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Literatur (diverse)



Titus Müller

Tanz unter Sternen

rezensiert von Thomas Harbach

Titus Müllers historischer Roman "Tanz unter den Sternen" will vieles sein: Ein Drama, mehrere Beziehungsgeschichten aus sich erst im Verlaufe des Romans bildenden Dreiecksverhältnissen, ein Spionagethriller am Vorabend des Zweiten Weltkriegs; das historische Zeitdokument einer sich technologisch überschätzenden Gesellschaft und irgendwo am Rande auch eine weitere Geschichte, die sich mit dem Untergang der "Titanic" beschäftigt. In diesem Punkt treffen inhaltliche Stärken wie Schwächen des vorliegenden Buches aufeinander. Zum einen spielt der Untergang der "Titanic" im Grunde eine untergeordnete Rolle. Nicht einmal ein Viertel des Buches wird dem eigentlichen Sinken des Schiffes, dem Kampf ums Überleben in der eisigen Nacht gewidmet. Das erscheint auf den ersten Blick sehr wenig, unterstützt aber die Stärken des Buches. Auch wenn Titus Müllers sehr differenziert, aber dreidimensional gezeichnete Charaktere durch den Untergang des Schiffes in ihrem zukünftigen Leben beeinflusst werden und sich teilweise ihrem eigenen Gewissen stellen müssen, dominiert die Katastrophe weniger als erwartet die weitere, zu stark geraffte Handlung. Die Figuren leben - von den Ereignissen gezeichnet - erstaunlicherweise ihr Leben weiter, bevor eine Reihe von Schicksalsschlägen vielleicht ein wenig zu stark konstruiert die beiden für einander bestimmten "Menschen" wie von Beginn des Romans an erkennbar zueinander führt.

Wie stark Titus Müller seine leider auch manchem Klischee entsprechenden Figuren in den überzeugend und detailliert recherchierten historischen Hintergrund integriert hat, zeigen schon die Auftaktszenen. Die anfänglich parallel laufenden verschiedenen Handlungsebenen werden sich an Bord der "Titanic" wie erwartet treffen, bevor sie sich nach dem Untergang des Schiffes teilweise wieder parallel bewegen. Mit dieser stringenten Struktur gelingt es Titus Müller, "Tanz unter Sternen" erstaunlich kompakt erscheinen zu lassen, auch wenn der absichtlich und sehr positiv erscheinende detaillierte Auftakt nicht durch ein angemessenes "Auslaufen" der Handlung nach dem Untergang des Schiffes ausbalanciert wird. Die vielen kleinen wichtigen Zwischennoten kann der Leser teilweise nur aufgrund des immerhin dreißig Seiten umfassenden sekundärliterarischen Nachspanns erfassen, in dem Titus Müller insbesondere die Kriegshetze und britische wie deutsche Paranoia in Kombination mit dem scheinbar grenzenlos und gigantisch erscheinenden technologischen Fortschritt historisch richtig einzuordnen sucht.

