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Literatur (diverse)



Rokko Schamoni

Dorfpunks

rezensiert von Thomas Harbach

Der inzwischen verfilmte „Dorfpunks“ ist der zweite Episodenroman Rocko Schamonis alias Tobias Albrechts. Unter diesem bürgerlichen Namen am 08. Mai 1966 in Lütjenburg geboren hat er in seinem ersten im Jahre 2000 veröffentlichten Roman „Risiko des Ruhms“ inklusiv einer beigelegten Mini- CD seine turbulente Lebensgeschichte und seine Karriere als Entertainer teilweise mit erfundenen Episoden aufgemotzt erzählt. Schamoni ist als Entertainer, Musiker, Schauspieler, Clubbetreiber und Komiker tätig. Die Wurzeln dieses unstetigen Lebens beschreibt er im wesentlich erfolgreicheren „Dorfpunks“, das der Autor in einer fiktiven, aber sehr gut als Lütjenburg bzw. Umgebung zu erkennenden Stadt angesiedelt hat. Neben einem Director´s Cut seines ersten Romans hat Schamoni 2007 in „Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“ den Alltag eines arbeitslosen Singles in seiner neuen Heimatstadt Hamburg beschrieben.
Im Gegensatz zu „Risiko des Ruhms“ bleibt Rocko Schamoni in „Dorfpunks“ sehr viel realistischer. Natürlich sind die Jugenderinnerungen um das erste Mal in zahlreichen Situationen melancholisch verklärt und wahrscheinlich auch hinsichtlich der eignen Rolle aufgepeppt, hinsichtlich des Umfeldes manchmal ein wenig unrealistischer, aber das Gesamtbild ist deutlich stimmiger und das Spektrum der Erlebnisse fokussierter, intensiver erzählt sowie weniger klischeehaft überzogen. Mit den Weisheiten „Entschuldigung, es ging nicht anders“ – auf dem Backcover – und „Das Ganze ist mehr als die Summen seiner Einzelteile“ versucht der Autor beide Extreme gleich im Vorwege abzudecken. Aber ohne das Ganze wirklich mehr als die in über vierzig einzelnen, teilweise extreme kurzen Kapiteln verbreitete Einzelteile ist muss genauso bezweifelt werden wie die Entschuldigung, mit der es nicht anders ging. Wer in Schamonis Jugenderinnerungen Weisheit sucht, wird bis auf einige rückblickend eher wie ein schaler Kompromiss schmeckende Chronistenpflichtige Hinweise wenig entdecken. Sowohl hinsichtlich seiner Schüchternheit Mädchen gegenüber als auch seinem Musikgeschmack ist ihm manches peinlich, aber die Einsicht, ob dieser provokante Weg wirklich der Richtige gewesen ist, fehlt dem Autoren wie dem Buch. Diese Einstellung kann positiv wie negativ ausgelegt werden. Es kommt auf jeden Fall auf das Auge des Betrachters an, um den Reigen von Floskeln zu vollenden.
Schamoni beschreibt das Aufwachsen in einem kleinen Dorf. Das Dorf ist inzwischen zu einer Vorstadt der knapp fünftausend Seelen umfassenden Kleinstadt Schmalenstedt – für jeden Schleswig Holsteiner lässt sich sofort Lütjenburg erkennen - geworden. Roddy ist Rocko Schamonis Alter Ego. Ein S-H Punk. Nicht von Anfang an dabei, aber doch zwischendurch irgendwie mittendrin. Um die Dimensionen der Punkbewegung einordnen zu können, umfasst Roddys Rotte auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung dreißig bis vierzig harte Mitglieder. Von der Gesellschaft verachtet machten sie sich einen Spass daraus, das Establishment zu provozieren und ihre angeblichen Schwächen immer wieder mit einer aggressiveren Form der Lausbubenstreiche – das impliziert Schamoni zumindest – bloß zustellen. Viel Feind, viel Ehr. Schamonis Eltern sind Lehrer. Er hat einen jüngeren Bruder. Die Familie kauft ein altes Bauernhaus auf dem Dorf, an dem die spießigen Eltern – die Beschreibungen sind für einen autobiographischen Roman rudimentär und bleiben oberflächlich – in ihrer Freizeit arbeiten. Die Kinder fühlen