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Krimi (diverse)



Dan Simmons

Eiskalt erwischt

rezensiert von Thomas Harbach

Mit “Eiskalt erwischt” eröffnet der FESTA Verlag seine neue Crime- Reihe. Dan Simmons hat in den USA insgesamt drei Romane um den ehemaligen Privatdetektiv Joe Kurtz geschrieben, der zu den am schwierigsten zu definierenden Antihelden des Genres gehört. Auf den ersten Blick fallen dem Leser noch die Arbeiten Max Allan Collins um den Profikiller Nolan sowie Richard Starks heute eher in Vergessenheit geratene “Parker” Romane ein. Die amerikanische Originalausgabe ist auch Richardt Stark gewidmet worden. Im Vergleich allerdings zu Simmons ansonsten sehr ambitionierten Arbeiten stellen die geradlinig geschriebenen Hardboiled Thriller um Kurtz eine interessante, ohne Frage auch kurzweilige, aber nicht gĂ€nzlich befriedigende Abwechselung dar. BerĂŒcksichtigen muss man, dass Simmons die Kurtz Romane schon vor mehreren Jahren geschrieben hat.
Das Auftaktkapitel soll Joe Kurtz nicht nur etablieren, sondern im Grunde auch definieren. Kurtz hat fast zwölf Jahre im GefĂ€ngnis gesessen und dadurch auch seine Lizenz verloren. Um ihn nicht zu einem den Leser abschreckenden Antihelden zu machen, geschah der Mord an einem VerdĂ€chtigen aus lauteren Motiven. Der Mann hat seine Partnerin bestialisch ermordet. Und da Kurtz ihn nicht der Justiz ĂŒberlassen wollte, hat er dessen Hand in einem Abfallvernichter im wahrsten Sinne des Wortes geschreddert und ihn anschließend ĂŒber die BalkonbrĂŒstung auf ein unten geparktes Polizeiauto geworden. Mit dieser nur auf den ersten Blick schockierenden Sequenz etabliert Dan Simmons eine Reihe von wichtigen PrĂ€missen. Joe Kurtz ist ein Mann mit Prinzipien, der sich nicht um das eigene Leben oder das eigene Wohlergehen schert. Er ist ein gewalttĂ€tiger Mann, der auf seine Umgebung entsprechend reagiert. Im Auftaktroman gibt es keine Szenen, in denen Kurtz Unschuldige angreift. Dan Simmons verfĂ€hrt nach dem fast biblischen Prinzip des Auge um Auge, Zahn um Zahn. Die Leute, die Joe Kurtz im Verlaufe der vielleicht anfĂ€nglich zu geradlinigen, in der zweiten HĂ€lfte zu stark konstruierten Ermittlungen verletzt oder tötet haben es verdient. DarĂŒber braucht nicht diskutiert werden.
Da er nach seiner Entlassung nicht wieder als Detektiv arbeiten kann, grĂŒndet er mit seiner ehemaligen SekretĂ€rin einen Onlinedatingservice und versucht so seinen von ihm verachteten BewĂ€hrungshelfer eine Freude zu machen. Dan Simmons macht sich erstaunlicherweise ĂŒber die Internetkontaktbörsen nicht lustig. Dabei wĂ€re ein ganzer Kerl wie Joe Kurtz ein ideales Instrument, um diese Art der maschinellen Partnerschaftsermittlung zu ironisieren. UnabhĂ€ngig von der eher aufgesetzt wirkenden “ehrlichen” Art Geld zu verdienen, hat Joe Kurtz ein ganz anderes Ziel. Er möchte als Ermittler fĂŒr den Mob arbeiten, der sich weniger um Genehmigungen oder Lizenzen kĂŒmmert, fĂŒr den ein Mörder wie Kurtz im Grunde ein ehrlicher prinzipientreuer Mann sein kann. Die Farinos vermissen einen ihrer wichtigsten Buchhalter. UnabhĂ€ngig von den Informationen ĂŒber die der Mann verfĂŒgt, befĂŒrchten die Farinos, das derartige NachlĂ€ssigkeiten im Umgang mit dem Personal negative AusfĂŒhrung auf den ganzen Mob haben könnten. Kurtz soll auf eigene Faust das Schicksal des Vermissten aufklĂ€ren. Das er sich bald auf beiden Seiten des gebogenen Gesetzes Feinde macht, steht außer Frage.

