Buchecke


:: Home
:: Suche


:: 24 (4)
:: Abenteuer (55)
:: Alias (1)
:: Babylon 5 (7)
:: Buffy & Angel (25)
:: Comics (diverse) (17)
:: Die Bibliothek von Babel (30)
:: Fantasy (diverse) (181)
:: Farscape (1)
:: Heftromane (314)
:: Horror (diverse) (168)
:: Komödien (diverse) (2)
:: Krimi (diverse) (59)
:: Literatur (diverse) (26)
:: Mystery (diverse) (102)
:: Perry Rhodan (122)
:: Roswell (4)
:: SachbĂŒcher (103)
:: Science Fiction (diverse) (715)
:: Star Trek (43)
:: Stargate (1)
:: Thriller (61)
:: TV (diverse) (10)
:: Vampire (37)
:: Zeitschriften / Magazine (15)


:: Artikel (6)
:: Interviews (7)
:: Nachrufe (2)


:: Weitere Sendungen


:: SciFi-Forum: Buchecke


Literatur (diverse)



Kurd Laßwitz

Herr Strehler und der poetische Hauslehrer

rezensiert von Thomas Harbach

Eigentlich galt die Abteilung I “Romane, ErzĂ€hlungen, Gedichte” der Kollektiv Laßwitz mit zehn BĂ€nden als abgeschlossen. Zwar hat Herausgeber Dieter von Reeken immer betont, dass es noch weiteres von Kurd Laßwitz unter Pseudonymen oder anonym veröffentlichtes Material geben muss, denn der Gothaer UniversitĂ€tslehrer hat in einer nicht immer wirklich leserlichen Handschrift Buch ĂŒber seine Veröffentlichungen gefĂŒhrt, aber erstens hatte der Herausgeber Bedenken, dass das literarische FrĂŒhwerk Kurd Laßwitzs heutigem Image als Naturwissenschaftler, Dozent und Romancier schaden könnte und zweitens fehlten zwei frĂŒhe Humoresken. Kurd Laßwitzs Verzeichnis war in hinsichtlich der Namen der Zeitschriften und Magazine fehlerhaft. Durch einen Zufall und dank der Recherche nach dem richtigen Titel hat Dieter von Reeken in der “Chicago Public Library” die vollstĂ€ndige Magazinreihe “der industrielle Humorist” gefunden, in welcher in den Jahren 1868 die Titelgeschichte und ein Jahr spĂ€ter “Ich und mein Bruder werden nie heiraten” erschienen sind. Dieter von Reeken hat die ihm zur VerfĂŒgung gestellten Ablichtungen in der gewohnten Manier sorgfĂ€ltig ĂŒbertragen und prĂ€sentiert neben den beiden Humoresken, zu denen sich noch der aus dem Nachlass stammende Text “Die Geschwister: Historischer Roman in fĂŒnf Capiteln” gesellt, zwei Festspiele, Scherzgedichte, sowie mathematische und astronomische Lieder”. Im Grunde - wie der Herausgeber selbst schreibt - den anderen Kurd Laßwitz, der mit seiner heiteren ironischen Art, sowie seinem ĂŒberwiegend dem jugendliche Überschwang geschuldeten Experimentierfreunde Kenner seiner utopischen MĂ€rchen wie auch AnhĂ€nger seiner naturwissenschaftlichen Arbeiten verblĂŒffen wird. Diese Vermenschlichung eines Autoren, der als Vater der Science Fiction gilt, tut Kurd Laßwitz nicht nur gut, der Band bildet einen idealen Übergang zu den folgenden, sich mit Kurd Laßwitz lebenden auseinandersetzenden Arbeiten der dritten Abteilung, deren Herausgeber Dieter von Reeken ab Herbst 2010 plant. Stilistisch sind die hier versammelten Arbeiten nicht mit seinen spĂ€teren utopischen MĂ€rchen bzw. seinem Meisterwerk “Auf zwei Planeten” zu vergleichen, literarisch fallen sie eher in den mĂ€rchenhaften Realismus, der Kurd Laßwitz erste Romane bzw. TheaterstĂŒcke auszeichnete. Auf der anderen Seite entpuppt sich der Autor aber auch als “kritischer” Beobachter seiner Zeit, der lieber ĂŒber