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Literatur (diverse)



Jonathan Lethem

The Walls of the Sky, The Walls of the Eye

rezensiert von Thomas Harbach

Der ungewöhnliche Titel “The Walls of the Sky, the Walls of the Eye” ist keine Hommage an Harlan Ellison, sondern einer kritischen Studie über Fritz Langs Filme entnommen. Es ist die zweite Geschichtensammlung Jonathan Lethems, wobei es Überschneidungen zu „Men and Cartoons“ gibt. Insgesamt sieben teilweise an Novellen erinnernde Texte unter anderem auch aus verschiedenen Science Fiction Magazinen sind in dieser 1996 zum ersten Mal veröffentlichten Sammlung zusammengefasst worden.


Die Auftaktgeschichte “The Happy Man” versucht Jonathan Lethems Ansicht der modernen dystopischen Familie mit einem Kindheitstrauma sowie Ansätze von Cyberpunk zu einer Mischung aus leider allem und gar nichts zu verbinden. Der Haupterzähler agiert als lebender Zombie nach seinem „Tod“ – hier vermeidet der Autor jegliche Definition des inzwischen nicht mehr endgültigen Begriffes – und besucht immer wieder seine Frau und seinen Sohn, die sich mehr und mehr von ihm entfremden. In seinen Sterbephasen findet sich der Erzähler in einer Art subjektiver Hölle wieder, die zumindest impliziert Videospielimpressionen sowohl in den Charakteren als auch dem Leser impliziert. Gegen Ende der Geschichte erkennt der Erzähler, dass das Leben seines Sohnes dem gleichen Kreislauf unterliegt wie sein eigenes. Das Ende ist dunkel aber konsequent, auch wenn Jonathan Lethem sich im Epilog eher verzweifelt und nicht überzeugend bemüht, die dramatische Familiengeschichte auf eine Art „überirdische Ebene“ zu hieven. Zusammengefasst lebt der Text von den soliden Beziehungen der einzelnen Figuren untereinander und das ist weder kitschig beschrieben noch klischeehaft. Der eigentliche Plot hätte bodenständiger entwickelt werden müssen, um die Dramatik intensiver auszudrücken. Eine kleine Variation stellt „Sleepy People“ dar. Zum einen, weil die Erzählerin weiblich ist und zum anderen, weil die wach schlafenden Leute eine Art Talisman sind, deren Einfluss bzw. deren Entstehung nicht weiter definiert worden sind. Die Story scheint in einer Zukunft zu spielen, in welcher die Homeland Security Kräfte berechtigt oder nicht die Kontrolle über das Land übernommen haben und Jugendgangs randallierend durch die Städte ziehen. Wie bei einigen anderen Texten dieser Sammlung ist die Charakterisierung der Protagonisten holzschnittartig und oberflächlich, was insbesondere bei den auf einer emotionalen Ebene spielenden Texte kontraproduktiv ist.

„Access Fantasy“ ist eine klassische Science Fiction Story und findet sich ebenfalls in der Storysammlung „Menschen und Superhelden“ . Die Welt der Reichen und Begüterten ist von den in der Überzahl befindlichen Slums der armen Bevölkerung durch eine nur einseitige zu durchdringende Barriere getrennt. Nur die schönsten und aussichtsreichen Slummenschen werden von automatischen Robotern durch die Barriere gebracht, um dort eine At moderne Werbung zu zelebrieren. Der Ton ist dunkler, die Dialoge sind schwerfälliger und Lethem fällt es schwer, aus der sehr guten Ausgangsidee eine wirklich überzeugende und nachdenkliche stimmende Geschichte zu machen. Er agiert stellenweise zu überambitioniert und lässt den zufrieden stellenden, wenn auch nicht innovativen Plot nicht den Raum, sich wirklich zu entwickeln.

“Light and the Sufferer” ist ein Beweis für Jonathan Lethems Stärke als Erzähler. Die Geschichte um zwei Freunde/ Brüder, welche mit einem letzten Coup das Geld für die Flüge nach Kalifornien zusammenklauen wollen, funktioniert auch ohne das phantastische Element, das Lethem eine hintergründige Erklärungen seinem geradlinigen Drama in der Tradition einer Reihe von Gangsterfilmen hinzufügt. Die Sufferer sind übernatürliche( ?) oder außerirdische (?) Wesen, die sich mit Voyeure an vom Tod bedrohte Menschen hängen und ihren letzten Augenblicke folgen. Donovan wird von einem dieser Wesen verfolgt, während er mit Rick nach dem nicht ganz erfolgreichen Coup zum New Yorker Flughafen flieht. Anstatt Bargeld haben die beiden Crack in nennenswerter Menge gestohlen. Eine Ware, die sie nicht mit in das sonnige Kalifornien nehmen können. Die ihnen wie ein Stein um den Hals gehängt wird. Stilistisch ansprechend und im Grunde eine typische Milieufreundschaft beschreibend verfolgt der Leser Lethems Bemühungen, seine Figuren als tragische Antihelden darzustellen, die ihr eigenes Schicksal nicht mehr kontrollieren können. Das am Ende die Geschichte mit keinem Happy End zu Ende geht, stellt der Autor unverrückbar schon in den einleitenden Sätzen klar und nimmt seinem Text zu Gunsten einer morbiden, aber faszinierenden Atmosphäre wichtige Spannungselemente. Die Sufferer werden als Art “Geister” beschrieben, die gegen sie gerichtete Gewalt neutralisieren können und ohne das ihre Motive hintergründig herausgearbeitet werden, zu einer Art Todesengel werden. Dabei beschränkt sich positiv für die ganze Geschichte der Autor auf rudimentäre Beschreibungen und überlässt es dem Leser, sich die fremden Wesen vorzustellen.

