Buchecke


:: Home
:: Suche


:: 24 (4)
:: Abenteuer (55)
:: Alias (1)
:: Babylon 5 (7)
:: Buffy & Angel (25)
:: Comics (diverse) (17)
:: Die Bibliothek von Babel (30)
:: Fantasy (diverse) (181)
:: Farscape (1)
:: Heftromane (314)
:: Horror (diverse) (168)
:: Komödien (diverse) (2)
:: Krimi (diverse) (59)
:: Literatur (diverse) (26)
:: Mystery (diverse) (102)
:: Perry Rhodan (122)
:: Roswell (4)
:: SachbĂŒcher (103)
:: Science Fiction (diverse) (715)
:: Star Trek (43)
:: Stargate (1)
:: Thriller (61)
:: TV (diverse) (10)
:: Vampire (37)
:: Zeitschriften / Magazine (15)


:: Artikel (6)
:: Interviews (7)
:: Nachrufe (2)


:: Weitere Sendungen


:: SciFi-Forum: Buchecke


Krimi (diverse)



Hans Gerd Stelling

Der schwarze Falke

rezensiert von Thomas Harbach

Nach „Der rote Milan“ wird der ehemalige Bierbrauer und jetzige Privatier Conrad Buddebahn mit seiner in wilder Ehe mit ihm lebenden Geliebten Hanna wieder wider Willen in Schwierigkeiten gebracht und muss gegen Verbrecher ermitteln. In seinem Sudkessel findet er zusammen mit seinen Helfern in einer sturmumtosten Nacht eine Leiche. Der Mann ist erstochen worden. Vor dem Kessel liegt niedergeschlagen und bewusstlos der neue PĂ€chter der BuddebahnÂŽschen Brauerei. NatĂŒrlich beginnt Conrad Buddebahn nicht nur aus persönlichem Interesse mit den Ermittlungen. Schnell stellt er fest, dass der BĂŒrgermeister der Stadt einen eigenen Ermittler eingesetzt hat und es ihm verbietet, in diesem Fall aktiv zu werden. FĂŒr den schmierigen Charakter kann es nur einen TĂ€ter geben: Buddebahn selbst. Kurze Zeit spĂ€ter wird ein Bierbrauer vergiftet aufgefunden. Anscheinend hat jemand einen giftigen Pilz in sein Essen gerĂŒhrt. Schnell werden die Ermittlungen mit dem Hinweis auf einen natĂŒrlichen Tod abgeschlossen. Augenscheinlich interessiert sich eine außen stehende Interessengruppe fĂŒr die erfolgreichen Hamburger Brauereien. Und hier wĂ€re auch Buddebahns Uhl- Brauerei ein begehrtes Objekt der Begierde.

Aber noch eine zweite Gefahr droht der Freien und Hansestadt Hamburg. Draußen vor den Toren werden Bauern ĂŒberfallen, ihre Höfe und Ernten niedergebrannt und die Familien aufgehĂ€ngt. Ob und welchen Zusammenhang es zwischen diesen Taten und der Morden innerhalb Hamburgs gibt, muss Buddebahn entgegen der WĂŒnsche des BĂŒrgermeisters im Eigeninteresse selbst herausfinden. Schließlich ist seinem Haus vorĂŒbergehend die lebensnotwendige Braulizenz entzogen worden. An der privaten Front macht der aus London zurĂŒckgekehrte Bruder des Bankiers Bracker seiner Hanna schöne Augen und setzt ihr TrĂ€ume von einem unbeschwerten Leben in London in den Kopf. Als Hanna in den Kerker gesteckt wird und der Folter ausgesetzt zu werden droht, ist Buddebahn klar, das auch seine Brauerei und seine ganze Existenz in Gefahr ist.

