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Literatur (diverse)



Brian W. Aldiss

Forgotten Life

rezensiert von Thomas Harbach

Nach “Life in the West” ist “Forgotten Life” der zweite Roman einer stark autobiographisch gefärbten Tetralogie des britischen Autoren. Viele Ideen - im vorliegenden Buch dem verstorbenen Bruder des Protagonisten auf den Leib geschrieben - greift Aldiss knapp sechzehn Jahre später in seiner Autobiographie “Twinkling of a Eye” wieder auf.

Im Mittelpunkt von “Forgotten Life” steht mit dem neunundvierzigjährigen Clement Winter ein weiteres Alter Ego des Autoren. Winter ist Psychoanalyst und Dozent an der bekannten Universität von Oxford. Seine Frau Sheila hat er im wahrsten Sinne des Wortes auf der Behandlungscouch kennen gelernt. Inzwischen ist sie eine bekannte Bestsellerautoren von romantischen Fantasy Romanen und verdient das Geld in der Familie. Sie hat auch eine Affäre mit einem jüngeren Mann. Clements älterer Bruder Joseph ist ob wenigen Tagen verstorben und hat ihn mit der Ordnung seines Nachlasses beauftragt. Darunter befinden sich Briefe an verschiedene Geliebte, in denen Joseph unter anderem auch über die eigen Jugend berichtet sowie Fragmente eines möglicherweise autobiographischen Romans, in welchem Joseph von seinem Dienst im vergessenen britischen Regiment während des Burma- Feldzuges im Zweiten Weltkrieg. Alleine diese sehr intensiv geschriebenen Passagen machen “Forgotten Life” zu einer Art Eintrittstür in die eine halbe Jahr später verfasste Autobiographie. Auch wenn die Autobiographie erst deutlich später veröffentlicht worden ist, lohnt es sich, diese zu erst zu lesen. Die Fakten können besser vom teilweise surrealistischen Hintergrund getrennt werden. Dabei sind die phantastischen Ideen wie ein Kino für die Soldaten in einer Art Eigenbetrieb aufgebaut und mit den Resten der vorhandenen Filme betrieben wahr. Im Vergleich zu “Twinkling of a Eye” geht Aldiss allerdings weniger auf die Details der kriegerischen Auseinandersetzungen ein. Die Berichtsform distanziert den Leser durch die übergeordnete Beobachterrolle Clement Winters noch weiter vom Geschehen und negiert einen Teile der schrecklichen Entbehrungen, denen sich die technisch unterlegenen und mit der Kriegssituation überforderten britischen Soldaten stellen mussten. Sowohl in “Twinkling of an Eye” - eher amüsant rückblickend - als auch im vorliegenden Roman “Forgotten Life” geht es auch und in erster Linie um die Stellung des Menschen bzw. der Alter Egos in einem immer unstrukturierter und schwieriger werdenden “Kosmos”. Clement Winter muss erkennen, das sein Leben im Vergleich zu den Abenteuern seines Bruders langweilig, allerdings auch sicher; leer, dafür aber auch ruhig ist. Clement Winter ist die klassische Inkarnation des Schreibtischtäters, der mittels seiner Texte, Romane oder Analysen über Leben zu urteilen sucht, deren Einordnung ihm die fehlende Lebenserfahrung verbietet. Es ist sicherlich kein Zufall, wenn auch ein wenig schwerfällig konstruiert, das Sheila Winter sich trotz des Mißbrauchs durch den Stiefvater nicht als emotionales Wrack erweist, sondern als lebensfrohe, wenn auch egoistisch leicht exzentrische Persönlichkeit, die unter den schlechten Kritiken ihrer Bücher trotz glänzender Verkaufszahlen leidet. Der verstorbene und alleine durch seine Briefe und Tagebuchaufzeichnungen/ sekundärliterarische Texte präsente Clement Winter hat aus den Widersprüchen des Lebens seine Kraft gezogen. Dabei verlagert Aldiss die Midlifecrisis, die Angst vor dem Alter und die beständige Auseinandersetzung mit der Idee, sein Leben nicht gelebt zu haben, auf zwei sehr unterschiedliche Charaktere, die - wie der Leser der Autobiographie schnell erkennt - im Grunde beide nur zusammen den Schriftsteller Brian W. Aldiss ergeben. Phantastische Element beschränken sich auf eine Vision, in welcher Clement Winter glaubt, den Geist seines verstorbenen Bruders in dessen Wohnung gesehen zu haben.

