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Krimi (diverse)



Hans Gerd Stelling

Der rote Milan

rezensiert von Thomas Harbach

Mit “Der rote Milan” legt der Hamburger Autor H.G. Francis alias Gerd Stelling seinen ersten Hanse Krimi um den Bierbrauer im Ruhestand Conrad Buddebahn und seine schöne, in wilder Ehe mit ihm lebende Frau Hanna. Wie in der Fortsetzung “Der schwarze Falke” verwirren die farbenprĂ€chtigen Anspielungen auf Raubvögel. Zwar erweist sich der rote Milan als UnglĂŒcksvogel, aber ihre Besuche in der Hansestadt Hamburg im Jahre 1513 stehen in keinem direkten Zusammenhang mit der rĂ€tselhaften Mordserie. Am Ende des Buches versucht sich Hans Gerd Stelling an einer ErklĂ€rung hinsichtlich des roten Milan, die aber in einem markanten Widerspruch zum Verhalten Buddebahns bei frĂŒheren Begegnungen mit dem oder den Raubvögeln steht.
Bei Einsetzen der laufenden Handlung ist der Mord an einer Dame der gehobenen bĂŒrgerlichen Gesellschaft schon mehrere Monate her. Der bisherige Ermittler hat keine Ergebnisse zu Tage gebracht. Etwas schwerfĂ€llig konstruiert Hans Gerd Stelling, dass der inzwischen sich zur Ruhe gesetzte Bierbrauer Conrad Buddebahn aufgrund seiner Erfahrung in einem Bierdiebstahl jetzt mit den Ermittlungen im Mordfall betreut wird. Buddebahn beginnt systematisch die Bediensteten und den Ehemann der Ermordeten zu befragen. Schnell findet er heraus, dass die beiden Ehepartner unterschiedliche Geheimnisse voreinander und der Öffentlichkeit verbergen. Kurze Zeit spĂ€ter geschieht ein zweiter Mord und entlastet den potentiellen Mörder zumindest direkt. Wieder wird eine Frau aus ehrbarsten Kreisen ermordet. Wieder wird ihr die Kehle durchgeschnitten und wieder wird auf ihrem RĂŒcken ein Zeichen hinterlassen. Je mehr sich Conrad Buddebahn mit dem Verbrechen auseinandersetzt, desto tiefer gerĂ€t er in einem Sumpf aus KinderschĂ€ndung und hanseatischem Machtgehabe, bis der unbekannte TĂ€ter auch Buddebahns Hanna bedroht.

