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Literatur (diverse)



Jonatham Lethem

Du liebst mich, Du liebst mich nicht

rezensiert von Thomas Harbach

Nach seinem schwermütigen, aber unbedingt lesenswerten Romanen über das Leben in Brooklyn “Motherless Brooklyn” und “Fortress of Solitude” legte der überwiegend in Brooklyn lebende Jonathan Lethem mit seinem sechsten Roman eine romantische Komödie vor, die im Milieu der Garagenbands
Sowie im sonnigen Kalifornien spielt. Schon “Fortress of Solitude” spielt das letzte aus der Ich- Perspektive geschriebene Drittel des Romans in L.A. Hier versucht der Protagonist eher verzweifelt, eine eigene Lebensgrundlage zu finden und sehnt sich immer mehr nach dem Viertel seiner Jugend in New York zurück. Größer könnte der Unterschied zwischen den New York- Romanen und der vorliegenden Komödie nicht sein. Im Verlaufe der Lektüre erkennt der Leser sehr schnell, das sowohl Lethems in erster Linie jugendliche Protagonisten und Mitglieder der sich noch im Aufbau befindlichen Band genauso ihren Weg suchen wie der Autor. Rückblickend könnte man angesichts des zuckersüßen und von den Handlungen der Protagonisten nicht unterstützten Ende von einer Art Zeitschleife sprechen.

Die neunundzwanzigjährige Lucinda ist die Bassspielerin einer kleinen insgesamt vierköpfigen Band. Sie haben eine Handvoll von Titeln, die von unterschiedlicher Qualität für eine Vorgruppe
bei einem richtigen Konzert reichen würden, aber keine Gigs. Lucinda hat sich gerade von Matthew, einem anderen Mitglied der Band getrennt. Tagsüber arbeitet Lucinda in einem Beschwerdecenter, das einer ihrer Exfreunde aus einer Laune heraus in seiner Galerie aufgebaut hat. Schnell kristallisiert sich einer der Anrufer - Complainer genannt - heraus, der sich mehr und mehr für Lucinda zu interessieren beginnt. Auch auf ihrer Seite gibt es Interesse. Sie ahnt nicht, wie schnell sich ihre privaten Interessen mit den Hoffnungen der Band verbinden. Als sie schließlich einige Sätze des Complainers in die Songtexte der Band zu integrieren beginnt, ein erster Auftritt in der Künstlerszene erfolgt und der Complainer in die Band drängt, löst sich ihre bisherige schon ungeordnete Welt in ihre Bestandteile auf.

