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Krimi (diverse)



Hans Gerd Stelling

Der schwarze Falke

rezensiert von Thomas Harbach

Nach „Der rote Milan“ wird der ehemalige Bierbrauer und jetzige Privatier Conrad Buddebahn mit seiner in wilder Ehe mit ihm lebenden Geliebten Hanna wieder wider Willen in Schwierigkeiten gebracht und muss gegen Verbrecher ermitteln. In seinem Sudkessel findet er zusammen mit seinen Helfern in einer sturmumtosten Nacht eine Leiche. Der Mann ist erstochen worden. Vor dem Kessel liegt niedergeschlagen und bewusstlos der neue Pächter der Buddebahn´schen Brauerei. Natürlich beginnt Conrad Buddebahn nicht nur aus persönlichem Interesse mit den Ermittlungen. Schnell stellt er fest, dass der Bürgermeister der Stadt einen eigenen Ermittler eingesetzt hat und es ihm verbietet, in diesem Fall aktiv zu werden. Für den schmierigen Charakter kann es nur einen Täter geben: Buddebahn selbst. Kurze Zeit später wird ein Bierbrauer vergiftet aufgefunden. Anscheinend hat jemand einen giftigen Pilz in sein Essen gerührt. Schnell werden die Ermittlungen mit dem Hinweis auf einen natürlichen Tod abgeschlossen. Augenscheinlich interessiert sich eine außen stehende Interessengruppe für die erfolgreichen Hamburger Brauereien. Und hier wäre auch Buddebahns Uhl- Brauerei ein begehrtes Objekt der Begierde.

Aber noch eine zweite Gefahr droht der Freien und Hansestadt Hamburg. Draußen vor den Toren werden Bauern überfallen, ihre Höfe und Ernten niedergebrannt und die Familien aufgehängt. Ob und welchen Zusammenhang es zwischen diesen Taten und der Morden innerhalb Hamburgs gibt, muss Buddebahn entgegen der Wünsche des Bürgermeisters im Eigeninteresse selbst herausfinden. Schließlich ist seinem Haus vorübergehend die lebensnotwendige Braulizenz entzogen worden. An der privaten Front macht der aus London zurückgekehrte Bruder des Bankiers Bracker seiner Hanna schöne Augen und setzt ihr Träume von einem unbeschwerten Leben in London in den Kopf. Als Hanna in den Kerker gesteckt wird und der Folter ausgesetzt zu werden droht, ist Buddebahn klar, das auch seine Brauerei und seine ganze Existenz in Gefahr ist.

