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Literatur (diverse)



Uwe Tellkamp

Der Turm

rezensiert von Thomas Harbach

Nicht ohne Ironie charakterisiert der 1968 - drei Jahre nach seinem Protagonisten Christian - in Dresden geborene Uwe Tellkamp sein Epos “der Turm” als “Geschichten aus einem versunkenen Land”. Der Spiegelbestseller wird mehrfach als Werk von buddenbrookschen Dimensionen bezeichnet. Beschrieb Thomas Mann in seinem ebenfalls autobiographisch gefĂ€rbten Roman den Untergang einer Kaufmannsfamilie in sich stetig Ă€ndernden Zeiten nicht zuletzt aufgrund einer inneren FĂ€ulnis - Dekadenz wĂ€re ein zu starker Ausdruck -, fasst Uwe Tellkamp teilweise im Zeitraffer die letzten sieben Jahre der DDR zusammen, einem Staat, der sicherlich nicht zuletzt aufgrund einer einem KrebsgeschwĂŒr vergleichbaren Krankheit “gestorben” ist. Hier enden aber nicht die Ähnlichkeiten zu Thomas Mann DebĂŒtroman. Uwe Tellkamps “Der Turm” ist ein stilistisch unglaublich vielfĂ€ltiger, vielleicht ein wenig zu verspielter Roman, der sich aus direkter ErzĂ€hlung, Romanpassagen eines wahrscheinlich fĂŒr immer unveröffentlicht gebliebenen Romans Meno Rohde, den Briefen Christian Hoffmanns und schließlich fast collageartig nuancenreich dargebracht den Parolen der letzten DDR Tage zusammensetzt. Wenn Christian Hoffmann im Grunde an seiner UnfĂ€higkeit jeglicher Anpassung scheiternd schließlich in Einzelhaft landet, fĂŒhlt er sich in einem der sprachlich stĂ€rksten Bilder des Romans im Inneren der DDR angekommen. Intensiver und bewusst als Analogie gestaltet kann von einem “Augenzeugen” der Untergang der DDR nicht mehr beschrieben werden. Thomas Manns tragische Protagonisten waren zwischen den Erwartungen an die Tradition und den eigenen körperlichen SchwĂ€chen gefangen. Eine weitere Ähnlichkeit zu den "Buddenbrooks" ist der strukturelle Aufbau beider Romane. Im Mittelpunkt steht jeweils eine mehrköpfige Familie. Im Falle Manns ĂŒber mehrere Generationen, im Falle Uwe Tellkamps - sicherlich auch aufgrund der kurzen Lebensdauer der “DDR” - Eltern, Geschwister und Kindern. Beide BĂŒcher beginnen mit einem wichtigen familiĂ€ren Ereignis. Im Fall Thomas Manns der Umzug in das weltberĂŒhmte Haus in der Mengstraße, bei Uwe Tellkamp der fĂŒnfzigste Geburtstag Richard Hoffmanns. Er ist ein angesehener Chirurg eines Dresdner Krankenhaus, mit der Krankenschwester Anne verheiratet und Vater zweier Söhne. Beide Romane enden mit einem Untergangszenario. Bei Thomas Mann wird die Firma schließlich nach dem Tod des letzten kaufmĂ€nnisch ausgebildeten Buddenbrooks liquidiert, sie geht aber nicht wie viele Quellen immer wieder angeben, Konkurs. Uwe Tellkamp lĂ€sst sein Buch am berĂŒhmten 09. November, dem Tag, an dem die Mauer fiel, enden. In beiden BĂŒchern bildet eine Hochzeit die entscheidende Wende zum Schlechteren bzw. zur "Freiheit" hin.
WĂ€hrend Thomas Mann allerdings in “Die Buddenbrooks” als allwissender ErzĂ€hler auftritt und ganz bewusst chronologisch vorgeht, “leidet” Uwe Tellkamps Buch im Grunde wie zum Beispiel alle Geschichten, die sich um den Mythos der “Titanic” ranken, unter dem bekannten Ende: die DDR ist trotz aller Bespitzelung und aller WillkĂŒr, aller Proganda abgewickelt worden. Obwohl die MontagsmĂ€rsche in Leipzig und Dresden das signifikanteste historische Ereignis des Romans darstellen, nehmen sie in Hinblick auf den Gesamtumfang des Buches einen erstaunlich kleinen Handlungsabschnitt ein. Die Tschernobylkatastrophe oder die wechselnden russischen Premierminister - zusammengefasst - erhalten einen vergleichbar großen oder besser kleinen Abschnitt ein. Tellkamp nutzt die im Grunde fast aus dem Nichts bzw. den immer stĂ€rker werdenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten herausbrechende Aufbruchsstimmung, um seine wichtigsten Protagonisten fĂŒrs große Finale zu positionieren. Dabei wirkt es rĂŒckblickend vielleicht ein wenig zu konstruiert, wenn der Leser Nebenfiguren wie der an ihrem “Eigensinn” gescheiterten und ausschließlich im West verlegten Schriftstellerin immer wieder im Kreis des BildungsbĂŒrgertums begegnet, auch wenn sie inzwischen auf allen Überwachungslisten der Stasi sehr weit oben