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Literatur (diverse)



Eugen Ruge

In Zeiten des abnehmenden Lichts

rezensiert von Thomas Harbach

Nach Uwe Tellkamps „Der Turm“ ist Eugen Ruges „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ mit dem deutschen Buchpreis als zweiter Roman ĂŒber das Leben in der DDR im Allgemeinen und die turbulente Wendezeit im Besonderen ausgezeichnet worden. Das Portrait einer nicht unbedingt gewöhnlichen Familie ĂŒber vier Generationen wird umgehend mit Thomas Manns „Buddenbrooks“ verglichen. Ein Vergleich, der insbesondere auch in Bezug auf Tellkamps „Der Turm“ hinkt. NatĂŒrlich handelt es sich bei allen drei Romanen um Familiengeschichten ĂŒber mehrere Generationen. WĂ€hrend Tellkamps „Der Turm“ wahrscheinlich nur der erste Teil einer autobiographisch gefĂ€rbten Trilogie ist, „enden“ in Manns Werk sowie Ruges „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ die FamilienbĂ€ume entweder ganz oder laufen in einem eher als lebensuntĂŒchtig beschriebenen Sohn „zusammen“. Eugen Ruge hat aber passender als den in diesem Fall nicht unumstrittenen deutschen Buchpreis den Döblin Preis fĂŒr seinen Roman erhalten. Wie „Berlin Alexanderplatz“ versucht sich Eugen Ruge in seinem Erstling an den Mitteln der Konzentrierung wie teilweise expressionistischer Verfremdung. Er springt zwischen den Jahren und verschiedenen Perspektiven auf relevante Familienereignisse hin und her. Im Idealfall ergibt sich im Bewusstsein des Zuschauers ein vollstĂ€ndiges multidimensionales Bild der Ereignisse, das gleichzeitig die unterschiedlichen Motivationen der Figuren verdeutlicht. Dreh- und Angelpunkt dieser erzĂ€hltechnischen SchlĂŒsselszene ist der neunzigste Geburtstag Wilhelm Powileits, der mit seiner angeblichen Geheimdienstvergangenheit koketiert. Insgesamt sechsmal wird Eugen Ruge im Verlaufe seines Romans zu diesem Tag, dem 01. Oktober 1989, zurĂŒckkehren.

Wilhelm und seine Frau Charlotte sind die erste Generation. Angeblich ĂŒberzeugte Kommunisten, wobei Wilhelms Aktionen und das Verhalten der Partei inklusiv einer Anbiederung an die Nazis vor deren Machtgreifung vom eigenen Sohn, dem Historiker Kurt, kritisch hinterfragt, aber niemals publik gemacht wird, mussten sie vor den Nazis in Exil nach Mexiko fliehen. 1952 zurĂŒck gekommen in die junge DDR haben sie nicht aufgrund ihrer FĂ€higkeiten, aber ihrer Verdienste fĂŒrs Vaterland hohe Stellungen bezogen. Der neunzigste Geburtstag ist fĂŒr den störrischen Wilhelm eher ein Ärgernis denn ein Ehrentag. Alles folgt lĂ€ngst eingeschliffenen Ritualen, wĂ€hrend um ihn herum die DDR sich auflöst. Es ist kein Zufall, dass an diesem Tag der Enkel Alexander in den Westen flieht und sich per Telefon aus der Familie ausklingt. Alexanders russische Mutter ertrĂ€nkt ihren Kummer im Alkohol, wĂ€hrend Charlotte verzweifelt die starre Ordnung aufrechtzuerhalten sucht. Wilhelm ist ĂŒber den ganzen Roman eher ein passiver Beobachter, der sich hinter der öffentlichen Meinung – reprĂ€sentiert durch das „neue Deutschland“ versteckt – bin ihn nicht als einziges Mitglied dieser Familie Alterstarrsinn und wahrscheinlich Alzheimer von der RealitĂ€t entfernen. Obwohl Charlotte immer im Schatten ihres Mannes gestanden hat, versucht sie mit ÜberaktivitĂ€t und erdrĂŒckender Liebe dem verbliebenen Sohn Kurt gegenĂŒber die emotionale Leere in ihrem Inneren zu fĂŒllen. Systemkritik oder zumindest eine kritische Reflektion der UmstĂ€nde finden in dieser Generation nicht statt, wobei Wilhelms Rolle vor und wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs wie der Teilnahme an Kapp- Putsch von Eugen Ruge ausgesprochen ambivalent beschrieben wird. In dieser Hinsicht bleibt „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ ein Familienroman, dem es nicht um eine authentische geschichtliche Aufarbeitung der DDR im Allgemeinen und des Lebens im sozialistischen Irrealismus geht, sondern um die subjektive Beschreibung des Lebens der unterschiedlichen Generationen, die mehr Jahre umfasst als die DDR existiert hat.

