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Literatur (diverse)



Joyce Carol Oates

Blond

rezensiert von Thomas Harbach

Die amerikanische Autorin Joyce Carol Oates hat sich in ihrem umfangreichen Werk immer wieder mit der Kehrseite des amerikanischen Traums und der egoistischen Rücksichtslosigkeit der mächtigen insbesondere amerikanischen Politikern auseinandergesetzt. Was passt besser als das Leben Marilyn Monroes in einer – wie das Vorwort klarstellt – fiktiv spekulative Romanform zu pressen und gleichzeitig am Ende des Buches im Gegensatz zu detaillierten Biographien wie Daniel Spotos „Marilyn Monroe“ die altbekannte These vom Mord am Starlet auf Befehl des Präsidenten provozierend hervorzuholen?
Diese Ambivalenz, auf vielen Hochzeiten zu gleich tanzen zu wollen, verschiedene Techniken wie distanzierte dritte Erzählebene, Montagen von letzt endlich fiktiven Briefen und Nachrichten mit Monroes zahlreichen zu Chiffren – der Schriftsteller, der Ex- Sportstar, der Präsident – reduzierten Liebhabern zu kombinieren wird entweder den Leser begeistern oder langweilen. Während Daniel Spoto nicht nur Marilyn Monroes kurzes Leben von ihrer Geburt, ihren zahlreichen Aufenthalten in Waisenhäusern bis zu ihrem frühen Tod minutiös und trotzdem emotional ansprechend aus einer neutralen Perspektive beschreibt, distanziert sich die Autorin vom Objekt ihrer Begierde. „Blonde“ sei keine Biographie Monroes in fiktiver Romanform. Was soll dieser umfangreiche Roman denn sonst sein, wenn sich die Protagonisten schließlich Marilyn Monroe nennt und deren Karriere sowie ihr im Grunde von der Suche nach Liebe/ Geborgenheit geprägtes Privatleben im Zeitraffer abgearbeitet werden? Während die amerikanische Originalausgabe Titelbild technisch andeutet, dass es sich um Marilyn Monroe handeln könnte, zeigt die deutsche Übersetzung des Fischerverlages auf dem Titelbild ein Portraitfoto der Schauspielerin.
Im Mittelpunkt ihres umfangreichen Buches steht der Unterschied zwischen Männern und Frauen expliziert am Beispiel des rückblickend bekanntesten amerikanischen Sexsymbols provokant und doch manchmal über das Ziel hinausschießend dezidiert untersucht. Es geht darum, was die „Anderen“ – ihre Freunde, Verwandte, Ihre Stiefeltern, ihre Ehemänner, die Hollywoodmächtigen und dank der Presse jeder einzelne Amerikaner – über sie gedacht, in ihr gesehen haben. Es geht aber auch darum, wie sich Norma Jeane Baker selbst gesehen hat und was sie aus einer konsequent den Roman durchziehenden auf der emotionalen Ebene kindlich- naiven Perspektive in ihren Mitmenschen gesehen hat oder zu sehen glaubte. Obwohl überwiegend aus der teilweise intimen, aber niemals sensationsheischenden Perspektive Monroes erzählt, gelingt es Joyce Carol Oates, Aktion und Reaktion insbesondere der Männerwelt in Einklang zu bringen. Einige wenige elementare Szenen werden aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Diese Sequenzen nutzt die Autorin geschickt, um die unterschiedlichen Denkweisen allerdings auch Erwartungshaltungen Monroes und der jeweiligen Lebensabschnittsbegleiter bzw. sogar provokativ ihre - von Oates anscheinend spekulativ, weil provokant entwickelte- Dreierbeziehung mit Charlien Chaplins sowie Edward G. Robinsons Söhnen herauszuarbeiten.
