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Literatur (diverse)



Jane Austen und Seth-Grahame Smith

Stolz und Vorurteil und Zombies

rezensiert von Thomas Harbach

Der Heyne Verlag hat den Patch- Up Roman bestehend aus Jane Austens weltberühmten und inzwischen Copyright freiem Werk „Pride and Prejudice“ und Seth Grahame Smiths blutigen Einschüben allerdings ohne die teilweise doch arg kruden Zeichnungen des Originals veröffentlicht. Mit Natalie Portmann in der Hauptrolle wird diese auf den ersten Blick groteske Synthese inzwischen verfilmt. Sicherlich konnte sich Jason Rekulak vom amerikanischen Quirk Verlag schwer vorstellen, das die Idee einer Kombination aus klassischen sowie bekannten Public Domain Titeln und phantastischen Elementen nicht nur ein derartiger kommerzieller Erfolg werden, sondern förmlich eine neue Welle an möglichen und unmöglichen Synthesen wie Karl May/ Werwölfe oder dem Vampirjäger Abraham Lincoln auslösen würde. Dabei muss man nach der Lektüre des vorliegenden Buches auch manches relativieren. Im Grunde handelt es sich bei „Stolz und Vorurteil und Zombies“ um einen dreihundert – im Original – Seiten umfassenden Witz, der allerdings von dem bisher eher unbekannten TV Drehbuchautoren Seth Grahame- Smith möglichst lange am nicht immer untoten Leben gehalten wird. Seth Grahama- Smith hat große Teile des Originalromans erhalten und sich bemüht, seine Einfügungen stilistisch an Jane Austens ausgesprochen expressiven Stil anzupassen. Leider sind die Übergänge all zu leicht zu erkennen. Smith ist in dieser Hinsicht ein zu schwacher, vielleicht zu moderner Autor.
Weiterhin ging es Smith darum, das Grundgerüst des Buches nicht zu verändern, sondern im Grunde mittels Zombie bzw. Ninja Elementen Stellen aufzufüllen, an welchen Jane Austen Vorgänge eher impliziert der Phantasie ihrer Leser überlassen hat. Dieses Prinzip funktioniert allerdings nur in der Theorie wirklich zufriedenstellend.

Dabei konzentriert sich Smith auf die aus seiner Sicht ungewöhnlich modern denkende Heldin, an deren Seite ein aus Austen eher ironisch zu verstehender Sicht klassischer heroisch agierender Mann steht bzw. zu stehen hat. Da die Handlung in erster Linie in den mehr oder minder reichen Landhäusern des mittleren Adels spielt, hat Smith die Zombies – sie werden im Roman nur als Unaussprechliche bezeichnet – wie in Romeros erstem Buch als äußere Bedrohung eingesetzt, welche im Grunde die zwischenmenschlichen Konflikte verstärken sollen. Dabei gelingt es ihm allerdings nicht, die nihilistische Atmosphäre der Romero- Filme in Jane Austens Szenario zu übertragen und mancher Hinweis auf die draußen herumschleichenden „Unaussprechlichen“ wirkt eher wie eine Erinnerung denn ein fester Handlungsbestandteil.

Den originären Plot hat Smith einfach in eine Art Paralleluniversum des frühen neunzehnten Jahrhunderts versetzt, in dem Jane Austens Original spielt. Da es das Wort Zombie zu dieser Zeit noch nicht gegeben hat, ersetzt Smith nicht immer aber meistens diesen Begriff mit einer Vielzahl von prägnanten, aber auch irgendwie archaisch wirkenden Umschreibungen. Am Häufigsten wird – wie schon erwähnt – auf Unaussprechliche zurückgegriffen. Anscheinend hat eine nicht näher definierte Seuche die Toten aus ihren Gräbern getrieben. Schon seit „fünf und fünfzig Jahren“ treiben sich die Untoten in England herum. London ist inzwischen eine von einer Mauer umgebende Festung und nur noch wenige Adlige – davon treffen sich allerdings im vorliegenden Buch sehr viele – leben noch auf ihren Landgütern, die aber auffällig wenig geschützt worden sind. So können die Zombies angeblich durch eine über Nacht offen gelassene Kellertür in ein Haus eindringen und fast das ganze Personal töten/ anknabbern. Diese Szene ist zwar horrortechnisch effektiv, aber der Spagat, welchen Smith unternehmen muss, um dem Szenario eine nachvollziehbare Plausibilität zu geben, ist die Mühe nicht wert. Sehr viel effektiver ist der Einsatz der Unaussprechlichen, wenn sie die Kommunikation zwischen den einzelnen Herrenhäusern unterbrechen und die Kuriere einfach auffressen. Erstaunlicherweise reagieren die meisten Charaktere auf die Zombieplage nicht nur mit britischen Understatement, sondern leider nur vordergründig einer Veränderung ihres Klassendenkens. Insbesondere ihre Töchter sind entweder typische verwöhnte Töchter, die in erster Linie auf den Stand der Ehe vorbereitet werden oder in bislang unbekannten Ninja- Stilen geschulte Kampfmaschinen, die ihre Eltern wie auch ihre Häuser in bester Pam Grier Manier verteidigen können. Dabei scheint die Richtung, in welche die Töchter gehen sollen, unbestimmt und ambivalent. Ein richtiges Konzept dahinter kann der Leser nicht erkennen.