Der Historiker Kurt und seine russische Ehefrau bilden die zweite Generation. Kurts BrĂŒder sind zum Teil im vaterlĂ€ndischen Krieg geblieben. Kurt musste jahrelang in russischer Haft und spĂ€ter dem Exil ausharren, bevor er zusammen mit seiner Frau in die DDR zurĂŒck umgesiedelt worden ist. Der Roman beginnt mit einem Besuch des gemeinsamen einzigen Sohns Alexander beim inzwischen senilen Vater, der ihn nicht mehr erkennt. Am Ende des Buches wird Alexander nicht nur die erotischen Fotos seines Mutter vernichtet und eine Reihe von Dokumenten eingesteckt haben, sondern vor allem den Safe mit 27.000 DM in Bar geplĂŒndert haben. Das Geld braucht er fĂŒr seine Flucht nach Mexiko, aus dem seine Großeltern zurĂŒck in die DDR gekommen sind. Die GrĂŒnde fĂŒr den Diebstahl sind die SenilitĂ€t des Vaters und die eigene schwere Krankheit, die sich als Fehldiagnose entpuppt. Kurt wird dem Leser ein wenig zugĂ€nglicher beschrieben. Er ist ein Historiker, in seiner manchmal eher sinnfreien Recherche und seinen veröffentlichten parteibereinigten Thesen gefangen. Seine Frau ist inzwischen Alkoholikern, von der DDR Gesellschaft und den eigenen Schwiegereltern niemals akzeptiert. Sie fĂ€hrt Auto, baut das gemietete Haus aus. Alles vom fremden Geld finanziert. Kurt bleibt ĂŒber den Roman eine Chiffre. Das BratkartoffelverhĂ€ltnis mit Vera ein fast unnötiger Einschub. Irina dagegen wird von Eugen Ruge ĂŒber weite Strecken zu einem Fleisch gewordenen Klischee einer Russin. Organisationstalent, eine gute Köchin, eine starke Raucherin und Alkoholikern. Stimmungsschwankungen zwischen Euphorie und Melancholie inbegriffen. Sie liebt ihren Sohn Alexander abgöttisch, fast erdrĂŒckend. Angesichts des Potentials dieser Figur bleibt sie ĂŒberraschend blass. Nur die immer katastrophaler werdenden Weihnachtsfeste mit der inzwischen ebenfalls in die DDR umgesiedelten schwierigen eigenen Mutter zeigen ihre innere Verzweifelung, ihre Einsamkeit und ihre gesellschaftsbedingte Isolation mit einem akribischen bis despotischen Mann, der ihr ein GefĂ€ngnis aus Prinzipien gebaut hat, aus dem sie beide nicht mehr ausbrechen können oder wollen. WĂ€hrend ihre Elterngeneration den Zusammenbruch der DDR nicht mehr bewusst verarbeitet, bricht fĂŒr sie kurz vor der Rente mit den RĂŒckĂŒbertragenen, der neuen WĂ€hrung und drohender Arbeitslosigkeit ihre bĂŒrgerlich konservativ langweilige Welt auf einen Schlag zusammen.
Trotz aller Klischees, die sich aufgrund der autobiographischen BezĂŒge oder literarischer Extrapolationen, hĂ€ufen, sind Irina und Kurt die noch am ehesten sympathischen Figuren in einer Ansammlung von wenig zugĂ€nglichen Charakteren.

