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Literatur (diverse)



Joyce Carol Oates

Black Water

rezensiert von Thomas Harbach

Obwohl in den USA als großformatiger Paperback und als Roman angekĂŒndigt erschienen ist die 1992 erschienene Geschichte "Black Water" im Grunde eine klassische Novelle aus der Feder der amerikanischen Schrifstellerin Joyce Carol Oates. Joyce Carol Oates hat fĂŒr ihre Geschichte den "National Book Critics Cirle Award" erhalten und ist fĂŒr den Pulitzerpreis vorgeschlagen worden.
Obwohl die Autorin immer betont hat, das es sich bei ihrer Geschichte um eine dunkle bis zynische Parabel ĂŒber junge, optimistische Menschen handelt, die sich bedingungslos in die HĂ€nde von Ă€lteren politisch einflussreichen MĂ€nnern begeben und deren Vertrauen auf brutalste Art und Weise mißbraucht wird, sind die historischen Parallelen unĂŒbersehbar. Anscheinend spielt die Autorin auf den sogenannten Chappaquiddick Zwischenfallen als dem Jahre 1969 an, bei dem Mary Jo Kopechnes Leiche in einem Fahrzeug aufgefunden worden ist, dass Edward Ted Kennedy gehört hat. Der Wagen war an einer alten HolzbrĂŒcke auf der kleinen, abgeschieden gelegenen und populĂ€ren Ferieninsel im Wasser gefunden worden. Kennedy hatte die Party eine alten Parteifreundes und dessen Kinder ĂŒberraschend besucht.
Erst nach der Entdeckung des in einem Sumpfmorast unter Wasser liegenden Wagens hat Kennedy zugegeben, dass Mary Jo seine Passagierin gewesen ist. Mit ĂŒberhöhter Geschwindigkeit - nach Alkoholkonsum ist vorsichtshalber nicht gefragt worden - hat Kennedy den Wagen nachdem er falsch abgebogen ist von einer BrĂŒcke ins Wasser gelenkt. Kennedy bekannte sich schuldig, die Unfallstelle verlassen zu haben. Das Bittere an der ganzen Geschichte ist, dass bei einer rechtzeitig Benachrichtigung der Polizei Mary Jo Kopechne noch in dem versinkenden Wagen hĂ€tte gerettet werden können. Viele Insider sind der Ansicht, dass diese im Grunde fahrlĂ€ssige Tötung Ted Kennedys Griff nach dem PrĂ€sidentenamt fĂŒr alle Zeiten verhindert hat.
Joyce Carol Oates folgt diesem Szenario fast sklavisch. Nur hat sie die Geschichte um knappe zwölf Jahre in die Zukunft verlegt. Sie spielt jetzt im Jahr 1991. George Bush und Ronalds Reagan als republikanische PrÀsidenten werden expliziert genannt, wÀhrend Bobby Kennedy als Gegenbeispiel der Demokraten aufgerufen wird. Der Golfkrieg ersetzt den Vietnamkrieg als signifikanten Wendepunkt in der amerikanischen Geschichte.

