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Krimi (diverse)



Wolfgang Schüler

Sherlock Holmes in Leipzig

rezensiert von Thomas Harbach

Nach der ebenfalls aus Leipzig stammenden Franziska Franke, die im Jahre 2009 mit einer Neuinterpretation des britischen Meisterdetektivs begonnen hat, präsentiert der Leipziger Rechtsanwalt und Journalist Wolfgang Schüler einen hochbrisanten politischen Fall, der allerdings nur zu einem knappen Viertel in Leipzig spielt. Neben einer Reihe von Krimis hat Schüler auch eine Edgar Wallace Biographie verfasst.

Geschickt setzt Schüler seine Sherlock Holmes und Doktor Watson Geschichte in der im Grunde sehr späten Phase dieses Duos an, wobei „Sherlock Holmes in Leipzig“ zu den politischen Missionen gehört, die Holmes in erster Linie für seinen Bruder Mycroft unternommen hat. Sherlock Holmes lebt schon seit einigen Jahren im Unruhestand auf dem Land und versucht sich als Bienenzüchter. Watson hat seine Praxis aufgegeben und versucht mit seiner Frau den Ruhestand zu genießen, wobei Schüler deutlich macht, dass Ruhestand zumindest im Falle Doktor Watsons auch gleich Lethargie und langsames geistiges „Sterben“ bedeutet. Die Beschreibungen wirken angesichts der kommenden Ereignisse ein wenig überzogen und nehmen zu viel Raum ein. Sie widersprechen auch ein wenig Watsons eigenem Bild, der sich in den Doyle´schen Erzählungen sowie den meisten Kanontexten niemals selbst auf das Niveau eines in Ehren ergrauten „Rentners“ und unter Vergesslichkeit leidenden Mannes reduziert hat. Die Geschichte spielt im Jahre 1910. Sherlock Holmes soll das Leben einer jungen Adligen beschützen, die auf Umwegen mit dem König von Hannover verwandt ist. Da inzwischen nach dem Tod des englischen Königs mit Georg, dem Fünften ein möglicher entfernter Verwandter nach dem britischen Thron greifen könnte, wäre die junge unter dem Künstlernamen Lotte Land reisende Dame das ideale Ziel, um die Spannungen zwischen dem deutschen Reich und Großbritannien eskalieren zu lassen. Ein möglicher Weltkrieg mit dem Griff der Deutschen nach den britischen Überseekolonien ist im Bereich des Möglichen. Sherlock Holmes soll als Mitglieder der Shakespearetruppe auf der Bühne nach der jungen Schauspielerin schauen, Doktor Watson in erster Linie hinter den Kulissen, während der Meisterdetektiv seine vor gut dreißig Jahren abgebrochene Karriere auf den Brettern, welche die Welt bedeuten fortzusetzen sucht.