Im Vergleich zum ersten Roman „Der rote Milan“ brauchte Hans Gerd Stelling weder den historischen Hintergrund noch die wichtigsten Protagonisten zu etablieren. Es ist nicht unbedingt notwendig, den ersten Band gelesen zu haben. Es gibt im Verlaufe des Plots mehrere Hinweise auf die Jagd nach dem Frauenmörder und die Hilfe, die Hanna und Conrad Buddebahn wĂ€hrend ihrer Ermittlungen unter anderem von der armen arbeitenden Bevölkerung – zum Beispiel den Fischern - erhalten haben. Diese Querverweise erhöhen das LesevergnĂŒgen des vorliegenden Bandes ein wenig, sie sind aber weder plottechnisch relevant noch bleiben sie den Handlungsfluss störend in der Luft hĂ€ngen. Stelling extrapoliert diese Hinweise rudimentĂ€r, aber ausreichend. Das gefestigte Umfeld ermöglicht es dem Autor, gleich die Handlung mit einem Paukenschlag zu eröffnen. Eine mĂ€nnliche Leiche wird im Bierkessel schwimmend gefunden. Niemand kennt den Mann. Buddebahn muss also nicht nur den Verdacht von sich waschen, sondern auch die HintergrĂŒnde des Verbrechens klĂ€ren. Sehr geschickt erweitert Stelling ansprechend konzentriert und zielstrebig den Kreis der VerdĂ€chtigen. Hinzu kommen die vielfĂ€ltigen möglichen Tatmotive. Dabei legt der Autor im Vergleich zu einigen anderen klassisch orientierten Krimis keine falschen Spuren, sondern fĂŒhrt am Ende des Romans die verschiedenen Ebenen ein wenig hastig, aber zufriedenstellend zusammen. Das Motiv liegt in der tiefen Vergangenheit und dient im Grunde nur als Katalysator fĂŒr einen ausgemachten Wirtschaftskrieg zwischen London und Hamburg. Die persönliche Rachegeschichte wirkt rĂŒckblickend ein wenig zu simpel als ĂŒberzeugende ErklĂ€rung fĂŒr das geschickte und vor allem hinterhĂ€ltige Vorgehen der TĂ€ter.
Weiterhin hinterfragt Buddebahn einige Fakten, welche bei den einzelnen Vernehmungen schon geklĂ€rt worden sind. Es ist nicht immer geschickt, eine bislang weder in RĂŒckblenden noch direkt in die Handlung eingefĂŒhrte Figur zum TĂ€ter zu machen. Der Leser wird durch diese Vorgehensweise ein wenig vom Mitermitteln ausgegrenzt. Ein simpler Mord aber an den drei eigentlichen sich vor vielen Jahren schuldig gemachten MĂ€nnern hĂ€tte fĂŒr einen solchen Roman nicht ausgereicht. Statt nur Rache zu nehmen, wollen die TĂ€ter im Grunde die wirtschaftliche Kontrolle ĂŒber den Bierhandel und die politische Hintergrundkontrolle ĂŒber die Stadt Hamburg ĂŒbernehmen. Ihre HintermĂ€nner werden nicht enthĂŒllt. Aufgrund der spartanischen Hintergrundinformationen erscheint es unwahrscheinlich, dass sie nur im eigenen Interesse gehandelt haben. Mit dem ersten Mord wollen sie ein Zeichen setzen. Ob das ohnehin ihre Absicht gewesen ist, extrapoliert Stelling nicht weiter. Teilweise gehen sie sehr subtil vor, dann wieder mit der Brechstange. Ob diese Änderung der Taktik mit den trotz aller Hindernisse fortschreitenden Ermittlungen Bubbebahns in einem engen Zusammenhang steht, bleibt ebenfalls im Dunkel. Am Ende des Buches fasst Bubbebahn die verschiedenen Ereignisse impliziert fĂŒr den Leser noch einmal zusammen. Dieser Abschluss ist von Hans Gerd Stelling souverĂ€n geschrieben. Er glĂ€ttet einige Ecken und Kanten, negiert auch nicht die teilweise sehr gut aufgespannte Spannungskurve.

Der Roman bezieht einen Großteil seines betrĂ€chtlichen Charmes aus der Tatsache, dass die Mordserie nur vordergrĂŒndig mit einem Ereignis in der Vergangenheit in einem unmittelbaren Zusammenhang steht. Es geht nicht mehr darum, nur die TĂ€ter zu schĂ€digen, zu demĂŒtigen und schließlich zu vernichten. Die Existenz eines ganzen Wirtschaftszweiges steht auf dem Spiel. Diesen umfangreichen Hintergrund nutzt Hans Gerd Stelling sehr geschickt, um ein farbenprĂ€chtiges, sehr gut recherchiertes Portrait der Hansestadt Hamburg im frĂŒhen 16. Jahrhundert zu zeichnen. Dabei reicht das Spektrum von der Arroganz des Geldadels ĂŒber den StĂ€ndedĂŒnkel bis schließlich zur Inquisition. Umgekehrt betrachtet baut Stelling eine sehr unangenehme, aber nicht explizierte Folterszene im Keller des Rathauses in seinen Roman ein. Bislang stand die Folter und Inquisition in erster Linie in einem engen Zusammenhang mit der katholischen Kirche, hier verbindet der Autor etwas verwegen stĂ€dtische Politik und reinen Glauben. Hinsichtlich des Geldadels und dem neu aufkommenden BĂŒrgertum unterscheidet der Autor sehr gut zwischen dem Klischee, der Erwartungshaltung der Leser und seinen gut gezeichneten Protagonisten. So ist der Banker nicht nur ein reiner Halsabschneider und Zinsgeier, sondern erweist sich im letzten Drittel des Buches als erstaunlich aufgeklĂ€rter Mann, der modern denkend, aber wirtschaftlich konservativ sicherlich der verfilzten Stadtregierung neue Impulse geben kann. In dieser Sequenz des Buches merkt der Leser, wie gut Hans Gerd Stelling historische Informationen mit einer spannenden Handlung verbinden kann. Ein erpressbarer, wirtschaftlich angeschlagener Politiker ist fĂŒr die Freie und Hansestadt Hamburg nicht tragbar. Innerhalb von zwei Stunden muss er die Stadt verlassen oder seine Zeit im Schuldturm verbringen. Ohne belehren zu wollen zeichnet der Autor ein farbenprĂ€chtiges hintergrĂŒndiges Portrait des Lebens in der Hansestadt.

