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Literatur (diverse)



Goran Petrovic

Die Villa am Rande der Zeit

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Die Villa am Rande der Zeit“ legt der DTV Verlag einen Roman des serbischen Autoren Goran Petrovic vor, der in seiner Heimat zu den populärsten und mehrfach ausgezeichneten Schriftstellern gehören soll. Die „Villa am Rande der Zeit“ ist im Jahre 2000 mit dem NIN Preis ausgezeichnet worden. Goran Petrovic gehört wie sein ebenfalls in Belgrad lebender, mit dem WORLD Fantasy Award ausgezeichneter Kollege Zoran Zivkovic zu den realistischen „Surrealisten“, die in ihren Texten gerne die auch politische Realität mit phantastisch- märchenhaften Inhalt verbinden.
Der Belgrader Student und Lektor einer Wochenzeitschrift – nur Schreibfehler korrigieren, keine Worte streichen - Adam erhält einen ungewöhnlichen, rückblickend nicht ganz logischen Auftrag. Er soll den Privatdruck eines unbekannten Autoren Anastas Branica korrigieren. Nicht das Manuskript, sondern das fertige, gebundene Buch. Erste Recherchen bringen ans Tageslicht, das es sich um die einzige Veröffentlichung Branicas handelt, der sich kurze Zeit später das Leben genommen hat. In einer Zeitung ist das Buch als langweilig förmlich rezensionstechnisch zerrissen worden. Adam beginnt in dem Buch zu lesen und wird – vorhersehbar – in den Plot einbezogen, ohne das er im Vergleich zu ähnlichen Geschichten von Michael Endes „Die unendliche Geschichte“ bis Zivkovics Fugenroman „Das Buch“ wirklich aktiv eingreifen kann.
Anasta Branica hat in diesem Buch sich einen Zufluchtsort erschrieben, in dem er sich mit seiner französischen Geliebten Nathalie, die einem anderen Mann versprochen worden ist, treffen kann. Der Leser und dessen Alter Ego im Roman Adam lernen Branica im Grunde von seiner tragischen Kindheit an kennen. Der Vater starb in einem der zahlreichen Kriege, die Mutter hat sich mit ihrem Sohn von einem in sie verliebten Rechtsanwalt aushalten lassen, dessen erdrückende Liebe sie niemals erwidern konnte. Zum Studium ist Anasta nach Paris geschickt worden, wo sich sein Leben und seine Persönlichkeit nach und nach verändern sollte. Goran Petrovic nimmt sich ausgesprochen viel Zeit, dem Leser die beiden männlichen
Protagonisten – Anasta und Adam – vorzustellen. Adam ist im Grunde ein klassischer Verlierer, der von seinem Arbeitgeber ausgenutzt wird. Er lebt in einem eher schäbigen Zimmer, für das er eine horrende Miete zahlen muss. Petrovic kritisiert relativ offen die archaischen Auswüchse des serbischen Immobiliemarktes in der Karikatur Adams Vermieter. Diese Passagen sind zynisch lustig, unterhaltsam und beleben den sich ansonsten ein wenig schwerfällig entwickelnden Plot. Das liegt aber auch in den einzelnen Charakteren begründet. Als Person ist Adam zu eindimensional, zu wenig zugänglich und zu klischeehaft gezeichnet. Im Grunde ist er ein Langweiler, der in seinem Nebenjob als mehr als einmal berechtigt Besserwissender Lektor – es gibt in Serbien keine Rentiere – aufgeht. Er durch die Lektüre von Anasta Branicas Geschichte wird er zu einem vollwertigen, emotionalen Menschen. Diese Wandlung wirkt stellenweise ein wenig konstruiert, passt sich aber wunderbar in den einfühlsamen Plot ein.
Branica selbst als tragische Figur wandelt sich ebenso von einem verschüchternden jungen Mann über einen lebenslustigen Studenten bis schließlich im Grunde zu einer tragisch melancholischen Figur, der die größte Chance seines Lebens – die Liebe zu Nathalie – nicht ergreifen kann. Da der Leser schon auf den ersten Seiten erfährt, dass Branica aus bislang unbekannten Gründen Selbstmord begangen ist, durchdringt den Text mehr und mehr eine traurig tragische Note. Die eigentliche Liebesgeschichte wird ein wenig zu distanziert, zu wenig nuanciert erzählt, zumal Nathalie als Figur eher unterdurchschnittlich entwickelt worden ist. Petrovic verschenkt hier einiges an Potential.
Auf der eigentlichen Plotebene erweitert der Autor insbesondere im letzten Drittel des Buches für den Leser überraschend das Spektrum des Romans. Konzentrierte er sich bislang auf die in erster Linie implizierte serbische Geschichte von Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs, wird mit dem Auftauchen eines Geheimpolizisten der Fokus plötzlich realer, gegenwärtiger und politisch deutlich kritischer. Schon zu Beginn des Buches konnte man verfolgen, dass Anasta Branicas Buch in einer der schönsten Ideen des ganzen Romans nicht nur die bislang Beteiligten zum Reisen in diese Phantasiewelt angeregt hat, sondern noch eine ganze Reihe guter wie böser anderer Menschen. Dazu benötigt man im Grunde nur zwei gleiche Exemplare des Buches, die parallel gelesen werden. Zum Wohl des Plots verzichtet der Autor gegen Ende auf den obligatorischen Schurken, der nicht nur die einzelnen Exemplare des Romans beschlagnahmt, stiehlt oder sich leiht, sondern die dahinterliegende Welt kontrollieren möchte. Er steht stellvertretend für die Grausamkeit der verschiedenen Kriege (die beiden Weltkriege und schließlich auch den jugoslawischen Bürgerkrieg, der in den einzelnen Protagonisten wie auch dem Autoren tiefe Narben hinterlassen hat), denen Petrovic seine bittersüße Liebesgeschichte gegenüber stellt.
