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Literatur (diverse)



Joye Carol Oates

The Falls

rezensiert von Thomas Harbach


Joyce Carol Oates im Jahre 2004 veröffentlichte Generationen- Geschichte “The Falls” ist mehr als die Lebensgeschichte ihrer starken, teilweise fast ihre Angehörigen erdrückenden Ariah, die von einem schweren Schicksalsschlag gebeutelt im Verlaufe ihres Lebens an ihrer buchstäblichen Engstirnigkeit scheitert. Es ist auch mehr als die Geschichte eines der Naturwunder dieser Erde: der Niagara Wasserfälle im Norden der USA. Es ist das Portrait eines in sich zerrissenen Landes zwischen den Jahren 1950 und 1978, für das die Autorin im Grunde auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner ein hoffnungsvoll stimmendes, aber nicht gänzlich zufrieden stellendes Ende in Form eines irgendwie nach Happy End klingenden Abschieds verfasst hat. “The Falls” wird bestimmt durch ausgesprochen lebendige, dreidimensionale Charaktere, die vergeblich um die Sympathie des Lesers kämpfen. Diese werden ständig mit ihren persönlichen Fehlern - bis auf einen möglichen Abstecher ins Metaphysische, für den Joyce Carol Oates keine Erklärung bereit hält - , aber auch ihren Idealen konfrontiert. Sie reifen im Verlaufe des Buches zu verantwortungsvollen Menschen oder scheitern an der selbst gewählten Isolation, dem geistigen Starrsinn.

“The Falls” beginnt mit einem Selbstmord und endet mit der Ehrung eines Menschen, der knapp fünfzehn Jahre früher ermordet worden ist. Die beiden so unterschiedlichen Männer sterben in den Fluten der Niagara Wasserfälle bzw. ihres Abflusses. Was sie verbindet ist die Ehe mit der jungen Ariah, einer Klavierlehrerin. Ihr erster Mann hat nach am Morgen nach der Hochzeitsnacht Selbstmord begangen. Vermutlich weil er als Prediger erkannt hat, das er seine Frau nicht liebt und er in Wirklichkeit homosexuell ist. Zwei Wochen hat die schockierte Ariah gehofft, das alles nur ein Alptraum ist. Während dieser Zeit hat sie den jungen Anwalt Dirk Burnaby kennen gelernt, der bei der Suche nach Ariahs erstem Mann geholfen hat. Dirk Burnaby verliebt sich augenblicklich in die ungewöhnliche Frau. Bislang hat der aus reichem Hause stammende und unter dem Einfluss seiner dominanten Mutter lebende Burnaby das Leben genossen und wenig verantwortungsvoll agiert. Ariah und Dirk Burnaby heiraten schließlich, bekommen drei Kinder und versuchen das Leben ohne das Erbe der Mutter zu genießen. Für den aufmerksamen Leser ist es erstaunlich, wie genau Joyce Carol Oates die Ideale amerikanischer Mittelstandsfamilien förmlich seziert und teilweise als unrealistisch darstellt.

