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Literatur (diverse)



Eric Fosnes Hansen

Choral am Ende der Reise

rezensiert von Thomas Harbach

Eric Fosnes Hansens „Choral am Ende der Reise“, seine Parabel auf eine dem Untergang verdammte Gesellschaft am Vorabend des Ersten Weltkriegs, auf der in ihren Untergang strebenden „Titanic“ in den Schicksalen der sieben (in Wirklichkeit waren es acht) Musiker manifestiert, fasziniert noch mehr als zwanzig Jahren nach seinem ersten Erscheinen.
Ganz bewusst schreibt der Autor, das die Biographien fiktiv sind und den Musikern nicht entsprechen. Ganz bewusst schreibt der Autor in seinem Nachwort, dass selbst unter den „Titanic“ Forschern und Fans umstritten ist, was die Musiker kurz vor dem Untergang des Schiffes in übertreuer Pflichterfüllung gespielt haben. Wahrscheinlich einen Walzer, aber was passt besser als ein kirchlicher Choral zum vorläufigen Ende des blinden Glaubens an die Technik, aber auch zum Sterben von sieben Musikern, von denen der Leser fünf ausgesprochen unterschiedliche und doch sich irgendwie ähnelnde Lebensläufe verfolgen kann. Der Choral ist im Grunde ein einstimmiger Chorgesang – beim einzigen Ostergottesdienst an Bord der „Titanic“ durften auch Gläubige der dritten Klasse die prächtigen Säle betreten -, der sich aus vielen Stimmen zusammensetzt. Auch Eric Fosnes Fugenroman – die Reise an der Bord der „Titanic“ beginnend mit dem Auslaufen und der Untergang wenige Tage später bilden einen abgeschlossenen Rahmen – setzt sich aus verschiedenen Stimmen zusammen, der Melancholie und teilweise Todessehnsüchte die kommenden tragischen Ereignisse vorwegnehmen. Bei einem Umfang von fast fünfhundert Seiten nimmt die eigentliche Reise an Bord des Luxusliners keine einhundert Seiten ein, der Untergang des Schiffes nicht einmal dreißig. „Choral am Ende der Reise“ ist somit kein zwingender „Titanic“ Roman. Die sieben unterschiedlichen Männer hätten sich auch in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs begegnen können. Alleine die historisch belegte Tatsache, das keiner der Musiker den Untergang des Schiffes überlebt hat und das sie sich, als sich die Panik unter den Passagieren ausbreitete, entschlossen hatten, weiterzuspielen, gibt den einzelnen sehr persönlichen Geschichten, den Träumen und Hoffnungen, den Enttäuschungen und Rückschlägen das signifikante melancholische Element, auf dem der Autor nicht ungeschickt seine Abrechnung mit den Irrtümern der Großvatergeneration aufbaut.
Obwohl die Geschichte(n) nicht mit dem Kapellmeister der „Titanic“ Jason Coward beginnen, bleibt sein brüchiger Lebenslauf dem Leser am Längsten im Gedächtnis. Jasons Vater ist Arzt und Wissenschaftler. Er versucht seinem Sohn in sehr jungen Jahren beizubringen, dass jeder Mensch im Grunde nur ein Stein in einem großen Mosaik ist. Zusammen mit seiner Frau stirbt Jasons Vater bei einer freiwilligen Mission in Indien, während der rothaarige Hitzkopf ein Internat besucht. Er versucht sich als Mediziner, kann den Verlust seiner Eltern aber nicht verwinden. Er wird zum Rebellen gegen die bestehende Ordnung, landet in der Gosse. Durch einen Zufall lernt er den russischen Musiker Alex kennen, der seine Sehnsucht nach der ihm aufgrund falscher Beschuldigen verschlossenen russischen Heimat in Alkohol ertränkt. Noch stärker als in ihm selbst erkennt Jason die Tendenz zur Selbstzerstörung, zum Selbstmord auf Raten in seinem Freund. Auf der anderen Seite allerdings verbindet Jason und Alex eine Freundschaft, die über gegenseitigen Respekt und Hilfe hinausgeht. Gemeinsam arbeiten sie als Musiker auf verschiedenen Schiffen. Insbesondere Alex erscheint dabei wie ein fliegender Holländer, während der introvertierte Jason auf niedrigem Niveau lernt, Verantwortung nicht nur für andere, sondern vor allem für