Buchecke


:: Home
:: Suche


:: 24 (4)
:: Abenteuer (55)
:: Alias (1)
:: Babylon 5 (7)
:: Buffy & Angel (25)
:: Comics (diverse) (17)
:: Die Bibliothek von Babel (30)
:: Fantasy (diverse) (181)
:: Farscape (1)
:: Heftromane (314)
:: Horror (diverse) (168)
:: Komödien (diverse) (2)
:: Krimi (diverse) (59)
:: Literatur (diverse) (26)
:: Mystery (diverse) (102)
:: Perry Rhodan (122)
:: Roswell (4)
:: Sachbücher (103)
:: Science Fiction (diverse) (715)
:: Star Trek (43)
:: Stargate (1)
:: Thriller (61)
:: TV (diverse) (10)
:: Vampire (37)
:: Zeitschriften / Magazine (15)


:: Artikel (6)
:: Interviews (7)
:: Nachrufe (2)


:: Weitere Sendungen


:: SciFi-Forum: Buchecke


Literatur (diverse)



Jonathan Lethem

Die Festung der Einsamkeit

rezensiert von Thomas Harbach

Der 1964 in New York geborene, aber zuerst in Kansas City aufwachsende Jonathan Lethem gehört zu den Insidertipps am Rande des phantastischen Genres. Seine Familie zog später zurück nach Brooklyn. Und in seinem 2003 in den USA veröffentlichtem Roman schreibt er nach „Motherless Brooklyn“ (1999) zum zweiten Mal über das berühmt- berüchtigte Viertel. Dabei ist „Die Festung der Einsamkeit“ – natürlich bezieht sich der Titel auf Supermans Geheimversteck, auch wenn der Protagonist Dylan Edbus ein Marvel und kein DC Fan ist - viel mehr als Memoiren seines nur selten getarnten Alter Egos. Beide – Autor wie auch Protagonist - studieren außerhalb New Yorks, beide Charaktere brechen ihr Studium ab, beide jobben orientierungslos. Jonathan Lethem in verschiedenen Buchantiquariaten, Dylan Edbus als Autor von CD Linersnotes, für den Rolling Stones und schließlich auch Anthologist von längst vergessenen Bands zu Beginn des CD Zeitalters. Jonathan Lethem hat mit dem Schreiben begonnen. Sein erstes Buch „Gun, with Occasional Music“ – deutsch „der kurze Schlaf“ – ist unter anderem mit dem Locus Award als bester erster Roman ausgezeichnet worden. „Motherless Brooklyn“ ist vom Esquire Magazin zum besten Roman des Jahres gewählt worden, für den Kurzgeschichtenband „The Wall of the Sky, the Wall of the Eye“ hat Lethem den World Fantasy Award erhalten. Ein Jahr nach „Die Festung der Einsamkeit“ griff Lethem das Thema Superhelden in der Kurzgeschichtensammlung „Men and Cartoon“ noch einmal auf. In „You don´t love me yet“ hat Lethem eine Quasifortsetzung verfasst, die in der Künstlerszene L.A.s spielt.
Die Pulpkultur im Grunde auf allen Ebenen – im vorliegenden Roman wird über Bücher genauso diskutiert wie über Comics, Fernsehserien sind ebenso wichtig wie Kinofilme und die plötzlich Veränderung/ Befreiung der Musik von den gesellschaftlich- sozialen Zwängen wird vom Aufkommen der Graffiti Kultur begleitet - ist vielleicht die wichtigste Korsettstange dieses ambitioniert, vielleicht im letzten dritten Teil überambitioniert geschriebenen Buches. Experimentierfreudig wechselt Jonathan Lethem die Erzählebene aus der auf den ersten Blick distanzierten dritten Person Dylan Edbus in die Ich- Perspektive. Leider erreicht der Autor mit diesem literarischen Trick im Grunde das Gegenteil und distanziert den Leser von seinem wichtigsten Protagonisten. Je intimer sich der außen stehende Betrachter dieser Lebensgeschichte nähert, um so weiter wird er von Lethem weg gestoßen, in dem dieser plötzlich das tragische, aber für einen im Ghetto aufwachsenden Farbigen nicht untypische Schicksals von Edbus Wegbegleiter – Freund wäre es zu starkes Wort – Mignus Rude skizziert. Dabei beinhaltet Dylan Edbus Jugend ausreichend Ansatzpunkte und „Narben“, um ihm ein Leben außerhalb des Big Apples oder genauer außerhalb Brooklyns unmöglich zu machen. Auf der anderen Seite hat sich Brooklyn seit den frühen siebziger Jahren des letzten Jahrzehntes derartig verändert, das Dylan Edbus im Grunde auch nicht mehr im Viertel leben kann.
