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Krimi (diverse)



Jürgen Heinzerling

Der Maestro

rezensiert von Thomas Harbach

„Der Maestro“ ist nach ersten Schritten im Bereich des Abenteuergenres – unter anderem die Hardcover Fortsetzung zu „Die Abenteurer“ – Jürgen Heinzerlings erster historischer Krimi. Viel zu früh im Jahre 2003 verstorben folgte mit „Karl May und der Wettermacher“ noch ein zweites Werk, das historisch akkurater, wenn auch handlungstechnisch weniger stringent konzipiert worden ist.

Jürgen Heinzerling hat sehr viel Spaß daran, verschiedene Ideen zu mischen. So erinnert die Auftaktsequenz mit Georg Friedrich Händel an eine Hommage an Robin Hoods dreiste Überfälle. Der einzige Unterschied ist, das es am Ende im Gegensatz zur Legende aus Sherwood Forrest einen Toten gibt. Händel wird das Manuskript einer neuen, einzigartigen Oper gestohlen, welche der ehrgeizige Musiker um fast jeden Preis wieder zurückerhalten möchte. Durch einen Zufall lernt Händel den privaten Ermittler – von Detektiv zu sprechen wagt Heinzerling noch nicht, obwohl dessen Deduktionsmethoden ohne Zweifel denen seiner berühmteren, aber historisch später agierenden Vorbildern entspricht – George Schoenefeld kennen, der aber in der ach so ehrenwerten britischen Gesellschaft einen schlechten Ruf genießt. Schoenefeld kann sich den Diebstahl im Grunde nicht erklären, bis er recherchiert, dass das Libretto nicht vom Komponisten Händel stammt. Dieser hat es von einem seiner zumindest in der Öffentlichkeit ihn scharf attackierenden Kritiker übernommen. Für die Veröffentlichung im Rahmen der Oper hat Händel sogar eine bedeutende Summe erhalten. Das erweckt das Misstrauen Schoenefeld. Kurze Zeit später wird einer der potentiellen Diebe ermordet aufgefunden. Anscheinend enthält das Libretto geheime Botschaften, welche die Aristokratie im Königreich Großbritannien schwer erschüttern könnten.