Auf der anderen negativen Seite klebt Smith zu stark an der Vorlage. Der Hintergrund mit der einzigartigen Zombieplage hätte überzeugender und nachhaltiger ausgearbeitet werden müssen. Dadurch wäre allerdings zu viel vom Original – knapp sechzig bis siebzig Prozent der Vorlage sind noch vorhanden und erkennbar – zerstört, bzw. zur Seite gedrängt worden. So wirkt manches wie ein eher fauler als wirklich sorgfältig geplanter Kompromiss. Der Leser muss akzeptieren, dass die einzige wirkliche Veränderung die Zombies sind. Der Rest ist weiterhin Großbritannien zwischen 1811 und 1820, als der Prinz of Wales für König Georg, den III. das Empire regierte. Die Ninjakämpferausbildung zumindest der im Mittelpunkt der Handlung stehenden Bennettöchter soll dabei als Reaktion auf die Zombiebedrohung und nicht als eigenständige Extrapolation verstanden werden.

So sitzt im Grunde die Familie Bennet zwischen vielen, aber nicht allen Stühlen . Sie haben fünf Töchter – das Quintett als Verteidigungsform ist eine der besten Ideen, die Smith dem Buch hinzufügt -, die von ihrem ausgesprochen modern denkenden Vater Mr. Bennet sowohl zu Martial Arts Kämpfern ausgebildet als auch in der Handhabung von Musketen unterrichtet worden sind. Die Bennet sind aber monetär mehr Schein als Sein. Ein Standesdünkel, auf das es zumindest nur eine richtige Antwort bei Töchtern gibt. Mrs. Bennet möchte Elizabeth und ihre vier Schwestern möglichst schnell und möglichst materiell gut unter die Haube bringen. Sie bietet sie förmlich an. Hoffnung auf eine erste Vermählung macht sich Mrs. Bennet, als der reiche Junggeselle Mr. Bingley in ihrer Nähe ein Haus kauft. Der Ball zum Einzug wird – wie oben beschrieben – von den Töchtern in einer spektakulären Gemeinschaftsaktion gerettet. Mr. Bingley scheint sich nicht zuletzt aufgrund ihrer körperlichen Athletik für Jane, die älteste Tochter zu interessieren. Elizabeth dagegen legt sich mit Bingleys Freund Fitzwilliam Darcy förmlich an. Wenige Wochen später verlassen Bingley und seine Freunde die Gegend wieder. Sie verschanzen sich lieber in der Festung London, während das Militär systematisch alle Toten exhumiert und mittels Kopfabtrennen unschädlich macht. Dabei erfährt Elizabeth, das Darcy anscheinend ein Betrüger ist. Gleichzeitig versucht Darcy, die Verbindung zwischen seinem Freund Bingley und Jane auseinanderzubringen. Sie will sich rächen, wird aber von dessen Heiratsantrag an sie überrascht. Die beiden trennen sich schließlich nach einem verbalen wie körperlichen Streit eher als Feinde denn Verliebte. Darcy versucht seine Ehre in einem langen Brief an Elizabeth wieder herzustellen, welcher die Fronten eher verhärtet als auflöst.