Es empfiehlt sich, obwohl es plottechnisch nicht unbedingt notwendig ist, mit “Der rote Milan” die Hanse Krimis von Hans Gerd Stelling zu beginnen. Beide Romane folgen trotz sehr unterschiedlicher Verbrechen einem Ă€hnlichen Muster. In beiden FĂ€llen baut Hans Gerd Stelling eine zweite Verbrechensschiene in die Handlung ein, die vordergrĂŒndig schockiert, hintergrĂŒndig aber nur sehr indirekt mit dem Fall zu tun hat. Diese Vorgehensweise ĂŒberrascht und verzĂŒckt bei der ersten LektĂŒre. Wiederholt sich das Spiel im zweiten Buch, verliert der jeweils zu letzt gelesene Roman deutlich an Charme. Die Ermittlungen sind ĂŒber weite Strecken fĂŒr den Leser nachvollziehbar. Bis weit in die Mitte des Buches bleibt der Außenstehende Beobachter auf Augenhöhe mit dem Hobby Kriminalisten. Nach einem weiteren GesprĂ€ch und einem Hinweis an der zweiten Leiche kanzelt Hans Gerd Stelling plötzlich den Leser ab und gibt Conrad Buddebahn einen entscheidenden Vorteil, den dieser Ermittlung bis zum im Grunde klassischen und damit etwas statischen Agatha Christie Ende beibehĂ€lt. Zwar legt der Autor rĂŒckblickend eine Reihe von falschen Spuren und spielt mit der Erwartungshaltung der Leser, aber hinsichtlich der aufgebauten PrĂ€misse - die oberen RatsmĂ€nner der Stadt schĂ€nden erst auf einem abgeschiedenen Bauernhof vor den Toren der Stadt und schließlich in der stĂ€dtischen Badeanstalt sehr junge MĂ€dchen und Knaben - liefert Hans Gerd Stelling um norddeutsch zu bleiben zu wenig “Butter bei den Fischen”. Vor allem das Motiv der Mordserie ist schwach. Der TĂ€ter hĂ€tte als Angehöriger der Oberschicht von Beginn an die Sinnlosigkeit seines Ansinnens erkennen mĂŒssen. Dazu ist er zu sehr insbesondere in der Oberschicht der Freien und Hansestadt Hamburg mit ihren unumstĂ¶ĂŸlichen Traditionen verwurzelt. LĂ€sst der Leser diese grundlegende SchwĂ€che zur Seite, stellt sich fĂŒr ihn eine weitere Frage. WĂ€re das nur theoretisch greifbare Ziel mit den zwei Morden wirklich erreicht worden? Oder gĂ€be es noch mehr AnwĂ€rter, die fĂŒr diesen inneren Kreis in Frage gekommen wĂ€ren? Da Hans Gerd Stelling keine weiteren ErlĂ€uterungen in der an die Holmes oder Pater Brown ErzĂ€hlungen erinnernden Schlusssequenz anbietet, soll im Zweifel fĂŒr den Angeklagten gesprochen werden. Die Ermittlungsarbeit selbst mit den fĂŒr die damalige Zeit neuen und aus heutiger Sicht klassisch zu nennenden Methoden ist detailliert und spannend beschrieben worden. Eine Nebenhandlung mit der neuen WarmblĂŒterpferdezucht wird im Verlaufe des Plots positiv integriert. Hans Gerd Stelling macht auch nicht den Fehler, Conrad Buddebahn alleine die Ermittlungsarbeit auf die Schultern zu legen. Nicht selten sind es die GesprĂ€che mit der nicht dummen FischverkĂ€uferin Hanna und ihrer bodenstĂ€ndig Ansicht, die ihm entscheidende Hinweise geben. Allerdings fĂŒhrt in beiden Romanen Arroganz und eitle SelbstĂŒberschĂ€tzung zum Fall eines HauptverdĂ€chtigen. Ihren jeweiligen Fall beschreibt der Autor in spannenden, hochdramatischen Szenen. Aber wie schon angesprochen ist sich der Leser beim jeweils zweiten Buch im Klaren, dass der Mann zwar eines Verbrechens schuldig ist, aber nicht der HaupttĂ€ter sein kann. Überspitzt formuliert löst Buddebahn in zwei Romanen insgesamt vier sehr unterschiedliche Verbrechen bzw. Straftaten.

