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Literatur (diverse)



Michael Chabon

Wonder Boys

rezensiert von Thomas Harbach

Es ist schwierig, sich Michael Chabons 1995 veröffentlichten autobiographischen Roman als Europäer zu nähern. Zum Amerikanisch ist die Geschichte, zu überdreht am Rande des Nervenzusammenbruchs die Figuren und doch rührt den Leser irgendwie die Zusammenfassung eines verrückten Wochenendes, an dessen Ende ein neuer Anfang steht.

„Wonder Boys“ ist die reinigende Katharsis eines jungen Autoren, der sich in ein bislang unveröffentlichtes Projekt – „Fountain City“ um einen perfekten Baseball Park in Florida verrannt hat. Gleichzeitig ist es wahrscheinlich auch eine Würdigung des Lehrers, der Chabon in seiner Collegezeit geprägt hat. Der Lehrer hat die Freundschaft zum Schriftsteller Raymond Carver in einem Werk niedergeschrieben, dessen Manuskript die dreitausend Seiten Grenze überschritten hat.

So arbeitet der in Pittsburgh beheimatete Grad Tripp an seinem inzwischen aus 2611 Seiten sowie fünf alternativen Enden bestehenden Roman „Wonder Boys“. Bislang hat Tripp drei Romane veröffentlicht, von denen der letzte „The Land downstairns“ mit Preisen ausgezeichnet worden ist. Der Erfolg dieses Romans hat ihn literarisch gelähmt. Zu einem von seinem College gesponsorten Autorentreffen reist sein langjährige Freund und Lektor aus New York an. Die beiden unterschiedlichen Männer versuchen den Faden ihrer Freundschaft wieder aufzunehmen, der seine Wurzeln in der gegenseitigen Bewunderung eines Pulpautoren hat. Tripps hat den durch Selbstmord aus dem Leben geschiedenen Mann noch persönlich kennen gelernt. Wer glaubt, Michael Chabon hat mit seinem gleichnamigen Roman „Wonderboys“ eine Parabel auf die fiktiven Charaktere in Tripps Buch verfasst, irrt sich. Der Aspekt der langjährigen Freundschaft gerät schnell, im Grunde zu schnell und zu unnötig in den Hintergrund. Tripps Freund ist vom Verlag entlassen worden und ob er mit seiner neuen Freundin – eine Transvestiten mit einer überdimensionalen Tuba im Handgepäck – wirklich glücklich wird, steht in den Sternen. Tripp eigenes Leben hat an diesem Wochenende sehr viele teilweise unglückliche Wendungen genommen. Seine Frau – nicht seine erste, aber zumindest die aktuelle Beziehung – hat ihn verlassen, da er sie mit der Ehegattin seines Vorgesetzten am College betrügt. Die erwartet von ihm ein Kind, was sie bislang keinem ihrer beiden Männer gebeichtet hat. Auch in diesem Punkt argumentiert Michael Chabon gegen die Erwartungshaltung der Leser, die eine klassisch tragische Dreiecksgeschichte erwarten.
Tripp wird aber von seinem Literaturschüler und depressiven Kurzgeschichtenautoren James Leer wider Willen in ein bizarres Verbrechen verwickelt. In einem Anflug von Arroganz demonstriert Tripp, das er sich im Haus seines Chefs gut auskennt, öffnet einen Safe und zeigt Leer eine Originaljacke von Marilyn Monroe, die sie am Tag der Hochzeit mit Joe DiMaggio getragen hat. Der Chef ist ein Baseballfanatiker und sein gigantisches Haus ist voller Baseballutensilien. Leer und Tripp werden am Ende der Party in der sich leerenden Villa eingeschlossen. Als der kleine Hund der Familie auf die Einbrecher/ Eingeschlossenen aufmerksam wird, entwickelt sich der bislang überdrehte Wochenendtrip zu einer Tragödie, da Leer die Jacke stiehlt, den Hund erschießt und Tripp zu einem Mittäter macht.

Anschließend beginnt mit dem Zusammenbruch einer sich gesellschaftlich sozial schon in Auflösung befindlichen Welt eine Reise durch die Nacht, die Leidenschaft für Frank Capras Filme genauso einschließt wie eine Abrechnung mit der nur vordergründig ehrenwerten Gesellschaft in der Collegestadt sowie dem eher verzweifelt bemühten Versuch, den Wurzeln der sechziger Jahre zu entfliehen und irgendwie gegen den eigenen Willen erwachsen zu werden. Auch wenn der inzwischen verfilmte „Wonder Boys“ auf autobiographischen Motiven basiert, handelt es sich eine ausgesprochen ambivalente Geschichte, die weder als Satire noch als Humoreske gänzlich zufrieden stellt. Der Roman leidet unter den Vorwürfen, die sich Chabons Charakter gegenseitig machen. Die Hass/Liebe zu ihren bislang unveröffentlichten Arbeiten wird dabei grotesk übersteigert, die Suche nach einem zufrieden stellenden Abschluss durch die eigene Uneinsichtigkeit im Kern unmöglich gemacht.