Als Junge wird Dylan Edbus von seiner außergewöhnlich bis exzentrischen Mutter und seinem als Avantgardekünstler und Experimentalfilmer arbeitenden Vater verpflanzt. Brooklyn ist Anfang der siebziger Jahre eher ein experimenteller Lebensraum, in die alten, zum Teil verwahrlosten Häuser ziehen Menschen aus der künstlerisch begabten Mittelschicht. Der Stadtteil ist weit von dem kriminelle Ghetto entfernt, für das sein berüchtigter insbesondere in den späten siebziger bis in die neunziger Jahre gestanden hat. Trotzdem ist Dylan nur eines von drei weißen Kindern auf seiner Schule. Kurze Zeit später – nachdem sie ihren Sohn indirekt über die ältere Hausbesitzerin mit der Welt insbesondere von Jack Kirbys Superheldencomics bekannt gemacht hat – flieht die Mutter in die scheinbar schützende Isolation einer Kommune und lässt den Jungen bei seinem erziehungstechnisch vollkommen überforderten sowie in finanziellen Dingen weltfremden Vater zurück. Gegen den eigenen künstlerischen Willen verdient sich Dylans Vater Geld als Covermaler einer neuen Reihe von Science Fiction Romanen. Was Lethems Roman sicherlich auch aufgrund der eigenen Erfahrungen in Brooklyn auszeichnet, ist eine vorwurfsfreie und erstaunlich verständnisvolle, aber nicht alles kriminelle entschuldigende oder akzeptierende Einstellung gegenüber Rassenvorurteilen. Sie sind für den Autor ein Bestandteil des Lebens im Schmelztiegel Amerika. In einem Viertel voller Schwarzen versucht Dylan die eigene noch brüchige Identität zu wahren und gleichzeitig mit dem Strom zu schwimmen. In der ersten Hälfte des Romans wird Dylan immer wieder „freundlich bestimmt“ zum Spenden seines Taschengeldes aufgefordert. So sehr er dieses Verhalten mit einem Abstand von fast dreißig Jahren missbilligt, so stark fühlt er sich den Farbigen aus seinem Heimatviertel auch verbunden. So reagiert er fast mit Entsetzen, als er an der Westküste ebenfalls von einem Farbigen zum „Borgen“ aufgefordert wird, obwohl sich das Verhalten eigentlich nur in Brooklyn gehört. Auf der anderen Seite sucht Dylan insbesondere an der Westküste seine „schwarze Identität“. Dylan lebt dort mit einer farbigen, minderjährigen (!) schönen Frau zusammen, die ihm in einem Wutanfall vorwirft, die depressive schwarze Musik als Alibi für die eigene Unentschlossenheit und Bindungsunfähigkeit, für den Schein einer Sehnsucht nach Brooklyn zurück zu missbrauchen. Er kann oder will nicht erwachsen werden. Dieses wichtige Element des klassischen Bildungsromans arbeitet Lethem insbesondere im letzten Viertel zu oberflächlich, zu wenig konsequent heraus und verlagert den Schwerpunkt des Geschehen zu Mingus Rude, einem Jungen aus der Nachbarstraße und zeitweise Dylan Edbus Freund.
Mingus ist der Sohn eines mittelmäßig erfolgreichen Sängers. Zwei goldene Schallplatten weisen auf den vergangenen Ruhm hin. Seine Mutter ist eine Weiße gewesen, die wahrscheinlich bei der Trennung mit einer Millionen Dollar abgefunden worden ist. Beide Jungen verbindet, dass ihre Väter sich geblendet von eher exzentrischen künstlerischen Ambitionen von ihren Kindern und ihrer Umwelt vollständig isoliert haben. Weiterhin haben sie jeweils ihre Mütter verlassen. Sie werden mehr von diesem Viertel als ihren Väters erzogen und auf das sehr raue Leben vorbereitet. Die Welt der Comics und Superhelden verbindet Dylan und Mingus. Positiv hat