Ganz bewußt hat Joyce Carol Oates ihre Geschichte nicht stringent erzĂ€hlt. Immer wieder verweist sie darauf, dass ihre Protagonistin Elizabeth Anne Kelleher im Grunde in dem Augenblick "gestorben" ist, in dem sie der Macht des Senators erlegen und in seinen Wagen gestiegen ist. Ihr Hintergrund wird angesichts der KĂŒrze der Geschichte expliziert entwickelt. Sie arbeitet nicht nur fĂŒr das Magazin "CitizenÂŽs Inquiry", dessen Titel aber nicht fĂŒr eine regierungskritische Haltung steht, sie hat ihre Masterarbeit ĂŒber den Senator geschrieben. Sechsundzwanzig Jahre alt und von der Autorin ein wenig naiv beschrieben verfĂ€llt sie schnell dem Charisma des namenlosen, aber klar erkennbaren Senators.
In Bezug auf den namenlosen Politiker bleibt Joyce Carol Oates der Historie treu. Die ZĂŒge Ted Kennedys sind klar zu erkennen, auch wenn der Protagonist deutlich Ă€lter, seit dreißig Jahren verheiratet und von seiner Frau getrennt lebend ist. 1969 war Ted Kennedys Frau schwanger und verlor im Anschluss an die Beerdigung der jungen Frau ihr Kind. In Bezug auf die emotionalen Spannungen/ AnziehungskrĂ€fte macht Oates in diesem Punkt den Senator zugĂ€nglicher menschlicher. Ein Großteil des öffentlichen Protestes 1969 richtete sich auch keine die fehlenden moralischen Skrupel Kennedys, mit einer attraktiven Frau öffentlich zu flirten, wĂ€hrend die eigene Gattin hochschwanger zu Hause bleiben mußte. Da Oates Senator deutlich Ă€lter ist, als Kennedy es 1969 gewesen ist, leidet er unter schwerhörig. Beide - sowohl Oates Protagonist als auch Ted Kennedy - sind allerdings Gewohnheitstrinker und sehr aggressive Fahrer. Interessanterweise ist der Richter Boyle der Ansicht, das Kennedy zusammen mit Kopechne es nicht so eilig gehabt hat, um die letzte FĂ€hre zu erreichen, sondern das Kennedy aus anderen GrĂŒnden diesen kleinen, schwer zu ĂŒberschaubaren Weg eingeschlagen hat. Joyce Carol Oates dagegen impliziert, dass der Senator die Gegend nicht kannte und deswegen auf einen alten, seit Jahren nicht mehr benutzten Weg zurĂŒckgegriffen hat, wĂ€hrend die ausgebaute Straße nur wenige Meilen spĂ€ter direkt zur FĂ€hre fĂŒhrte. HĂ€tte der Senator diesen Weg benutzt, wĂ€ren sie beide rechtzeitig und ohne Probleme zur FĂ€hre gekommen.
Der Untersuchungsbericht aus dem Jahre 1969 konnte nicht mehr feststellen, ob Ted Kennedy die Fahrt betrunken angetreten hat. Zumindest Joyce Carol Oates deutet an, dass der an Alkohol gewöhnte Senator die Grenzen der FahrtĂŒchtigkeit erreicht hat.