Neben den im Zweiten Weltkrieg spielenden Episoden, die schließlich in einer Rechtfertigung des Einsatzes der Atombomben über Japan gipfeln und irgendwie aufgesetzt wirken, dominiert die lebenslange Liebe zu Asien im Allgemeinen und Sumatra im Besonderen den Mittelabschnitt des Romans. Wie im wirklich Leben kehrt Aldiss Alter Ego noch einmal nach dem Krieg nach Sumatra zurück, um nach dem Haus der Verwandten seiner langjährigen Freundin zu suchen. Er wird von den Fremden freundlich aufgenommen, auch wenn sie ihm bei seiner Suche nicht helfen können. Zwischen den Welten gefangen baut Joseph Winter keine längeren Beziehungen zu Frauen auf. Anscheinend erkennt er in ihnen nicht das inzwischen verklärte überzeichnete Bild der ehemaligen Geliebten. Auf der anderen Seite ist der intellektuelle Clement Winter mit der inzwischen mehr platonischen Beziehung zu seiner erfolgreichen, aber nicht gänzlich lebenstüchtigen Ehefrau zu frieden. Er akzeptiert ihren Liebhaber wie er bedauert, die Chancen des Lebens nicht öfter wahr genommen zu haben. Das klassische Modell einer Vorzeige Ehe führen beide Winters nicht. Sie sind sich ihrer Schwächen bewusst, wollen oder können aber nicht gegensteuern. Die Vergangenheitshandlung und die Gegenwartsebene laufen schließlich in der Erkenntnis zusammen, das Joseph Winter unter einer sehr seltenen Krankheit leidet, die ihm den kreativen Willen nimmt und seine Konzentrationsfähigkeiten vermindert. Auch hier gibt es in Aldiss realem Leben bevor er mit dieser Tetralogie die Science Fiction verlassen hat und wieder in den Mainstream übergewechselt hat, eine reale Entsprechung. Mit dieser nur vordergründig erschütternden Erkenntnis verliert allerdings diese pointiert und vielschichtig geschriebene, sorgsam konstruierte Alternativbiographie auch ihren Reiz. Aldiss versucht ein wenig in die eigene Zukunft zu schauen. Clement Winters Welt gerät noch mehr ins Wanken, als Sheila ihn zu verlassen droht. Er kann sich nicht mehr den Schriften seines Bruders festhalten, da dieser mit einem Schwenk über die eigene Jugend vor der Militärzeit in Asien das Schreiben aufgegeben hat. Auf sich alleine gestellt droht sein bisheriges Leben zusammenzubrechen. Aldiss und Winter beginnen aber nicht nach der wichtigen Erkenntnissen zu suchen, sondern “Forgotten Life” verliert mit den abgeschlossenen Aufzeichnungen Joseph Winter seinen wichtigsten Fokus. Es ist erstaunlich, das die emotionale Balance zwischen den beiden Handlungsebenen sich rückblickend als derartig brüchig bis kaum vorhanden erweist. Im Gegensatz zu Clement Winter ist Joseph Winter mehr und mehr zu einer Chiffre geworden, die sich - in diesem Fall hinter fremden - Werken zu verstecken sucht. Selbst die literarischen Erfolge hat Aldiss nicht seinem ungleichen Bruderpaar - die in der Realität ein und die selbe Person sind - zugeordnet, sondern der im Grunde über den ganzen Roman bis auf satirisch klischeehaft geschriebenen Auftaktkapitel unwichtigsten weiblichen Person des Plots zugeschanzt.

“Forgotten Life” ist ein Buch, das in erster Linie als Versuch einer autobiographischen Romanadaption funktioniert und weniger als melancholische Selbststudie mit Existenzängsten und dem täglichen Kampf gegen die Midlifecrisis. Diese Ansätze gehen unter den grausamen wie wunderbaren so verschiedenen Erinnerungen an den Kriegsdienst und das Leben in einem sich selbst findenden Asien verloren. Es sind Joseph Winters Erinnerungen - teilweise noch Fingerübungen, dann wieder erstaunlich souverän formulierte Kapitel, die mit nur wenigen Änderungen in den spätere Autobiographie übertragen worden sind - , die “Forgotten Life” zu einem lesenswerten Roman machen. Aldiss zeigt mit leichter Hand, wie viele Fakten, Daten, Erinnerungen, Träume, Hoffnungen und Ängste, Triumphe und Tragödien in einem einzigen Leben stecken und das alle diese Erlebnisse mit dem unweigerlichen Tod verloren gehen. Der Versuch, sie zu Papier zu bringen, ist gelungen. Die Selbstzweifel des “Zeitzeugen”/ Verwandten wirken dagegen teilweise ein wenig zu sehr aufgesetzt, zu krampfhaft bemüht, unterhaltsam zu erscheinen und überzeugen nicht immer wirklich. Zusammengefasst ist “Forgotten Life” eine lesenswerte Arbeit, deren Schwächen sechzehn Jahre später im überzeugenderen “Twinkling of a Eye” ausgebügelt worden sind.

Brian W. Aldiss: "Forgotten Life"
Roman, Softcover, 320 Seiten
Abacus 1998

ISBN 9-7803-4911-0660

Weitere Bücher von Brian W. Aldiss:
 - Bury my Heart at W.H. Smith´s
 - O! Afrika
 - Terror
 - The Twinkling of an Eye

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