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Literatur (diverse)



Kurd Laßwitz

Herr Strehler und der poetische Hauslehrer

rezensiert von Thomas Harbach

Eigentlich galt die Abteilung I “Romane, Erzählungen, Gedichte” der Kollektiv Laßwitz mit zehn Bänden als abgeschlossen. Zwar hat Herausgeber Dieter von Reeken immer betont, dass es noch weiteres von Kurd Laßwitz unter Pseudonymen oder anonym veröffentlichtes Material geben muss, denn der Gothaer Universitätslehrer hat in einer nicht immer wirklich leserlichen Handschrift Buch über seine Veröffentlichungen geführt, aber erstens hatte der Herausgeber Bedenken, dass das literarische Frühwerk Kurd Laßwitzs heutigem Image als Naturwissenschaftler, Dozent und Romancier schaden könnte und zweitens fehlten zwei frühe Humoresken. Kurd Laßwitzs Verzeichnis war in hinsichtlich der Namen der Zeitschriften und Magazine fehlerhaft. Durch einen Zufall und dank der Recherche nach dem richtigen Titel hat Dieter von Reeken in der “Chicago Public Library” die vollständige Magazinreihe “der industrielle Humorist” gefunden, in welcher in den Jahren 1868 die Titelgeschichte und ein Jahr später “Ich und mein Bruder werden nie heiraten” erschienen sind. Dieter von Reeken hat die ihm zur Verfügung gestellten Ablichtungen in der gewohnten Manier sorgfältig übertragen und präsentiert neben den beiden Humoresken, zu denen sich noch der aus dem Nachlass stammende Text “Die Geschwister: Historischer Roman in fünf Capiteln” gesellt, zwei Festspiele, Scherzgedichte, sowie mathematische und astronomische Lieder”. Im Grunde - wie der Herausgeber selbst schreibt - den anderen Kurd Laßwitz, der mit seiner heiteren ironischen Art, sowie seinem überwiegend dem jugendliche Überschwang geschuldeten Experimentierfreunde Kenner seiner utopischen Märchen wie auch Anhänger seiner naturwissenschaftlichen Arbeiten verblüffen wird. Diese Vermenschlichung eines Autoren, der als Vater der Science Fiction gilt, tut Kurd Laßwitz nicht nur gut, der Band bildet einen idealen Übergang zu den folgenden, sich mit Kurd Laßwitz lebenden auseinandersetzenden Arbeiten der dritten Abteilung, deren Herausgeber Dieter von Reeken ab Herbst 2010 plant. Stilistisch sind die hier versammelten Arbeiten nicht mit seinen späteren utopischen Märchen bzw. seinem Meisterwerk “Auf zwei Planeten” zu vergleichen, literarisch fallen sie eher in den märchenhaften Realismus, der Kurd Laßwitz erste Romane bzw. Theaterstücke auszeichnete. Auf der anderen Seite entpuppt sich der Autor aber auch als “kritischer” Beobachter seiner Zeit, der lieber über menschliche Schwächen spottet und lacht als die Finger direkt in die Wunden zu legen. In seinem ausführlichen Vorwort geht Dieter von Reeken nicht nur auf die Erstveröffentlichungen ein, sondern versucht den Bogen zwischen Text und Kurd Laßwitzs Leben zu schlagen. Es ist erstaunlich, dass um 1879 eine respektlose “Verbesserung” von Klassikern wie Lesekränzchen in Mode gekommen ist, während heute die gleichen Klassiker mit Werwölfen, Zombies oder anderen makaber phantastischen Auswüchsen angereichert werden. Es lässt sich trefflich streiten, ob die respektvolle Verballhornung der Texte in damaliger Zeit nicht einen eher bleibenden Eindruck hinterlassen hat als Exzesse/ zu lang gezogene Witze wie “Stolz und Vorurteil und Zombies”.
Das Objekt des Spotts, der Parodie ist klar erkennbar. Um Deutschlands größten Dichter geht es dem Ich- Erzähler, der von den Lesekränzchen angestachelt einen Roman in fünf Capiteln schreibt. Alleine der Verleger hält ihn davon ab, das Meisterwerk - jedes Kapitel besteht aus einer Textseite - zu erweitern. Die Handlung des Originals wird spöttisch modernisiert, die Charaktere persifliert. Und trotzdem wirkt die Geschichte insbesondere im Vergleich zu den beiden anderen Humoresken zu konstruiert, zu distanziert erzählt.