Oates Antiheldin ist wie eine im übertragenen Sinne „Zwiebel“. Unter jeder Schale ist eine neue Persönlichkeit – dabei spielt es keine Rolle ob stark oder schwach – zu entdecken. Im Gegensatz zu vielen Biographen beginnt die Autorin ihre Geschichte nicht in der Stunde des Triumphs oder der Tragödie, sondern am sechsten Geburtstag, als ihre Mutter Gladys sie bei den Großeltern abholt und ihr in ihrem Apartment ein Foto des Vaters zeigt. Dabei lässt die Autorin offen, ob es sich wirklich um Marilyn Monroes Vater oder ein weiteres Hirngespinst der anscheinend auch an den giftigen Dämpfen in den Filmentwicklungsstudios geistig erkrankten Mutter handelt. Das einfache Mädchen, das sich nach einem Vater sehnt; mit einem aufrichtigen Mann eine Familie gründen möchte. Die Idee, ein Filmstar zu werden, entwickelt sich eher durch einen Zufall und dank der perversen Neigung ihres ersten Ehemanns, sie auch zur Belustigung der Arbeitskollegen in mehr und mehr erotischen Posen zu photographieren. Ohne Vater aufgewachsen nennt sie ihre überwiegend älteren Freunde und Ehemänner „Daddy“ und gehorcht ihnen bis zu einem gewissen Grad aufs Wort. Diese devote Haltung – auch den Filmstudios gegenüber, bei denen sie schnell den Ruf eines willigen gerne auf den Knien agierenden Freudenmädchens weg hat – zieht sich durch ihr Leben. Joyce Carol Oates stellt sie vielleicht ein wenig zu einseitig als ein mehr oder weniger williges Objekt diverser Begierden da, das erst vor der Foto-, dann Filmkamera zu einem Sexobjekt wird. Als Persönlichkeit weiterhin unsicher, auf der fast manisch verzweifelten Suche nach Perfektion. Eher überambitioniert versucht die Autorin Marilyn Monroes Stimmungen und Emotionen in unterdurchschnittlichen, absichtlich amateurhaft wirkenden rein fiktiven Gedichten auszudrücken. Am ehesten nähern sich Autorin und Leser diesem ambivalenten Charakter dank innerer Monologe, in denen der Kontrast zu der aus der dritten Person beschriebenen „Realität“ und ihrem unsicheren Wesen nicht größer sein könnte. Oates konzentriert sich fast ausschließlich auf die persönliche Ebene. Einblicke in die Dreharbeiten werden spartanisch beschrieben, nur die fingierte Szene über dem Lüftungsgitter der New Yorker U- Bahn wird ausführlich dargestellt. Neben ihren teilweise mit ganzen Namen angesprochenen Co- Stars greift die Autorin immer wieder auf kaum verschlüsselte Synonyme wie „H.“ für John Huston zurück. Diese zweideutige Vorgehensweise lässt „Blonde“ teilweise wie eine unfertige Geschichte erscheinen, an der die Autorin noch feilen wollte.
Als Person bleibt Marilyn Monroe trotz aller Tragik dem Leser teilweise erschreckend fremd. Es reicht nicht nur, ein verängstigtes Mädchen, eine unsichere Frau und letztendlich eine wankelmütige, von ihren Männern abhängige Persönlichkeit zu beschreiben. Je stärker Oates versucht, ihr unter die Haut zu gehen und den Leser teilweise in die provokant, aber niemals pornographischen Liebesszenen hineinzuziehen, um so mehr entfremdet sich das Objekt der Begierde wieder vom seinem vielleicht voyeuristisch veranlagten Publikum, dessen niedere Begierden auch durch Oates sachlich distanzierten, ausgesprochen kompakt experimentellen Schreibstil nicht befriedigt werden. Im Verlaufe der Lebensgeschichte beginnt der Leser mehr und mehr zu hinterfragen, welche Passagen des Buches wirklich auf biographischen Recherchen basieren und wo Oates künstlerische Freiheit einsetzt. Wenn der potentielle Vater – dieser Punkt wird im Verlaufe des Buches an keiner Stelle wirklich zufriedenstellend erklärt – aus dem Nichts heraus und anonym seiner Tochter reuige Briefe schreibt, Stellen streicht ( sie sind trotzdem zu lesen) und vieles offen lässt, dann werden zwar in Marilyn Monroe Wunden aufgerissen, aber vielleicht handelt es sich um die ersten/ letzten Auswüchse masochistischer Sehnsüchte und Endstation der Flucht einer überforderten jungen Frau in die geistige Isolation.
