und erzkonservative, strenge Richtlinien bis hin zu Parolen zu etablieren. Begeistert von diesen unausgegorenen Ideen schließt sich Wiggo dieser im Grunde nur aus Mauritz Kaltmeister und seinen attraktiven Zwillingsschwester aktiv bestehenden Organisation an. Er verfolgt dabei auch eigene Ziele, die schließlich zu einer Schließung des Lebenskreises – siehe den Auftakt des Romans – führen, denn der Leser kennt aus den ersten Seiten sowohl den Täter wie auch das Opfer. Die Gruppe der Wiedergeburt muss in ihren eher gewollt und provozierend unoriginell extrapolierten Konzepten scheitern. Auf den letzten Seiten hat der Leser trotz Uwe Tellkamps stilistischer Verführungsversuche das Gefühl, als impliziere der Autor eine Rechtfertigung für die Tat Wiggo Richters. Im Gegensatz zu Truman Capotes Meisterwerk, in dem der Autor distanziert und ohne Emotionen die Tat beschreibt, vergräbt Uwe Tellkamp zahlreiche soziale Trettmienen, die eine „Vernichtung“ des gegenwärtigen absolutistischen Kapitalismus für gerechtfertig erscheinen lassen. Das beginnt mit der Verführung Wiggo Richters entgegen seines Willens zur Spekulation durch einen arroganten und selbstherrlichen Bänker. Diese Sequenz ist derartig sarkastisch wie zynisch beschrieben, dass der Leser unbewusst das Gefühl hat, der Autor beschreibe seine eigenen negativen Erfahrungen. Fast zum Klischee geworden hat es diese Art der Beratung genauso gegeben wie viele Kunden, die einfach „mehr“ verdienen wollten. Es unterlagen nicht nur die Bankangestellten der Jagd nach Rendite, sondern auch viele Hausfrauen wollten selbst mehr aus ihrem Haushaltsgeld machen. Diese Aspekte des Runs werden aus Opportunitätsgründen vom Autoren verschwiegen und wenn Wiggo Richter schließlich seinem Bänker den Drink auf einer Party ins Gesicht schüttet, erfüllt sich die Rache des kleinen Mannes. Auch Wiggo Richters Hilflosigkeit gegenüber dem Arbeitsamt als allmächtige ihm nicht die Arbeit gönnende Organisation wirkt teilweise übertrieb schwarzweiß gemalt. Immerhin kann Wiggo Richter außerhalb des abgebrochenen Studiums und der angebotenen Hilfe durch den Vater nichts aufweisen. Wie soll es einem langjährigen Facharbeiter mit Familie gehen, dessen Betrieb durch die Wiedervereinigung oder Globalisierung Konkurs angemeldet hat? Natürlich schreibt sich Uwe Tellkamp – manifestiert in der Person seines „Alter Egos“ - ein wenig den Frust der fehlenden blühenden Landschaften von der Seele. Aber nur Gegenangehen ohne wirkliches Nachdenken, nur Opposition ohne Kompromisse sind erstens kein Heilmittel und wirken zweitens nach ungefähr Zweidritteln des Plots einfach nur noch ermüdend.

Hinzu kommen die teilweise klischeehaft gezeichneten Figuren und die wenig fordernde emotionale Ebene. Wiggo wird von der Assistentin verführt und verliebt sich schließlich in Manuela, die ebenfalls aus reichem Hause stammt. Die Sexszenen erinnern teilweise an Pubertätsphantasien und die weiblichen Charaktere – hier muss Wiggos Schwester ausdrücklich mit eingeschlossen werden – sind eindimensional gezeichnet. Hübsch, intelligent, verführerisch, selbstständig, aber auch verschlagen dominant, egoistisch und wie alle Figuren des Buches beziehungsunfähig. Zwar orientiert sich Uwe Tellkamp an modernen Autoren wie Bret Easton Ellis, erreicht aber weder dessen Intensität hinsichtlich der gezeichneten Figuren noch wagt sich Uwe Tellkamp an die provozierende Schockwirkung des Amerikaners heran. Am ehesten lässt sich dieser gewaltige Unterschied an der Zeichnung der – zynisch geschrieben – Heroen des modernen Kapitalismus ablesen. Beide Romane versuchen mit den klassischen Bänkerkapitalisten „abzurechnen“, nur Uwe Tellkamps Buch bleibt auf halber Strecke in einem Wust aus Vorwürfen und moralisierenden Belehrungen hängen.

Im Vergleich zum deutlich effektiveren, wie auch konservativer aufgebauten „Der Turm“ sucht Uwe Tellkamp in „Der Eisvogel“ die Grenzen des Autoren als Persönlichkeit, als Weltenbauer und Stilist auszuloten. Wechselnde Perspektiven teilweise mehrfach auf einer Seite oder sogar herausfordernd in einem einzigen Satz, keine direkten Dialoge, Berichtsform, Zeitsprünge und eine kreisförmige Erzählstruktur unterstreichen in Kombination mit einem suggestiven Antikapitalismusthema. Alles ist vorhanden, alles wird benutzt und experimentell in die Handlung integriert. Zusammen mit der politischen Frustration – von Wut zu sprechen wäre übertrieben – versucht Uwe Tellkamp höflich gesprochen im Leser Eindruck zu schinden. Er will sicherlich mit seinem Buch etwas bewegen. Für einen politisch- wirtschaftlichen Neubeginn sind die Positionen der Charaktere zu schwach entwickelt. Alleine Kritik zu üben ohne Verbesserungsvorschläge zu machen ist genauso eine zeitgeistige Erscheinung wie eine spürbare Demokratiemüdigkeit. Ich bin dafür, dass ich dagegen bin. Auf der anderen Seite möchte sich Uwe Tellkamp als junger Autor etablieren und dazu sollte er zumindest in seinem Erstling eine Position beziehen. Im Vergleich zu seinem Epos „Der Turm“, in welchem er immer auf Augenhöhe des Geschehens ist und der Leser ihm auch abnimmt, das er sowohl Zeitzeuge wie auch ironischer Kommentator ist, fehlt dem Autoren in „Der Eisvogel“ der Bezug sowohl zu der Gesellschaftsschicht, über die er Schreiben möchte als auch zu den politisch- wirtschaftlichen Zusammenhängen im Ganzen. Auf der kleinsten persönlichen Ebene gelingen dem Autor einige schöne, pointiert geschriebene Sequenzen, als Ganzes gesehen ist „Der Eisvogel“ allerdings mehr Schein als Sein. Eine interessante Stilübung, die genauso verblasst ist wie die Deutsche Mark, mit der im Roman zu Zeiten des Euros noch bezahlt wird.

Uwe Tellkamp: "Der Eisvogel"
Roman, Hardcover, 317 Seiten
Rowohl- Verlag 2005

ISBN 9-7838-7134-5227

Weitere Bücher von Uwe Tellkamp:
 - Der Turm

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