Sowohl “Herr Strehler oder der poetische Hauslehrer” als auch “Ich und mein Bruder werden nie heiraten” drehen sich um die Liebe. Dabei wirkt die Titelgeschichte origineller, stellt aber hinsichtlich des nachgeschobenen Endes, das den Bestandteil der positiven Humoreske um jeden Preis erfüllen muss, nicht zufrieden. Eigentlich heißt Herr Strehler Herr Strehle. Aber die ganze Welt schenkt ihm ein zusätzliches “r”, das den empfindlichen jungen Mann bis in seine Träume verfolgt. Er verliebt sich in ein junges attraktives Mädchen, die Eva, die ihm Hause seiner Heimlehreranstellung zu Besuch ist. Die Versuche, dem Mädchen seine Liebe auf poetische Art und Weise zu erklären, enden in kleineren Katastrophen, die Herr Strehle immer persönlicher zu nehmen beginnt. In “Ich und mein Bruder werden nie heiraten” leben zwei Bruder in B- offensichtlich Berlin - zusammen und arbeiten als Assessoren am Gericht. In der Auftaktszene zeigt Kurd Laßwitz humorvoll, wie sich die beiden Männer improvisierend eingerichtet haben und sich in ihren Schwächen ergänzen. Natürlich haben sie sich ewige Junggesellenzeit geschworen und natürlich verlieben sie sich fast gleichzeitig in zwei Schwestern. Anfänglich versuchen sie sich gegenseitig aus dem Weg zu gehen, während sie die Objekte ihrer Begierden besuchen. Das führt zu einigen humorvollen Missverständnissen und pointierten Dialogen. Das am Ende der Geschichte zumindest eine doppelte Verlobung steht und die ganze Gemeinde eher erleichtert als belustigt auf die endgültige Aufgabe des Junggesellenstandes reagiert ist vorhersehbar. Beide Humoresken zeichnet neben den romantischen - “Herr Strehler…” - bzw. unvermeidlichen - “ich und mein Bruder werden nie heiraten” - Liebesbänden eine warmherzige Charakterisierung der nahe an die Karikatur angelegten Figuren aus. Dabei ist Herr Strehle eher mit dem jugendlichen Kurd Laßwitz zu vergleichen. Beide ergreifen zur Poesie, um ihre Gefühle auszudrücken. Beide sind Lehrer, wenn auch der Autor einen kleinen Unterschied zwischen Hauslehrer und Schullehrer macht. Beide haben sich in entfernte Verwandte, bzw. im Falle der vorliegenden Geschichte in Hausgäste verliebt. Und in beiden Fällen endete diese Liebe mit keinem Happy End, wobei sowohl Herr Strehle als auch Kurd Laßwitz kurze Zeit später sich verliebten. Als Persönlichkeit zeichnet Kurd Laßwitz Herrn Strehle immer nahe am Nervenzusammenbruch. Der anfängliche Kampf gegen den zusätzlichen Buchstaben ist überdreht, aber sehr unterhaltsam geschrieben, während das eigentliche Liebeswerben zwischen Parodie und Tragödie hin- und her schwankt. Als Persönlichkeit erinnert Herr Strehle allerdings mehrmals an ein zusammengestelltes Klischee verschiedener Vorurteile, während die beiden Brüder in der zweiten Humoreske deutlich nuancierter, als Karikatur auf die vorlauten Junggesellen und ihre burschikosen wie falschen Ansichten gezeichnet worden ist. Während die Handlung beider heiterer Geschichten vorhersehbar ist, erscheint “Ich und mein Bruder werden nie heiraten” vom Wortspiel des Titels ausgehend vielschichtiger, nicht nur pointierter, sondern auch sarkastischer. Die Figuren sind extremer gezeichnet, eher von sich selbst überzeugt. Während Herr Strehles Eva eher ein junges wie naives Mädchen ist, wirken die beiden Schwestern inklusiv der Mutter Lebens erfahrener, vielleicht sogar einen Tick berechnender. Beide Humoresken zeigen noch den romantisierenden Kurd Laßwitz, der vielleicht weniger an die Liebe denn an den normalen Stand der Ehe gedacht hat, der aber pointiert aufzeigt, wie das andere Geschlecht alles durcheinander wirbelt und welche Folgen zu starke Wünsche/ Begierden oder Aversionen haben.