menschliche SchwĂ€chen spottet und lacht als die Finger direkt in die Wunden zu legen. In seinem ausfĂŒhrlichen Vorwort geht Dieter von Reeken nicht nur auf die Erstveröffentlichungen ein, sondern versucht den Bogen zwischen Text und Kurd Laßwitzs Leben zu schlagen. Es ist erstaunlich, dass um 1879 eine respektlose “Verbesserung” von Klassikern wie LesekrĂ€nzchen in Mode gekommen ist, wĂ€hrend heute die gleichen Klassiker mit Werwölfen, Zombies oder anderen makaber phantastischen AuswĂŒchsen angereichert werden. Es lĂ€sst sich trefflich streiten, ob die respektvolle Verballhornung der Texte in damaliger Zeit nicht einen eher bleibenden Eindruck hinterlassen hat als Exzesse/ zu lang gezogene Witze wie “Stolz und Vorurteil und Zombies”.
Das Objekt des Spotts, der Parodie ist klar erkennbar. Um Deutschlands grĂ¶ĂŸten Dichter geht es dem Ich- ErzĂ€hler, der von den LesekrĂ€nzchen angestachelt einen Roman in fĂŒnf Capiteln schreibt. Alleine der Verleger hĂ€lt ihn davon ab, das Meisterwerk - jedes Kapitel besteht aus einer Textseite - zu erweitern. Die Handlung des Originals wird spöttisch modernisiert, die Charaktere persifliert. Und trotzdem wirkt die Geschichte insbesondere im Vergleich zu den beiden anderen Humoresken zu konstruiert, zu distanziert erzĂ€hlt.
Sowohl “Herr Strehler oder der poetische Hauslehrer” als auch “Ich und mein Bruder werden nie heiraten” drehen sich um die Liebe. Dabei wirkt die Titelgeschichte origineller, stellt aber hinsichtlich des nachgeschobenen Endes, das den Bestandteil der positiven Humoreske um jeden Preis erfĂŒllen muss, nicht zufrieden. Eigentlich heißt Herr Strehler Herr Strehle. Aber die ganze Welt schenkt ihm ein zusĂ€tzliches “r”, das den empfindlichen jungen Mann bis in seine TrĂ€ume verfolgt. Er verliebt sich in ein junges attraktives MĂ€dchen, die Eva, die ihm Hause seiner Heimlehreranstellung zu Besuch ist. Die Versuche, dem MĂ€dchen seine Liebe auf poetische Art und Weise zu erklĂ€ren, enden in kleineren Katastrophen, die Herr Strehle immer persönlicher zu nehmen beginnt. In “Ich und mein Bruder werden nie heiraten” leben zwei Bruder in B- offensichtlich Berlin - zusammen und arbeiten als Assessoren am Gericht. In der Auftaktszene zeigt Kurd Laßwitz humorvoll, wie sich die beiden MĂ€nner improvisierend eingerichtet haben und sich in ihren SchwĂ€chen ergĂ€nzen. NatĂŒrlich haben sie sich ewige Junggesellenzeit geschworen und natĂŒrlich verlieben sie sich fast gleichzeitig in zwei Schwestern. AnfĂ€nglich versuchen sie sich gegenseitig aus dem Weg zu gehen, wĂ€hrend sie die Objekte ihrer Begierden besuchen. Das fĂŒhrt zu einigen humorvollen MissverstĂ€ndnissen und pointierten Dialogen. Das am Ende der Geschichte zumindest eine doppelte Verlobung steht und die ganze Gemeinde eher erleichtert als belustigt auf die endgĂŒltige Aufgabe des Junggesellenstandes reagiert ist vorhersehbar. Beide Humoresken zeichnet neben den romantischen - “Herr Strehler
