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Krimi (diverse)



G.K. Chesterton

Der Mann, der zuviel wußte

rezensiert von Thomas Harbach


Mit „The man, who know too much“ – die Besprechung der einzelnen Geschichten basiert auf der englischen Originalausgabe des Dover Verlages, der nach der Erstauflage aus dem Jahr 1922 die Texte 2003 neu veröffentlicht hat – legt der Heyne- Verlag in einem schönen Hardcover mit Nachwort Elmar Schenkels die acht Geschichten um Horne Fisher neu nach einer Erstveröffentlichung in den sechziger Jahren im Hederverlag auf. Fisher ist ein frühzeitig gealterter Mann in besten Jahren, der aufgrund seiner vielfältigen verwandtschaftlichen Verflechtungen mit englischen Politikern zu viel von dem Gerangel hinter den brüchigen Fassaden mitbekommt und deswegen – wie er selbst mehrfach betont – einfach zu viel weiß. Immer wieder geschehen in seiner Nähe Morde – sechs der acht Texte handeln von einem Mord, ein Trickdiebstahl und eine Spionagegeschichte runden den Reigen ab -, die Fisher dank seiner deduktiven Beobachtungsgabe und seinem Wissen sehr schnell lösen kann, ohne das er allerdings – in einer ironischen Umkehrung klassischer Detektivgeschichten – seine Erkenntnisse der Polizei mitteilen kann. Während nicht selten auf andere Detektive wie Sherlock Holmes Druck aus höchsten Kreisen ausgeübt wird, wichtige Erkenntnisse zu verschweigen, ist es Fisher, der aktiv seine Ermittlungen verschweigt. Hinzu kommt, dass Fisher fast bis zum Stereotyp als zurückhaltender kühler Kopf beschrieben wird, der ambivalent sein Verhältnis zu den politisch aktiven Verwandten betrachtet, aber insbesondere König und Premierminister sehr treu ergeben ist.
Interessanterweise gründete Gilbert Keith Chesterton (1874 bis 1936) Ende der zwanziger Jahre – acht Jahre nachdem die in verschiedenen Magazinen veröffentlichten Fisher Geschichten in einer ersten Sammlung zusammengefasst worden sind – mit Agatha Christie oder Dorothy L. Sayers den „Detection Club“, der strenge Regeln für das Schreiben von Detektivgeschichten nicht selten mit exzentrischen Ermittlern niedergeschrieben an, an die sich Chesterton schon in den vorliegenden acht Geschichten augenzwinkernd gehalten hat.