Das Festspiel zum ersten Stiftungsfest der von Kurd Laßwitz mit begründeten Mittwochsgesellschaft bezieht sich auf eine längere Goethe/ Faust Parodie, die der Gothar Gymnasiallehrer drei Jahre vorher veröffentlicht hat. Sie ist schon in einer der Anthologien der Kollektion Laßwitz veröffentlicht worden. Im vorliegenden Text zieht der Autor seine Mitbürger und vor allem den “Fortschritt” seiner Heimatstadt Gotha pointiert, aber wohlwollend durch den Kakao. So entsteigen Faust und Mephisto der Gothaer Kanalisation und beginnen über die positiven wie negativen Seiten der kleinen Stadt zu philosophieren. Statt der Jagd nach ultimativen Wissen geht es um Kleinbürgertum, Selbstverliebtheit, aber auch Hilfe für die Notleidenden und Unwissen. Am Ende ihres kleinen Spaziergangs schließt sich der Kreis und Faust sowie Mephisto betreten die Räumlichkeiten der Mittwochsgesellschaft, die natürlich tagt. Hier wird sich im bunten Reigen manches Mitglied wieder erkannt haben und das Festspiel ist aus heutiger Sicht noch lesenswert und souverän geschrieben, aber die leisen Zwischentöne sind mit der Zeit verschwunden. Weitaus aktueller ist das Schulfestspiel, das Kurd Laßwitz anlässlich eines Jubiläums für seine Schule geschrieben hat. Der Schulgeist streift durch die Räume und setzt sich humoristisch mit den unterschiedlichen Schulfächern auseinander. Einfacher geschrieben als beide Faust Parodien unterstreicht das Schulfestspiel Kurd Laßwitz Hang zu den “harten” Wissenschaften und versucht wie auch eine Reihe seiner Geschichte, den Schülern ihr notwendiges Wissen eher auf spielerische Weise zu ermitteln.
Die letzten drei Abschnitte mit den mathematischen und astronomischen Liedern, den Scherz- und normalen Gedichten lassen sich gut zusammenfassen. Neben einer seltenen sehr frühen Zeichnung Kurd Laßwitzs, das sein Elternhaus zeigt, hat Herausgeber Dieter von Reeken auch Reproduktionen der Zeitungen, in denen die Texte erschienen sind, dem Band hinzugefügt. Viele der mathematischen Lieder hat Kurd Laßwitz zu diversen Stiftungsfesten seiner Schule geschrieben. Die Texte spiegeln das gesamte Spektrum von den harten Naturwissenschaften über eine spielerische Abhandlung der Mathematik - manche Idee ist auch in seine Kurzgeschichten eingeflossen - bis eher impliziert der beseelten Natur wieder. Hinsichtlich der astronomischen Lieder ist deutlich Laßwitzs Faszination mit der Tiefe des Alls und den Möglichkeiten der Forschung zu erkennen, wobei der Tenor hier eher auf einer poetischen Annäherung denn reiner Forschung liegt. Während die normalen Gedichte Frühwerke sind, überzeugen die Scherzgedichte ähnlich wie die Humoresken. Auch wenn die Gedichtform aus heutiger Sicht nicht immer einfach zu lesen ist und viele Gedankengänge extrem komprimiert und verklausuliert angeboten worden sind, folgen die Texte den Verwechselungen/ Parodien auf lebende Persönlichkeiten Gothas, die Kurd Laßwitz sowohl in seinem Faust´sche Festspiel als auch in den Liebesgeschichten “Herr Strehler oder der poetische Hauslehrer” angeboten hat. Nur spricht aus den Scherzgedichten ein deutlich reiferer, Lebens erfahrener Autor, der seine Stimme gefunden hat und sie vielfältig einsetzt.
Für Komplettsammler ist der wieder ansprechend gestaltete Band natürlich ein Muss, aber wer sich mit der humorvollen, parodistischen Seite Kurd Laßwitzs intensiver auseinandersetzen möchte, die in seinem utopischen Frühwerk wie ein Schelm immer von der Seite in die Handlung schaut und dann spurlos wieder verschwindet, findet in der von Dieter von Reeken zusammengestellten Anthologie nicht nur sehr viele unterschiedliche Ansätze - von der Humoreske über das Liedgut bis zum Gedicht - , sondern wird eine Reihe von Themen positiv gesprochen wieder erkennen, die der Gothaer Gymnasiallehrer auch in seinem anderen Werken - verschmähte bzw. unerfüllte Liebe und einen romantischen Hang zur Natur - intensiver verarbeitet hat.

Kurd Laßwitz: "Herr Strehler und der poetische Hauslehrer "
Anthologie, Hardcover, 154 Seiten
Dieter von Reeken 2010

Weitere Bücher von Kurd Laßwitz:
 - Aspira
 - Auf zwei Planeten
 - Bilder aus der Zukunft
 - Die Lehre Kants von der Idealität des Raumes und der Zeit,
 - Gedichte und Erzählungen
 - Geschichte der Atomstik vom Mittelalter bis Newton Band 2
 - Gustav Theodor Fechner
 - Natur und Mensch
 - Nie und Immer
 - Schlangenmoos
 - Schlangenmoos und Sternentau
 - Seelen und Ziele
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 - Seifenblasen und Traumkristalle
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 - Über Tropfen, Atomistik und Kriticismus
 - Zivilsation und Kultur

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