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Literatur (diverse)



David Abbott

Die späte Ernste des Henry Cage

rezensiert von Thomas Harbach

Der 1938 geborene David Abbott hat sich erst im Unruhestand an das Schreiben seines Erstlings “The Upright Piano Player” gemacht, der schließlich im Jahre 2010 zumindest für Aufsehen bei den Verlagen gesorgt hat. Auch wenn David Abbott jegliche Ähnlichkeit zwischen seinem Protagonisten Henry Cage und sich selbst verneint, sind die kleinen Details unverkennbar. Als Eigenbetrachtung kann der Leser das Buch nicht betrachten, aber es enthält einen ausgesprochen wahren Kern. Es ist die Geschichte eines Mannes, der im Alter mit Herausforderungen, Triumphen wie Tragödien konfrontiert wird, auf die ihn seine Arbeitswut in der eigenen Firma nicht vorbereitet hat.

Zum melancholischen Grundton gehört es, dass David Abbott ausgesprochen souverän die Geschichte mit der vermutlich letzten Tragödie im Leben Henry Cages beginnen lässt. Als er sich mit seinem Enkel auf einem Ausflug befindet, wird der Wagen von einem Drogensüchtigen an der Tankstelle gestohlen, der Junge aus dem Auto gestoßen, sein Fuß verfängt sich im Gurt und er wird einige hundert Meter mitgeschleift. In einer der eindringlichsten Szenen des Buches beschreibt Henry Cage die Ohnmacht, die ihn befallen hat, als er seinen ihm vertrauenden Enkel nach ihm rufen hörte. Mit diesem Verlust und der Beerdigung seines Enkels fängt das Buch an und hört im Grunde am Vorabend dieser Zeit auch auf. Nach der Beerdigung seines Enkels reist Henry Cage - vom Autoren gesteuert - in die eigene Vergangenheit. Er verzweifelt versucht Cage in seiner Vergangenheit einen Augenblick zu finden, in dem er dieses Strafgericht verdient hat. Ansätze gibt es viele. Der ausgesprochene Vorwurf seiner Schwiegertochter - absolut unberechtigt - lässt Cage fast erleichtert den Blick in die eigene Vergangenheit werfen.

Aus seiner Firma, die er mit integeren Grundsätzen im Haifischbecken der Unternehmensberatung gut überleben konnte, ist er herausgemoppt worden. In den Unruhestand versetzt versucht Henry Cage mit den plötzlich endlos lang erscheinenden Tagen fertig zu werden. Er besucht Silvester einen Freund. Auf dem Nachhauseweg streckt ihn ein wildfremder Mann mit einem Kopfstoss nieder. Kurze Zeit später begegnet er dem Mann - Colin - und seiner Freundin in seinem Stammcafe wieder. So beschweren sich bei der Chefin darüber, dass Henry Cage sie anstarrt. Kurze Zeit findet Cage in seinem Briefkasten obszöne Fotos, Drohbriefe und schließlich auch einen Ziegelstein, der seine Fenster zertrümmert. Anscheinend ist er das zufällige Opfer eines Psychopathen geworden. In Zwischenblenden erfährt der Leser - im Gegensatz zum Protagonisten -, das es sich um einen gewaltbereiten aggressiven Arbeiter handelt, der am liebsten dank der Schönheit seiner eher devoten Freundin als Photograph sein Geld verdienen möchte. So wichtig dieser Nebenarm der Handlung beim Showdown der Vergangenheitsebene auch sein mag, so überambitioniert, konstruiert und vor allem teilweise sehr weit hergeholt wirkt er. Im Grunde erweist sich Henry Cage was die körperliche Kraft angeht am Ende als wahrer Mann und keinen seinen Gegner zwar teilweise in Notwehr niederstrecken.

Auf der zweiten Ebene setzt sich David Abbott mit Henry Cages Liebesleben auseinander. Durch einen Zufall lernt er am letzten Tage in der Firma eine junge Frau kennen, die ebenso wie er aus dem Geschäftsleben auszusteigen sucht. Sie arbeitet schließlich als Kellnerin in seinem Stammlokal. Die beiden kommen sich näher, sie schläft - wie sich später herausstellt - eher aus Mitleid mit ihm. Sie trennt sich schließlich von ihm, als Henry Cage erfährt, dass er schon seit einigen Jahren Großvater ist. Auch diesen Handlungsarm - der bis zu diesem Zeitpunkt ausgesprochen rührend und emotional ansprechend, aber nicht kitschig geschrieben worden ist - nimmt Abbott in der zweiten Hälfte des Buches wieder auf. Maude lässt sich mit dem hinterhältigen, neidischen Personalchef von Henry Cages Firma ein - eine überzeugende Begründung für ihren erneuten Sinnwandel gibt es nicht - und kehrt in niederer Position in den Bereich zurück, den sie Henry Cage gegenüber überzeugend abgelehnt hat. Obwohl der Autor zumindest impliziert, das das Haifischbecken London eine fast drogenähnliche Faszination hat, ist diese Rückkehr zu wenig ausgearbeitet und scheint eher den intimen, wichtigeren Plot auf Romanlänge strecken zu sollen.