Im Gegensatz zu den verspielt kritischen Allegorien eines Zoran Zivkovic steht bei Goran Petrovic trotzdem die eigentliche, ausgesprochen stringente Geschichte über jeder kritischer Botschaft. Trotzdem wirkt „Die Villa am Rande der Zeit“ als Plot nicht immer wirklich logisch und konsequent entwickelt.
Adam hat den Auftrag, nur einzelne Worte grammatikalisch zu korrigieren. Diese Aufgabe ergibt von Beginn an sowohl für den Leser als auch den Protagonisten keinen Sinn. Was würde geschehen, wenn er einzelne Worte verändern könnte. Ändert sich dieses Wort und noch wichtiger dessen Bedeutung in allen noch verfügbaren Exemplaren – die Zahl schwankt zwischen anfänglich sehr wenigen bis schließlich über dreißig gedruckten Ausgaben – des Buches? Es wird nicht klar, warum ausgerechnet Adam für die im Grunde sinnlose Aufgabe ausgesucht worden ist. Zwar schafft Petrovic in Form eines implizierten Erzählers eine gewisse Distanz zwischen Leser und eigentlichem Plot und kann die Geschichte für Außenstehende nachvollziehbarer erzählen, aber der eigentliche Impuls fehlt. Bei den weiteren Charakteren, die quasi in Branicas Traumwelt eindringen können, wird nicht klar, ob alleine die Lektüre seiner sehr persönlichen Liebesgeschichte reicht oder ob noch weitere Voraussetzungen hinzukommen müssen. Da sich der Autor auf die beiden wichtigsten Figuren – Anasta Branica als Erzähler und wie sich später erst herausstellt Nathalie in hohem Alter – konzentriert, wirken die anderen Eindringlinge eher störend und der Versuch, in dieser romantischen und vom eigenen Erzähltempo getragenen Geschichte Spannung aufzubauen überambitioniert. Diese Vorgehensweise erscheint fast ein Kompromiss an die Lesegewohnheiten des Publikums, der unnötig bis störend ist.
Sprachlich behut- wie einfühlsam aus dem Serbischen übersetzt ist „Die Villa am Rande der Zeit“ eine interessante Liebesgeschichte, die ohne Pathos versucht, verschiedene Menschenschicksale – hier bleibt der Autor auf einer persönlich und unpolitischen, daher kaum angreifbaren Ebene – miteinander zu verbinden. Er lässt seinen Lesern ausreichend Raum, eigene Phantasien zu spinnen, wobei auf der anderen Seite insbesondere die jüngere jugoslawische Vergangenheit eher oberflächlich, teilweise stereotyp und jegliche Fallstricke des Bürgerkriegs nicht immer elegant umschiffend sicherlich ausreichend Diskussionsstoff in der Heimat Petrovics verbirgt. „Die Villa am Rande der Zeit“ ist trotz des bekannten und nicht immer überraschend erzählten Plots ein unterhaltsames Buch, das in erster Linie von seiner souveränen Mischung aus Wirklichkeit und Traum, sowie seinen liebenswert aber nicht immer überzeugend gezeichneten Verlierertypen lebt. Es ist allerdings wichtig, das sich der Leser von der melancholischen Grundstimmung, der Sehnsucht nach einer längst vergangenen, nicht unbedingt besseren aber anderen Zeit einfangen lässt, damit sich auf den letzten Seiten das ganze Panorama von Petrovics interessanter Geschichte einer reinen, platonischen und idealisierten Liebe entfaltet. Auf der politischen Ebene allerdings verklärt Petrovic sehr die Geschichte der Serben und versucht einen Bogenschlag zum insbesondere westlichen Europa, der angesichts des tatsächlichen Geschichtsverlaufes teilweise brüskiert. Sicherlich lassen sich die Exzesse der Nationalsozialisten mit ihren KZ nicht im gleichen Atemzug nennen wie der Völkermord auf dem Balkan, aber vergleichbare Tendenzen ignoriert Petrovic beharrlich und die wenigen politisch kritischen Passagen beziehen sich eher auf die Exzesse des überlebten Sozialismus unter Tito als auf die Zeit der Volksverhetzer, die Serbien in einem blutigen Bürgerkrieg geführt und sich selbst die Taschengefüllt haben. In dieser Hinsicht zielt Petrovic auf einem Auge absichtlich blind deutlich am Ziel vorbei. So bleibt „Die Villa am Rande der Zeit“ in emotionaler Hinsicht eine schöne, vielleicht zu verklärte Geschichte, die sich wie die Protagonisten des Romans vor jeglicher Realität und realistischer Einschätzung der eigenen Vergangenheit in die imaginäre und deswegen grell bunte bis kitschige Welt ihrer besonderen „Literatur“, um dort Mensch zu sein.

Goran Petrovic: "Die Villa am Rande der Zeit"
Roman, Softcover, 400 Seiten
DTV 2011

ISBN 9-7834-2324-8242

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