Der Roman beginnt mit dem Mord an einem Journalisten, der dem britischen Spion Lyman einen geheimen Artikel zum Kauf angeboten hat. Lyman ist nicht nur an der Aufrüstung des deutschen Kaiserreiches interessiert, sondern vor allem an der Finanzierung durch verschiedene Bänker im Allgemeinen und das Bankhaus Delbrück im Besonderen. Lyman wird von Titus Müller als fast klassische rücksichtslose Spionageinkarnation gezeichnet. Er kann Verführer sein, wie er es bei Cäcilie später beweist, aber auch rücksichtsloser Killer. In Lyman manifestieren sich einige Gerüchte um den Untergang der "Titanic". Er wird der Mann in Frauenkleidern sein. Er wird auch der Mann sein, der aus einem Rettungsboot auf im Wasser schwimmende Menschen schießt und der die Besatzungsmitglieder im Rettungsboot animiert, auf die Hilflosen mit dem Ruder einzuschlagen. An Bord der "Carpathias" verhält er sich rücksichtslos. Nach dem Untergang des Schiffes und seiner Rückkehr als Agent nach Deutschland wird er versuchen, seine eigentliche Mission zu erfüllen, die im Grunde wegen der Aufdeckung seiner Identität zum Scheitern verurteilt ist. Vielleicht wirkt es ein wenig zu sehr konstruiert, dass er zur Erfüllung seines Auftrages die Reise nach Übersee Cäcilies und ihres Mannes in die Wege geleitet hat. Titus Müller schildert Lyman zu eindimensional, zu sehr fixiert als das der Leser einen Augenblick erkennen kann, dass alleine der Gedanke an Luxus ausreicht, dass Cäcilie ihrem Mann und ihrem Sohn gegenüber Untreu wird.
Der Baptisten- Pastor Matheus leidet unter einem immer wiederkehrenden Alptraum. Er wird durch einen Spalt in einer Schiffswand von den Wassermassen förmlich hin durch gesogen und droht in den Tiefen des Meeres zu ertrinken. Vor einigen Jahren ist Matheus bei einer Überfahrt auf einem kleinen Frachter dem Untergang des Schiffes in letzter Sekunde entkommen. Seitdem will er nicht mehr in See stechen. Ansonsten leidet Matheus nicht nur unter hypochondrischen Tendenzen, sondern unter einem krankhaften Reinigungswahn. Titus Müller stellt Matheus in den Mittelpunkt seiner Geschichte. Keine leichte, aber eine interessante wie herausfordernde Wahl. Neben seinen hypochondrischen Vorstellungen lebt Matheus in einer fiktiven Welt aus Gerechtigkeit und Bestrafung für Sünden. So verpetzt er später an Bord der "Titanic" Nele als Diebin, obwohl gerade er Verständnis für die Not der Armen haben müsste. Diese Bigotterie ist ein interessanter Charakterzug Matheus, den Titus Müller nach dem Untergang der "Titanic" vielleicht zu schnell relativiert. Seine Frau Cäcilie stammt aus der angesehenen Bänkerfamilie Delbrück und hat den armen Matheus unter ihrem Stand geheiratet. Gemeinsam haben sie einen Sohn. Titus Müller schafft es nicht wirklich, eine gemeinsame Chemie zwischen Matheus und Cäcilie darzustellen. Vielleicht die größte Schwäche dieses Buches. Selbst unter der Berücksichtung, dass sich die Beiden entfremdet haben. Matheus wird von einem Bible Institut in Chicago eingeladen. Lange Zeit hält behält er das Geheimnis für sich. Schließlich entschließt er sich gegen seine Urängste mit seiner Familie auf der "Titanic" als erstes nach dem Kohlenstreik wieder auslaufendes Passagierschiff in die USA zu reisen. Cäcilie ist schwerer zu greifen. Sie liebt aus dem Leser nicht immer nachvollziehbaren Gründen ihren charakterlich sehr schwierigen Mann mit seinem an Wahnvorstellungen leidenden Mann. Sie hat das harte Leben einer Frau gelernt, die aus dem Luxus der Oberschicht in die eher untere Mittelklasse gefallen ist, wobei Matheus als Geistlicher sogar bereit ist, das letzte Hemd zu geben als Geld zu nehmen. Auf der anderen Seite hat sie immer noch eine Affinität für Luxus, die insbesondere Myman mit seinen geheimnisvollen Treffen in Berlin und Cäcilies Rückführung als Gast in die erste Klasse der "Titanic" auszunutzen sucht. Während Matheus die "Titanic" als Chance sieht, Cäcilies Liebe zurückzugewinnen und dem Leben ein wenig Freude abzugewinnen, pendelt seine Frau zwischen zwei Welten und teilweise auch zwischen zwei Männern, wobei Lymans Köder ein wenig zu offensichtlich erscheinen.
Die Barfusstänzerin Nele ist vielleicht die natürlichste Figur dieser Tragödie. Nach einem Auftritt im "Wintergarten" wird ihr Engagement beendet, da sie zu künstlerisch und zu wenig erotisch auftritt. Ihre Mutter macht ihr Vorwürfe, einem Traum nachzujagen anstatt in den Fabriken zu arbeiten. Ihre Flucht nach Paris endet in einer finanziellen wie sprachlichen Katastrophe. Sie hofft auf einen Neuanfang in Amerika und schifft sich mit geschenktem Geld als Passagieren der Dritten Klasse auf der "Titanic" ein. Hier begegnet sie Matheus, dem sie nicht nur Sympathien entgegen bringt, sondern dessen Dilemma sie am ehesten verstehen kann. Nele passt natürlich sehr viel besser zu Matheus als dessen Frau, was sich die Beiden erst am vorläufigen Ende ihrer jeweils persönlichen Reisen eingestehen.
Um diese vier sehr verschiedenen und gut gezeichneten Protagonisten platziert Titus Müller neben historischen Figuren wie den Guggenheimers einige bekannte Nebenfiguren, die eher Gerüchte um die "Titanic" lebendig machen. Da wäre der Dieb Adam, der die reichen Passagiere bis zum letzten Zwischenstopp in Irland bestehlen und dann das Schiff verlassen möchte. Ihr befreundet sich kurz vor seiner Festnahme mit Matheus Sohn Samuel. Wie bei vielen anderen seiner Figuren macht Müller nicht den Fehler, sie zu schwarzweiß zu zeichnen, sondern den Schurken auch eine gute Seite angedeihen zu lassen. In Adam werden sich diese beiden Seiten während des Untergangs des Schiffes manifestieren. Samuel selbst leidet in erster Linie unter den Auseinandersetzungen seiner beiden Eltern. Während des Untergangs konzentriert sich der Autor eher auf die kleinen, im Angesicht des Todes absurd erscheinenden Szenen und gibt dem Unglück dadurch eine Tiefe, die man während der bis dahin im Großen und abgesehen von den emotionalen Auseinandersetzungen seiner angeknacksten, aber niemals gebrochenen Figuren fast zu glatt ablaufenden Überfahrt vermisst hat.