Nach der körperlichen “Erneuerung” und der Prüfung seiner Virilität setzen sich Abbott/ Cage mit der Liebe auseinander. Seine Frau Nessa - einer erfolgreiche Dokumentarfilmerin - hat Cage nach deren Liebesaffäre buchstäblich vertrieben. Inzwischen lebt sie in den USA und ist an Krebs im Endstadion erkrankt. Nicht zuletzt nach der Kontaktaufnahme mit seinem Sohn und indirekt seinem ihn vergötternden Enkel nähert sich Cage über seinen eigenen störrischen Schatten springend seiner sterbenden Ex- Frau. Ihr würdevolles langsames Sterben fasst der Autor in einfache, aber eindringliche Worte. Was Henry Cage am Anfang des Buches bei der Beerdigung seines Enkels an Emotionen fehlt, fügt David Abbott ironischerweise in diesen Szenen ausgesprochen gut in die Handlung ein.

Am Ende des Rückblickes zieht Henry Cage in die Nähe seines Sohnes, um zumindest seinen Enkel aufwachsen zu sehen und das an seinem Sohn Versäumte an Hal wieder gutzumachen. Ihm wird - wie der Leser zu Beginn des Plots schmerzlich erfahren muss - diese Zeit nicht geschenkt.
Den Roman durchzieht neben einem ironisch melancholischen Grundton im Grunde als roter Faden das Zu-Spät-Kommen, das zumindest für Henry Cage immer fatalere Folgen hat. Der aktive Abschied aus seiner Firma tut weder ihm noch dem Geschäft wirklich gut. Im Grunde kommt er zynischerweise nach Ansicht der jüngeren Generation beruflich “zu spät” und kann sich den neuen, nur auf den ersten Blick Erfolg versprechenden Trends nicht mehr anpassen. In gewisser Weise ein fataler Irrtum, denn Henry Cage hat seine Bodenhaftung bewahrt, wie ein kurzer Hinweis auf den aus seiner Sicht unausgeglichenen Wetterbericht der BBC zeigt. Bei seiner sterbenskranken Ehefrau kann er die aufgrund seiner Dickköpfigkeit, aber auch ihrer Untreue verlorenen gegangenen Jahre nicht mehr aufholen und bei seinem Enkel Hal kommt er unschuldig wenige Sekunden - er hat ein Los ausgefüllt - zu spät, um den Diebstahl seines Wagens zu verhindern. Nur den Stalker Colin stellt er in seinem Garten, als dieser mit einer Säge die von seiner Frau angepflanzten Rosen - Colin hat in einer der diskussionswürdigsten Szenen des Buches auch ohne Not einen Hund umgebracht - absägt. Im Nachhinein wird Henry Cage sich wünschen, er wäre für diese Tat angemessen bestraft worden, um die spätere Unaufmerksamkeit zu verhindern. Da David Abbott aber auf eine “Bestrafung” - das Leben scheint Henry Cage genug bestraft zu haben - seines Protagonisten verzichtet, wirkt der Roman trotz der sanften Note, auf der sich für den Leser traurig ein Kreis schließt, unrund. Zu sehr versucht David Abbott seine Leser zu überzeugen, das Henry Cage nicht sein Alter Ego ist. Zu genau beschreibt er dessen Manierismen, die kleinen Schwächen und in wenigen Fällen auch Stärken, die diesen Mann kennzeichnen.
Wenn David Abbott von Henry Cages Jugend, seinem Klavierspiel im elterlichen Haus erzählt, spürt der Leser eine Wärme, eine Authentizität, die eher an eine Autobiographie denn an einen Roman erinnert. So sehr verliebt Henry Cage im Laufe seines langen Lebens in leblose Gegenstände, in Rituale und gesellschaftliches Gebaren, die Davide Abbott wahrscheinlich nicht zuletzt aufgrund ähnlicher beruflicher Hintergründe und damit den gleichen Kreisen, in denen sich die beiden “Männer” bewegen, auch schätzt. Schöne Restaurants, alte Bücher, die Welt der Unternehmensberatung und Werbung. Henry Cage ist ihm zu nahe, um aus diesem interessanten, wenn auch störrischen, zu egoistischen Mann einen abgerundeten Charakter zu machen. David Abbott fehlt die kritische Distanz, dessen Schwächen auch deutlich als Schwächen herauszuarbeiten und sie nicht auf dem Niveau der kleinen Eitelkeiten zu belassen.
Was ihm auf der anderen Seite - sicherlich für einen Debütanten ungewöhnlich - gelingt, ist aus Henry Cages Handeln eine Altersweisheit ohne den Hang zur
Belehrung voller Selbstzweifel und der verbitterten Erkenntnis, irgendwo auf dem Lebensweg unumkehrbar falsch abgebogen zu sein, herauszufiltern, die über die Generationen hinweg den Leser ansprechen, ansprechen kann oder ansprechen sollte. “Die späte Ernte des Henry Cage” - der deutsche Titel wirkt angesichts der Tragödien, mit denen Henry Cage schließlich für ein dem Leser nur spärlich bekanntes Leben belohnt wird, wie Hohn - ist ein interessantes Buch, stilistisch auch in der kurzweilig zu lesenden deutschen Übersetzung von Peter Torberg ansprechend, das für einen Debütroman ungewöhnlich tief schürfend sein möchte, zwischen Autor und Protagonisten als größte Schwäche aber zu wenig trennt, um allgemeiner gültig zu sein.

David Abbott: "Die späte Ernste des Henry Cage"
Roman, Softcover, 358 Seiten
DTV 2011

ISBN 9-7834-2324-8488

Leserrezensionen

Leserrezensionen [Alle Rezensionen anzeigen (11)]
19.10.11, 06:33 Uhr
YETI
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25.11.11, 07:38 Uhr
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