Tripp steht irgendwie an allen Fronten alles nur nicht seinen Mann. Er ist die Identifikationsfigur des Lesers. Selbstironisch beschreibt Chabon sein offensichtliches Alter Ego als Mann in den Vierzigern, der irgendwo eine warmherzige Familie sucht, sich dabei aber selbst im Wege steht. Der anfänglich zugängliche Humor wird im Verlaufe des chaotischen Wochenendes mit einer Reihe von Anspielungen auf diverse Slapstick Komödienstreifen dunkler, ein wenig zynischer. Tripp ist aber kein gänzlich sympathischer Charakter. Er ist kein Ehemannmaterial. Er betrügt seine leidvolle geprüfte Frau. Er hat gegenüber seinem Collegechef ein schlechtes Gewissen, will aber nach einigen eher unnötigen Meinungswendungen das Kind mit dessen Ehefrau behalten. Er giert förmlich nach der eher unsicheren, aber attraktiven sehr jungen Untermieterin in seinem Haus. Seine bislang erdrückende Schreibblockade versucht er jugendlich naiv mit Alkohol und Drogen zu bekämpfen, was auf die Dauer des stringenten Romans ermüdend wirkt und die Figur zu eindimensional erscheinen lässt. Am Ende dreht Michael Chabon Tripps Liebesleben stark konstruiert noch einmal um einhundertachtzig Grad, um die Figur positiver darzustellen. Im Gedächtnis bleiben dem Leser in erster Linie die sehr warmherzigen, etwas verklärten Szenen aus dessen Jugend. Was den Autoren und Lehrer Tripp angeht, so ergibt sich ein deutlich differenzierteres Bild. Er will die Schüler in seinem Kurs ehrlich fördern. Wenn er später Leers ersten Roman liest, paaren sich literarische Kritik und Neid des irgendwie ausgeschrieben und überforderten wirkenden Tripp, wobei Michael Chabon in Person Tripps den Roman unnötig in den Boden stampft. Sein eigenes Mammutwerk „Wonder Boys“ kommt dabei eher ambivalent weg. Der Bogenschlag zwischen den Brüdern in der Geschichte in Tripps unfreiwilliger Männerfreundschaft zum jungen Leer hätten intensiver beschrieben werden können.
Leer benutzt der Autor als eindimensionale Kritik an allen. Er ist gegen die Dogmen der Kirche, hat anscheinend eine harte lieblose Kindheit gehabt und sitzt sozial zwischen allen Stühlen. Was Tripp an ihm findet, ist schwer zu erkennen. Die Figur hätte deutlich ausgebaut werden können, zumal ausreichend Potential erkennbar ist. Gegen Ende des verrückten Wochenendes ist Leer zwar immer noch allgegenwärtig, aber in den Hintergrund gerückt. Genau wie die verschiedenen Frauenfiguren, die immer blasser werden. Dass eine Frau die Beteiligung ihres Geliebten/Freundes/Vaters ihres Kindes am eigenen Hund akzeptiert, zeigt eher eine jugendliche Naivität als Charaktertiefe.

Beeinflusst von Updike agiert Michael Chabon mit einer noch nicht ganz ausgereiften Erzählstruktur irgendwo zwischen experimentell und leider in den Zwischentönen etwas altklug. Der Grundtenor – das Leben insbesondere in den mittleren Jahren ist eine einzige Herausforderung mit der Tendenz zur Enttäuschung – geht einher mit der im Grunde Passivität der Figuren. Tripp reagiert eher phlegmatisch auf die chaotischen Ereignisse und unterwirft sich seinen sehr wechselhaften Gefühlen. Er leidet unter Selbstmitleid und versucht zu wenig an sich zu arbeiten. Auf der anderen Seite reiht Michael Chabon eine Vielzahl von immer absurder werdenden Situationen – von den in den siebziger Jahren so beliebten Collegekomödien mit einem John Belushi bis zu Anspielungen auf Roadmovies – aneinander, was dem Roman einen nicht immer vorteilhaften Episodencharakter gibt. Michael Chabon erwartet von seinen Lesern eine nicht einzufordernde Vertrautheit mit dem Collegeleben. Wie Chabon wagen seine Figuren zumindest von einem anderen, nicht unbedingt besseren, aber mehr zufriedenstellenden Leben zu träumen. Das manche Situation mit einem offenen Gespräch als der hier vorliegenden sich stetig steigernden chaotischen Farce gelöst werden könnte, steht aber außer Frage. Nur wäre in diesen Fällen „Wonderboys“ keine befriedigende Lektüre. Im Vergleich zu seinen später veröffentlichten, deutlich ambitionierter gestalteten Romanen ist die vorliegende Arbeit eher der Versuch, die Lasten der Vergangenheit genauso abzuwerfen wie die Erwartungshaltung an einen nicht ganz jungen Schriftsteller zu relativieren. In dieser Hinsicht überzeugt „Wonderboys“, auch wenn man insbesondere in Europa nicht mit allen zu schräg gezeichneten Charakteren warm wird.

Michael Chabon: "Wonder Boys"
Roman, Softcover, 379 Seiten
Kiepenheuer& Witsch 2008

ISBN 9-7834-6204-0272

Weitere Bücher von Michael Chabon:
 - Das letzte Rätsel
 - Junge Werwölfe

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