Wie schon angedeutet verzichtet Oates auf eine stringente ErzĂ€hlstruktur, bleibt sich aber hinsichtlich des Fokus von der ersten im Grunde bis auf die letzten Szenen treu. WĂ€hrend der Senator ausschließlich aus der Perspektive der jungen, beeinflussbaren Protagonisten betrachtet wird, rĂŒckt der Leser sehr nahe an Elizabeth Anne Kelleher heran. Durch die chronologischen SprĂŒnge - insbesondere hinsichtlich ihres verzweifelten Überlebenskampfes im versinkenden Autos - baut die Autorin eine intensive, sehr dunkle, zynische, aber nicht konsequent die MĂ€chtigen verurteilende AtmosphĂ€re auf. AnfĂ€nglich ist die in ihrer Beziehung zu einem aggressiven, dominanten Freund gescheiterte Kelleher vom Objekt ihrer Studien, aber nicht gleich ihrer Begierden angezogen wie abgestossen. Von seinem Charisma, seinen professionellen Äußerungen und seinem Wesen fĂŒhlt sie sich anzogen, körperlich scheut sie seine BerĂŒhrungen und erkennt die Spuren, welche insbesondere der exzessive Alkoholgenuss auf seinem Gesicht hinterlassen hat. Sie ist sich nicht im Klaren, warum sie ĂŒberstĂŒrzt ihren Urlaub in dem Ferienparadies und Haus ihrer Freundin abbricht, um nur etwas lĂ€nger in unmittelbarer NĂ€he des Senators zu sein. Joyce Carol Oates ĂŒberlĂ€sst in diesen Punkten auch sehr viel der Phantasie ihrer Leser. Kelleher ist ein positiv denkender Mensch, der Politik eher als etwas Optimistisches betrachtet. Dabei verschließt sie allerdings auch von Oates angedeutet die Augen vor der RealitĂ€t. Die wenigen Ausschnitte ihrer Studienarbeit wirken oberflĂ€chlich, fragmentarisch. Zwar erhĂ€lt der Leser rudimentĂ€re Informationen ĂŒber die ersten GesprĂ€che zwischen Kelleher und dem Senator, dem Leser wird aber niemals deutlich klar, ob der Politiker wirklich an der jungen Frau als Persönlichkeit interessiert ist oder nur ein weiteres williges Opfer fĂŒr einen One Night Stand sucht. Auch Kellehers Meinung zum Senator wird im Verlaufe der kurzen, sehr intensiven Geschichte dunkler, ein wenig realistischer. Aber fĂŒr sie ist es zu spĂ€t. Oates versucht auch die Entfremdung der MĂ€chtigen - symbolisch dargestellt am Verhalten des Senators und seines Parteifreundes, die als einzige Ă€ltere MĂ€nner die Party der Kinder und deren Freunde im Grunde auf der Jagd nach Frischfleisch besuchen - zu beschreiben. Angesichts der folgenden persönlichen Tragödie bleiben diese Aspekte unterentwickelt und stellenweise klischeehaft oberflĂ€chlich.
Ein breiteres Spektrum nimmt - im Gegensatz zur feigen Flucht des Politikers, der die junge Frau im Stich lĂ€sst - Kellehers Überlebens bzw. Todeskampf ein. Wie in Ambrose Bierce berĂŒhmter Geschichte bzw. Verfilmungen wie "Carnival of Souls" oder "JacobÂŽs Ladder" beginnt die junge Frau Visionen zu haben. Es beginnt damit, dass sich ihre eigene Rettung vorstellt. Im Krankenhaus wird schwarzes Wasser - daher auch der Titel der Novelle - aus ihr herausgepumpt. Sie vergleicht es mit dem Selbstmordversuch einer MitschĂŒlerin. Im Gegensatz zu dem anderen jungen MĂ€dchen hat sich Kelleher gerade entschlossen, trotz des schmerzhaften Endes der Beziehung zu ihrem dominanten Freund zu leben und das Leben zu genießen. Es ist die bittere Ironie, dass ihr die Gedanken im Augenblick ihres Todes kommen, in dem Augenblick, in dem der Leser im Gegensatz zu ihr schon erkennt, dass die MĂ€chtigen sie im Stich gelassen haben. SpĂ€ter versucht sie ihre SchuldgefĂŒhle hinsichtlich der eher angedeuteten AffĂ€re mit dem Senator zu ordnen. Dieser hat sich ja von seiner Frau getrennt und die Kinder sind erwachsen. Diese Passage wirkt eher aufgesetzt, die moralischen Implikationen sind von Oates klar und deutlich genannt. Vielleicht hĂ€tte es den Roman zu dĂŒster gemacht, wenn - wie in der RealitĂ€t - Kelleher eine AffĂ€re mit dem Ehemann einer Schwangeren angefangen hĂ€tte. Deutlich intensiver ist ihre Auseinandersetzung mit einem Artikel, den sie gegen die barbarischen Todesstrafen, welche in den USA verhĂ€ngt werden, geschrieben hat. Im Grunde erinnert ihr langsames Ersticken sowohl an das HĂ€ngen der Verurteilten wie auch die Gaskammer. Am Ende ihres in der RealitĂ€t wahrscheinlich ĂŒber zwei Stunden andauernden Todeskampfes hat sie eine Vision, in welcher ihre Eltern sehen, wie ihr lebloser Körper aus dem Wasser gezogen wird. Sie sehnt sich in die Arme ihrer Eltern und damit den Schutz ihre Familie zurĂŒck. Diese Szenen sind von Joyce Carol Oates mit beeindruckender IntensitĂ€t beschrieben worden und bleiben dem Leser sehr lange im GedĂ€chtnis.
Obwohl sie das Thema Schuld nur indirekt anspricht, in dem sie die Ausreden des ĂŒberforderten Senators – angeblich hat die Beifahrerin ihm ins Lenkrad gegriffen – isoliert im Raum stehen lĂ€sst, ist die kritische Zielrichtung gegenĂŒber jeglichem Machtmissbrauch in jeder Zeile dieser packenden, nachdenklich stimmenden, politisch damals wie heute brisanten Novelle ĂŒberdeutlich zu erkennen. Mit dem HeranrĂŒcken der Geschichte an die Gegenwart der frĂŒhen neunziger Jahre unterstreicht die Autorin, wie austauschbar Politiker und ihre Machtgehabe inzwischen geworden sind und wie weit sie sich vom Volk und dessen WĂŒnschen entfernt haben. „Black Water“ ist nicht nur eine ideale EinstiegslektĂŒre in Oates umfangreiches Werk, in dem sie sich immer wieder mit dem amerikanischen Mittelstand und seinem VerhĂ€ltnis zur eigenen Nation auseinandergesetzt hat, sondern qualitativ eine ihrer besten und zeitlosesten Arbeiten, die lange dem Leser im GedĂ€chtnis bleibt.

Joyce Carol Oates: "Black Water"
Roman, Softcover, 155 Seiten
Plume Book 1992

ISBN 9-7804-5226-9866

Weitere Bücher von Joyce Carol Oates:
 - Blond
 - Nach dem UnglĂŒck schwang ich mich auf, breitete meine FlĂŒgel aus und flog davon

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