sich zumindest in der ersten Zeit nicht vernachlässigt. Das Landleben ist ein Abenteuer. Überall gibt es sowohl im als auch um das Haus Neues zu entdecken. Auch wirken Roddys Eltern nicht wie totalen Spießer. So nehmen sie ein drogenabhängiges Mädchen bei sich auf, die in der Abgeschiedenheit des Dorfes die innere Stärke sucht, von der Sucht herunterzukommen. Die Strafen, welche Roddy für sein späteres Aufbegehren erhält, erscheinen geradezu pädagogisch milde und mit seinem Vater kam er tatsächlich gut zurecht, als dieser ihn schließlich auf die Realschule unterrichtete. Zwischen den Zeilen hat der Leser das unbestimmte Gefühl, das nicht jede Episode sich wirklich so abgespielt hat. So ist ein gutes Verhältnis zu den eigenen Eltern damals wie heute uncool. Also wird es bis auf wenige Hinweise „vergessen“. Das erwartet die Leserschaft einfach.
Roddy versucht, in die sich selbst abschottende Dorfgemeinschaft einzudringen, andere Jugendliche kennenzulernen. Das gelingt eher auf Umwegen. Die Musik kann nicht hart genug sein. AC/DC. Deren Konzert in Kiel ist ein früher und auch stilistisch sehr gut geschriebener Höhepunkt des Buches. Der erste Anlaufpunkt ist der TOOM Supermarkt, in dem es neben Lebensmitteln auch Schallplatten gibt. Die ersten Mitglieder der neuen Clique strahlen vor jugendlich krimineller Energie. Dabei geht es sowohl um die persönliche Bereicherung als auch das erste Schockieren der Öffentlichkeit. Was allerdings unglaubwürdig erscheint, ist das kontinuierliche Wegschauen der ehrenwerten Gesellschaft. Sowohl hinsichtlich der Ladendiebstähle als auch auf dem Höhepunkt der Punk Entwicklung das Abfackeln diverser Strandkörbe. Im evangelischen Jugendkeller die ersten Mädchen, die Disco wenige Kilometer weiter, das erste selbstgebaute Mofa. Alles Erinnerungen, die Rocko Schamonis Alter Ego humorvoll unterhaltsam aneinander reiht. Dabei hat der Autor auch ein Auge für die einzigartige, herbe Schönheit der holsteinischen Schweiz. Die Mischung passt.
Im Gegensatz zum Mutterland des Punks England erreichte diese No Future Welle auf dem späten Höhepunkt des Kalten Krieges Deutschland im Allgemeinen und Schleswig Holstein im Besonderen sehr spät. Für einige Jugendlichen des Dorfes die Chance, aus der Langeweile, der Spießigkeit auszubrechen. Die sogenannte Gesellschaft zu schocken. Die größte Überraschung ist rückblickend die Tatsache, dass diese Bewegung aus dem Nichts, aus dem gehobenen Mittelstand entstanden ist. Das sie die Jugendlichen ergriffen hat, denen es im Vergleich zu manch anderen Schichten „gut“ gegangen ist. Ein ehrbares Elternhaus, liebende und irgendwie auch „nachsichtige“ Eltern, zumindest ein Taschengeld – auch wenn es nie richtig gereicht hat. Schamoni bleibt bei den Fakten, ohne zu spekulieren. Das macht auf der einen Seite seine Erlebnisberichte so authentisch, auf der anderen Seite wird aber auch sehr viel Potential verschenkt. So spricht „Dorfpunks“ in erster Linie die heute Erwachsenen an, die ebenfalls Mitte der sechziger Jahre geboren worden und vor allem in der Region aufgewachsen sind. Diese Leserschicht vergleicht wohlwollend, wenig kritisch die eigenen Erinnerungen mit denen des stetig im Mittelpunkt stehenden Protagonisten. Auf dieser oberflächlich, melancholischen Ebene funktioniert der Roman ebenso gut wie zum Beispiel Konrad Hansens eigene Geschichte „Der wilde Sommer“. Beide spielen überwiegend an Schleswig Holsteins Ostseeküste. Auch wenn zwischen den beiden Romanen immerhin vierzig Jahre liegen, bilden sie ein interessantes und lesenswertes Double Feature, das den Drang der Jugend nach Freiheit jeglicher