„How we got in town and out again“ ist eine Postdoomsday Geschichte - obwohl Lethem nicht extrapoliert, wie die Zivilisation zusammengebrochen sind. Der Ich- Erzähler schlägt sich mit einem etwas älteren Mädchen, das auf ihn aufpasst, durch diese archaische Welt und macht schließlich zusammen mit ihr bei einem sadistischen, auf einer virtuellen Ebene ausgetragenen Wettbewerb mit, dessen Sieger 1000 Dollar erhält. Viel wichtiger ist, das die Teilnehmer während des Wettbewerbs versorgt werden. Sie dürfen nur nicht schlafen. Lethem fügt diesem zu oft verwandten Sujet keine neue Ideen hinzu. Selbst die Erkenntnis, das die Kräfte hinter den Kulissen schummeln, überrascht nur noch den naiven Ich- Erzähler. Ganz bewusst in einem eher schnoddrigen, an Hemingway erinnernden Stil geschrieben wirkt der Plot zu mechanisch, die Handlung bis zum zynischen, aber nicht nihilistischen Ende vorhersehbar. Das Experiment in „Five Fucks“ ist noch missratender. Was als Kriminalgeschichte vor einem unbestimmbaren Hintergrund beginnt wird zu einer Art surrealistischer Ansammlung einzelner Impressionen, die von keiner stringenten Handlung zusammengehalten werden. Die von Lethem erschaffenen sprachlichen Bilder sind teilweise eindrucksvoll, aber der Autor verzettelt sich in seinem überambitioniert wirkenden Experiment und findet wie der Leser aus dem Labyrinth seiner Gedanken keinen nachvollziehbaren und logischen Ausweg.

„The hardened Criminals“ ist eine Vater- Sohn Geschichte. Den Vater hat der Ich- Erzähler nie wirklich gekannt. Er sitzt im Gefängnis, das er zusammen mit einem Freund besucht. Kurze Zeit später wird auch der Ich- Erzähler eingeliefert. Die Begegnung mit seinem Vater, der einen legendären Ruf im Gefängnis hat, verläuft enttäuschend und schnell wird der Erzähler zum Objekt der Begierde für eine Gang innerhalb des Knasts. Lethems Erzählung ist eine zu distanzierte Desillusionierung der Vorstellungen eines intelligenten Sohnes von seinem Vater. Dabei arbeitet der Autor eher klischeehaft die Motivation des Sohnes heraus, gegen besseres Wissen und eine solide Ausbildung doch bei einem Raub mitzumachen und prompt erwischt zu werden. Im Vergleich zu den deutlich ergreifenderen Episoden in „Fortress of Solitude“ bleibt „The hardened Criminal“ oberflächlich. Auf der anderen Seite unterstreicht die Geschichte Lethems Talent, düster melancholische Gefängnisstorys zu schreiben und die nihilistische Atmosphäre innerhalb der geschlossenen Mauern eindringlich darzustellen.

Im Vergleich zu „Men and Cartoons“ ist „The Walls of the Sky, The Walls of the Eye“ die schwächere Kollektion. Manche Texte sind eher fragmentarisch und wirken zwischen größeren Romanprojekten zur Bezahlung der Rechnung niedergeschrieben. Andere Geschichte verfügen über gute Ideen, die nicht unbedingt befriedigend extrapoliert worden sind. Das Jonathan Lethem ein außergewöhnlich begabter Schriftsteller ist, der in erster Linie über das alltägliche Leben in seiner Heimatstadt New York schreiben kann, erkennt man nur an zwei Geschichten – „Light and the Sufferer“ und „The hardened Criminal“, die aus der durchschnittlichen Sammlung herausragen.

Jonathan Lethem : "The Walls of the Sky, The Walls of the Eye"
Roman, Hardcover, 294 Seiten
Harvest Books 2007

ISBN 9-7801-5603-2483

Weitere Bücher von Jonathan Lethem :
 - Chronic City
 - Die Festung der Einsamkeit
 - Girl in a Landscape
 - Knarre mit Begleitmusik
 - Menschen und Superhelden

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