gefĂŒhrt werden mĂŒsste und insbesondere der Zugang zu einigen intellektuellen Wohnungen in einem gehobenen Wohnviertel nur mittels Passierscheinen möglich ist. UnabhĂ€ngig von dieser SchwĂ€che und einem eher unglĂŒcklichen, aber intensiv geschriebenen Ausflug in die Zeit der Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg - hier hĂ€tte durchaus auch die Folter politischer Abweichler in den ersten Jahren der DDR stehen können und wahrscheinlich auch fĂŒr einen politisch reflektierenden DDR Roman stehen mĂŒssen - konzentriert sich Uwe Tellkamp auf die unterschiedlichen LebenslĂ€ufe wie Schicksale - diese Begriffe ergĂ€nzen sich in mehreren FĂ€llen zu einem - der Bewohner der Turmstraße in Dresden, dem Hort des BildungsbĂŒrgertums, die eher zufĂ€llig konzentriert im alten Villenviertel mehr oder minder mit dem Sozialismus der DDR leben mĂŒssen, leben können und in wenigen FĂ€llen leben wollen. Wenn der Klappentext davon spricht, das sich die Bewohner des Villenviertels direkt oder indirekt vom real existierenden Sozialismus mit Verfallsgrau ĂŒberzogen abschottet haben, so stimmt diese Aussage nur fĂŒr die Auftaktkapitel, in denen Uwe Tellkamp souverĂ€n und facettenreich seine einzelnen Protagonisten wie ein geschickter Schachspieler in Position bringt. Es beginnt mit der 50. Geburtstagsfeier Richard Hoffmanns, erzĂ€hlt aus der Perspektive des Ă€lteren Sohns Christian (auch hier wĂ€re ein Verweis zu Thomas Manns “Buddenbrooks” angebracht, denn in beiden BĂŒchern ist Christian der Unangepasste, der “peinliche” Narr dieser familiĂ€ren wie gesellschaftlichen Tragödien). Zur Orientierung liegt der Hardcoverausgabe ein Lesezeichen bei, auf dem die wichtigsten Bewohner des Turms aufgefĂŒhrt worden sind. Richard Hoffmann ist der schon angesprochene Chirurg, der sich mit dem System trotz seiner unpolitischen Antipathie arrangiert hat. Er hat eine attraktive Geliebte mit einer gemeinsamen Tochter. Hoffmann gelingt es anfĂ€nglich, diese beiden Welten voneinander zu trennen. Nach und nach bricht seine Welt zusammen, in dem sein Sohn Christian mehr und mehr zu einem intellektuellen “Rebellen” wird, seine Frau Anne sich zurĂŒckzieht und seine Geliebte nach einem Selbstmordversuch nichts mehr von ihm wissen möchte. Beruflich muss er mit den kadertreuen Opportunisten leben, die fĂŒr sich Vorteile herausschinden, wĂ€hrend Richard Hoffmann immer wieder an seine eigenen Leitlinien von Gleichheit und BrĂŒderlichkeit erinnert wird. WĂ€hrend Richard Hoffmann als zugĂ€nglicher Charakter die erste HĂ€lfte des Buches dominiert, verliert sich seine Figur in der zweiten HĂ€lfte des Plots, um letzt endlich bei den Dresdner Montagsdemonstrationen wieder aus der Versenkung aufzutauchen. Dagegen ist der intellektuelle Schwager Meno - Lektor eines ostdeutschen Verlages - faszinierenderer Charakter. Zu Beginn der Familiengeschichte eher in seinen literarischen Welten gefangen und weltfremd, entwickelt er sich zu einem Menschen, der zwar die ihn umgebenden VorgĂ€nge nicht mehr versteht, aber zumindest mit dem Strom in Richtung Freiheit schwimmen möchte. Als Autor des in die Handlung integrierten, teilweise ungewöhnlich modern und stilistisch herausfordernd geschriebenen “Romans” verfĂŒgt Meno ĂŒber eine doppelte Beobachterrolle. Meno ist im Gegensatz zu Christians Eltern der einzige akzeptierte Ansprechpartner des jungen Mannes, der nicht nur Hilfe, sondern vor allem Lebenshilfe anbietet. Christian Hoffmann als “Rebell” entwickelt sich von einem eher langweiligen MusterschĂŒler nicht zuletzt aufgrund der PubertĂ€t zu einem eckigen Charakter, der mit seiner Haltung provoziert und den das System - insbesondere der Wehrdienst in der NVA - klein zu kriegen sucht. Am Ende scheint er an den Restriktionen des Systems zu scheitern, wobei er nicht immer aus Eigenverschulden in schwierige Situationen gerĂ€t. GĂ€be es die Wende nicht, wĂ€re aus Christian im Grunde ein klassischer Aussteiger ohne eigene Ambitionen und sich wiederholdenden GefĂ€ngniserfahrungen geworden. Um diese drei wichtigen SĂ€ulen - Hand, Intellekt und Herz - herum gruppiert Uwe Tellkamp eine Reihe von sehr interessant gestalteten Nebenfiguren wie Ulrich Rohe - Menos Bruder - als