Art, nach dem Wegschieben von Verantwortung in zwei sehr unterschiedlichen, aber rückblickend relevanten Epochen in einfache, aber aussagekräftige Worte fasst. Während aber Konrad Hansens Alter Ego durch das Ende des Zweiten Weltkriegs und den Kampf gegen den Hunger charakterlich verändert, vielleicht sogar gereift ist, vermisst der Leser in „Dorfpunks“ den Katalysator für das Entstehen der Punkbewegung in der kleinen dörflichen Gemeinde. Ob Provokation und Aufbegehren alleine ausreichend sind, wird vom Autoren nicht hinterfragt. Wieso die totale Verweigerung gegenüber den natürlich stringenten Schulsystemen? Wie wird aus dem eifrigen Konsumenten Roddy – dabei reicht das Spektrum von Schokoladen über Platten bis zum Alkohol – plötzlich ein anarchistischer Totalverweigerer, der aber trotzdem irgendwie durch das Betteln von der kapitalistischen Gesellschaft „leben“ will? Ebenfalls rudimentär extrapoliert ist der Spagat zwischen der Null Bock Punkbewegung und dem musikalischen Ehrgeizes Roddys, sich erst als Fun Punkmusiker und schließlich zu seinem eigenen Entsetzen als eine Art provozierender Schlagerentertainer zu etablieren. Das Festkleben an der ausschließlich beschreibenden und nichts reflektierenden Erzählebene hinterlässt insbesondere in dem sich ein wenig zu stark wiederholenden Mittelteil – bis auf die Reisen nach London bzw. Italien, nach Berlin wirkt dagegen zu künstlich aufgepeppt – eine spürbare Leere im Leser. Immer wieder Alkohol, weniger Sex als gedacht, eine totale Ignoranz von Politik und Spießergesellschaft, die ersten indirekten wie direkten Drogenerfahrungen von den Aussteigern der Gesellschaft angeleitet, Schlägereien in den Dorfdiscos wie auch in Berlin auf offener Straße.
Wie es sich für eine Lebenserinnerung gehört, gibt es am Ende des Buches kein großes Finale, sondern nur einen Umzug nach Hamburg. Die Punkära ist bis auf einige wenige unverbesserliche Optimisten genauso vorbeigezogen wie der kalte Krieg. Eine neue Stadt ist wie ein neues Leben, scheint Roddy am Ende des kurzweilig geschriebenen Buches ausdrücken zu wollen.
Als Buch ist „Dorfpunks“ keine Bereicherung der deutschen Kulturgeschichte. Das will es auch gar nicht sein. Es ist ein etwas exzentrischer Blick vom norddeutschen Tellerrand in eine fiktive Tiefebene. Stilistisch trifft Rocky Schamoni sehr gut den – wahrscheinlich aber für die Buchveröffentlichung bereinigten – Ton der achtziger Jahre. Stilistisch ganz bewusst einfach gehalten. Kurze Kapitel, kurze Sätze. Die Beschreibung der Nebenfiguren ist teilweise sehr liebevoll, zur Karikatur neigend. Immer wenn Schamonis sich fragt, was aus den Menschen/Freunden/ Feinden geworden ist, öffnet sich die Vorhang einen Moment und gewährt einen der seltenen Blicke in das Innenleben des Autors. Die Charaktere sind trotz manch rudimentärer Beschreibung lebendig, es sind Typen. Dabei wirken die gewalttätigen Auseinandersetzungen insbesondere mit den Skins weniger brutal als sie in Wirklichkeit gewesen ist. Aber auch hier fehlt eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit dem Phänomen.
Wer wissen möchte, was am Punk dran gewesen ist, wird von „Dorfpunks“ enttäuscht. Wer wissen möchte, wie ein Dorfpunk am Ende der Bewegung gelebt und überlebt hat, kommt im vorliegenden charmanten, aber auch sperrigen, leider ein wenig oberflächlichen, aber autobiographisch irgendwie unerklärlich warmherzig erzählten, nicht pathetischen oder kitschigen Episodenerlebnisroman auf seine Kosten.

Rokko Schamoni: "Dorfpunks"
Roman, Softcover, 201 Seiten
Rowohlt 2004

ISBN 9-7834-9923-6181

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