Der größte Unterschied zwischen den viktorianischen „Sherlock Holmes“ Geschichten und selbst den Pater Brown Fällen – ebenfalls aus Chestertons Feder – liegt in der Auflösung der Kriminalfälle. Holmes hat mehrmals ein Auge zugedrückt, wenn die Tat aus dem Affekt oder unter falschen Prämissen, selbst wenn das Opfer durch die Vergangenheit schon lange auf andere Art und Weise bestraft worden. Horne Fisher muss im Gegensatz zu Holmes oder Brown auf die sozialen wie gesellschaftlichen Folgen beachtet. Als reiches Mitglied einer reichen begüterten und anscheinend den Geschichten folgend sehr weit verzweigten Familie weiß Horne Fisher - wie der Titel der Sammlung suggeriert – zu viel. Er fügt über eine Kombinationsgabe, die weder Pater Brown noch Sherlock Holmes nachstehen, muss aber bei den meisten der hier versammelten Fällen von einer Aufklärung der Tat und Bestrafung des Täterkreises absehen, da eine Aufdeckung weitreiche politische wie gesellschaftlichen Folgen hätte. Sherlock Holmes ist weniger zu Kompromissen bereit, Pater Brown dagegen stellt die Bestrafung der Täter entweder durch die weltliche Justiz oder die göttliche Gerichtsbarkeit über faule Zugeständnisse. In der ersten Story „The Face in the Target“ trifft der aufstrebende Gesellschaftsreporter Harold March auf einen exzentrischen Angler, der die großen Fische – wie er selbst am Ende eingestehen muss – zurück ins Wasser wirft, das eher einem Haifischbecken entspricht. Während sich March und Fisher noch unterhalten, durchbricht ein Auto die Straßenbegrenzung und rutscht einen Abhang hinunter. Der Fahrer ist sofort tot, allerdings anscheinend nicht durch den Unfall ums Leben gekommen, sondern von einem Meisterschützen aus größerer Entfernung niedergestreckt. Fisher findet aus dem Stehgreif das Motiv und den potentiellen Täter heraus, der sich bislang meisterlich als unfähiger Schütze hinter einer art goldenen Schuss versteckt hat. Obwohl die Ermittlungen ausgesprochen stringent sind und der Leser Fishers Deduktionen ohne Probleme folgen kann, wirkt die Ausgangsprämisse brüchig. Das nur er den Einschuss bemerkt und richtig zuordnet scheint ebenso unwahrscheinlich wie die Erkenntnis, das sich der Täter hinter seiner angeblichen Unfähigkeit auch weiterhin verstecken kann, da ihm niemand einen derartigen Willhelm Tell Schuss zutrauen würde. Mit der zweiten Geschichte „The Vanishing Prince“ verändert Chesterston einmalig den Rahmen. Fünfzehn Jahre nach den Ereignissen erzählt Fisher March die ganze Geschichte, um den Prinzen, der eines Verbrechens bezichtigt worden ist, das er nicht begangen haben konnte. Dafür eine Reihe anderer Taten. Die doppelte Ironie dieser vortrefflichen Geschichte ist, dass erstens die Ordnungsmacht übereifrig die eigenen Leute gefährdet und die Spuren geschickt, für Fisher aber sofort erkennbar zu verwischen sucht
und zweitens der irisch- britische Konflikt auf eine zynische Spitze getrieben wird. So muss zu Prinz zur Instandhaltung der britischen Regierung Schuld auf sich nehmen, um im Gegenzug durch einen faulen Kompromiss heimlich kurz vor der Verhandlung fliehen zu können. Diesen hinter den Kulissen stattfindenden Bauernhandel entlarvt Chesterton dank des Mannes, der natürlich auch in dieser Hinsicht vielleicht etwas zu profan zu viel weiß, süffisant. Auf einer bitteren, allerdings nicht weiter angesprochenen Note bleiben zwei tote Polizisten zurück, die ihr Leben durch die Dummheit eines Vorgesetzten verloren haben. „The Vanishing Prince“ wirkt durch den unvollständigen Rahmen etwas zu hektisch niedergeschrieben. Die Ermittlungen auf Augenhöhe sind spannend und eindringlich beschrieben, die abschließenden Erklärungen fünfzehn Jahre später wirken dagegen etwas zu belehrend und wirken ein wenig hochnäsig dem überforderten March gegenüber.
Die zweite große aus einem Rückblick stammende Geschichte “The Whole in the Wal” reicht in die Anfänge Horne Fishers weder als Mensch noch als Detektiv zurück, sondern an den Beginn seiner politischen Laufbahn, die allerdings in allen Geschichten eher auf dem Niveau einer parlamentarischen Kontaktbörse mit eher ominösen Hinweisen auf die Zukunft Großbritanniens daher kommt. Der Fisher, den er March beschreibt, unterscheidet sich nur wenig von dem Fisher der Gegenwart und die verschiedenen Familienmitglieder, die in das seltsame Verschwinden eines Verwandten verwickelt sind, erscheinen auch eher distanzierte Cousins oder Cousinen. Vor allem entwickelt sich der eigentliche Kriminalfall derartig schwerfällig, das die Geduld des Lesers über strapaziert wird. Die Grundidee selbst ist wie bei fast allen Geschichten dieser Sammlung intelligent verspielt.