Plottechnisch hat Jürgen Heinzerling seinen serienunabhängigen Erstling sehr stringent entwickelt. Der Leser verfolgt das Geschehen bis auf wenige Szenen ausschließlich auf Augenhöhe des illustren, ein wenig zwielichtigen, aber solide charakterisierten Schoenefeld, der allerdings ein wenig zu sehr an die Figur des Sherlock Holmes angelehnt ist. So berechnet er seine Honorare nach seinem Interesse am Fall, am Einkommen des potentiellen Klienten und schließlich in seltenen Situationen an der aufzuwendenden Zeit. Das Schoenefeld quasi am Ende des Buches drei Fälle – ein verschwundenes Manuskript, eine Reihe von Mordanschlägen und schließlich auch zwei sehr unterschiedlich ausgeführte Morde – mit einem Streich lösen kann, wird auf der einen Seite von Jürgen Heinzerling souverän und intelligent konstruiert, wirkt aber auf der anderen Seite ein wenig zu sehr gegen die Gesetze des Zufalls im menschlichen Leben konstruiert. Auch wenn kann der Leser das „Zerstörungspotential“ des Librettos nur in Ansätzen verstehen. Ähnliche Probleme hinsichtlich der potentiellen Skandalwirkung haben auch Autoren wie Wolfram Fleischhauer in „Der gestohlene Abend“ gehabt. Wie nicht selten in einem solchen Fall wird die Büchse der Pandora nur ein wenig geöffnet, um einen Hauch des Verruchten in die historisch ausgezeichnet beschriebene Welt zu entlassen, bevor Schoenefeld – wie sich deutlich vorher abgezeichnet hat – zumindest die viktorianische Gesellschaft retten kann. Im Gegensatz zu vielen anderen Kriminalromanen macht der Autor allerdings nicht den Fehler, seinem strahlenden Protagonisten nur einen Antagonisten gegenüberzustellen. Schoenefeld begegnet bei seinen Ermittlungen einer Reihe von Verdächtigen, deren Motive plausibel extrapoliert werden. Dabei reicht das Spektrum vom charismatischen Straßenräuber mit einem Faible für die Selbstdarstellung über Homosexuelle, die ihre Neigungen verbergen wollen, angesehene Kirchenmänner bis zu einer Diva, deren Absichten der Autor geschickt bis zum dramatischen, aber im Vergleich zum Gesamtplot etwas zu hektischen Ende verschleiern kann. In diesen Reigen von illustren und gut charakterisierten Antagonisten reihen sich mit Georg Friedrich Händel eine markante historische Persönlichkeit sowie George Schoenefeld ein illusterer Ermittler. Jürgen Heinzerling zeichnet Georg Friedrich Händel sicherlich als einen musikalisch ungewöhnlich begabten Menschen mit einem Hang zum Genie wie auch zum Größenwahn. Seine „Weltkarriere“ hat Händel mit zur Änderung seines Namens auf eine englische Schreibweise geschickt und verschlagen geplant. Hinzu kommt eine gewisse Großmannssucht und Geldgier, die schließlich zur Nutzung des fremden Librettos führt. Warum Händel allerdings die geheimen Botschaften als intimer Kenner der englischen Gesellschaft nicht identifizieren konnte, bleibt das Geheimnis des Autoren. Jürgen Heinzerling beschreibt die Figur bis an den Rand der Parodie, wobei das „Vorspiel“ für Schoenefeld bis ins Absurde überzeichnet ist. Das Interessante an dieser anscheinend umfangreich recherchierten Figur ist die Mischung aus Exzentrik und Ignoranz. Insbesondere in der ersten Hälfte des Romans gibt Händel so wenig wie möglich und so viel wie nötig Preis, um gegenüber dem intelligenteren und unabhängigeren Schoenefeld zumindest in der Theorie die Oberhand zu behalten. In Hinblick auf den wichtigsten Protagonisten wirkt Heinzerlings Vorgehen teilweise zu ambivalent. Die Figur ist sicherlich gut gezeichnet, aber insbesondere die sich auf dem Nichts heraus entwickelnde Liebesgeschichte wirkt wie ein Kompromiss gegenüber der Leserschaft. Sie macht den Charakter zugänglicher, negiert aber die exzentrischen und von Jürgen Heinzerling gut entwickelten Züge seines ermittelnden Detektivs. Hinsichtlich seiner eigentlichen Arbeit stimmt die Mischung aus Deduktion und Zufall. Wichtige Fakten muss sich der Ermittler erarbeiten, bei anderen Zusammenhängen hilft ihm der Zufall. Dabei integriert Heinzerling seine Figur aktiv in das Geschehen und lässt den Plot deswegen auch plastischer und vielschichtiger erscheinen. Im Gegensatz zu vielen anderen Krimis passieren wichtige und entscheidende Schritte förmlich unter Schoenefelds Augen.
Vom Hintergrund her wirkt den Roman weniger vielschichtiger recherchiert als zum Beispiel sein zweiter historischer Roman „Karl May und der Wettermacher“. Trotzdem trifft der Autor über weite Strecken sehr gut die frühviktorianische Atmosphäre, die aber immer wieder in die französische Renaissance abzudriften droht. Manch eine der Nebenfiguren kann sich der Leser auch ohne Probleme im Schloss des französischen Sonnenkönigs vorstellen. Auf die eigentlich britischen Elemente geht der Autor nur rudimentär ein. Dafür ist positiv gesprochen „Der Maestro“ sehr viel intensiver und kompakter geschrieben als „Karl May und der Wettermacher“. In dem umfangreicheren Werk hat sich Jürgen Heinzerling in viele Kleinigkeiten verliebt und die Stimmung bestimmt über weite Strecken des Buches den Plots. In „Der Maestro“ ist es genau anders herum. Der eigentliche Plot wird sehr stringent, spannend und geradlinig erzählt, während die „Hintergrundgeräusche“ sich wohlwollend in das Gesamtbild integrieren und nicht ablenken.
Stilistisch ansprechend insbesondere in den zahlreichen Dialogen mit spitzer Feder aber einer zugänglichen Schreibweise entwickelt sich in „Der Maestro“ ein lesenswerter Sittenkrimi, der hinsichtlich der etwas zu komplexen Auflösung nicht alle Erwartungen der Leser wirklich erfüllen kann. Wie auch in „Karl May und der Wettermacher“ wählt Jürgen Heinzerling seine Worte sehr gewählt und der Satzbauch ist überdurchschnittlich. Ein wenig verspielt, aber immer leicht zu lesen. Ans „Alte“ angelehnt und doch modern. Im Gegensatz zu vielen anderen Werken übertreibt es der Antwort in Bezug auf eine Hommage an die frühviktorianische Erzählstruktur nicht zu sehr und verzichtet positiv auf eine Reihe von ansonsten nicht selten verwandten typischen britischen Klischees. Das lässt seinen Roman zeitloser erscheinen, auch wenn insbesondere die wenigen, effektiv eingesetzten erotischen Szenen eher an einen Softcoreroman erinnern. Das ist auf der stilistischen Ebene die einzige wirkliche Schwäche des Romans.
In Bezug auf die originäre Idee – so durchschaubar sie rückblickend auch sein mag – hat sich der Autor sehr viel Mühe gegeben, den Plot möglichst komplex ohne allzu kompliziert zu werden darzustellen. Manch falsche Spur hätte sich der Autor sparen können, aber insbesondere für einen serienunabhängigen Erstling ist „Der Maestro“ erstaunlich souverän und mit einem Abstand von über fünfzehn Jahren auch heute noch sehr lesenswert geschrieben. Das Buch unterstreicht, welch talentierter Autor viel zu früh verschieden ist.

Jürgen Heinzerling: "Der Maestro"
Roman, Softcover, 281 Seiten
Econ 1998

ISBN 9-7836-1225-1862

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