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Literatur (diverse)



Jonathan Lethem

Chronic City

rezensiert von Thomas Harbach

In dem ersten seiner nicht miteinander verbundenen Studie um New York und Freundschaft “The Fortress of Solitude” beschrieb der Amerikaner Jonathan Lethem ausgesprochen plastisch, was es heißt, im New York der siebziger Jahre aufzuwachsen. Auf der verkehrten Seite der Glitzerfassade. Es ist eine wunderschöne, zeitlose Geschichte über die Entwicklung verschiedener Menschen, die aufgrund gemeinsamer Interessen - in erster Linie Comics und Film - sich wie Schiffe auf einem Fluss, keinem Ozean immer wieder begegnen, manchmal einen Teil der Reise gemeinsam antreten oder sich in verschiedenen Lebensabschnitten nur zuwinken können. “Motherless Brooklyn” ist eine schwierig zu greifende Arbeit, da Jonathan Lethem zu viele teilweise bizarre Ideen in eine eher experimentelle, niemals richtig stringente Handlung gepackt hat. “Chronic City” bildet auf der einen Seite einen Abschluss dieser Serie, Lethems Charaktere sind in einer anscheinend verzerrten, aber erkennbaren Gegenwart angekommen, auf der anderen Seite ist es aber auch das am stärksten konstruierte und zu wenig gelebte Buch dieser New York Serie, das eher an einen modernisierten Paul Auster erinnert als an die kraftvolle Stimme, die aus “The Fortress of Solitude” gedrungen ist.
Das liegt weniger an der kaum vorhandenen Handlung, die in erster Linie aus einer sehr losen Abfolge von unterschiedlichen Menschen besteht, die sich um eine gemeinsame Mitte - den ehemaligen Kritiker, Provokationskünstler und Enfant Terrible Perkus Tooth - drehen. Zynisch gesprochen könnte es sich bei Lethems Arbeit um einen provozierenden Gegenentwurf zu Nick Horneys “About a Boy” handeln. Während Hornbys melancholischer Protagonist aufgrund der Tantiemen, die er von der Nutzung eines bekannten Weihnachtslied geschrieben von seinem längst verstorbenen Vater erhält, finanziell unabhängig ist, lebt Chase Insteadman von seinen Mieteinnahmen. Als Junge war er Star in einer populären Fernsehserie, danach trat er noch in einer “Columbo” Folge auf, bevor er aufgrund seiner Popularität nicht mehr flexibel als Schauspieler einsetzbar ist. Insteadman ist der Ich- Erzähler der Geschichte. Seine Freundin treibt als Astronautin an Bord einer internationalen Raumstation im All. Chinesische Sprengstoffsatelliten haben ihr Raumfahrtzeug zerstört und machen eine Rückkehr unmöglich. Insteadman rückt so in den Fokus der Öffentlichkeit. Um es gleich vorweg zu nehmen, die Fernbeziehung - Insteadmans Verlobte Janice schickt immer verzweifelter und schließlich auch kränker werdend - Nachrichten aus dem Orbit nach New York, zu ihrem Freund, mit dem sie anfänglich noch Kinder haben möchte. Obwohl aufgrund der Ich- Erzählerebene die Chance besteht, ganz nah an seine Figuren heranzurücken, macht Jonathan Lethem aus dieser Idee im Grunde viel zu wenig. Janice wird zu einer Art imaginären MacGuffin. Dem Leser wird irgendwann im viel zu phlegmatischen Mittelteil klar, dass der immer weltfremder und exzentrischer werdende Insteadman im Grunde diese Freundin nicht verdient. Es fehlt vielleicht absichtlich die Wärme einer Beziehung. Vielleicht hat Jonathan Lethem die gefährliche Klippe der romantischen Klischees auch möglichst weit umschiffen wollen, dabei hat er das Ziel aus den Augen verloren. Das Ende dieser immer weiter auseinander driftenden Beziehung ist absehbar, der Paukenschlag wird allerdings derartig beiläufig und in diesem Fall vor Insteadman praktisch erzählt, das man ihn zweimal lesen muss. Insteadman bleibt eine Chiffre. Als Figur ist er zu blass angelegt, der praktische Beobachter der bizarren Vorgänge. Es seiner im Grunde langweiligen Existenz mit nur ganz wenigen Aufträgen wird er durch einen Zufall herausgerissen. Im Büro des DVD Herstellers Criterion er dem paranoiden Perkus Tooth, der ihn auf eine Reise in New Yorks jüngere Vergangenheit mitnimmt. Perkus Tooth ist wahrscheinlich der farbenfroheste Charakter des ganzen Romans. In seiner unaufgeräumten Wohnung verkörpert er den Außenseiter, dem weltfremden Narren, der sich für “The Twilight Zone” - nur echt auf VHS Kassette - genauso interessiert wie er nie einen “The New Yorker” käuflich erwerben würden. In seiner mietpreisgebundenen Wohnung wird der stetig kiffende Tooth zu einem intellektuellen Katalysator für Mitglieder der unterschiedlichsten Gesellschaftsstufen. Ganz bewusst überzeichnet Lethem diese Figur, um aus ihre später eine Art Mahner des gesellschaftlichen Wandels zu machen, der das einzigartige Gesicht New Yorks dem klassischen Kapitalismus opfert. Am Ende überspannt der Autor vielleicht ein wenig den Bogen und fordert seine Leser zu sehr und zu unnötig heraus. Tooth spricht in erster Linie die Menschen an, die irgendwo zwischen Popart und populistischer Unterhaltung aufgewachsen sind. Die verschrobenen Sammler, welche ihre Reliquien zu Heiligtümern machen. Die Angst vor der Realität haben und trotzdem von ihr fasziniert angezogen werden wie Motten zum Licht. Die sich von ihrer Umgebung isolieren und trotzdem ein Publikum benötigen, das sie auf einen imaginären Pantheon hebt.