Seth Grahame- Smith folgt fast sklavisch den Windungen und Wendungen des so berühmten Originalromans. Jane Austen Fans werden trotz dieser „Hingabe“ an das Original den vorliegenden Roman nicht unbedingt lesen, Zombie Fans könnten die „Bereicherung“ nach wenigen Seiten als anstrengend und nicht mehr grundlegend originell empfinden. Für Smith sind Zombies irgendwie zwar cool und modern, aber in Bezug auf den vorliegenden Roman auch ein Ärgernis. Sie tauchen immer im falschen Augenblick und als Hilfskonstrukt der Popupversion der Handlung auf. Obwohl er mit den Bennet Five die besten Zombie Jäger in ganz Hertfordshire ihnen entgegenstellt, fehlt dem Roman auf der emotionalen Ebene teilweise sehr viel. So fürchtet Elizabeths Schwester Jane, dass sie durch die Kratzwunden eines Zombies ebenfalls zu einem lebenden Toten wird. Sie heiratet überstürzt einen deutlich älteren, dicklicheren Mann. Ihre Lebensmaxime ist, die letzten ihr verbleibenden Monate in einem Stand zu verbringen, welcher einer platonischen wie idealisierten Ehe am Nächsten kommt. Anstatt aus dieser tragischen Situationen einen wichtigen Eckpfeiler des Romans zu machen, verbinden sich die neuen, modernen Teile mit der aus heutiger Sicht antiquierten Einstellung der Figuren überhaupt nicht. In dieser Sequenz hat der Leser das Gefühl, als lese er zwei Texte parallel, die sich auch aufgrund der Unerfahrenheit Smiths als Schriftsteller nicht verbinden lassen und es gar nicht wollen. An einer anderen Stelle – Elizabeth konfrontiert Darcy mit ihren Verwürfen und wird von einem Heiratsantrag überrascht – hat Smith einen Kampf entgegen aller Konventionen in diese dramatische und für den ganzen Roman wichtige Sequenz integriert. Auf einer primitiven Ebene freut man sich, wenn Elizabeth, um ihre Ansichten zu unterstreichen, Darcy im wahrsten Sinne des Wortes krankenhausreif prügelt. Das ist aber auch schon alles. Mit Lady Catherine de Bourgh und ihrer Ninja Kämpferarmee lehnt sich Smith an Filme wie „Underworld“ sehr stark an. Wer Jane Austen Originalfiguren kennt, wird solche Modernisierungen mit sehr viel Vergnügen verfolgen. Nur was der Autor im Verlaufe der Handlung teilweise aus ihnen macht, negiert den ersten positiven schrägen Eindruck.
Was Smith auf eine besonders grelle und dank der Gewaltszenen überzeichnete Art und Weise herausarbeitet, sind zwei sehr unterschiedliche Aspekte in Jane Austens Original. Ihre Charaktere haben nur selten wirklich gesagt, was sie denken. Ihre Worte sind verklausuliert, bis ins Unverständliche verzerrt, von zweifelhaften moralischen wie ethischen Gesellschaftsvorstellungen überlagert, Gefühle, Wünsche und Hoffnungen immer unter die dicken Teppiche kehrend. Vielleicht ist deswegen der Unterschied zwischen den Zombies und Jane Austens Figuren gering. Der zweite Aspekt ist der freiwillige oder unfreiwillige Humor in „Pride and Prejudice“. Die Einfügungen und die Idee, aus den Bennet Schwestern Ninjas zu machen, überspitzen den schon latent vorhandenen Humor des Originals, der sich in erster Linie in einer ironisch humorvollen Beschreibung der aus Sicht Jane Austens eher veralteten Sitten und Gebräuche inklusiv einer spürbaren Frauenfeindlichkeit zeigt.
Negativ gesehen überspannt Smith allerdings mehrmals den Bogen. Nicht in jeder Sequenz muss auf Zombies zurückgegriffen werden, deren Angriffe eher stupide und ab der Mitte des Buches ermüdend ablaufen. Immer mehr kommt das Gefühl auf, als setze sie Smith ein, weil es von ihm bei einem Romantitel wie „… und Zombies“ erwartet wird. Wenn Elizabeth mit Lady de Bourghs Ninjas kämpfen soll, geht es gleich – vollkommen übertrieben und den Kontext des Buches eher negierend als fördernd – um Leben und Tod. Warum verspeist Elizabeth am Ende des Kampfes das Herz ihres Feindes? Damit nähert sie sich bedrohlich den Unaussprechlichen. Vor allem wirkt die Szene nicht nur grotesk überzeichnet, zerstört die Sympathieebene zwischen Leser und im Grunde wichtigsten Protagonisten. Hinzu kommen Anspielungen auf Fäkalien und schließlich auch eher jugendlich pubertäre Wortspiele. Weniger wäre nicht nur mehr gewesen, sondern etwas mehr Intelligenz hätte den Einschüben gut getan und das Ergebnis nicht so krass, zu offensichtlich provozierend ohne ausreichende Unterhaltungsaspekte ausfallen lassen. Zusammengefasst ist Smiths Neuinterpretation des insbesondere im englischen Originals mit ein wenig Geduld sehr lesbaren Romans ein auf den ersten Blick durchaus interessanter Witz, der aufgrund der inzwischen zahllosen Imitationen schal geworden ist. Ihm gehört die Position des Primus Inter Pares unter diesen eher zweifelhaften „literarischen“ Experimenten, das aber insbesondere im letzten Drittel die Gastfreundschaft der Leser arg bis zu stark in Anspruch nimmt. Um es mit den Zombies zu sagen: „Stolz und Vorurteil und Zombies“ ist weder Fleisch noch Kunst. Von allem etwas und leider nichts Ganzes.

Jane Austen und Seth-Grahame Smith: "Stolz und Vorurteil und Zombies"
Roman, Softcover, 481 Seiten
Heyne- Verlag 2010

ISBN 9-7834-5353-3516HTML

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