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Literatur (diverse)



Joyce Carol Oates

Nach dem Unglück schwang ich mich auf, breitete meine Flügel aus und flog davon

rezensiert von Thomas Harbach

In ihrem inzwischen sehr umfangreichen, mehrfach preisgekrönten Werk hat sich Joyce Carol Oates immer wieder mit dem Schicksal der amerikanischen Durchschnittsfamilie auseinandergesetzt. Im vorliegenden Jugendbuchroman beginnt die Geschichte erst, als Jennas Familie letzt endlich aufhört zu existieren.
Ihre Eltern haben sich schon länger getrennt, ihr Vater hat eine neue Familie und durch ein tragisches Unglück verliert Jenna ihre Mutter. Das faszinierende Element dieser stringenten tragischen, wenn auch nicht nihilistischen Geschichte ist die Altersdifferenz zwischen Autorin - achtundsechzig Jahre alt - und Ich- Erzählerin - fünfzehn und mitten in der Pubertät bzw. als Scheidungskind zwischen allen Fronten. Trotzdem gelingt es Joyce Carol Oates ohne zu belehren oder gar zu verurteilen, eine Geschichte von Verlust und Selbstmitleid auf der einen Seite, Hoffnung und positiven Ehrgeiz auf der anderen Seite zu verfassen, welche den Leser sehr nahe nicht nur an die nicht immer einfache oder gar sympathische Protagonistin heranrücken lässt, sondern der es gelingt, dem Leser die Zerbrechlichkeit des eigenen Lebens, der eigenen Existenz nachdrücklich vor Augen zu führen.
Das Buch beginnt mit dem Tod von Jennas Mutter. Gemeinsam mit ihrer Tochter wird sie in einen bizarren Autounfall verwickelt, das Auto wird von einem Laster durch ein Brückengeländer geschoben. Jennas Mutter ist sofort tot, ihre Tochter wird mit schwersten Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert. Der schwächste Aspekt des Buches ist Jennas Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld. Zu erst ist sie der Meinung, das Tier, welches sie gesehen haben glaubt und das schließlich für ihr ursächliches In-das-Lenkrad-greifen verursacht hat, hätte sie sich nur eingebildet. In der stärksten Szene des Buches findet sie wieder zu sich selbst, als sie sich mit der Hilfe Crows, einem älteren Jungen, ihren neuen Urängsten stellt. Vielleicht wäre es plottechnischer noch ausdrucksstärker gewesen, sich auf die vagen Erklärungen des Anfangskapitels zu beschränken. Ob es nun wirklich ein Tier gegeben hat oder nicht, spielt bei der Überwindung des Traumas eine eher ungeordnete Rolle. Joyce Carol Oates macht es Jenna am Ende des Buches alleine in dieser entscheidenden Sequenz ein wenig zu einfach, mit ihrer Schuld klar zu kommen.
Nach dem Unfall beschreibt die Autorin ausgesprochen intensiv, mit kurzen, teilweise absichtlich fragmentarisch gehaltenen Kapiteln, wie Jenna aufgrund der starken Medikamente in einer Art “blaue Phase” fällt, in welcher sie der Realität zumindest teilweise zu entkommen sucht. Der Leser geht buchstäblich mit der Protagonistin durch diese unfreiwillige Hölle. Hinzu kommt der Druck von außen. Die Polizei möchte ihre Aussage zum Unfallhergang einholen, weil sie die einzige Augenzeugin ist. Ihr Vater - frisch mit neuer Familie und offensichtlich in einer Art auf Pump finanzierten Schlaraffenland lebend - möchte sie gerne zu sich nach Hause holen, ohne das seine zweite Frau noch ihre gemeinsamen Kinder etwas von ihrem “Glück” ahnen. Für Jenna ist es der erste Schritt in ein neues, nicht unbedingt leichtes Leben, das Angebot des Vaters abzulehnen und zu ihrer Tante zu gehen. Joyce Carol Oates hält sich hinsichtlich der Trennung von Jennas Eltern ganz bewusst bedeckt und behandelt diese Sequenzen hinsichtlich ihrer Eindrücklichkeit absichtlich, wenn auch vielleicht nicht immer wirklich fair subjektiv. Es geht auch weniger um eine Anklage gegenüber dem egoistischen Vater, sondern die kurzen Szenen unterstreichen die Entfremdung, welche sich in Jenna nach dem Unfall explosionsartig beschleunigt hat.