Im Vergleich zum ersten Roman „Der rote Milan“ brauchte Hans Gerd Stelling weder den historischen Hintergrund noch die wichtigsten Protagonisten zu etablieren. Es ist nicht unbedingt notwendig, den ersten Band gelesen zu haben. Es gibt im Verlaufe des Plots mehrere Hinweise auf die Jagd nach dem Frauenmörder und die Hilfe, die Hanna und Conrad Buddebahn während ihrer Ermittlungen unter anderem von der armen arbeitenden Bevölkerung – zum Beispiel den Fischern - erhalten haben. Diese Querverweise erhöhen das Lesevergnügen des vorliegenden Bandes ein wenig, sie sind aber weder plottechnisch relevant noch bleiben sie den Handlungsfluss störend in der Luft hängen. Stelling extrapoliert diese Hinweise rudimentär, aber ausreichend. Das gefestigte Umfeld ermöglicht es dem Autor, gleich die Handlung mit einem Paukenschlag zu eröffnen. Eine männliche Leiche wird im Bierkessel schwimmend gefunden. Niemand kennt den Mann. Buddebahn muss also nicht nur den Verdacht von sich waschen, sondern auch die Hintergründe des Verbrechens klären. Sehr geschickt erweitert Stelling ansprechend konzentriert und zielstrebig den Kreis der Verdächtigen. Hinzu kommen die vielfältigen möglichen Tatmotive. Dabei legt der Autor im Vergleich zu einigen anderen klassisch orientierten Krimis keine falschen Spuren, sondern führt am Ende des Romans die verschiedenen Ebenen ein wenig hastig, aber zufriedenstellend zusammen. Das Motiv liegt in der tiefen Vergangenheit und dient im Grunde nur als Katalysator für einen ausgemachten Wirtschaftskrieg zwischen London und Hamburg. Die persönliche Rachegeschichte wirkt rückblickend ein wenig zu simpel als überzeugende Erklärung für das geschickte und vor allem hinterhältige Vorgehen der Täter.
Weiterhin hinterfragt Buddebahn einige Fakten, welche bei den einzelnen Vernehmungen schon geklärt worden sind. Es ist nicht immer geschickt, eine bislang weder in Rückblenden noch direkt in die Handlung eingeführte Figur zum Täter zu machen. Der Leser wird durch diese Vorgehensweise ein wenig vom Mitermitteln ausgegrenzt. Ein simpler Mord aber an den drei eigentlichen sich vor vielen Jahren schuldig gemachten Männern hätte für einen solchen Roman nicht ausgereicht. Statt nur Rache zu nehmen, wollen die Täter im Grunde die wirtschaftliche Kontrolle über den Bierhandel und die politische Hintergrundkontrolle über die Stadt Hamburg übernehmen. Ihre Hintermänner werden nicht enthüllt. Aufgrund der spartanischen Hintergrundinformationen erscheint es unwahrscheinlich, dass sie nur im eigenen Interesse gehandelt haben. Mit dem ersten Mord wollen sie ein Zeichen setzen. Ob das ohnehin ihre Absicht gewesen ist, extrapoliert Stelling nicht weiter. Teilweise gehen sie sehr subtil vor, dann wieder mit der Brechstange. Ob diese Änderung der Taktik mit den trotz aller Hindernisse fortschreitenden Ermittlungen Bubbebahns in einem engen Zusammenhang steht, bleibt ebenfalls im Dunkel. Am Ende des Buches fasst Bubbebahn die verschiedenen Ereignisse impliziert für den Leser noch einmal zusammen. Dieser Abschluss ist von Hans Gerd Stelling souverän geschrieben. Er glättet einige Ecken und Kanten, negiert auch nicht die teilweise sehr gut aufgespannte Spannungskurve.

Der Roman bezieht einen Großteil seines beträchtlichen Charmes aus der Tatsache, dass die Mordserie nur vordergründig mit einem Ereignis in der Vergangenheit in einem unmittelbaren Zusammenhang steht. Es geht nicht mehr darum, nur die Täter zu schädigen, zu demütigen und schließlich zu vernichten. Die Existenz eines ganzen Wirtschaftszweiges steht auf dem Spiel. Diesen umfangreichen Hintergrund nutzt Hans Gerd Stelling sehr geschickt, um ein farbenprächtiges, sehr gut recherchiertes Portrait der Hansestadt Hamburg im frühen 16. Jahrhundert zu zeichnen. Dabei reicht das Spektrum von der Arroganz des Geldadels über den Ständedünkel bis schließlich zur Inquisition. Umgekehrt betrachtet baut Stelling eine sehr unangenehme, aber nicht explizierte Folterszene im Keller des Rathauses in seinen Roman ein. Bislang stand die Folter und Inquisition in erster Linie in einem engen Zusammenhang mit der katholischen Kirche, hier verbindet der Autor etwas verwegen städtische Politik und reinen Glauben. Hinsichtlich des Geldadels und dem neu aufkommenden Bürgertum unterscheidet der Autor sehr gut zwischen dem Klischee, der Erwartungshaltung der Leser und seinen gut gezeichneten Protagonisten. So ist der Banker nicht nur ein reiner Halsabschneider und Zinsgeier, sondern erweist sich im letzten Drittel des Buches als erstaunlich aufgeklärter Mann, der modern denkend, aber wirtschaftlich konservativ sicherlich der verfilzten Stadtregierung neue Impulse geben kann. In dieser Sequenz des Buches merkt der Leser, wie gut Hans Gerd Stelling historische Informationen mit einer spannenden Handlung verbinden kann. Ein erpressbarer, wirtschaftlich angeschlagener Politiker ist für die Freie und Hansestadt Hamburg nicht tragbar. Innerhalb von zwei Stunden muss er die Stadt verlassen oder seine Zeit im Schuldturm verbringen. Ohne belehren zu wollen zeichnet der Autor ein farbenprächtiges hintergründiges Portrait des Lebens in der Hansestadt.