„The bottomless Well“ bezieht sich nicht nur auf eine arabische Fabel. Chesterton nimmt die britische Kolonialpolitik auf die Schippe, die mit brutaler Gewalt sich neue Pfründe zu sichern sucht. Dabei ist es – wie bei „Waterloo“ – immer der zweite Mann, der die schwierigen Situationen rettet, während die herrschsüchtigen Generäle am eigenen Ego scheitern, aber zumindest für die Öffentlichkeit als heroische Helden benötigt werden. Chesterton verbindet in der zynisch tragischen Geschichte die Eitelkeiten des britischen Empire mit einer Eifersuchtsgeschichte und einem perfiden Mord, der letzt endlich keiner ist. Im Gegensatz zu anderen Texten dieser Sammlung hat der Leser keine Möglichkeit, dem Geschehen auf Augenhöhe zu folgen, da die Auflösung des „Mordes“ ausgesprochen zielstrebig, aber eher auf einem beobachtungstechnisch nicht nach vollziehbaren Zufall basiert. Manchmal geht es aber nicht zuletzt aufgrund der exzellenten Verbindungen Fishers – so impliziert Chesterton, dass sein Protagonist Zeit seines Lebens den Premiereminister schon gekannt hat – um eine friedliche Zukunft. „The Fad of the Fisherman“ ist eine interessante Kriminalgeschichte, in welcher der Mörder benannt, aber nicht verhaftet wird, die sich mehr und mehr zu einer politischen Parabel ausweidet. Auch wenn die Motive wie in manchen „Sherlock Holmes“ Geschichten eher weit hergeholt sind, gelingt es dem Autoren, eine intensive Spannung aufzubauen, da der Kreis der Verdächtigen größer als in den anderen Texten ist und vor allem das Vorhandensein eines Motivs den jeweiligen Mann als Täter aus- und nicht wie sonst in Kriminalgeschichten einschließt. Diese auf den ersten Blick absurde Umkehr des klassischen Detektivgedankens nutzt Chesterton mehrmals, um seinen Protagonisten als zu weitsichtigen Mann herauszustellen, der im Grunde durch nichts zu erschüttern ist und alles zu viel weiß, als das er noch wie seine Kollegen ermitteln muss. „the Fad of the Fisherman“ ist nicht die einzige Geschichte der Sammlung, in welcher ein Verbrechen langfristig positive Auswirkungen auf die mittelbar Betroffenen und schließlich auch das ganze Empire hat, das Fisher mehr am Herzen liegt, als die Unfähigkeit der britischen Ordnungskräfte aufzuzeigen oder das auch seiner Sicht fragile politische Gleichgewicht zum Einsturz zu bringen. In dieser Hinsicht sind die Texte um Fisher eher politische Satiren als klassische Kriminalgeschichten und die einzelnen Morde eher Mac Guffins.

Altheidnische Rituale werden in “The Temple of Silence” mit einem perfiden, im Grunde nicht wirklich beweisbaren Verbrechen verbunden. Fisher ist zusammen mit March zu Besuch bei einem eher exzentrischen Sammler in dessen riesigen Haus. Eines Abends verschwindet der Hausherr spurlos. Bei seinen Ermittlungen schlägt Fisher einen eloquenten Bogen über den alten heidnischen Aberglauben, die Geschichte des Hauses bis zum Täter, der als einziger in dieser Nacht - wie nicht selten in den vorliegenden Texten - ein Alibi hat. Diese süchtig machende Idee, ein perfektes Verbrechen zu begehen, dessen Hintergründe wie Ablauf zwar eruiert werden können - fast ausschließlich durch den jemals nicht sonderlich überraschten Fisher -, das aber vor einem Gericht nicht bewiesen werden kann, wird in der vorliegenden Story auf eine perfide Spitze getrieben, wobei Chesterston englisch - viktorianische Gruselatmosphäre ausgesprochen überzeugend mit Fishers in diesem Fall geradlinigeren Ermittlungen kombiniert.
Kleinere Verbrechen wie geschickte Trickdiebstähle in „The Soul of the Schoolboy“ werden zu Exkursionen in die höheren Gesellschaften, in denen der Schein wichtiger ist als das Sein. So ist das Objekt der Begierde schon vor einigen Jahren an einen reichen Sammler verkauft und durch eine Kopie ersetzt worden. Der raffiniert geplante Diebstahl soll die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Kopie richten. Die Exposition ist leider viel zu ausschweifend und das Auftauchen von Fisher sowie in diesem Fall dem Watson Klon March zu stark konstruiert.