Lethem aber keine Freundschaft- überwindet- die- Rassenkonflikte- Geschichte geschrieben. Obwohl Mingus im Grunde ebenso unvollständige Familie wärmer erscheint, ist der Kern einer Tragödie schon angelegt. Weiterhin arbeitet Lethem die sozialen wie gesellschaftlichen Unterschiede zwischen dem jungen Weißen und dem einsamen Farbigen in einem sich stetig hinsichtlich der Wohnkultur verschlechternden Stadtviertel heraus, ohne pathetisch oder kitschig zu werden. „Die Festung der Einsamkeit“ lebt von den Unterschieden zwischen den Rassen, sie bilden einen elementaren Bestandteil des Plots. Die einzelnen Mitglieder der Rude – Familie (der Großvater sitzt lange Zeit wegen diverser Verbrechen in unterschiedlichen Gefängnissen ein) sind neben Dylan Edbus die markantesten und am überzeugendsten ohne übermäßig sympathisch zu sein gezeichneten Figuren des Plots. Die rudimentären Familienverbindungen sind glaubwürdig beschrieben und zeigen Triumph wie Tragödie aus der Perspektive des Außenseiters Dylan Edbus. Für Insider integriert Lethem noch das tragische Schicksal des Motown- Sängers/ Texters Marvin Gaye in den Rude- Familienclan. Die Entwicklung lässt sich vielleicht ein wenig zu früh im Ansatz erkennen, wird aber konsequent bis zum bitteren Ende extrapoliert. Dagegen bringt erst der spätere Besuch eines Science Fiction Cons – hier präsentiert Lethem eine fast zynische Satire auf das isolierte Leben einer Gruppe von lebensuntüchtigen Fanatikern und egozentrischen Möchtegern Anführern – Dylan seinem Vater durch dessen neue sehr warmherzige Lebensgefährtin wieder näher. Der Kontrast zwischen den beiden unvollständigen, aber funktionierenden Familien bis zum offenen, aber hoffnungsvollen Ende könnte nicht größer sein.
In der ersten Phase des Buches gelingt es Lethem aber meisterlich und absolut authentisch, die Stärken und Schwächen einer Jungenfreundschaft vor den teilweise einfach nur staunenden und mitgerissenen Lesern zu präsentieren.
Dylan hofft mit der Freundschaft zu Mingus Schutz vor den Rabauken zu erhalten, während dieser in dem introvertierten und intelligenten Dylan ein Ventil findet, um der erdrückenden Stimmung seines drogenabhängigen Vaters zu entkommen. Dabei reduziert Lethem die persönliche Ebene – inklusiv erster vorsichtiger sexueller Kontakte – auf das Wesentliche, während die Exkursionen in die Bereiche Kino, Comics, Bücher und schließlich auch Musik ganze Seiten füllen. Lethem bewegt sich ungewöhnlich souverän zwischen Fan und distanziertem allwissenden Erzähler hin und her schwankend durch die Subkultur der siebziger und frühen achtziger Jahre. Alles wirkt ungewöhnlich natürlich und nicht belehrend aufgesetzt. Für „seine“ Jungs bedeuten anfänglich die Comics und Filme wie „Star Wars“ reine Fluchtlektüre, bis insbesondere das Superheldendasein aus dem Nichts heraus einen scheinbar realistischen, aber rückblickend surrealistisch phantastischen Bestandteil ihres Lebens darstellt. Im Gegensatz zu Michael Chabons „The Amazing Adventures of Kavalier & Clay“ mit seiner starken Unterschied zwischen den fiktiven Comicwelten und der im Grunde für seine Protagonisten immer schwieriger werdenden Realität während und nach des Zweiten Weltkriegs, beziehen Dylan und Mingus plötzlich auf unerklärte Weise Superkräfte – erst Fliegen, dann Unsichtbarkeit, dann wieder Fliegen – auf einem bei einem Bettler aufgefunden Ring. Dabei ist das spontane wie spartanische Einsetzen dieser Superkräfte plottechnisch unnötig und untergräbt die Glaubwürdigkeit ansonsten stimmungstechnisch hervorragend entwickelter Szenen. Es hätte plottechnisch