” - bzw. unvermeidlichen - “ich und mein Bruder werden nie heiraten” - LiebesbĂ€nden eine warmherzige Charakterisierung der nahe an die Karikatur angelegten Figuren aus. Dabei ist Herr Strehle eher mit dem jugendlichen Kurd Laßwitz zu vergleichen. Beide ergreifen zur Poesie, um ihre GefĂŒhle auszudrĂŒcken. Beide sind Lehrer, wenn auch der Autor einen kleinen Unterschied zwischen Hauslehrer und Schullehrer macht. Beide haben sich in entfernte Verwandte, bzw. im Falle der vorliegenden Geschichte in HausgĂ€ste verliebt. Und in beiden FĂ€llen endete diese Liebe mit keinem Happy End, wobei sowohl Herr Strehle als auch Kurd Laßwitz kurze Zeit spĂ€ter sich verliebten. Als Persönlichkeit zeichnet Kurd Laßwitz Herrn Strehle immer nahe am Nervenzusammenbruch. Der anfĂ€ngliche Kampf gegen den zusĂ€tzlichen Buchstaben ist ĂŒberdreht, aber sehr unterhaltsam geschrieben, wĂ€hrend das eigentliche Liebeswerben zwischen Parodie und Tragödie hin- und her schwankt. Als Persönlichkeit erinnert Herr Strehle allerdings mehrmals an ein zusammengestelltes Klischee verschiedener Vorurteile, wĂ€hrend die beiden BrĂŒder in der zweiten Humoreske deutlich nuancierter, als Karikatur auf die vorlauten Junggesellen und ihre burschikosen wie falschen Ansichten gezeichnet worden ist. WĂ€hrend die Handlung beider heiterer Geschichten vorhersehbar ist, erscheint “Ich und mein Bruder werden nie heiraten” vom Wortspiel des Titels ausgehend vielschichtiger, nicht nur pointierter, sondern auch sarkastischer. Die Figuren sind extremer gezeichnet, eher von sich selbst ĂŒberzeugt. WĂ€hrend Herr Strehles Eva eher ein junges wie naives MĂ€dchen ist, wirken die beiden Schwestern inklusiv der Mutter Lebens erfahrener, vielleicht sogar einen Tick berechnender. Beide Humoresken zeigen noch den romantisierenden Kurd Laßwitz, der vielleicht weniger an die Liebe denn an den normalen Stand der Ehe gedacht hat, der aber pointiert aufzeigt, wie das andere Geschlecht alles durcheinander wirbelt und welche Folgen zu starke WĂŒnsche/ Begierden oder Aversionen haben.
Das Festspiel zum ersten Stiftungsfest der von Kurd Laßwitz mit begrĂŒndeten Mittwochsgesellschaft bezieht sich auf eine lĂ€ngere Goethe/ Faust Parodie, die der Gothar Gymnasiallehrer drei Jahre vorher veröffentlicht hat. Sie ist schon in einer der Anthologien der Kollektion Laßwitz veröffentlicht worden. Im vorliegenden Text zieht der Autor seine MitbĂŒrger und vor allem den “Fortschritt” seiner Heimatstadt Gotha pointiert, aber wohlwollend durch den Kakao. So entsteigen Faust und Mephisto der Gothaer Kanalisation und beginnen ĂŒber die positiven wie negativen Seiten der kleinen Stadt zu philosophieren. Statt der Jagd nach ultimativen Wissen geht es um KleinbĂŒrgertum, Selbstverliebtheit, aber auch Hilfe fĂŒr die Notleidenden und Unwissen. Am Ende ihres kleinen Spaziergangs schließt sich der Kreis und Faust sowie Mephisto betreten die RĂ€umlichkeiten der Mittwochsgesellschaft, die natĂŒrlich tagt. Hier wird sich im bunten Reigen manches Mitglied wieder erkannt haben und das Festspiel ist aus heutiger Sicht noch lesenswert und souverĂ€n geschrieben, aber die leisen Zwischentöne sind mit der Zeit verschwunden. Weitaus aktueller ist das Schulfestspiel, das Kurd Laßwitz anlĂ€sslich eines JubilĂ€ums fĂŒr seine Schule geschrieben hat. Der Schulgeist streift durch die RĂ€ume und setzt sich humoristisch mit den unterschiedlichen SchulfĂ€chern auseinander. Einfacher geschrieben als beide Faust Parodien unterstreicht das Schulfestspiel Kurd Laßwitz Hang zu den “harten” Wissenschaften und versucht wie auch eine Reihe seiner Geschichte, den SchĂŒlern ihr notwendiges Wissen eher auf spielerische Weise zu ermitteln.
