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Krimi (diverse)



Stefan Winges

Der vierte König

rezensiert von Thomas Harbach

Der in K√∂lner arbeitende Stefan Winges hat seine schriftstellerische Karriere mit dem K√∂lnkrimi ‚ÄěDer vierte K√∂nig‚Äú begonnen, in dem er den britischen Meisterdetektiv w√§hrend der von Doktor Watson bzw. Arthur Conan Doyle nicht √∂ffentlich dokumentierten Jahre das Verschwinden der Reliquien der Heiligen Drei K√∂nige aus dem K√∂lner Dom untersuchen lie√ü. Es folgten neben dem pr√§mierten ‚ÄěHonolulu Baby‚Äú ein zweites Sherlock Holmes Abenteuer ‚ÄěTod auf dem Rhein‚Äú, sowie eine Trilogie um das k√∂lsche Sherlock Holmes Pendant Marius van Larken.

Wie es sich f√ľr einen der ‚Äěverschwundenen‚Äú Sherlock Holmes F√§lle geh√∂rt, wird das Manuskript Doktor Watsons in einer l√§ngst vergessenen Truhe eines vor Jahren verstorbenen Vorfahren wieder gefunden und passend zur Handlung am Heiligen Abend dem staunenden Rahmenerz√§hler und Mittler zum Leser pr√§sentiert.

Bei einem spektakul√§ren Einbruch in den K√∂lner Dom im Jahre 1896 werden nicht nur die Teile der Gebeine der Heiligen Drei K√∂nige gestohlen, die beiden an diesem Abend aufgrund einer Vergiftung indisponierten W√§chter get√∂tet und einer der Diebe w√§hrend seiner Flucht erschossen. Das Diebesgut taucht nicht wieder auf. Sherlock Holmes wird von einem hohen Abgeordneten des Vatikans gebeten, nach den gestohlen Reliquien zu schauen. Die K√∂lner Polizei in Person des arroganten und an eine Lestradekopie erinnernden Kommissars van Stamm qualifiziert die Ereignisse als gew√∂hnliche Diebstahl ab. W√§hrend der ersten Ermittlungen findet Holmes am Leichnam des T√§ters das Symbol eines Drachen, das eher auf einen mittelalterlicher Kult hindeutet. Als in Hildesheim die Fingerknochen der Heiligen Drei K√∂nige gestohlen und m√∂gliche Informanten vor ihrem Zusammentreffen mit Holmes get√∂tet werden, glaubt der britische Ermittler an eine Verschw√∂rung, deren Motive weit √ľber den bekannten Diebstahl hinausgehen und die mit der Wiederkehr eines vierten K√∂nigs in einem engen Zusammenhang stehen k√∂nnen.

‚ÄěDer vierte K√∂nig‚Äú ist zu gleichen Teilen ein Sherlock Holmes Roman wie ein K√∂lnkrimi. Euphorisch ergriffen zieht Autor Stefan Winges den Leser in den Bann den gigantischen Doms. Immer wieder unterhaltsam ohne zu belehren pr√§sentiert er wichtige Fakten der Entstehungsgeschichte des gigantischen Bauwerks und der kirchlichen wie politischen Ereignisse, die sich in den unterschiedlichen Jahrhunderten in und um den Dom abgespielt haben. Dar√ľber hinaus f√ľhrt Winges den Leser in die teilweise skurrilen Details des K√∂lner Nachtlebens ein und konfrontiert insbesondere den √ľberforderten Watson mit k√∂lschen Spezialit√§ten. Wenn die Verfolgungsjagd den Rhein entlang schlie√ülich in den H√∂hlen unter dem Drachenfelsen endet, aus denen das Baumaterial f√ľr den Dom geschlagen worden ist, schlie√üt sich inklusiv des so f√ľr K√∂ln typischen Epilogs ein touristischer Kreis. Winges achtet in seinem literarischen Erstling sehr gut darauf, die richtige Balance zwischen spannender und √ľberwiegend stringenter Handlung und Hintergrundinformationen einzuhalten, so dass die Zeit, in welcher Watson und Holmes ermitteln √ľberzeugend lebendig geworden ist.