Bis zu diesem Punkt - etwa in der Mitte der Familiengeschichte - verfolgt der Leser die im Grunde positive Entwicklung Ariahs, einer für die fünfziger Jahre aufgeschlossenen und entschlossenen Frau. Dabei versucht die Autorin ihren Charakter nicht übertrieben zu extrapolieren. Sie geht als Jungfrau in die Ehe, hat aber Vorstellungen ihrer Zukunft, die ihr erster Mann gar nicht und Dirk Burnaby nur zeitweilig einhalten kann. Sie kann sich gut mit einem Leben als Mutter abfinden, sucht aber in den Klavierstunden, die sie gibt, eine Art Selbstverwirklichung. Kaum scheint sie ihr Ideal gefunden zu haben, isoliert sie sich von ihrer Umwelt. Menschen, die ihr bislang wenig bedeutet haben, können sie manipulieren. Während Dirk Burnaby den Fall eines Umweltskandals übernimmt, unter dem in erster Linie einfache Arbeiter und ihre Familien in den Gegend leiden und der von einem Chemiewerk verursacht worden ist, dem auch die Burnabys ihren Reichtum verdanken, entfernt sich Ariah nicht nur von ihrem Mann, sondern vor allem auch von den Lesern, die bislang fast ausschließlich bis auf wenige Rückblenden an ihrer Seite ausgeharrt haben. Geschickt wechselt Joyce Carol Oates plötzlich die Perspektive und rückt Verleumdungen/ Gerüchte in ein gänzlich anderes Licht. Der Familienmann mit den Grundlagen eines Playboys wird zu einem ausgesprochen interessanten, vielschichtigen Charakter, der sich plötzlich für die Vergangenheit seiner eigenen Familie schämt und für Recht/Ordnung, im Grunde für die Basis des amerikanischen Traums zu kämpfen sucht. Diese epochalen Veränderungen, denen sich die beiden markantesten Figuren des Buches unterwerfen müssen, sind von der Autorin ausgesprochen differenziert und vielschichtig beschrieben worden. Das mittlere Kapitel “Ehe” überschrieben endet mit einem vorläufigen Sieg des Kapitels. Im letzten Abschnitt des Buches, der eine halbe Generation nach den Ereignissen des Juni 1962 einsetzt, verschiebt die Autorin geschickt die Perspektive. Obwohl Ariah noch immer über das Wohl ihrer Kinder hütet, müssen sich diese selbst ihren Herausforderungen - Pubertät, Sexualität, Familie und schließlich auch Beruf - stellen. Der Plot verteilt sich auf noch mehr Figuren auf, was auf der einen Seite dem Stoff ein wenig an Komplexität nimmt, auf der anderen Seite der Autorin aber auch die Möglichkeit gibt, den Einfluss der Vergangenheit auf die Gegenwart aufzuzeigen und gleichzeitig mit dem eigentlichen Stoff fortzufahren. Während einige von Ariahs Kindern noch unter dem an einen Fluch erinnernden Einfluss der Wasserfälle und ihre stetige Versuchung, in ihnen Selbstmord zu begehen, leiden, zeigt der Konflikt insbesondere mit dem ältesten Sohn, das kontinuierliche Totschweigen des langjährigen Ehemanns und seines Schicksals sowie eine komplette Isolation gegenüber der Umwelt, wie weit sich Ariah von der Realität, aber auch eine kritischen Selbstbetrachtung entfernt hat. Aus der im Mittelteil nach dem schweren Schicksalsschlag so glücklichen wie selbstbewussten ohne Dominanzallüren Ehefrau und Mutter ist die Glucke geworden, unter der ihr Mann Dirk Burnaby so lange leiden musste. Die Grundlagen sind ausgesprochen gut, Ariahs Kinder sehr unterschiedlich beschrieben und doch als Geschwister zu erkennen. Um den ausufernden Plot wieder einzufangen und vor allem den Roman abzuschließen, bedient sich Joyce Carol Oates in der schwächsten Passage des Buches leider viel zu sehr dem Faktor Zufall. Eine ungewöhnliche Liebes führt schließlich dazu, das die Umstände um Dirk Burnabys Tod aufgeklärt werden und der potentielle Selbstmord - sicherlich ist für Ariah eine Welt zusammengebrochen, als sie aufgrund der Fakten vermuten musste, das ihre beiden Ehemann in den reißenden Fällen den Tod gesucht haben - sich als Mord herausstellt. Auf den letzten Metern versucht die Autorin etwas überzogen die einzelnen Handlungsebenen einzufangen und zu einem zufrieden stellenden, weder zuckersüßen noch allzu positiven, aber zumindest optimistischen Ende zusammenzufassen. Das gelingt nur oberflächlich, anders herum wäre es fahrlässig bis unmenschlich, Ariah in Unwissenheit sterben zu lassen. Leider kann der Leser die hoffentlich letzte Charakterwandlung dieser starken, aber nicht unbedingt charismatischen, aber interessanten Frau nicht mehr mitverfolgen. Überschattet wird dieses letzte Kapitel durch die Begegnung eines von Ariahs Söhnen mit der geheimnisvollen Frau in Schwarz. Hier bleibt unklar, ob die Autorin versucht hat, die kraftvollen wie tödlichen, aber auch faszinierenden Falls zu personifizieren oder einfach zeigen wollte, wie stark der Keim der Selbstzerstörung in Ariahs Familie wirklich ist. Sollte die zweite These zutreffen, fehlt eine wirklich abschließende Erklärung, da Ariahs erster Mann sowie Dirk Burnaby nicht verwandt sind. Unabhängig von dieser fast hektischen Auflösung arbeitet die Autorin im letzten Kapitel, wie plötzlich aus unbekümmerten Jugendlichen verantwortungsbewusste Menschen werden und wie sich zumindest theoretisch der Geist Amerikas - symbolisiert an der Gemeinde in der Nähe der Falls dargestellt - wieder etwas vom tödlichen Einfluss des Kapitals befreien konnte. Aus heutiger Sicht eher eine Art Zwischenentwicklung, aber zumindest zeigt Joyce Carol Oates auf, das Menschen wie Erin Brokovitch nicht alleine gestanden haben.
Manchmal die Handlungsfäden eng am Kitsch vorbeisteuernd ist “The Falls” keine Abrechnung mit der amerikanischen Familie in der Krise, wie es der Klappentext der britischen Ausgabe suggeriert. Es ist vielmehr das Portrait unterschiedlicher Generationen, die entweder sich dem sich verändernden Zeitgeist nicht anpassen konnten oder wollten oder die Kräfte, die sie provoziert und heraufbeschworen haben, einfach unterschätzen. Es ist eine interessante Familiensaga, die beschreibt anstatt erklärt, die immer wieder anstatt zu verurteilen den Leser einlädt, das Geschehen aus unterschiedlichen Perspektiven zu beurteilen. Es ist sicherlich ein zutiefst amerikanischer Roman mit Tragödien und Triumphen zu Füßen eines grandiosen Naturschauspieles, das das Leben der Menschen stärker beeinflusst als sie es selbst wahrhaben wollen. In Bezug auf ihre kritische Haltung gegenüber der politischen wie wirtschaftlichen Macht folgt “The Falls” Idealen, die Joyce Carol Oates schon in Werken wie “Blackwater” aufgestellt hat. Stilistisch ansprechend mit vielschichtigen, faszinierenden sehr unterschiedlichen Figuren gehört “The Falls” zusammen mit “Blond” zu ihren empfehlens- und lesenswertesten Werken, die sich mit den Menschen und ihren Schicksalen im Amerika der rückblickend unter der Oberfläche nicht einfachen fünfziger und den wilden sechziger Jahren auseinandersetzen, sowie ein farbenprächtiges, zwar kritisches, aber auch faszinierendes Portrait dieser Zeit aus der Perspektive einer Augenzeugin zeichnen. .

Joye Carol Oates: "The Falls"
Roman, Softcover, 497 Seiten
Harper Perennial 2004

ISBN 9-7800-0719-6746

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