Sehr positiv fĂ€llt die Charakterisierung der einzelnen Protagonisten auf. Buddebahn ist ein gesetzter Mann, den anfĂ€nglich nichts aus der Ruhe bringen kann. Erst die mehrmalige Angst um seine Geliebte Hanna und spĂ€ter eine latent vorhandene Eifersucht geben der Figur eine ĂŒberraschende und sympathische Tiefe. Seine Ermittlungen beruhen nicht nur auf dem Prinzip des Zufalls, er ist ein scharfer Beobachter. An einigen wenigen Stellen ist der Leser dem Protagonisten eine Nasespitze voraus, diese SchwĂ€che gleicht Stelling aber im Verlaufe des Showdowns sehr gut aus. Neben Buddehahn sticht Hanna aus den zahlreichen handelnden Personen heraus. Auf der einen Seite eine moderne Frau, die auch in wilder Ehe mit Buddebahn zusammen kann, auf der anderen Seite eine fast klischeehafte gezeichnete Marktfrau voller ImpulsivitĂ€t und dem Hang zum Tratschen. Die exzellente Köchin, ansprechende Geliebte und fĂŒrsorgliche Hausfrau runden diese gelungene Frauenfigur sehr gut ab. Auf jeden einzelnen Nebencharakter einzugehen, wĂŒrde den Rahmen jeder Kritik sprengen. Viele andere Charaktere durchschreiten einen Reifeprozess. Das beginnt bei Buddebahns aufmĂŒpfigen, etwas selbstverliebten Sohn David und endet bei Wasmann, einem impulsiven und JĂ€hzornigen Bierbrauer, dem Buddebahns Misstrauen entgegenschlĂ€gt. Erst die gemeinsame Sorge um den Verlust eines geliebten Menschen macht sie zu einem Team wider Willen. Hinsichtlich der Antagonisten ĂŒberzeugen der arrogante und selbst verliebte BĂŒrgermeister Rother, dem Stelling eine persönliche, hinsichtlich des Gesamtkonstruktes des Romans ein wenig zu cineastische Niederlage auf den Leib schreibt und der charmante, aber gefĂ€hrliche Jonas Bracker. Einen kleinen Kompromiss geht Hans Gerd Stelling allerdings am Ende des Buches ein. Zuerst agiert der Antagonist in erster Linie als geheimnisvoller Drahtzieher, der mit einer perfiden kriminellen Energie die SchwĂ€chen der einzelnen Opfer auskundschaftet und ausnutzt. Am Ende des Romans dagegen erweist er sich nicht nur als Planer, sondern teilweise als TĂ€ter. Diese Wandlung wird zu wenig begrĂŒndet, wirkt auch zu sprunghaft. UnabhĂ€ngig von dieser SchwĂ€che ĂŒberzeugt der Roman allerdings hinsichtlich seiner Charaktere und verzeiht damit auch manche kleine, aber sichtbare Plotkonstruktion.

Wie schon in „Der rote Milan“ oder „Störtebekker“ hat Hans Gerd Stelling umfangreiche Recherchen in Bezug auf das geschichtliche und gesellschaftliche Ambiente betrieben. Seine Hintergrundbeschreibungen sind farbenprĂ€chtig, informativ, aber niemals belehrend. Der Autor beschreibt insbesondere die Sorgen und Nöte, aber auch die Hoffnungen der einfachen Bevölkerung und zeigt die Wechselwirkungen eines ĂŒber alle Klassen sowie StĂ€nde hinweg funktionierenden Wirtschaftskreislauf auf. Die vielen Details lenken nicht vom eigentlichen Plot ab, sondern unterstreichen dessen Wirkung.

„Der schwarze Falke“ ist ein spannender historischer Kriminalroman, dessen grundlegender Plot sehr nuanciert, ĂŒber weite Strecken sehr intelligent angelegt und vor allem auch ausgefĂŒhrt worden ist. Das Buch besticht durch die ĂŒberzeugenden Charaktere. Stilistisch sehr ansprechend mit einer gelungenen Mischung aus einem modernen ErzĂ€hltempo und einem GefĂŒhl fĂŒr ĂŒber die einzelnen Bevölkerungsschichten reichend stimmige Dialoge.

Hans Gerd Stelling: "Der schwarze Falke"
Roman, Softcover, 422 Seiten
Aufbau Verlag 2007

ISBN 9-7837-4662-3627

Weitere Bücher von Hans Gerd Stelling:
 - Der Blutrichter
 - Der rote Milan
 - Störtebeker

Leserrezensionen

:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht möchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::