Wie schon angesprochen gehört die EinfĂŒhrung Joe Kurtz in ihrer HĂ€rte und IntensitĂ€t zu den besten Romanauftakten Dan Simmons seit vielen Jahren. Mit einem Knalleffekt eröffnet den Autor den Plot. Joe Kurtz ist vielleicht kein gĂ€nzlich sympathischer Charakter, aber ein zynischer OfferzĂ€hler, dessen schrĂ€ge Perspektiven neben den verschiedenen, noch anzusprechenden Actionszenen gut unterhalten. Kurtz ist ohne Frage Selbstbewusst mit einem Hang zur Arroganz. Keiner seiner Schritte ist Zufallsbedingt. Dan Simmons hat darĂŒber hinaus als die Möglichkeit, zusĂ€tzliche Spannung aufzubauen. Steht hinter Kurtz Arbeit fĂŒr den Mob vielleicht ein gĂ€nzlich anderer Plan, den der Leser nicht erahnen kann? Die Antwort ist relativ einfach und passt hervorragend in diesen dunklen Hardboiled Roman. Auf der anderen Seite wirkt es fĂŒr einen Autoren mit den FĂ€higkeiten eines Dan Simmons vielleicht einfach wenig zu einfach, einen gewalttĂ€tigen Charakter zu entwickeln und ihn einfach in eine noch brutalere Welt zu stecken. Kurtzs Taten werden auf diese Art und Weise nicht unbedingt moralisch akzeptabler, aber auf jeden Fall gerechtfertigter. Hinzu kommt, dass Kurtz jeden Tag aufs Neue erlebt, dass “man” keine Lizenzen braucht, um als ĂŒberzeugter Ermittler im Vergleich zu den ganzen korrupten Beamten oder gekauften SchnĂŒfflern seinen Job zu machen. Kurtz zur Seite steht mit Arlene eine klassischer Powerfrau mit einer einzigen SchwĂ€che: fĂŒr Joe Kurtz eben. Zumindest verzichtet der Autor auf die obligatorische Liebesgeschichte und versucht diese Idee wie Stephen Donaldson in seinen vier Kriminalromanen möglichst hinter Gewalt, aber positiv keiner VerstĂŒmmelung der wichtigsten Protagonisten zu verstecken.
Neben Kurtz und Arlene kann allerdings keine weitere Figur ĂŒberzeugen. Der Profikiller aus DĂ€nemark, der auf Kurtz angesetzt wird, ist eine sehr eindimensionale Schöpfung, die zu wenig nuanciert charakterisiert worden ist, um erstens zu ĂŒberzeugend und zweitens Kurtz das Wasser zu reichen. Die SprĂŒnge zwischen den beiden Handlungsebenen soll dem Buch mehr Dynamik geben, wirken aber teilweise zu stark konstruiert und zu wenig fließend. Auch mit Kurtzs Auftraggeber - dem Mob - geht Simmons eher wie ein Klischee um. Anstatt ĂŒberzeugende Antagonisten zu etablieren - eine SchwĂ€che der ganzen Serie - bleiben diese Figuren insbesondere im Vergleich zum dominierenden wie natĂŒrlich auch dominanten Kurtz zu blass. Hinzu kommt, das eine Reihe der mehr als vierzig Kapitel zu gleichlaufend konstruiert worden sind. Kurtz trifft im Rahmen seiner Ermittlungen auf Gangster, korrupte Bullen oder gewalttĂ€tige Privatdetektive. Wird wegen seiner Vergangenheit als Knastie ein wenig provoziert, bevor der brutale wie intelligente Kurtz nicht selten als letztes Geleit seinem kurzweiligen Gegner gegenĂŒber die fĂŒr den Fall relevanten Informationen dank schlagkrĂ€ftiger Überzeugungskraft erhĂ€lt. Sind sie direkt verwertbar, geht es zum nĂ€chsten Hindernis auf der Suche nach dem Buchhalter; sind sie nicht verwertbar, muss ein weiterer Abstecher unternommen und eine körperbetonte Befragung durchgefĂŒhrt werden. Dazwischen gibt es einige AnschlĂ€ge auf Kurtzs Leben, denen er dank seiner Lebens- und Knasterfahrung schnell entkommen und zum Gegenangriff blasen kann.
Was den eigentlichen Fall angeht, ist “Hardcase” vielleicht der schwĂ€chste Roman der ganzen Trilogie. Nicht das er unspannend oder langweilig ist. Kurtz ist ein faszinierender Charakter, eine wandelnde Zeitbombe mit einem MoralitĂ€tszĂŒnder, als das dieses kurzweilig zu lesende Buch neben der provokanten, aber niemals sadistischen Spur von ĂŒbertriebener Gewalt abschrecken könnte. Aber die Erwartungshaltung an einen Dan Simmons ist vielleicht eine andere. In dieser Hinsicht wirkt “Hardcase” eher wie eine Feierabendlaune, mit viel Liebe zu stilistischen Detail geschrieben, aber eine Art Erholung zwischen zwei deutlich anspruchsvolleren und vielleicht auch umfangreicheren Werken.

Dan Simmons: "Eiskalt erwischt"
Roman, Softcover, 336 Seiten
Festa Verlag 2012

ISBN 9-7838-6552-1866

Weitere Bücher von Dan Simmons:
 - Bitterkalt
 - Flashback
 - Helix
 - Im Auge des Winters
 - Terror
 - Welten und Zeit genug

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