Wie schon angesprochen ist der Untergang der „Titanic“ zwar die Schlüsselszene des ganzen Romans, aber Titus Müller integriert sie geschickt wie überzeugend in die Vorkriegsära. Anstatt sie zu einem Symbol des grenzenlosen Fortschritts zu machen, demontiert der Autor ihren Ruf als größtes Schiff der Welt schon vor dem Auslaufen. In wenigen Wochen wird in Deutschland ein größerer Luxusliner vom Stapel gelassen. Obwohl mit Lyman und dessen idealisierten Ideen der britischen Überlegenheit – ein pünktliches Einlaufen dieses Schiffes könnte das Deutsche Reich einschüchtern – ein Hardliner an Bord ist, hat man eher das unbestimmte Gefühl, die Geschichte eines Übergangs zu lesen. Titus Müllers Recherche ist perfekt und mit der Leichtigkeit eines erfahrenen Autoren streut er unauffällig sowie nicht belehrend extrem viele Hintergrundinformationen in die laufende Handlung ein. Am Ende mit seinem Streifzug durch den Ersten Weltkrieg und die von ihrer Geburt im Sterben liegenden Weimarer Republik nimmt er sich zu Gunsten seiner ihm lieb gewordenen Charaktere zu viel vor. Als semifiktives Zeitdokument ist „Tanz unter Sternen“ lesenswert und ungewöhnlich lebendig. Als „Titanic“ Roman geht Titus Müller geschickt vor. Sehr viele Fakten schreibt er seinen fiktiven Charakteren zu. Matheus ist einer der wenigen Überlebenden, die schließlich von den einzelnen zurückeilenden Rettungsbooten aus dem Wasser gezogen wird. Wichtige, von mehreren Zeugen beobachtete aber niemals nachhaltig bewiesene Ereignisse wie der Mann in Frauenkleidern werden dreidimensional, aber auch eine „To Do“ Liste arbeitend beschrieben. Das Schiff wirkt aber irgendwie niemals wie ein fester Bestandteil dieses Buches. Titus Müller beschreibt den Luxus, die vielen Details. Aber in das Gedächtnis schiebt sich mehr und mehr James Camerons opulenter, aber auch verführender „Titanic“ Blockbuster als das Müller vor dem historischen Hintergrund an einer eigenen Version arbeiten kann. In dieser Hinsicht ist „Tanz unter Sternen“ eher enttäuschend und Müller schafft es nicht, sich das Schiff mit anderen Ideen zu Eigen zu machen.
Als Erzähler ist Titus Müller ein nuanciert schreibender Stilist, dessen Wortwahl historisch zeitgemäß und modern zu gleich ist. Dazu kommen die überzeugenden historischen Beschreibungen eines mit prallen, dekadenten Leben erfüllten Berlins und Paris. Um nicht zu kitschig zu werden, verlagert der Autor die persönlichen Tragödien seiner Protagonisten von dem Klischee des „Titanic“ Opfers weg hin zum chaotischen Leben im Vor- und Nachkriegsberlin. Es ist bezeichnet wie positiv für Müllers Roman, dass die nicht auf der „Titanic“ spielenden Szenen lebendiger sind als die den Mittelteil bestimmten An-Bord-Ereignisse. Aus zwei Quellen generiert der Autor geschickt Spannungsmomente. Wie wird es mit Matheus /Cäcilie weitergehen und wer wird den Untergang überleben. Auf beide Fragen liefert der Autor zufriedenstellende, aber nicht immer gänzlich innovative herausfordernde Antworten, zumal der Fokus nach dem Untergang des Schiffes zu überraschend von den bislang vertrauten Figuren eher in das Haifischbecken der Militärpolitik abdriftet, bevor der Plot auf einer emotionalen, versöhnlichen, optischen Note mit entsprechendem Happy End endet. Ein unterhaltsamer nicht nur „Titanic“ Roman, der aufgrund seiner soliden Recherche und lebendigen Hintergrunds mehr überzeugt denn als reine Liebesgeschichte.

Titus Müller: "Tanz unter Sternen"
Roman, Softcover, 386 Seiten
Heyne Verlag 2013

ISBN 9-7834-5340-9972

Weitere Bücher von Titus Müller:
 - Die Siedler von Vulgata

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