Mit dem Umzug zu ihrer Tante und damit verbunden der Einschulung in einer neuen Schule beginnt für Jenna - durch den Unfall der Mutter verstärkt- ein neuer Lebensabschnitt. Dabei erdrücken sie nicht nur die Schuldgefühle, sondern die fremde Umgebung, die Schmerzen der Unfallverletzungen und schließlich ihr Drang, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln machen es ihr nicht leicht, in einer auf den ersten Blick harmonischen Umgebung aufzublühen oder auch nur nach dem Licht der Sonne im übertragenen Sinne zu greifen. Die selbst zerstörerischen Tendenzen wie die Sucht nach stärkeren Schmerztabletten bzw. das Tragen provokanter Kleidung, der auf den ersten Augenblick auffallende Diebstahl bei der Psychologen und schließlich die Freundschaft zu einem Mädchen mit ähnlichen Ansätzen bestimmen den Mittelteil dieser kurzweilig stringenten Geschichte. Hier geht die Autorin vielleicht ein wenig zu sehr manipulierend vor. Es gibt ja keine Gegenposition. Jenna reagiert eher rudimentär auf ihre Umwelt. Alleine die platonische Liebe zum beliebten Crow, der sich als eine ganz andere, reifere Persönlichkeit erweist als es für Jugendbücher typisch ist, gibt ihr einen gewissen Halt. Dabei geht es der Autorin nicht um Selbstmitleid, das manche Coming-of-Age Story in der durch ähnliche Phasen laufenden überwiegend jugendlichen Leserschaft wecken möchte. Auch der Kick, die eigenen Grenzen nicht nur auszutesten, sondern vor allem zu überschreiten, spielt eine untergeordnete Rolle. Wie schon eingangs erwähnt verhält sich die Autorin in dieser teilweise sehr intim geschriebenen Geschichte neutral, sie beschreibt, beurteilt allerdings nichts. Der Katalysator ist weniger eine Überdosis Schmerztabletten, pünktlich am ersten Heiligen Abend ohne Mutter eingenommen, sondern eine Alkohol- und Drogenparty in einer kleinen abgeschiedenen Holzhütte, die in einer Vergewaltigung endet. Ehe vom Unterbewusstsein gesteuert gelingt es Jenna, Verantwortung für jemanden Drittes zu übernehmen. Zum ersten Mal entwickelt die Autorin in dieser wichtigen Sequenz eine überraschende Gegenposition, mit der sich Jenna und Leser auseinandersetzen müssen. Das Stillhalten, das Verschweigen und schließlich das sich aus der Verantwortung ziehen. Je stärker die Freundschaft zu Trina aufgrund von Jennas Zivilcourage erkaltet, um so stärker bildet sich die eine einzigartige, vielschichtige, aber ganz bewusst nicht zu positiv gezeichnete Persönlichkeit Jennas heraus. Dabei verzichtet Joye Carol Oates sowohl auf der persönlichen wie emotionalen Ebene auf Happy Ends. Für Jenna - und damit auch impliziert den Leser - geht ein schrecklicher, aber auch wichtiger Lebensabschnitt zu Ende, an den sich - das macht der Epilog überdeutlich - ein weiterer anschließen wird. Die Freundschaft zu Crow wird durch dessen sehr überraschendes Eingeständnis nicht nur auf eine harte Probe gestellt, sondern die in Jenna aufflammenden Gefühle komplett negiert. In Crow findet sie einen Menschen, dessen Verantwortungsgefühl trotz anderer Ansichten noch weiter geht als sie, der Leser und die gemeinsame Umwelt es vermutet haben. Dieses Überwechseln von der unbeschwerten Jugend in das erste Erwachsenenstadion wird von der Autorin ohne Altersweisheit, ohne Belehrung oder emotionale Manipulation mit offenen, sehr klaren Worten und in einer rasanten Abfolge von Eindrücken beschrieben, das der noch passender Originaltitel “After the Wreck, I picked my self up, Spread my Wings and flew away” Abschied und Aufbruch in einem bedeutet.
Es sind die Zwischentöne - Todessehnsucht alleine aus nachvollziehbaren Schuldgefühlen und die Neugierde einer nicht leichten, aber irgendwie lebenswerten Existenz -, welche Joyce Carol Oates in diesem ausgesprochen ungewöhnlichen, dunklen wie optimistischen Roman zu gleich wie auf einem Klavier mit beneidenswerter Präzision trifft. Sie zeigen dem Leser, das andere Menschen schwere Rucksäcke schultern müssen und das selbst wenn der Weg steinig und zu steil erscheint, es immer wieder Hoffnung und Licht jenseits des Horizonts geben wird. Dabei agiert die Autorin weder kitschig noch pathetisch, sondern beschreibt in einfachen, aber sprachlich intensiven Bildern Jennas Schicksalsschlag, der schließlich nicht zu ihrem Schicksal wird. Der Roman auf den Untertitel „Ich werde mich niemals mehr verletzen lassen“ zu reduzieren, wird ihm nicht gerecht. Erst als Jenna ihre Isolation aufbricht, das Risiko des sich-verletzen-lassens wieder in Betracht zieht, wacht sie aus der zum Teil aus Tabletten induzierten Starre auf. Ein ausgesprochen reifes, intelligentes, nuanciert erzähltes Buch, das Jugendliche wie Erwachsene zugleich auf eine unaufdringliche, aber bestimmte Art anspricht und zum Nachdenken anregt.

Joyce Carol Oates: "Nach dem Unglück schwang ich mich auf, breitete meine Flügel aus und flog davon"
Roman, Softcover, 318 Seiten
DTV 2010

ISBN 9-7834-2362-4480

Weitere Bücher von Joyce Carol Oates:
 - Black Water
 - Blond

Leserrezensionen

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