Auch der eigentliche Fall ist spannend angelegt. Zwar muss der Autor in der zweiten H√§lfte auf einige kleinere Klischees zur√ľckgreifen und der erste gro√üe Fehler des bis dahin geschickt vorgehenden Antagonisten wird von Sherlock Holmes nat√ľrlich konsequent und ziel f√ľhrend ausgenutzt. Die Verfolgungsjagd den mit Eisschollen bedeckten Rhein entlang erinnert an ‚ÄěDas Zeichen der Vier‚Äú. Die finale Konfrontation in der H√∂hle droht dank der heimlich verabreichten Halluzinogene in den zu √ľberzogenen Bereich des phantastischen Abzurutschen und die Vielzahl der ‚ÄěFeinde‚Äú w√§re √ľberall anders als in einer derartigen Geschichte zu erdr√ľckend. Hier wechselt Stafen Winges im Galopp die Pferde und r√ľckt ‚ÄěDer vierte K√∂nig‚Äú etwas √ľberambitioniert an die Gefilde der Abenteuergeschichte heran. Zus√§tzlich gibt es f√ľr aufmerksame Leser einen Hinweis auf Indiana Jones und seinen Vater. Das Finale ist in erster Linie cineastisch zufrieden stellend, w√§hrend die erste H√§lfte des Buches von Sherlock Holmes minuti√∂ser Ermittlungsarbeit positiv und √ľberzeugend dominiert wird. Nat√ľrlich stellen weder Deutschland im Allgemeinen als auch K√∂ln im Besonderen f√ľr Sherlock Holmes ein Problem dar. W√§hrend seiner Ermittlungen folgt Sherlock Holmes anf√§nglich den unm√∂glichen, aber dank des Ausschlussprinzips auch wahrscheinlichsten Spuren. So haben die Diebe im Winter die Au√üenfassade des K√∂lner Doms erstiegen! Da gleichzeitig ein Zirkus in der Stadt gastiert, muss sich dort das potentielle Hauptquartier der feindlichen Sekte befinden. Vielleicht lenkt Stefan Wingis die Aufmerksamkeit des Lesers ein wenig zu sehr auf die Handlanger des Gegners und Sherlock Holmes Tell- Messerwurf aus dem Handgelenk √ľberspannt den Bogen einer packenden Szene, aber der exotische Hintergrund h√§lt die Aufmerksamkeit des Lesers genauso wie der Bogenschlag zur mystischen Wiederauferstehung eines vierten K√∂nigs, der allerdings weniger ein Heiliger denn ein Satan ist. Im Gegensatz zu einer Reihe anderer moderner Sherlock Holmes Erz√§hlungen reduziert der Autor Watson wieder zu einem willigen und willf√§hrigen Handlanger, der mit seinen diversen Vermutungen konsequent daneben liegt. Einzig die Begegnung mit einer Wahrsagerin, die zwar in einem engen Zusammenhang mit Holmes steht, aber keine seiner perfekten Verkleidungen darstellt, ist am√ľsant geschrieben. Als Mittler zwischen Leser und Sherlock Holmes erf√ľllt Doktor Watson seine Aufgabe sehr zufrieden stellend, da insbesondere in den Auftaktkapiteln angesichts der Komplexit√§t der Hintergr√ľnde sehr viel mehr Erl√§uterungen dargereicht werden als allgemein √ľblich.

Neben Sherlock Holmes und Doktor Watson verf√ľgt ‚ÄěDer vierte K√∂nig‚Äú √ľber eine Reihe interessanter Nebenfiguren. Nach seinem Auftritt zu Beginn des Buches und am Ende als williger Handlanger w√§hrend des Showdowns fehlt dem ganzen Roman die typische Lestradekopie in Form van Stamms. Etwas mehr Intelligenz und Entschlusskraft statt Arroganz und dienstlicher Dummheit h√§tte Stefan Winges seinem weniger ermittelnden als beistehenden Inspektor schon mit auf den Weg geben k√∂nnen. Luzia Katharina von Bylandt ist eine modern denkende, intelligente Frau, die ein wenig an eine junge Irene Adler ‚Äď sie wird einmal erw√§hnt ‚Äď erinnert. Nur g√∂nnt Stefan Winges dieser Figur am Ende keine weiterreichende Emanzipation. Sie heiratet schlie√ülich ihren mittelbaren Retter und geht in die USA. Zu den sch√∂nsten Szenen des Buches geh√∂rt Watsons Erwachen im L√∂wenk√§fig. Aus dieser Bedr√§ngnis rettet Luzia den ehrenwerten Doktor, da sie mit den ‚ÄěK√§tzchen‚Äú aufgewachsen ist. Ihr Oheim Pater Hieronymus von Bylandt vermittelt Sherlock Holmes die wichtigsten Hintergrundinformationen. Dr. Henry Jones wird von Stefan Winges leider eher wie ein Insiderjoke auf die Indiana Jones Filme denn eine lebendige Figur behandelt. Seine nat√ľrliche Scheu selbstbewussten Frauen gegen√ľber soll ihn ein wenig aus der Eindimensionalit√§t retten. Mit den ‚ÄěF√ľnf Zapanecks‚Äú verf√ľgt der Roman √ľber typisch b√∂se Artisten als Helfer des potentiellen Erzschurken, den Sherlock Holmes auf einer Stufe mit Professor Moriarty sieht, ohne das es daf√ľr einen √ľberzeugenden Beweis gibt. Holmes erscheint zu sehr auf seinen Erzfeind fixiert, wobei insbesondere der Professor eher an die Macht des Geldes und der Verbrechen glaubte, denn an die Mythen der Satanbeschw√∂rung. Daf√ľr agiert der Schurke des Romans zu einfach und trotz eines detaillierten Einbruchplans Sherlock Holmes gegen√ľber zu naiv.

Zusammenfassend ist ‚ÄěDer vierte K√∂nig‚Äú eine interessante, √ľberwiegend auch √ľberzeugende Mischung aus historischem K√∂lnkrimi, in dem die Vergangenheit lebendig wird, und geradliniger Sherlock Holmes Geschichte. Stefan Winges gibt sich sehr viel M√ľhe, sowohl Sherlock Holmes als auch Doktor Watson insbesondere im Vergleich zu den Original √ľberzeugend zu beschreiben. Vielleicht ist die Idee eines Jungfrauen opfernden Satankultes nicht g√§nzlich √ľberzeugen und passt eher in eine ‚ÄěIndiana Jones‚Äú Geschichte denn einen authentischen Holmes Roman, aber zumindest extrapoliert Stefan Winges diese Idee mit dem n√∂tigen Ernst und einer Reihe kleinerer, pointiert gesetzter H√∂hepunkte bis zum finalen, wie schon angesprochen sehr cineastischen Showdown.

Stefan Winges: "Der vierte König"
Roman, Softcover, 260 Seiten
Emons 2001

ISBN 9-7838-9705-2017

Weitere BŁcher von Stefan Winges:
 - Tod auf dem Rhein

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