Zwischen Insteadman und Tooth steht mit der Ghostwriterin Oona Laszlo ein klassischer Amerikaner. Sie schreibt die Biographien wichtiger und unwichtiger Menschen, um sich hinter den Leben der Anderen verstecken zu können. Sie verliebt sich in Insteadman, obwohl sie weiß, dass dessen Freundin im metaphorischen Sinne jede Bewegung aus dem Orbit verfolgen kann. Sie trennt Arbeit vom Vergnügen. Sie ist ausgesprochen intelligent und kommentiert pointiert die platonisch intellektuelle Beziehung zwischen dem Angst vor Sex habenden Tooth und dem neugierig gewordenen Insteadman. Vielleicht entspricht die Beziehung zwischen Insteadman und Oona Lazlo der modernen Jetsetgesellschaft, die auf Treue keinen Wert mehr legt. Oona Laszlo ist vielleicht die normalste Figur dieser Sammlung angeknackster Charaktere, aus deren Mitte der neureiche Unternehmer Richard mit seiner Gespielin herausragt. Er ist ein typischer Jäger und Sammler. Die Bietorgien auf Ebay gehören zu den emotionalsten Szenen des Buches. Jonathan Lethems Figuren behandeln dieses “3-2-1 meins” System als eine Art heiligen Gral, der ihnen zwar keinen Reichtum, aber den langen vermissten Nervenkitzel beschert.
Über die gut gezeichneten Figuren hinaus ist “Chronic City” natürlich eine borstige, manchmal liebenswerte Studie des Big Apples mit seiner Schmelztiegelbevölkerung. Das Spektrum reicht von den Bohemiens, den Neureichen über die Obdachlosen - wobei Blinker als wohnungsloser Computerfreak mit einem Hang für schräge Literatur zu sehr überzeichnet worden ist - bis zur anonymen Mittelschicht, die vom Moloch Großstadt nach einem arbeitsreichen Leben im übertragenen Sinne gefressen wird. Irgendwo zwischen Erinnerungskult an die inzwischen angepasste, vielleicht sogar spießige Flowerpowergeneration und den ewig Gestrigen beschreibt Jonathan Lethem fast ein New York der Legenden und nicht der Realität. So ist der “Tiger” - eine Art bizarrer Running Gag - anscheinend eine gigantische Baumaschine, die ursprünglich für einen neuen U- Bahntunnel eingesetzt worden ist. Erst hängt sie beim letzten Tunnelabschnitt wie in einem zu engen Geburtskanal fest, dann gräbt sie sich scheinbar wahllos und unkontrolliert durch die New Yorker Unterwelt. Sie lässt teure Miethochhäuser genauso einstürzen wie renovierungsbedürftige Eckkneipen, die für Tooth wie ein zweites zu Hause gewesen sind. Spätestens der “Tiger” sorgt dafür, das sich das alte New York - ob es jemals in dieser Form real gewesen ist, bleibt sowohl den Lesern als auch Tooth überlassen - in Staub auflöst. “Chronic City” ist sicherlich kein einfaches Buch. Aufgrund des eher facettenartig angelegten Plots; Jonathan Lethems Liebe zu den vielschichtigen, aber manchmal auch frustrierend borniert beschriebenen Figuren sowie einer Reihe von nicht immer gleich verständlichen Anspielungen auf Undergroundmusik bzw. - Literatur muss sich der Leser förmlich in den “Roman” hineinarbeiten. Nach dem interessanten und sehr lebhaft beschriebenen Anfang verliert der Autor im zu langen, zu wenig gezielt angelegten Mittelteil ein wenig die Übersicht, um letzt endlich mit einer Mischung aus Melancholie, Zynismus, Kitsch und Verzweifelung die Lebenswege der einzelnen Protagonisten entweder zu Ende zu bringen oder derartig miteinander zu verflechten, dass sie “bürgerlich” werden. Es ist schade, dass Lethem die angenehme Exzentrik der Auftaktkapitel - sie sind der mit großem Abstand stärkste Teil des Buches - im Verlaufe der Handlung nur sporadisch wieder zum Leben erweckt hat. Sicherlich ist “Chronic City” ein Buch über ein etwas anderes New York, in dieser Hinsicht bleibt “The Fortress of Solitude” allerdings seine beste und eher empfehlenswerte Arbeit. Manchmal hat der Leser das unbestimmte Gefühl, als versuche Lethem vergeblich das Lebensgefühl dieses unterschätzten Meisterwerks wieder zu finden. Irgendwo zwischen den Straßenruinen, welche der Tiger auf dem Weg zum grenzen- wie rücksichtslosen Kapitalismus hinterlassen hat.

Jonathan Lethem: "Chronic City"
Roman, Softcover, 574 Seiten
Faber & Faber 2010

ISBN 9-7805-7123-5674

Weitere Bücher von Jonathan Lethem:
 - Die Festung der Einsamkeit
 - Girl in a Landscape
 - Knarre mit Begleitmusik
 - Menschen und Superhelden
 - The Walls of the Sky, The Walls of the Eye

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