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Krimi (diverse)



Christian von Ditfurth

Das Dornröschen- Projekt

rezensiert von Thomas Harbach

Christian von Ditfurth ist vor einiger Zeit aus dem beschaulichen Schleswig Holstein nach Berlin gezogen. In seiner alten Heimat ermittelte der Historiker Stachelmann, wohnhaft in Lübeck. Es scheint so, als wenn sich der Autor seiner neuen Heimat mit einer neuen Detektivgeneration anzunähern sucht. Vielleicht schwingt in den Zeilen des Autoren auch ein wenig Wehmut an die Studententage in Kommunen und alternativen überwiegend kommunistischlinken Wohngemeinschaften mit.

Matti lebt in einer WG. Er arbeitet als Taxifahrer, weil er in diesem Job hängen geblieben ist. Er liest Konfuzius, weil ein Fahrgast das gelbe Büchlein in seinem Taxi vergessen hat. Eines Tages steigt eine Ex- Freundin aus WG Tagen in sein Taxi. Sie ist Anwältin einer angesehenen Kanzlei. Obwohl Matti ihr kapitalistisches Gehabe nervt, kann er doch nicht die Augen von ihr lassen. Der nächste Fahrgast ist ein arroganter Schnösel, der allerdings beim Aussteigen seine Tasche vergisst, in welcher eine anscheinend selbst gebrannte DVD mit Daten steckt. Matti entwendet die DVD und bringt sie in seine Wohnung, welcher er mit verschiedenen sehr exzentrischen, aber auch liebenswerten im Grunde Ewig Gestrigen teilt: Twiggy ist eine Art Allrounder. Er ist sehr groß und korpulent; ein Bär von einem Mann mit einem Herzen aus Gold. Er kümmert sich um die Katze und verfügt neben seinem umfangreichen technischen Wissen über einen scheinbar unerschöpflichen Vorrat an Beziehungen, was angesichts der kommenden Ereignisse auf der einen Seite ausgesprochen hilfreich erscheint, auf der anderen Seite aber stellenweise auch viel zu übertrieben erscheint. Dornröschen ist dabei noch eine interessantere Figur, auch wenn Christian von Ditfurth erstaunlich lange braucht, um diesen Charakter entsprechend zu entwickeln. Anfänglich etabliert er sie als das genaue Gegenteil von Mattis ehemaliger Freundin und jetzigen Anwältin. Eine Frau, die mit ein wenig Make Up etwas aus sich machen könnte. Die unscheinbar im Hintergrund ist. Das genaue Gegenteil ist ihr ausgesprochen wacher Verstand, der sich hinter der Fassade verbirgt.

Keiner dieser drei so unterschiedlichen Charaktere scheint zu ahnen, dass die gestohlene DVD eine größere Bedrohung darstellt als die regelmäßigen Razzien der örtlichen Polizei, die nach einem längst über alle Berge verschwundenen Ex- Bewohner suchen, der angeblich Kontakte zu ebenfalls eher ehemaligen linken Terroristen hatte. Kaum haben die drei Freunde die Verschlüsselung der DVD geknackt, müssen sie im Grunde vor den ihnen unverständlichen Plänen kapitulieren, die sich auf dem Datenträger befinden. Die DVD wird kopiert, das Original wieder ins Taxi geschmuggelt und ein Freund verständigt. Dieser gibt ihnen den Hinweis, dass es sich um Baupläne handeln könnte. Am nächsten Tag ist der Freund tot. Ermordet bei einem Einbruch in seine Firma. Matti stellt fest, das er nicht nur beschattet wird, sondern das seine ehemalige Freundin wieder körperlichen Kontakt zu ihm aufzunehmen sucht.