Wahrscheinlich war sich Jonathan Lethem beim Schreiben des Romans nicht ganz sicher, in welche Richtung der Plot gehen sollte. Die künstlerische Ebene erinnert sehr stark an Alan Parkers “The Commitments” ohne dessen humorvoll übertriebenen, aber hinsichtlich des Milieus sehr gut entwickelnden Hintergrund zu erreichen. Der Leser ahnt schon bald, das sich Lucindas Tanz auf allen Hochzeiten in einer mehr oder minder schweren Katastrophe endet. Anstatt den Showdown nicht nur ausführlich vorzubereiten und entsprechend aufzulösen, wirkt die entscheidende Sequenz distanziert geschrieben und im Vorübergehen abgehandelt. Mit einer Art Feel Good Epilog - so typisch kalifornisch, das sich der Leser noch einmal vergewissert, ob Jonathan Lethem und nicht ein unbekannter Drehbuchautor aus Hollywood den Roman geschrieben hat - ausgestattet, fehlt dem Roman eine dramatische Auflösung. Lucindas Lebenskreis schließt sich, sie hat aus dem Nichts heraus wichtige Erscheinungen für ihre Zukunft getroffen, denen der Leser nur in der Theorie folgen kann. Das Problem dieser Auflösung liegt im Detail. Lucinda hat im Verlaufe des nicht besonders umfangreichen und nur über wenige Tage spielenden Romans neben ihrem Freund Matthew - sie haben sich als Freunde getrennt, können also miteinander schlafen - Sex mit dem Complainer, denkt an ihren ehemaligen Freund und jetzigen Chef, macht das zweite männliche Bandmitglied an und masturbiert im Nebenzimmer, während sie einem wichtigen Gespräch lauscht. Da wirkt die Rückkehr zu den Wurzeln auch nicht unbedingt überraschend. Jonathan Lethem scheint aus der Distanz des allwissenden Beobachters von dem Feel Good des kalifornischen Dreams selbst überrascht und beschreibt zum Beispiel einen Tag am Strand mit stilistischer Leichtigkeit bis ins kleinste Detail. Der Leser hat das Gefühl, den Sand unter den Füßen zu spüren, während im die Sonne die Haut bräunt. Aber zwischen diesen kleinen, sehr intensiv und mit dem richtigen Gefühl für den Moment geschrieben Szenen versucht Lethem eher vergeblich eine Lebensgrundlage für Lucinda zu finden. Die Widersprüche zwischen ihren eher beiläufig erwähnten Ambitionen, ihrem gegenwärtigen Leben und ihren nicht selten kontraproduktiven Handlungen reichen nicht aus, einen ganzen Roman zu tragen, aber insbesondere im ersten Drittel des Plots ziehen sie den Leser in einer seltsame abstrakte Welt zwischen täglichem “Überlebenskampf” auf höchstem Niveau und sinnloser, expressiver Künstlichkeit. Das Happening mit dem ersten Auftritt der Band ist dafür sinnbildlich. Aber der Kontrast zwischen lebensuntüchtigen Künstler und wortgewandten Genie in Person des Songwriters Bedwin ist eine der künstlerischen Ebenen des Romans, die wirklich sehr gut funktionieren. In dem Lethem den Bogen zum Kino im Allgemeinen und Fritz Langs Werk “Human Desire” im Besonderen schlägt, fängt “You den´t love me yet” plötzlich für einen Moment an zu funkeln. Die absurde Suche nach subjektiven Botschaften in dem eher zweitklassigen Lang Film bleibt dem Leser länger im Gedächtnis als manch andere dramatisch zu stark konstruierte Szene. Der erste richtige Auftritt der Band in einem Radiostudie wird vom Complainer derartig brutal sabotiert, das er von Matthews ehemaliger und zukünftiger Chefin in die Schranken gewiesen werden muss. Warum zum Beispiel der Radiomoderator nicht eingreift, ist einer der nicht zufrieden stellend abgeschlossen Subplots. Auch wirkt der Complainer als Figur zu unsympathisch, zu konstruiert auf den Leser, als das er einen Moment an eine wirkliche Affäre oder gar Liebesgeschichte zwischen der vom Leben überforderten und sich immer wieder selbst im Wege stehenden Lucinda und ihm vorstellen kann. Im Vergleich allerdings zu Lethems Brooklyn Romanen fehlt allen Figuren das Einzigartige, eine emotionale Tiefe. So oberflächlich wie der Plot schließlich zu einer Art Möbiusschleife ohne phantastische Elemente wie in seinen anderen Büchern zusammenfließt, erscheinen seine Charaktere. Die farbenprächtigen und natürlich, wenn auch teilweise überdreht geschriebenen Dialoge lassen sich das Buch positiv gesprochen leicht zu lesen erscheinen, es fehlt ihnen aber das gewisse Etwas, das Jonathan Lethems andere Romane so auszeichnet.


„You don´t love me yet“ paßt sich einen Tag nach dem anderen Tag lebenden oberflächlichen, nichts planenden und kumpelhaften Typen im sonnigen Kalifornien an. Die Handlung entwickelt sich so unauffällig, so langsam wie in Robert Nathans Romanen des magischen Realismus ohne dessen Intensität und Tiefe zu erreichen. Nichts scheint im alltäglichen Ablauf der Katastrophen wirklich wichtig zu sein und bald hat sich Lethem schriftstellerisch zu sehr diesem im Grunde nichts sagenden und bei einem Roman schnell zu Phlegma und Langeweile führenden Rhythmus angepasst, um aus diesem literarischen Gefängnis noch ausbrechen zu können. Wer gerne einen Versuch des New Yorker Schriftstellers liest, einen Tim Robbins Roman zu schreiben und knapp über dem Niveau der amerikanischen Soaps zu beweisen, das Liebe doch mehr als nur Sex ist, wird von „You den´t love me yet“ zufrieden stellend unterhalten. Während die teilweise zu oberflächlich und leicht zu Klischee neigenden Protagonisten zumindest über weite Strecken die Aufmerksamkeit des Leser wecken und bei der Stange halten, ähnelt die Handlung zu sehr einem Fragment, einem Teil eines wichtigen größeren Werkes, das bislang noch nicht geschrieben worden ist.

Jonatham Lethem: "Du liebst mich, Du liebst mich nicht"
Roman, Softcover, 256 Seiten
Goldmann- Verlag 2009

ISBN 9-7834-4254-2635

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