Wie schon angesprochen ist es ein weiter Weg bis Leipzig, den Wolfgang Schüler spannungstechnisch nicht ungeschickt auf zwei Handlungsebenen erzählt. Auf der deutlich kompakter geschriebenen zweiten Ebene erfährt der Leser im Gegensatz zu Holmes und Watson von den finsteren Plänen der erzkonservativen Verschwörer und ist so – ungewöhnlich für einen Holmes Roman – den Ermittlern einen Schritt voraus. Mit dieser Vorgehensweise manipuliert der Autor in einer Sequenz die Erwartungshaltung der Leser und versucht sie für einen kurzen Moment mit einem brutalen Anschlag zu schockieren. Auf der anderen Seite wird diese Erzählstruktur nicht konsequent genug durchgehalten, ab der Mitte des Buches ist der Leser dank des Holmes Erzählbogen den Verschwörer voraus, was den Text etwas unglücklich wie unnötig anschwellen lässt.
Ob der Autor den modernen Leser ein Gefühl für die Beschwerlichkeit der damaligen Reisen vermitteln wollte oder nicht ungeschickt noch weitere Attribute Sherlock Holmes – seine genialen Verkleidungen, auf die Doktor Watson immer wieder hereinfällt oder ein kurzer Einsatz der Baker Street Jungs – bleibt offen. Atmosphärisch ausgesprochen dicht, aber nicht immer stimmig erscheint der etwas zu phlegmatische Mittelteil des Romans, bevor Wolfgang Schüler in seiner Heimatstadt Leipzig literarisch angekommen bei diesem Fall in die Vollen geht und das Tempo deutlich positiv anzieht. Leider fehlt Wolfgang Schüler zumindest die Routine einer echten Kanongeschichte, denn im Vergleich zu Reise ist die Ankunft am Ziel und die Auflösung der Verschwörung enttäuschend schnell vorbei. Zuerst wiegt sich Holmes plötzlich aufgrund der Aufdeckung der Identität der Attentäter in Sicherheit. Holmes ist viel zu erfahren, um eine Aufdeckung der Identität mit einer Einstellung der Handlungen gleichzusetzen. Zu oft hat er erlebt, dass enttäuschte Geister zu Kurzschlussreaktionen fähig sind. Konsequenterweise wird ihm anvertraute junge Frau aus dem Hotel entführt, was eine zu plötzliche und vor allem zu zielstrebige Reaktion Holmes nach sich zieht. Die finale Konfrontation zwischen den adligen Antagonisten und Holmes/ Watson ist zwar packend geschrieben, aber ein wenig mehr Mühe hätte sich der Autor geben können und vor allem müssen, um der Geschichte den notwendigen Tiefgang zu geben. Die ausführliche Beschreibung des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig - 1910 noch in der langjährigen und extrem kostspieligen Entstehung gewesen - nimmt fast mehr Raum ein als der finale Showdown. Oder das Eindringen in einen möglichen Schlumpfwinkel der Verschwörer mit einem kriegsversehrten Türsteher, der sich von Holmes auf eine derartig dumme, aber nicht naive Art und Wiese übertölpeln lässt. Zu guter letzt fehlt dieser politisch ambitionierten Geschichte die klassische Deduktionsarbeit, die gute Holmes Texte auszeichnet. Während Wolfgang Schüler anfänglich sehr verspielt Holmes dank seines scharfen Verstandes und einigen wenigen gezielten Beobachtungen konsequent und richtig folgern lässt, wirkt das Ende der eigentlichen Handlung arg konstruiert, viel zu einfach und phasenweise langweilig. Natürlich hat die Idee der Verschwörer, mit der Ermordung der jungen Dame auf offener Bühne einen Weltkrieg auszulösen, seinen Reiz. Vier Jahre vor dem historischen Ereignis, das Holmes - wie der Epilog deutlich macht- auch nicht beeinflussen konnte. Während der Plan der Verschwörer perfide genug ist, wirkt die Auflösung wie schon angesprochen zu einfach. Wolfgang Schüler versäumt es, den Feinden über eindimensionale Chiffren hinaus ein Gesicht zu geben.
Hinzu kommt, dass der Autor arg bemüht ist, dem Epilog eine besondere Note zu geben. So schlägt Wolfgang Schüler mit Irene Adler, die Watson schon in der Einleitung als Holmes einzig wahre Liebe charakterisiert hat, einen extrem weiten Bogen. Der Versuch, Sherlock Holmes noch weiter emotional zu „vermenschlichen“ erscheint kitschig. Nicht nur, dass Holmes einen Sohn hat, der später in den USA als Polizist im staatlichen Dienst Karriere macht, sondern das sich nach Ende des Zweiten Weltkriegs der Kreis endgültig schließt und Wolfgang Schüler seinen Antagonisten endgültig bestraft. Viel schlimmer ist, dass Schüler anscheinend auf den Gedanken in einer Art Nachsatz gekommen ist, denn insbesondere im Mittelteil des Buches wird Holmes unehelicher Sohn eher als Nervensäge und arroganter Angeber beschrieben. Das auf diesem Boden die Saat der Liebe erblühen kann, ist eine zweite Überraschung, die unterstreicht, wie stark Wolfgang Schüler den Roman konstruiert hat und wie sehr seine Figuren rückblickend bis auf das einigermaßen zufrieden stellende Duo Holmes/ Watson blass bleiben. Der stark belehrende Epilog nimmt dem Roman sehr viel von seiner Faszination.
Ohne Frage zu den Stärken gehört die dreidimensionale, sehr realistische Beschreibung der Epoche mit zahlreichen, nicht belehrenden Exkursionen in Forschung und Technik. Dabei bemüht sich Wolfgang Schüler, sein umfangreiches Wissen in erster Linie über Dialoge zu vermitteln und die fiktive Handlung mittels einer Vielzahl von Fußnoten überzeugend in den historischen Kontext einzupassen. Hinzu kommt, dass Wolfgang Schülers Heimatstadt Leipzig Holmes und Watson dank eines sympathischen Pferdekutschers nicht nur den bekannten Helden nahe gebracht wird, sondern vor allem auch den Lesern.

Zusammengefasst bürgt „Sherlock Holmes in Leipzig“ sehr viel mehr Potential, als der Autor zu Tage fördern kann. Sehr gut geschriebene Szenen wechseln sich mit eher belanglosen ausufernden Situationsbeschreibungen ab. Das Ende ist zu geradlinig, zu wenig melodramatisch oder nachhaltig spannend geschrieben. Ein wenig mehr nicht sinnfreie Action inklusiv einiger falscher Fährten und vor allem hinsichtlich des Attentats ein wenig mehr Dynamik hätten der Handlung gut getan, zumal die Ermordung eines Detektivs an Bord der Fähre eher aufgesetzt erscheint und die Pläne der Attentäter durch einen Abbruch der Tournee hätten durchkreuzen können. Hier agiert Schüler ein wenig zu überambitioniert in einem durchschnittlichen Sherlock Holmes Roman, der oberflächlich Artur Conan Doyles Vorlagen folgt, dem es aber nicht vergönnt ist, in die Tiefe vorzudringen.


Wolfgang Schüler: "Sherlock Holmes in Leipzig"
Roman, Softcover, 205 Seiten
KBV 2011

ISBN 9-7839-4244-6082

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