Leiter eines Betriebs, der schließlich an den nicht mehr zu realisierenden FĂŒnf- JahresplĂ€nen scheitern muss; die opportunistischen Kaminski- Zwillinge mit ihrer naseweisen Art; die Eheleute Honich als ĂŒberzeugte ParteigĂ€nger und Spitzel sowie die Familie Stahl, die schließlich mit einem selbstgebauten Kleinflugzeug in den Westen zu fliehen sucht. Uwe Tellkamp fordert bei den ungewöhnlich genauen und sehr nuancierten Charakterisierungen seiner Protagonisten den Leser förmlich heraus. Alle Figuren durchlaufen mehr oder minder einen individuellen Entwicklungsprozess. Dabei steht von Beginn an nicht fest, ob dieser sich zum “Guten” oder “Schlechten” entwickelt. Es ist das Zusammenspiel, das Aufeinandertreffen von sehr unterschiedlichen Meinungen und Ansichten, Stellungen im durchgeplanten System und schließlich die ultimative Konfrontation, welche die Figuren verformt, biegt, einige bricht und nur wenige als “freie “ Menschen der neuen Zeit entgegenschauen lĂ€sst, was den Reiz dieser außergewöhnlich gut, manchmal ein wenig zu verspielt herausfordernd geschriebenen Geschichte ausmacht.
“Der Turm” ist sicherlich einer der großen Wenderomane, der teilweise autobiographisch geformt die letzten Jahre in der DDR aus Sicht der gehobenen BĂŒrgerklasse - ein Widerspruch zum System, aber die alt eingesessenen Bewohner der Turmstraße haben sich schon vor Beginn des Plots vom Sozialismus isoliert, der in Form der Kaminskis und Honichs mit Wucht wieder einem Moloch gleich in diese isolierte Zweckgemeinschaft eindringt - beschreibt. Ein herausforderndes Buch, das die Idiotismen des Planwirtschaft genauso beschreibt wie die Scheinheiligkeit der Gleichheitsdoktrin des Kommunismus; die SelbstbedienungsmentalitĂ€t der Oberen und die gnadenlose kontinuierliche GehirnwĂ€sche der einfachen Menschen in Form von Politschulungen und nachrichtentechnischen Manipulationen. Nicht umsonst spielt “Der Turm” in Dresden, dem Tal der Ahnungslosen. Nicht alles ist am vorliegenden Roman perfekt. So werden die Konsequenzen der Republikflucht der Stahls genauso nur gestreift wie zum Beispiel die aussĂ€tzige Autorin zumindest immer wieder allerdings minderwertige Arbeit findet und sich trotzdem noch in ihren Kreisen bewegen kann. So enden manche zwischenmenschliche Konfrontationen im “Nichts”, weil sich Uwe Tellkamp auf Christian Hoffmanns kontinuierlichen Abstieg inklusiv verschiedener Gerichtsverfahren konzentriert. Es ist sicher kein Zufall, das Christians Anwalt Sperber heißt und zumindest an den bekannten DDR Anwalt Vogel erinnert, der nur vordergrĂŒndig insbesondere hinsichtlich der zahlreichen Verhandlungen zwecks Auslösung von inhaftierten RepublikflĂŒchtlingen mit Westdeutschland eine bĂŒrgernahe Rolle gespielt hat. “Der Turm” ist gelebte und lebendige Geschichte, die insbesondere in der Generation, welche die Wende zeitnah auf beiden Seiten des Vorhangs miterlebt hat, zahlreiche Erinnerungen weckt und manche Erfahrung erklĂ€rend vertieft. Das am ehesten ĂŒberraschende Element des Romans ist die Tatsache, das Uwe Tellkamp nicht mit der DDR per se abrechnet. Seine Protagonisten sind von Beginn des Buches an keine Rebellen, die das System stĂŒrzen oder ihm entfliehen wollen. Sie wollen nur ein wenig mehr Freiheit und etwas weniger Sozialismus. Erst als die ZustĂ€nde in der DDR ihnen keine andere Wahl mehr lassen, treiben sie in der Glasnost Politik der Sowjetunion mit. Ob “Der Turm” in einhundert Jahren mit Thomas Manns Meisterwerk “Die Buddenbrooks” noch verglichen wird, muss die Geschichte entscheiden. Im Hier und Heute ist der vorliegende Roman eine sehr empfehlenswerte zeithistorische Studie eines Landes, das auf tönernen FĂŒĂŸen erbaut worden ist, erzĂ€hlt aus der Perspektive einer Handvoll bemerkenswert dreidimensionaler und sehr ĂŒberzeugend skizzierter Protagonisten, die von den Spitzen der bĂŒrgerlichen Gesellschaft bis zum Dunkel der Einzelzellen alles erlebt haben und dank verschiedener Perspektiven vieles erzĂ€hlen können.

Uwe Tellkamp: "Der Turm"
Roman, Hardcover, 976 Seiten
Suhrkamp Verlag 2008

ISBN 9-7835-1842-0201

Weitere Bücher von Uwe Tellkamp:
 - Der Eisvogel

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