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Krimi (diverse)



Reijo Mäki

Die gelbe Witwe

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Die gelbe Witwe“ legt der Piper- Verlag im Rahmen seiner Nordiska Reihe nach den Nachdrucken von „Die vier Musketiere“ und „Tango Nero“ aus dem Stegemann Verlag nicht den wie im Klappentext titulierten dritten Roman um den finnischen Privatdetektiv Jussi Vares vor, sondern den inzwischen vierten Roman. Vor einigen Jahren ist noch „Die Strumpfbandnatter“ in Deutschland veröffentlicht worden. „Die gelbe Witwe“ bildete auch die literarische Vorlage für die erste von bislang zwei Filmen um den finnischen Schnüffler. Der erste Teil ist in Deutschland von Splendid auf DVD veröffentlicht worden.
Reijo Mäkis Krimis sind keine reinen plotgetriebenen Geschichten. Präsentiert sich der Finne in guter Form, fließen die vielen kleinen manchmal absurden, dann wieder grotesken Nebenhandlungen ohne das der Leser es ahnt am Ende des Buches in den eigentlichen “Fall” ein und bereichern das Bild aus ungewöhnlichen Perspektiven. Wenn Mäki allerdings einen schlechten Tag erwischt, dann funktioniert der eigentliche Fall, an welchem Vares arbeitet, aus logischen oder strukturellen Gründen nicht gut und die einzelnen Episoden lassen den Roman aufgebläht und gedehnt erscheinen. “Die gelbe Witwe” gehört in vielerlei Hinsicht in die erste Kategorie. Es empfiehlt sich, auf den inneren Klappentext der deutschen Ausgabe zu verzichten. Er verrät zu viel. Andererseits ist es wichtig, dass der Leser die Kleinigkeiten im Auge behält. Viele wichtige Informationen versteckt Mäki insbesondere im vorliegenden Roman ausgezeichnet in Andeutungen, zufälligen Begegnungen und schließlich auch nebensächlich erscheinenden Informationen. Dabei überspannt der Finne an einigen Stellen den Bogen und sein Plot wirkt teilweise etwas zu sehr auf das Tarantino- hafte Ende hin konstruiert, aber auch während der schwächeren, etwas bemühten Passagen unterhält der Roman nicht zuletzt aufgrund des so sympathisch melancholischen Stils und der Parade von „Verlierern“, die für einen Augenblick auf das große Los des Lebens hoffen.