Sehr positiv fällt die Charakterisierung der einzelnen Protagonisten auf. Buddebahn ist ein gesetzter Mann, den anfänglich nichts aus der Ruhe bringen kann. Erst die mehrmalige Angst um seine Geliebte Hanna und später eine latent vorhandene Eifersucht geben der Figur eine überraschende und sympathische Tiefe. Seine Ermittlungen beruhen nicht nur auf dem Prinzip des Zufalls, er ist ein scharfer Beobachter. An einigen wenigen Stellen ist der Leser dem Protagonisten eine Nasespitze voraus, diese Schwäche gleicht Stelling aber im Verlaufe des Showdowns sehr gut aus. Neben Buddehahn sticht Hanna aus den zahlreichen handelnden Personen heraus. Auf der einen Seite eine moderne Frau, die auch in wilder Ehe mit Buddebahn zusammen kann, auf der anderen Seite eine fast klischeehafte gezeichnete Marktfrau voller Impulsivität und dem Hang zum Tratschen. Die exzellente Köchin, ansprechende Geliebte und fürsorgliche Hausfrau runden diese gelungene Frauenfigur sehr gut ab. Auf jeden einzelnen Nebencharakter einzugehen, würde den Rahmen jeder Kritik sprengen. Viele andere Charaktere durchschreiten einen Reifeprozess. Das beginnt bei Buddebahns aufmüpfigen, etwas selbstverliebten Sohn David und endet bei Wasmann, einem impulsiven und Jähzornigen Bierbrauer, dem Buddebahns Misstrauen entgegenschlägt. Erst die gemeinsame Sorge um den Verlust eines geliebten Menschen macht sie zu einem Team wider Willen. Hinsichtlich der Antagonisten überzeugen der arrogante und selbst verliebte Bürgermeister Rother, dem Stelling eine persönliche, hinsichtlich des Gesamtkonstruktes des Romans ein wenig zu cineastische Niederlage auf den Leib schreibt und der charmante, aber gefährliche Jonas Bracker. Einen kleinen Kompromiss geht Hans Gerd Stelling allerdings am Ende des Buches ein. Zuerst agiert der Antagonist in erster Linie als geheimnisvoller Drahtzieher, der mit einer perfiden kriminellen Energie die Schwächen der einzelnen Opfer auskundschaftet und ausnutzt. Am Ende des Romans dagegen erweist er sich nicht nur als Planer, sondern teilweise als Täter. Diese Wandlung wird zu wenig begründet, wirkt auch zu sprunghaft. Unabhängig von dieser Schwäche überzeugt der Roman allerdings hinsichtlich seiner Charaktere und verzeiht damit auch manche kleine, aber sichtbare Plotkonstruktion.

Wie schon in „Der rote Milan“ oder „Störtebekker“ hat Hans Gerd Stelling umfangreiche Recherchen in Bezug auf das geschichtliche und gesellschaftliche Ambiente betrieben. Seine Hintergrundbeschreibungen sind farbenprächtig, informativ, aber niemals belehrend. Der Autor beschreibt insbesondere die Sorgen und Nöte, aber auch die Hoffnungen der einfachen Bevölkerung und zeigt die Wechselwirkungen eines über alle Klassen sowie Stände hinweg funktionierenden Wirtschaftskreislauf auf. Die vielen Details lenken nicht vom eigentlichen Plot ab, sondern unterstreichen dessen Wirkung.

„Der schwarze Falke“ ist ein spannender historischer Kriminalroman, dessen grundlegender Plot sehr nuanciert, über weite Strecken sehr intelligent angelegt und vor allem auch ausgeführt worden ist. Das Buch besticht durch die überzeugenden Charaktere. Stilistisch sehr ansprechend mit einer gelungenen Mischung aus einem modernen Erzähltempo und einem Gefühl für über die einzelnen Bevölkerungsschichten reichend stimmige Dialoge.

Hans Gerd Stelling: "Der schwarze Falke"
Roman, Softcover, 422 Seiten
Aufbau Verlag 2007

ISBN 9-7837-4662-3627

Weitere Bücher von Hans Gerd Stelling:
 - Der Blutrichter
 - Der rote Milan
 - Störtebeker

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