„The Vengeance of the Statue” ist ein interessanter Abschied von einem Ermittler wider Willen. Über weite Strecken ausgesprochen modern mit der Auseinandersetzung hinsichtlich immer billigerer Arbeitskräfte, welche die britische Wirtschaft unterminieren kritisiert Fisher die stupide Eitelkeit der Politiker, während er dem langjährig herrschenden Premiereminister – ein Verwandter – zumindest ein einigermaßen zufrieden stellendes Zeugnis ausstellt. Die Nähe zur verwandtschaftlichen Politik scheint mehr und mehr zu einer Bürde für Fisher zu werden, auch wenn er in diesem Fall direkt eingreifen und den potentiellen Dieb in zweifacher Weise stellen muss. Die intellektuelle Überlegenheit aus den bisherigen sieben Geschichten weicht einem aktiven Eingreifen – zum ersten Mal -, das wie eine überspitzte Satire auf Holmes „Skandal in Böhmen“ erscheint, wobei die Grundtöne und das Ende surrealistischer ist. Mit dem Aufbrechen des zu einem Stereotyp gewordenen Konzeptes des Mannes, der zu viel wusste und zu wenig wirklich „arbeiten“ musste, gelingt Chesterton zum Ende hin mit einem deutlich innerlich wie äußerlich gealteren Fisher ein furioses Finale, das den inzwischen lieb gewordenen Protagonisten in einem literarischen „Nichts“ ohne Spuren zu hinterlassen verschwinden lässt. Das Ende der Geschichte ist erstaunlich martialisch, während sich Fisher in den anderen Texten eher auf seine Kombinationsgabe und einen gänzlichen Verzicht auf Gewalt verlässt. Impliziert hat der Leser das Gefühl, als wolle Chesterton mit der 1922 veröffentlichten Geschichte eine militärisch nach außen gerichtete Schwächung des Empires verhindern.

March hat seinen Freund – auch dieser Punkt wird impliziert diskutiert – über anscheinend mehrere Jahrzehnte – einmal wird von einem fünfzehn Jahre zurückliegenden Fall gesprochen - begleitet, während er selbst als Gesellschaftsreporter bis zu den höchsten Weihen aufgestiegen ist. Diese hervorgehobene Position nutzt er allerdings in keiner der Texte und zusammengefasst bleibt March ein eindimensionaler Charakter, der nicht einmal das Niveau eines Stichwort gebenden Doktor Watson erreicht. Das Verhältnis der beiden nur auf den ersten Blick unterschiedlichen Männer ist deutlich herziger in dieser abschließenden Ermittlung, sie begegnen sich zum ersten Mal wirklich auf Augenhöhe, was die Story auch auf der emotionalen Ebene zufrieden stellend abrundet.

Zusammengefasst bilden die acht Geschichten um Horne Fisher vielleicht keinen weiteren literarischen Höhepunkt in Chesterton reichhaltigem Schaffen. Sie sind aber angesichts der teilweise drastischen Kritik an der Politik im Einzelnen, aber nicht dem Empire als Ganzes sehr schöne überspitzte Satiren, denen sich die geradlinigen, ermittlungstechnisch interessant geschriebenen Kriminalfälle unterordnen. In diesem Punkt bilden sie einen interessanten Kontrast zu den eher genretypischen Geschichten um Pater Brown, in denen sich kaum gesellschaftliche Kritik im Allgemeinen finden lässt, sondern in den Chesterton die „einfachen“ Leute manchmal liebevoll, dann voll bitterer Ironie aufs Korn genommen hat.
Elmar Schenkel versucht im lesenswerten Nachwort der deutschen Ausgabe etwas mehr über den Hintergrund des Autoren und die historischen Bezüge herauszuarbeiten, was das Lesevergnügen deutlich erhöht.


G.K. Chesterton: "Der Mann, der zuviel wußte"
Anthologie, Hardcover, 352 Seiten
Manesse Verlag 2011

ISBN 9-7837-1752-2287

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