Antero Kraft hat insgesamt dreizehn Millionen Finnmark unterschlagen und das Geld der russischen Mafia gestohlen. ER sitzt brav seine Haftstrafe ab, bis er in der Zeitung von Ereignissen liest, die seinen langfristigen Plan durchkreuzen. Aus dem Gefängnis heraus nimmt er Kontakt mit seiner ehemaligen Freundin Eeva Sunila auf. Sie soll ihn zum Schein heiraten und während der Hochzeit wollen die beiden fliehen. Dieser irrsinnige Plan gelingt. Kraft ahnt nicht, dass er schon lange nicht mehr aus eigenem Willen handelt, sondern das die russische Mafia ihr Geld gerne wieder haben möchte. Die einzige Chance an das Versteck zu kommen ist, den Betrüger die Illusion zu gewähren, er wäre wirklich frei. Über gute Zweidrittel des Buches läuft dieser Handlungsbogen ab, ohne das Vares auch nur einen Moment involviert ist. Reijo Mäki zeichnet die beiden sehr unterschiedlichen Charaktere Kraft und Sunila als eine geschickte Mischung auf Karikatur und Klischee. Die Dialoge sind selbst in der deutschen Übersetzung seltsam stilisiert und spätestens mit dem Auftreten der beiden Mafia- Killer - ein kleiner Japaner und ein grober Kraftklotz - ahnt der Leser, dass Mäki sich ins cineastische Niemandsland Hollywoods begeben hat. Die beiden Killer sind Tarantino- Fans und vergleichen Szenen aus ihrem Leben, sprich diesem Roman sowohl mit “Reservoir Dogs” als auch “True Romance“. Es ist sicherlich kein Zufall, dass viele kleine Nebenszenen wie eine Hommage an den von Tony Scott inszenierten Film erinnern. “Die gelbe Witwe” ist von Reijo Mäki schon 1999 verfasst worden. Die Dialoge sind kraftvoll geschrieben, stellenweise zynisch, dann wieder lustig. Der Plot selbst schwankt zwischen Hard Boiled Krimi - die grundlegende Idee der versteckten Beute, die plötzlich in Gefahr gerät, ist uralt und dient eher als MacGuffin für die wie in einer Slapstickkomödie ablaufenden Ereignisse - und Gesellschaftssatire. Je schiefer Krafts Fluchtplan wird, desto grotesker werden die Figuren, mit denen er sich auseinandersetzen kann. Das man Frauen nicht trauen kann, macht Reijo Mäki allerdings nicht nur Kraft klar. Auch Vares hat im Verlaufe des vorliegenden Romans eine Reihe von Erfahrungen gemacht. Die Verfilmung des Buches beginnt mit einer Szene, die Mäki selbst nur impliziert in die Handlung integriert, die aber rückblickend eine Schlüsselszene ist. Vares hat sich während einer Wehrübung in einer verfänglichen Situation von einer “feindlichen” Gruppe festnehmen lassen, dessen Unteroffizier ausgerechnet Eeva Sunila ist. Vares ist sehr überrascht, dass er dieser ehrbaren Widersacherin und Lehrerin schließlich aus der Patsche retten muss. In dieser Sequenz erkennt der Leser am Besten, wie ein Jussi Vares Kriminalroman zu funktionieren hat. Vares selbst ist in den ersten Zweidritteln in erster Linie von einer Peinlichkeit in die nächste gestolpert. Er schläft mit einer Frau, die er an ihrem Geburtstag in einer Kneipe aufsammelt. Ein Kamerad berichtet ihm, dass seine Frau vermutlich die Scheidung sucht. Vares ahnt nicht, in welchem tragischen Zusammenhang diese beiden Ereignisse stehen. In einer weiteren bizarren Sequenz gleich zu Beginn des Buches beerdigen sie einen Saufkameraden. Seine Asche verstreuen sie auf den glatten Straßen vor der Kneipe, um Autos besser den Berg hinauf schieben zu können. Vares besucht einen seiner wenigen Verwandten, um mit ihm sein Selbstmitleid und seine Melancholie in Alkohol zu ertränken. Diese sehr unterschiedlichen, aber gut geschriebenen Szenen streut Mäki in die laufende Haupthandlung ein, ohne das der Leser bis zum Ende des Buches ihre wirkliche Bedeutung ahnen kann. Im Vergleich allerdings zu einigen anderen Romanen der Reihe wie zum Beispiel “Die vier Musketiere” trinkt oder besser säuft Vares sich mehr als einmal um den Verstand, der Autor liefert aber immer wieder entsprechende Vorwände. Das macht das an sich unglaubwürdige Geschehen ein bisschen zugänglicher und lässt Vares nicht zu einer Karikatur des Hairdboiled Detektivs absinken. Auch wenn Vares ein Ritter der traurigen Gestalt ist, handelt es sich bei den Schnüffler um die einzige integere Person des Krimis. Unabhängig von dem Millionenbetrüger mischt eifrig die Unterwelt bei der Suche nach den Millionen mit. Da wird ein ehrbarer Polizist mit schmierigem Sex und Geld erpresst, um die Kollegen auf falsche Spuren zu locken. Die ehrbare Lehrerin ist für einen Moment eine knallharte Gangsterbraut, die sich erst später ihrer Taten schämt und selbst Bänker unterliegen den Millionen der russischen Mafia. Es ist eine durch und durch korrupte und brutale Welt, die Reijo Mäki mit einem dicken Strich finnischer Melancholie und dunklem Humor zeichnet. Die liebevolle Überzeichnung insbesondere der absoluten Nebenfiguren machen den Reiz seiner Bücher aus. Weniger plotbestimmt und eher ein literarischer Anarchist durchbricht Mäki liebend gerne die Konventionen des Krimis, um seine Figuren über Gott, Frauen, Alkohol und den ganzen kümmerlichen Rest des Lebens philosophieren zu lassen. Immer an der Grenze zum absurden Klischee, immer angetrunken bis abgestürzt hat sich der Leser an diese Verlierer der Wohlstandsgesellschaft gewöhnt und verfolgt ihre abstrusen Geschichtchen mit der notwendigen Distanz, aber einem Lächeln der Sympathie.
“Die gelbe Witwe” braucht eine gewisse Zeit, bis der Plot schließlich ins Rollen kommt. Die Nebenepisoden, welche insbesondere das erste Drittel dominieren, sind unterhaltsam und gut geschrieben, für Newcomer in Mäkis Universum allerdings gewöhnungsbedürftig. Der starke Mittelteil mit seinem geradlinigen und spannenden Plotaufbau dominiert den Roman, bevor das Buch nach einem ersten guten Höhepunkt, der eine starke Hommage an Tarantino beinhaltet, zu Beginn des letzten Drittels seine Form sucht. Der Showdown ist dann wieder eine Rückkehr zu guter Form. Zusammengefasst ist der Roman eines der besten Jussi Vares Abenteuer und ist ganz bewusst für die erste Verfilmung ausgesucht worden. Der Film hat allerdings viele der wichtigen und liebevoll etablierten Nebenhandlungen brutal zusammengestrichen. In der vorliegenden literarischen Urfassung eröffnet sich für den Leser das dunkle, aber irgendwie auch faszinierende Herz Finnlands und seiner etwas egozentrischen Bewohner.

Reijo Mäki: "Die gelbe Witwe"
Roman, Softcover, 302 Seiten
Piper Verlag 2008

ISBN 9-7834-9205-2177

Weitere Bücher von Reijo Mäki:
 - Der vierte Musketier
 - Die Strumpfbandnatter

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