Die letzten drei Abschnitte mit den mathematischen und astronomischen Liedern, den Scherz- und normalen Gedichten lassen sich gut zusammenfassen. Neben einer seltenen sehr frĂŒhen Zeichnung Kurd Laßwitzs, das sein Elternhaus zeigt, hat Herausgeber Dieter von Reeken auch Reproduktionen der Zeitungen, in denen die Texte erschienen sind, dem Band hinzugefĂŒgt. Viele der mathematischen Lieder hat Kurd Laßwitz zu diversen Stiftungsfesten seiner Schule geschrieben. Die Texte spiegeln das gesamte Spektrum von den harten Naturwissenschaften ĂŒber eine spielerische Abhandlung der Mathematik - manche Idee ist auch in seine Kurzgeschichten eingeflossen - bis eher impliziert der beseelten Natur wieder. Hinsichtlich der astronomischen Lieder ist deutlich Laßwitzs Faszination mit der Tiefe des Alls und den Möglichkeiten der Forschung zu erkennen, wobei der Tenor hier eher auf einer poetischen AnnĂ€herung denn reiner Forschung liegt. WĂ€hrend die normalen Gedichte FrĂŒhwerke sind, ĂŒberzeugen die Scherzgedichte Ă€hnlich wie die Humoresken. Auch wenn die Gedichtform aus heutiger Sicht nicht immer einfach zu lesen ist und viele GedankengĂ€nge extrem komprimiert und verklausuliert angeboten worden sind, folgen die Texte den Verwechselungen/ Parodien auf lebende Persönlichkeiten Gothas, die Kurd Laßwitz sowohl in seinem FaustÂŽsche Festspiel als auch in den Liebesgeschichten “Herr Strehler oder der poetische Hauslehrer” angeboten hat. Nur spricht aus den Scherzgedichten ein deutlich reiferer, Lebens erfahrener Autor, der seine Stimme gefunden hat und sie vielfĂ€ltig einsetzt.
FĂŒr Komplettsammler ist der wieder ansprechend gestaltete Band natĂŒrlich ein Muss, aber wer sich mit der humorvollen, parodistischen Seite Kurd Laßwitzs intensiver auseinandersetzen möchte, die in seinem utopischen FrĂŒhwerk wie ein Schelm immer von der Seite in die Handlung schaut und dann spurlos wieder verschwindet, findet in der von Dieter von Reeken zusammengestellten Anthologie nicht nur sehr viele unterschiedliche AnsĂ€tze - von der Humoreske ĂŒber das Liedgut bis zum Gedicht - , sondern wird eine Reihe von Themen positiv gesprochen wieder erkennen, die der Gothaer Gymnasiallehrer auch in seinem anderen Werken - verschmĂ€hte bzw. unerfĂŒllte Liebe und einen romantischen Hang zur Natur - intensiver verarbeitet hat.

Kurd Laßwitz: "Herr Strehler und der poetische Hauslehrer "
Anthologie, Hardcover, 154 Seiten
Dieter von Reeken 2010

Weitere Bücher von Kurd Laßwitz:
 - Aspira
 - Auf zwei Planeten
 - Bilder aus der Zukunft
 - Die Lehre Kants von der IdealitĂ€t des Raumes und der Zeit,
 - Gedichte und ErzĂ€hlungen
 - Geschichte der Atomstik vom Mittelalter bis Newton Band 2
 - Gustav Theodor Fechner
 - Natur und Mensch
 - Nie und Immer
 - Schlangenmoos
 - Schlangenmoos und Sternentau
 - Seelen und Ziele
 - Seifenblasen
 - Seifenblasen und Traumkristalle
 - Studien
 - Wirklichkeiten
 - Über Tropfen, Atomistik und Kriticismus
 - Zivilsation und Kultur

Leserrezensionen

:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht möchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::