sich selbst zu übernehmen. Jason ist von allen Musikern das klassische Beispiel eines jungen Mannes, der nicht nur durch den Tod seiner Eltern ausgesprochen tief gefallen ist. An Bord der „Titanic“ lernt ihn der Leser als besonnenen Kapellmeister kennen, der seine hohen Ansprüche an sich selbst reduziert hat. In seiner Vergangenheit ist er teilweise ein jähzorniger, aggressiver und unsympathischer junger Mann, der wie fast alle Musiker der „Titanic“ zuerst auf sich selbst geschaut hat. Betrachtet man aus sozial gesellschaftlichen Aspekten Jasons Schicksal, so zielt die Kritik Hansens teilweise ein wenig zu klischeehaft, zu konstruiert auf die starre britische Erziehungspolitik, die keine Individualität duldet. Der russische „Bär“ Alex dagegen scheitert im Grunde an seiner Unfähigkeit, über die eigenen Handlungen nachzudenken. Da sein bisheriges Leben in Briefform an seinen Bruder zusammengefasst wird, ist es schwerer, ein neutrales Urteil über seinen Lebensweg zu fällen.
Gesellschaftskritischer – immer ist die Perspektive auf die viktorianisch- kleinbürgerliche europäische Gesellschaft vor dem Ersten Weltkrieg fokussiert, die in den Jahren 1914 bis 1918 untergegangen ist – erscheint das frühere Leben des Leo Lewenhaupt, Spitzname Spot. Lewenhaupt stammt aus einem ausgesprochen strengen Kleinadelshaus. Von Beginn an machen ihn die Eltern zu einem musikalischen Wunderkind, während Lewenhaupt sich eher als Komponist sieht. Er entflieht nach Paris, wo er sich in eine Französin verliebt, die als Musikerin sehr viel Erfolg hat. Lewenhaupt ist sowohl als Komponist als auch als Musiker allerhöchstens begabt. Er wird zum selbstsüchtigen Tyrannen, dessen Minderwertigkeitskomplexe schließlich in Aggressionen gegenüber Frau und Kind kumulieren. Hansen arbeitet seine Position in Bezug auf Lewenhaupt nicht gänzlich überzeugend heraus. Zu statisch erfolgt dessen Aufwachsen, zu distanziert und unsympathisch bleibt die Persönlichkeit, als dass dessen Scheitern in erster Linie auch an den eigenen Ansprüchen und der Unfähigkeit, sich als Mensch weiterzuentwickeln, wirklich überzeugen kann. Andre Autoren haben sich vor allem mit dem Zerfall des deutschen Bildungsbürgertums sehr viel nuancierter und intensiver auseinander als es der Autor in dieser kleinen Episode überhaupt in Ansätzen versucht. Mehr und mehr kristallisiert sich als ironische Grundidee des ganzen Romans heraus, das für die meisten Musiker die „Titanic“ eine Art letzte Chance dargestellt hat. Und das sie in den letzten Minuten während des Schiffsuntergangs über ihre bisherigen eher passiven Lebensrollen hinausgewachsen sind und Verantwortung übernommen haben, das die Panik an Bord des sinkenden Schiffes nicht überbordet. Mit David Bleierstern tritt als jüngster Musikant ein Vertreter eines knapp eine Generation später zum Untergang verurteilten Volkes auf. Nicht umsonst leidet der Wiener Juden unter seiner im Grunde illusorischen Liebe zur Tochter der mondänen wie dekadenten besseren österreichischen Gesellschaft. David ordnet sein im Grunde zielloses Leben dieser Liebe unter, während Sofia aus dem beengenden Wien ausbricht und nicht zuletzt mit dem erfolgreichen Bühnenschauspieler Jänner verschiedene Erfahrungen macht. David Bleiersterns Frustration findet ein Ventil in einer emotionalen wie gewalttätigen Aktion, die ihn letzt endlich aus Wien vertreibt und auf die „Titanic“ führt. Er ist gerade achtzehn Jahre alt. Während Bleiersterns tragische Liebes- und Lebensgeschichte erstaunlicherweise an eine Variation des „Mephisto“ Romans Klaus Manns erinnert – Jänner brilliert als Ersatz für einen erkrankten Kollegen in einer Bühnenadaption Goethes „Faust“ – wirken Davids Aktionen teilweise zu stark konstruiert, zu sehr auf die heraufdämmernde Komödie fokussiert. Hansens impliziert, dass die Musiker im