Christian von Ditfurth greift im Gegensatz zu den allzu statisch gewordenen „Stachelmann“ Krimis mit ihrer Fokussierung auf einem sich selbst bemitleidenden Ermittler, der im Alleingang neben der Aufklärung einer Reihe von Morden auch die deutsche Geschichte in fast jeder Variation von rechts bis links, von BRD bis zur untergegangenen DDR abgearbeitet hat, nicht nur auf sehr unterschiedliche wie schon angesprochen allerdings auch sehr lebendige Charaktere zurück, sondern gibt sich vor allem Mühe, in der Hauptstadt Berlin die alternde, linksalternative Szene zumindest im Kleinen am Leben zu erhalten bzw. im Grunde zu Beginn des Buches für den Leser erst einmal zum Leben zu erwecken. Dabei spielt auch die Stadt eine wichtige Rolle. Der Autor kann die Veränderungen angesichts des Baubooms bzw. der Bauwut nicht gänzlich ignorieren, aber wenn Matti Stunden lang in seinem Taxi auf Fahrgäste wartet und dabei Konfuzius liest, passt dieses Bild eher in das noch von der Mauer umschlossene Berlin. Christian von Ditfurth gelingt es sehr gut, dieses im Grunde isolierte wie nicht überlebensfähige Idyll in die Gegenwart zu übertragen. Die drei Mitglieder der WG agieren wie Archetypen der Gegenrevolution, die aber irgendwo zwischen Kommunismus und Kommerz hängen geblieben sind. Obwohl Geldverdienen – Putzen oder Taxifahren – als Teil des alltäglichen antikapitalistischen Überlebenskampfes anerkannt worden sind, hat man das Gefühl, als könne diese Oase der Glücklichen wie aber teilweise auch Unwissenden vom klassischen Tauschgeschäft leben. Mit kleinen Gesten lässt Christian von Ditfurth diese Zeit wirklich lebendig erscheinen. Insbesondere an Matti zelebriert der Autor die Kluft zwischen den sechziger Jahren und der Gegenwart. Matti muss dabei verschiedene Prozesse durchleben. Erst freut er sich, seine Exfreundin wieder sehen zu können, von der er sich nicht gerade unter gegenseitigem Einvernehmen getrennt hat. Er selbst ist eher ein Überlebenskünstler, der bis dato jeglichen Ehrgeiz verloren hat. Sie eine etablierte Rechtsanwältin in einer etablierten honorigen Praxis, hinter deren Kulissen – kein seltenes Motiv für den Autoren – der Filz herrscht und der Schimmel sein Unwesen treibt. Energie geladen, humorvoll, lebendig wird dieses Aufeinandertreffen zwei ursprünglich mal verbundener Welten beschrieben. Im Mittelteil versucht sich Mattis Ex-Freundin mit allen körperlichen Mitteln bei ihm wieder einzuschleichen. Der Leser ahnt natürlich sehr viel schneller als der gedanklich teilweise in der Vergangenheit festgebundene Matti, das diese Annäherungsversuche im Zusammenhang mit der DVD stehen. Hier greift Christian von Ditfurth zu sehr in die Klischeekiste und kann die anfänglich angesichts der lebendigen Milieustudie so einladende Geschichte nicht weiter fort spinnen. Die Unterschiede zwischen den beiden Menschen sind zu groß, als diese geplante Harmonie nur einen Augenblick überzeugen kann. Dagegen erscheint das Duo Dornröschen/ Twiggy deutlich überzeugender skizziert. Twiggy ist der poltrige körperlich fast überdimensionale gute Freunde mit einem gigantischen Herzen, den man irgendwann in seinem Leben an seiner Seite braucht. Dornröschen ist die kühle Rechnerin, die Twiggy zwar über alles liebt, auf der anderen Seite bei den eher einseitigen Ermittlungen einen kühlen Kopf bewahrt. Die Figuren inklusiv der leider ebenfalls etwas zu statischen Antagonisten sind gut gezeichnet.
Im Vergleich zu seinen „Stachelmann“ Kriminalromanen sind es keine direkten Ereignissen in erster Linie bundesdeutscher Geschichte, die Täter aktiv werden lassen. Hier steckt die intellektuelle Vergangenheit tief in den Köpfen der ungewöhnlichen Ermittler – da Christian von Ditfurth eine Trilogie von Romanen geplant hat, scheint es wichtig, mit dem nächsten Romane keine zu klischeehaften Schemata aufzubauen, unter denen schließlich seine
Stachelmannkrimis zu stark gelitten haben –, während der Fall, in den sie natürlich durch den zufälligen Fund der DVD hineingezogen haben, sehr aktuell ist. Am Ende bemüht Christian von Ditfurth in diesem Fall Zurecht das verzerrte Bild der Wohlstandsrepublik, die aus seiner militärisch aggressiven Vergangenheit nur bedingt gelernt hat. Es ist immer die Befriedigung der in diesem Fall wirklich mannigfaltigen Nachfrage. Bis dahin finden sich in dem ungewöhnlich geradlinig konzipierten Roman einige schöne Actionszenen, mehrere Morde – keiner seiner Krimis kommt nur mit einer Tat aus, der erste Mord führt dem Dominoeffekt folgend zu weiteren Verbrechen, wobei insbesondere im vorliegenden Roman diese nicht immer logisch zwingend entwickelt worden sind – und eine Handvoll Amateurdetektive, die in ihrer WG den Widerstand gegen das Establishment über die Jahre gelernt haben. Wenn man in der WG den Stromimperien kein Geld in den Rachen schmeißen soll, handelt es sich um eine idealisierte Anpassung an die Gegenwart, da die Zeit der Joints und Kerzen zumindest am Anfang des Buches offensichtlich vorbei ist. Wenn die drei „Helden“ zum Gegenschlag ausholen – eine neue Komponente in Christian von Ditfurths Werk – dann springt der Funke förmlich über. Anscheinend hat der Umzug nach Berlin dem Autoren gut getan. Er fühlt sich in dem von ihm beschriebenen Milieu offensichtlich sehr wohl und lässt seine interessanten Figuren dadurch viel lebendiger, viel interessanter erscheinen, auch wenn sich der erste Fall in „Das Dornröschen- Projekt“ als leider ein wenig zu statisch und rückblickend stellenweise zu stark konstruiert sowie den exzentrischen Figuren nicht unbedingt würdig erweist. Im Vergleich zu den letzten Stachelmannkrimis sowie seinem Spionageromane eine deutlich Steigerung. Die Schwächen bei den inzwischen lebendiger geschriebenen Dialogen sowie der Hang zum Schachtelsatzbau bleiben allerdings dem Autoren treu.
Der Roman ist bei Carl`s Book als handlicher Paperback erschienen. Das Titelbild ist allerdings wenig einladend.


Christian von Ditfurth: "Das Dornröschen- Projekt"
Roman, Softcover, 352 Seiten
Carl`s Book 2011

ISBN 9-7835-7058-5009

Weitere Bücher von Christian von Ditfurth:
 - Das Luxemburg-Komplott
 - Das Moskau Spiel
 - Die Akademie
 - Labyrinth des Zorns
 - Lüge eines Lebens
 - Schatten des Wahns

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