Alexander ist vielleicht der am schwierigsten zu greifende Charakter, der wahrscheinlich auch Eugen Ruge am Ähnlichsten erscheint. Beide haben sich kurz vor dem Zusammenbruch der DDR in den Westen abgesetzt. Beide VĂ€ter sind bekannte DDR Historiker gewesen, die zeitweilig in sowjetische Arbeitslager verbannt worden sind, Eugen Ruge ist 1954 im „Exil“ in der Sowjetunion geboren worden. Alexander brach sein Studium kurz vor dem Diplom ab, Eugen Ruge beendete sein Mathematikstudium. Im Westen arbeiteten beide in erster Linie fĂŒrs Theater, wobei Alexander inszenierte und sein reales Alter Ego in erster Linie als Autor auf sich aufmerksam machte. Alexander zu beurteilen ist schwierig. Eugen Ruge gewĂ€hrt ihm die Gunst der ersten und letzten Stunde seiner Geschichte. AnfĂ€nglich kĂŒmmert er sich nach einer langen Abwesenheit kurzzeitig um seinen senilen Vater, um ihm kurze Zeit sein Geld abzunehmen. Am Ende des Romans hĂ€lt er sich aufgrund einer Fehldiagnose tödlich erkrankt in Mexiko auf und folgt den Spuren seiner Großeltern. Alexander ist ein fast neurotischer, wurzelloser Charakter, der unfĂ€hig ist, feste Bedingungen ein zu gehen. Sein DDR Leben besteht aus einem mehr oder minder offenen Protest und einer verstĂ€ndlichen wie frustrierenden Zukunftslosigkeit. Im Gegensatz zu Uwe Tellkamps sehr viel liebevoller, warmherziger und tragischer gezeichneten Figuren in „Der Turm“ bleibt Alexander auf Distanz nicht nur zu den eigenen Verwandten mit Ausnahme seiner Mutter; seinen Geliebten und schließlich auch dem Lehrer. Er durchlĂ€uft die ĂŒblichen Stationen wie Schule, Wehrdienst und schließlich abgebrochenes Studium mit der abschließenden DDR Flucht, ohne das die Figur dreidimensional charakterisiert oder gĂ€nzlich ĂŒberzeugend. In Mexiko bewegt sich Alexander zwischen vielleicht verstĂ€ndlichen Selbstmitleid und einer gewissen Ă€ngstlichen Arroganz als Schutzpanzer vor einem einsamen und viel zu frĂŒhen Tod. Seine Abwesenheit an Williams 90. Geburtstag aufgrund seiner Republikflucht ist ironischerweise sein grĂ¶ĂŸter „Auftritt“. Mit Alexanders unehelichem Sohn Markus Umnitzer versucht der Autor einen klassischen GrenzgĂ€nger zu charakterisieren, der voll selbst zerstörerischer Energie als pubertierender Jungendlicher die Wende erlebt und dem Konsum insbesondere von Rauschmitteln spĂ€ter erliegt. Sein gebĂŒhrlicher Auftritt eben an dem mehrfach angesprochenen neunzigsten Geburtstag reicht nicht aus, um die klischeehafte und zu stark konstruierte Zeichnung dieser Figur auszugleichen.