Grunde keine vom Schicksal oder Leben ausgewählte Zweckgemeinschaft ist, die im Augenblick der Tragödie über sich herauswächst, sondern fast eine Sammlung im Leben gescheiterter Menschen, die auf dem „Seelenfänger“ Titanic im Grunde konsequent in ihren Tod fahren, der zumindest für einige Mitglieder der kleinen Gruppe eine Erlösung von ihrem unerfreulich irdischen Dasein darstellt. Der Bassist der „Titanic“ Petronius Vitellotesta ist isoliert von den anderen Kindern aufgewachsen. Hansen macht ihn zu einem klassischen Außenseiter, der andere „Menschen“ sehen kann. Mit zwölf Jahren brennt er von zu Hause mit einem wandernden Puppentheater durch. Er wird niemals sesshaft und kommt durch einen Zufall als talentierter Musiker auf die „Titanic“.
Erstaunlicherweise verschenkt der Autor in der Gegenwartshandlung vom Auslaufen des Schiffes bis zum tragischen Untergang eine große Chance, die gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten, die Kluft zwischen arm und sehr reich expliziert herauszuarbeiten. Wer eignete sich besser als die Musiker, die überwiegend aus ärmlichen oder bürgerlichen Verhältnissen stammend die Reichen an Bord des Luxusliners unterhalten und schließlich den Ertrinkenden den Übergang erleichtern. Genauso wenig wird die absolute Fortschrittsglaube, der im Gigantismus der „Titanic“ seinen tragischen Höhepunkt gefunden hat, zu wenig attackiert. Der Untergang des Schiffes ähnelt in der vorliegenden Form fast einem sanften Übergleiten, das Buch schließt mit dem Entschluss der Musiker, an Bord zu bleiben und weiterzuspielen. Im letzten Satz versinkt die „Titanic“ nach einem letzten Aufbäumen – der Autor betont ganz deutlich „einem“ – der Elektrizität und somit des Glanzes einer untergehenden Gesellschaft still im Atlantik. Zwar führt der Autor die im Grunde aufgesetzte Idee eines Schmelztiegels der Gesellschaft unterteilt in im Grunde vier Klassen – die Seeleute und somit auch die Musiker zählen der vierten Klasse, die ihre Pflicht erfüllen und sich als treue Diener des britischen Imperiums erweisen – immer wieder ad absurdem, der Gegenwartshandlung fehlt allerdings das überraschende Element. Was die einzelnen Wege angeht, die Eric Fosnes Hansens teilweise erstaunlich lebendig, aber nicht immer absichtlich sympathisch oder gar zugänglich charakterisierte Figuren gehen müssen, zeichnen sie ein komplexes, wenn auch nicht unbedingt ambivalentes Bild sowohl des jüdischen Bürgertums, der extrovertierten Künstlerszene sowohl in Österreich als auch Preußen, das vorrevolutionäre Russland, das ländliche Italien und das arrogante viktorianische Großbritannien. Obwohl ihre Hintergründe unterschiedlicher nicht sein können, sind Eric Fosnes Hansens Musiker verlorene Seelen, die wie magisch vom Glanz des gigantischen Luxusliners als Höhepunkt einer zerbrechlichen Epoche angezogen werden. Es ist erstaunlich – vielleicht das überraschende Element des ganzen Buches -, das sie sich entgegen ihres bisherigen Lebens im Augenblick des sicheren Todes für die anderen Menschen verantwortlich fühlen und mit ihrer Musik das Ausbreiten von Panik zu verhindern suchen. „Choral am Ende der Reise“ ist nicht nur ein melancholischer Roman der langen Abschiede – von den Lieben, vom Leben und letzt endlich von den eigenen Träumen und Illusionen - , sondern das Portrait einer untergegangenen Zeit, das aber sehr viel lebendiger, detaillierter und nuancierter hätte erzählt werden können. Hansen betont, dass seine Musiker fiktive Charaktere sind, aber den realen Vorbildern wird der Autor allerdings zu wenig gerecht, um „Choral am Ende der Reise“ mehr als nur interessant nennen zu können.

Eric Fosnes Hansen: "Choral am Ende der Reise"
Roman, Softcover, 506 Seiten
Fischer Verlag 1995

ISBN 9-7835-9613-0993

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