Was Hans Gerd Stellings Hansekrimis allerdings auszeichnet, ist zum einen eine Liebe zum Detail und zum anderen eine ĂŒberzeugende Charakterisierung der handelnden Personen. Wie schon in “Der schwarze Falke” lebt Stellings Hamburg. Nimmer mĂŒde erlĂ€utert der Autor unabhĂ€ngig von der stringenten Haupthandlung Historisches. Das beginnt beim Bierbrauen und endet schließlich bei der Schiffung der Elbe. Dabei streift er die Pferdezucht eines Gruppe von Mönchen, die wegen ihrer schwachen Pferde ĂŒberall verlacht werden. NatĂŒrlich ist Buddebahn einer der wenigen, die zwar nicht gleich die VorzĂŒge dieser schnellen Tiere erkennt, der sich aber von ihrem Nutzen ĂŒberzeugen lĂ€sst. Die Beschreibungen des Lebens in der Hansestadt im frĂŒhen 16. Jahrhundert sowohl bei den armen Arbeitern, den misshandelten Waisenkindern und schließlich dem frĂŒhen BĂŒrgertum sind stimmig. Mit Conrad Buddebahn verfĂŒgt der Roman ĂŒber einen sympathischen, wirtschaftlich sehr modern und human denkenden Protagonisten, der seine erfolgreiche Bierbrauerei verpachtet hat. NatĂŒrlich kĂŒmmert er sich im Hintergrund noch um einige Kleinigkeiten und wird im folgenden Roman wieder aktiver, aber erst die Ermittlungen geben ihm die Möglichkeiten, seinen wachen Verstand, seine gute Kombinationsgabe und vor allem seine FĂ€higkeit, zu lesen und zu schreiben ausgesprochen zielstrebig einzusetzen. Er wirkt zwar teilweise wie ein Fremdkörper in der spĂ€t mittelalterlichen Stadt mit ihrem Aberglauben und den Gottesurteilen, er ist aber das Licht der Vernunft. Hans Gerd Stelling gibt seinem Protagonisten ausreichend Besonderheiten, als das er trotz seiner Ausnahmestellung als Protagonist funktioniert. Er lebt in wilder Ehe mit einer attraktiven Frau, die ihn gut bekocht. Die Beschreibung der manchmal typisch norddeutschen Gerichte ist eine der StĂ€rken des Romans. Seine erste Frau ist bei der Geburt der Tochter im Kindbett gestorben. Sein Sohn geht inzwischen in der Stadt in die Lehre. Daraus erwachsen die klassischen Vater- Sohn Konflikte, die allerdings im Vergleich zum zweiten Band eher oberflĂ€chlich und den Handlungsbogen nicht verzögernd abgehandelt werden. Hanna wirkt teilweise ein wenig zu intelligent fĂŒr die Rolle der einfachen FischverkĂ€uferin. Sie verfĂŒgt nicht nur ĂŒber eine Kombinationsgabe, sie ist nicht mundfaul und mutig. Wenn sie sich dem potentiellen KinderschĂ€nder zusammen mit den Fischern in den Weg stellt, spricht das genauso fĂŒr ihre innere Kraft wie die liebevolle UnterstĂŒtzung, welche sie Conrad Buddebahn bei seiner nicht einfachen Ermittlungsarbeit schenkt. Bei den Nebenfiguren ĂŒberzeugen markante Charaktere wie der Bauer, dem Buddebahn seine sehr gute Gerste zu einem höheren als marktĂŒblichen Preis abkauft, um die gute QualitĂ€t fĂŒr sein Bier sicherzustellen; der Seiler, vor dessen TĂŒr die zweite Leiche gefunden worden ist oder die tragische junge Tochter eines DĂ€nischen Handwerkers, die unter einer Lichtallergie leidet und deswegen von der aberglĂ€ubischen Bevölkerung als Hexe angesehen wird. Es ist allerdings die obere BĂŒrgerschicht, welche Hans Gerd Stelling manchmal ironisch ĂŒberzeichnet als nur vordergrĂŒndig machtvolle und reiche Menschen entlarvt. Wenn die obere BĂŒrgerschicht eingeladen wird, wirkt Conrad Buddebahn - niemand wĂŒrde Hanna einladen - wie ein Fremdkörper. Darum erscheint es doppelt ironisch, das ausgerechnet dieser Mann ihre Frauen rĂ€chen bzw. retten soll. Das Bild der neureichen Reeder, die dank ihrer GeschĂ€fte mit England plötzlich reich geworden sind, in einer im Vergleich zu anderen HansestĂ€dten wie Bremen und LĂŒbeck noch dahin vegetierenden Hansestadt Hamburg wird durch die korrupten und innerlich verfaulten OrdnungshĂŒter wie den BĂŒrgermeister - siehe hier “Der schwarze Falke” - oder den pĂ€dophilien Richter abgerundet.

Zusammenfassend ist “Der rote Milan” ein Buch mit StĂ€rken und SchwĂ€chen. Die Anlage des Falls, wenn auch nicht gĂ€nzlich zufriedenstellend die Wahl des mittelalterlichen Detektivs ist sehr gut gelungen, die Neugierde der Leser wird stellvertretend durch Conrad Buddebahn geweckt. Der Mittelteil besteht aus einer soliden Mischung aus Spannung, Information und plottechnischen Überraschungen, bevor Hans Gerd Stelling am Ende des Romans Schwierigkeiten hat, den Plot zufrieden stellend und fĂŒr den Leser wirklich ĂŒberzeugend zu beenden.

Hans Gerd Stelling: "Der rote Milan"
Roman, Softcover, 442 Seiten
Aufbau Verlag 2007

ISBN 9-7837-4662-3511

Weitere Bücher von Hans Gerd Stelling:
 - Der Blutrichter
 - Der schwarze Falke
 - Störtebeker

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