Im Verlaufe der einzelnen Episoden, die nicht chronologisch ineinander ĂŒbergehen, sondern immer wieder „neu“ belebt werden, in der Zeit auf den ersten Blick zufĂ€llig hin- und her springend streift der Autor die inzwischen klassischen Themen der ehemaligen DDR mit ihrer zum Mangel fĂŒhrenden Planwirtschaft; den Privilegien der oberen FunktionĂ€rschicht; dem regen Tauschhandel; der Wohnungsnot und schließlich auch der Bespitzelung durch die Nachbarn, ohne das das Wort Stasi in diesem Zusammenhang expliziert fĂ€llt. WĂ€hrend Tellkamps Figuren in ihrem BĂŒrgerbildungsturm mit diesen „Herausforderungen“ sehr viel freier, improvisierender und rĂŒckblickend auch dank Tellkamps extrem unterhaltsamen Stil lebensechter umgegangen sind, nutzt Eugen Ruge diese Fakten eher als Mittel zum Zweck. Wie der Stadt sich nur vordergrĂŒndig um seine BĂŒrger und hintergrĂŒndig in erster Linie um sich selbst gekĂŒmmert hat, so löst sich in den mehrfach angesprochenen Zeiten des abnehmenden Lichts und indirekt auch des abnehmenden Verstandes der Familienverbund mit einer beĂ€ngstigend zunehmenden Geschwindigkeit auf. Ob die von Eugen Ruge angewandten Mittel der Verdichtung erzĂ€hltechnisch opportun sind, muss jeder Leser fĂŒr sich selbst entscheiden. Die Dialoge sind sehr nah an der RealitĂ€t geschrieben. Dazu passen aber weniger die kargen Hintergrundbeschreibungen, bei denen Ruge entweder ein ĂŒberdurchschnittliches Allgemeinwissen ĂŒber die VerhĂ€ltnisse in den vierzig Jahren DDR voraussetzt oder sich im Gegensatz zu Tellkamp ausschließlich an die Menschen wendet, die mit ihm auf der östlichen Seite der Mauer aufgewachsen sind. Nicht selten wirkt „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ sprachlich ĂŒberambitioniert und erzĂ€hltechnisch ĂŒberdurchschnittlich komponiert, um als Gesamtbild zu rau, zu wenig emotional und zu sehr auf das Momentum schauend zu erscheinen. WĂ€hrend der Leser in den großen Familienepen wie „Die Buddenbrooks“ und auch „Der Turm“ mit den Figuren mit leidend, die kleinen wie großen Tragödien verfolgt, gelingt Eugen Ruge trotz zahlreicher kleiner sehr guter Szenen nicht der große BrĂŒckenschlag. Wie die DDR scheinen insbesondere die Ă€lteren Generationen - Wilhelm und Charlotte; Kurt und Irina - zu erstarren, sich nicht mehr der Stelle fortbewegen zu können. Ihr Leben wird ritualisiert und standardisiert, was auf der einen Seite interessant, auf der anderen nicht weniger wichtigen Seite aber auch ein wenig langweilig wird.

Ein schon als Manuskript mit den ersten Preisen ausgezeichneter Roman kann nicht grundsĂ€tzlich schlecht sein. Eugen Ruge zeichnet den eigenen Erinnerungen folgend ein gĂ€nzlich anderes und doch zumindest was die politischen Erscheinungen/ Entscheidungen sowie die Mangelwirtschaft angeht ein „Dem Turm“ vergleichbares Bild. Als ErzĂ€hler ist Eugen Ruge vielleicht deutlich zynischer, experimenteller, aber sprachlich neutraler, bodenstĂ€ndiger. Was die Figuren angeht, so bleiben sie wie die ganze DDR insbesondere fĂŒr die heutige Generation ein grauer Schatten, ein historisches Kunstgebilde, das existieren, aber nicht von alleine leben konnte. Wie Kurt in einer bitteren Selbsterkenntnis feststellt, aufgebaut auf einer LĂŒge, die insbesondere Pioniere wie sein Vater aufgrund der Fehler ihrer Generation erschaffen haben. Die vom Klappentext angesprochene Idee, das die Strahlkraft der politischen Utopie von Generation zu Generation nachlĂ€sst, ist eher Wunschdenken des Autoren, denn schon Kurt als Mitglied der zweiten Generation ist nicht zuletzt aufgrund seiner Lagerhaft und seiner Zwangsverbannung desillusioniert, zumal er stoisch in seinen SachbĂŒchern die Geschichte verdrehen muss, um publiziert zu werden. Die politischen Zwischentöne sind vorhanden, aber Eugen Ruge agiert in dieser Hinsicht zu wenig expressiv, zu gefĂ€llig, um eine von ihm vielleicht gewĂŒnschte kritische Reflektion dieser Zeit auch nur in AnsĂ€tzen zu erreichen. Im Vergleich zum cineastischen „Der Turm“ wirkt „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ wie eine Art kĂŒnstlerisches Stillleben, das auf Wilhelms neunzigsten Geburtstag verdichtet am besten funktioniert. Ansonsten weicht Eugen Ruge den vielleicht relevanten Fragen aus und konzentriert sich in seinen Beschreibungen auf eine gar nicht so durchschnittliche und deswegen auch schwer zu verallgemeinernde Familie. Diese Vorgehensweise ist verstĂ€ndlich, erleichtert aber in der prĂ€sentierten Form nicht die LektĂŒre dieses Romans und erschwert den Zugang zu einer geschichtlich absurden wie wichtigen Zeit.

Eugen Ruge: "In Zeiten des abnehmenden Lichts"
Roman, Hardcover, 427 Seiten
Rororo 2011

ISBN 9-7834-9805-7862

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