Die schlüpfrigeren Passagen – es wird unter anderem aus der FBI Akte zitiert – leiten den finalen Todesstoss durch die Spritze eines professionellen Auftragsmörders ein. Mehr und mehr werden die letzten Monate – Marilyn Monroe hat gerade ein Haus für sich gekauft, den Treuhandfonds für die in der Psychiatrie lebende Mutter aufgestockt – zu einer Hommage an eine „Künstlerin“, die verzweifelt versucht, als Persönlichkeit trotz ihrer implizierten Minderwertigkeitskomplexe wahr genommen zu werden; die aus idealisierter Liebe zum amerikanischen Präsidenten das weltberühmte „Happy Birthday“ haucht, obwohl sie angesichts der geifernden Zuschauermenge Lampenfieber, nicht wirklich singen kann und nichts weiß, ob der Präsident wie unzählige andere Männer nur benutzt hat. Im Vergleich zum ruhigen, fast phlegmatischen Aufbau überschlagen sich auf den letzten zweihundertfünfzig Seiten bzw. im letzten tragischen Lebensjahr die Ereignisse, wobei die Autorin viele wichtige und historisch verbürgte Punkte eher schematisch abhandelt. Sie geht auch nicht weiter darauf ein, dass ihre fiktiv- reale Marilyn Monroe das Opfer eines Mordanschlages auf höchstem Befehl geworden ist.
Viele gesellschaftskritische Aussagen – Ziel der Oates´schen Attacken sind sowohl Hollywood als auch die in der McCarthy herrschenden Opportunisten – werden eher indirekt beschreibend vermittelt, wobei die Autorin gewisse Vorkenntnisse von ihren Lesern verlangt. Als fiktive Biographie scheitert Joyce Carol Oates auf einem ausgesprochen hohen Niveau. Zu eng klammert sie sich – obwohl sie diese Idee im Vorwort negiert – an das vom ersten Augenblick an erkennbare Vorbild, dampft ihr trauriges Leben – nur ein Waisenhaus, nicht alle Liebhaber – literarisch förmlich ein und fordert ihre Leser immer wieder stilistisch provokant heraus anstatt sie wie Spoto auf Marilyn Monroes Seite zu ziehen. Als Roman eines unsteten Lebens; eines Menschen, dem eine feste Hand zum rechten Zeitpunkt gefehlt hat; als nur tragisch zu nennende Aneinanderreihung von emotionalen Fehlentscheidungen und zeitlose Mahnung, sich nicht vom ersten Eindruck blenden zu lassen, gehört „Blonde“ zu ihren interessantesten, vielschichtigsten, aber auch literarisch schwierigsten zu erfassenden Arbeiten der Amerikanerin. Viele kritische Ideen hat sie in der mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten, Jahre früher entstandenen aber eine halbe Generation später spielenden Novelle „Black Water“ schon angerissen. Obwohl literarische „Spielereien“ auf historischen Fakten basierend zeichnen die beiden Arbeiten ein dunkles, unheilvolles Bild des amerikanische Traums und noch bezeichnender, des American Way of Life, in dem die Reichen und Rücksichtslosen unbeirrt ihren Weg gehen. Selbst über Leichen.

Joyce Carol Oates: "Blond"
Roman, Hardcover, 912 Seiten
Fischer- Verlag 2011

ISBN 9-7835-9651-1846

Weitere Bücher von Joyce Carol Oates:
 - Black Water
 - Nach dem Unglück schwang ich mich auf, breitete meine Flügel aus und flog davon

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