ausgerechnet, Dylan und Mingus den Glauben an „Superkräfte“, an die eigenen Fähigkeiten und den eigenen Willen zu vermitteln. Lethem entzieht sich mit diesem übernatürlichen Element in einigen wenigen, aber wichtigen Passagen der autorentechnischen Verantwortung. Genau wie Dylan solange eine sehr interessante Figur ist, wie er aus Brooklyn heraus von der Freiheit und der Flucht aus dem Ghetto träumt. Als Erwachsener mit allen erträumten Freiheiten kann er sich mit Verantwortung, Familie, Beziehungen und schließlich auch einem „anständigen“ Beruf nicht anfreunden. Lethem reißt alle Themen im letzten Drittel des Buches an, ab zwischen allen diesen Konfliktherden verliert seine Figur an emotionaler Tiefe und Schärfe. Immer wenn der Autor insbesondere Mingus und Dylan an den sich immer schneller veränderndem Zeitgeist – den der Leser in dieser Kompaktheit in keinem anderen gegenwärtigen Roman präsentiert bekommt – misst, lebt „Die Festung der Einsamkeit“ auf. Dabei schreckt der Autor auch nicht davor zurück, seine Protagonisten diverse Drogen ausprobieren zu lassen.
Trotz der angesprochenen Schwächen ist Jonathan Lethems „Die Festung der Einsamkeit“ ein meisterlicher Roman, aber kein Meisterwerk. Neben den solide bis brillant gezeichneten Hauptfiguren – Mingus kommt im Vergleich besser weg, da er keine Katharsis durchlaufen muss – sind es vor allem die Nebencharaktere, welche dem Leser im Gedächtnis bleiben. Dylans weltfremder, aber sich weiterentwickelnder Vater; der Sänger und Texter Barrett Rude jr., der sich mehr und mehr in die Kokstraumwelten flüchtet oder Arthur Lomb. Gleichaltrig wie Dylan und Mingus lebt er lange ein Schattendasein, bevor er sich als Weißer entschließt, die Lebensweise seiner Farbigen Nachbarn anzunehmen und mit krimineller Energie sich als Drogendealer zu etablieren. Dylans Mutter Rachel, die anfänglich ihren Sohn mit eher belanglosen Erziehungstipps bei der Stange hält, und später kryptische Postkarten an ihn schickt. Positiv verzichtet Lethem auf eine theatralische Wiedervereinigung von Mutter und Sohn. Die schon angesprochenen Referenzen erreichen die Treffsicherheit und übertreffen das Niveau eines Kevin Smiths. Das Milieu ist ausgesprochen gut gezeichnet. Stilistisch ist „Die Festung der Einsamkeit“ insbesondere im Original ein schwieriges, aber interessantes Lesevergnügen. Lethem macht es sich nicht leicht, die Geheimnisse Brooklyns vor seinen Lesern zu öffnen. Über weite Strecken auf Dylans Augenhöhe könnte man sich auch auf einem fremden Planeten befinden. Die Superheldenidee funktioniert überhaupt nicht und wirkt leider aufgesetzt. Die Erwartungen an den erwachsenen Dylan kann der Autor nicht befriedigen. Der Titel ist aber symbolisch und rückblickend auf den ganzen Roman sehr gut gewählt, auch wenn er die Aufmerksamkeit des erfahrenen Comiclesers in erster Linie auf die schwache Superheldenhandlung lenkt. Aber zusammengefasst ist „The Fortress of Solitude“ ein empfehlenswerter, ein lesenswerter und ein nachdenklich stimmender Roman, welcher die Tür zu einer ganzen Reihe anderer Werke dieses talentierten und progressiven amerikanischen Autors öffnet.



Jonathan Lethem: "Die Festung der Einsamkeit"
Roman, Hardcover, 672 Seiten
Tropen/ Klettcotta 2004

ISBN 9-7836-0850-0684

Weitere Bücher von Jonathan Lethem:
 - Chronic City
 - Girl in a Landscape
 - Knarre mit Begleitmusik
 - Menschen und Superhelden
 - The Walls of the Sky, The Walls of the Eye

Leserrezensionen

:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht möchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::