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Krimi (diverse)



Christian von Ditfurth

Die Akademie

rezensiert von Thomas Harbach

Mit “Die Akademie” liegt der inzwischen sechste Kriminalfall des Historikers Stachelmann aus der Feder Christian von Ditfurths vor. Es ist vorläufig der letzte Krimi um den eher unfreiwilligen Ermittler in Sachen Mord und überwiegend deutscher Vergangenheit, da der in der nähe von Lübeck lebende Autor eine Trilogie um eine Berliner Kommune in den wilden Sechzigern plant. Gleichzeitig schließt sich im Grunde ein Kreis, denn im ersten Stachelmann - noch weniger als reine Kriminalgeschichte, sondern geschichtliche Analogie konzipiert - “Mann ohne Makel” geht es um einen Mann, der sich für die Enteignung seiner Familie an den Nachkommen bekannter hanseatischer Familien rächt. Relativ stringent und einfach konzipiert lebt die im Grunde schnell motivtechnisch erkennbare Geschichte von der Persönlichkeit Stachelmanns. Mit dem vorliegenden sechsten Roman geht es nach Exkursen in die wilden Sechziger, das Schummeln bei Doktorarbeiten und die Fluchthelferbewegung wieder zurück in die Exzesse des dritten Reiches, deren bösartige Wurzeln anscheinend nach Christian von Ditfurth auch die Geschicke der 1945 noch nicht geborenen Bundesrepublik Deutschland fest umschlingen sollte.

Stachelmann trifft durch einen Zufall mit seinem Freund Georgie den Kollegen und Leipziger Historiker Heinz Rehmer, der Stachelmann während eines gemeinsamen Abendessens von einer gigantischen Verschwörung berichtet, auf die er bei seinen Recherchen in Akten aus dem Dritten Reich gestoßen ist. Am nächsten Tag ist Rehmer ermordet. Normalerweise wäre der Fall hier zu Ende, Stachelsmanns Recherchen laufen im Grunde in eine Sackgasse und die auf einer zweiten Handlungsebene erzählten Ermittlungen der Polizei verlaufen sich anscheinend in einer schmutzigen Erpressergeschichte, in die Rehmer laut Angaben des Leiters der Akademie - eines komplexen Konglomerats aus Industriebeteiligungen und Stiftungsgeldern, deren Ziele und Aufgaben so vielfältig wie die Beine als Tausendfüsslers sind - verwickelt ist. Dann wird Stachelmann aber von einem anscheinend professionellen Killer in seinem schäbigen Hotelzimmer aufgesucht, der ihn auffordert, die am Anfang stehenden Ermittlungen im Fall Rehmer aufzugeben. Kurze Zeit später wird Georgie von zwei Männer entführt und in einem gigantischen Bauwerk, das die Russen kurz vor der Wende errichtet haben, festgehalten. Als er nach seiner Flucht mit Stachelmann und der örtlichen Polizei zurückkehrt, sind die Entführer anscheinend erschossen und professionell abtransportiert worden. Das Eingreifen dieser Profis zeigt Stachelmann in einer der stark konstruierten Wendungen des Plots und für eine derartig geheimnisvolle, über einen Zeit von mehr als fünfundsechzig Jahren im Grunde unerkannt operierende Organisation amateurhaft ausgeführten Aktion, dass Rehmer wirklich etwas Großem auf der Spur gewesen ist.
Während sich Stachelmann zusammen mit seinem Freund Georgie immer wieder von der Polizei angefordert um die Recherche in den Bundesarchiven kümmert, in der Hoffnung aus den spärlichen Informationen aus der Zeit April- Mail 1945 Hinweise auf die Gegenwert herauszufiltern, untersuchen zwei Kriminalbeamte Rehmers Umfeld und werden anscheinend wie an einem Gängelband nach Belieben in verschiedene Richtungen geführt. So deckt eine Erpressung aufgrund einer Affäre mit einer jungen Studentin eine gefährlichere, geheimnisvollere Sache und der einzige Tatverdächtige entzieht von einem Augenblick zum Nächsten durch Selbstmord den Ermittlungen. Auf einer dritten, im Grunde auf den ersten Blick Spannungsminimierenden Handlungsebene wechselt Christian von Ditfurth immer wieder die Perspektive und gibt dem verblüfften Leser einen Einblick in die geheimnisvolle Organisation, die nicht nur die Akademie kontrolliert, sondern anscheinend dafür gesorgt hat, dass die freie Marktwirtschaft in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945 entschlossen eingeführt im Grunde die Welt in die jetzt alleine auf wirtschaftlicher Macht basierenden Fänge der Nation getrieben hat, die die Alliierten 1945 als Nationalsozialistisches Deutschland besiegt haben.

Im Vergleich zu den letzten beiden Stachelmann Krimis wirkt der Plot deutlich überzeugender und die Geschichte weniger stark an den Haaren herbeigezogen, die grundlegende Prämisse allerdings auch zynisch, politisch absichtlich einseitig provozierend formuliert und mit dem - aus Sicht der Autoren - Vergessen der braunen Vergangenheit abrechnend. So faszinierend die Grundidee - vergleichbar dem Spionagethriller “Das Moskau Spiel” ebenfalls aus Christian von Ditfurths Feder - auch sein mag, so teilweise sperrig bis nicht immer logisch wird diese Verschwörung dunkler Mächte letztendlich zumindest für den Leser erklärt, wenn auch nicht mehr im Rahmen des Plots endgültig aufgeklärt. Wie schon in “Das Moskau- Spiel” wäre die Verschwörung, das tief in der Vergangenheit verborgene “Ereignis” geheim geblieben, wenn die attackierenden Kräfte entweder professioneller vorgegangen wären - der Auftritt des Auftragskillers ist der erste und lange Zeit einzige Beweis für Stachelmann und Georgie, dass mehr hinter Rehmers vagen Äußerungen steckt - oder entschlossener schneller zugeschlagen hätten. Im Gegensatz zu “Das Moskau- Spiel” hinterfragen zumindest die beiden neben Stachelmann über weite Strecken parallel ermittelnden Kriminalbeamten diese offensichtlichen amateurhaften Fehler und stellen die unbeantwortet gelassene Hypothese auf, diese überdeutlich roten Fäden wären nur Teil einer gigantischen Ablenkungsstrategie. Diese Theorie wird allerdings wie manch anderes Plotelement nicht weiter extrapoliert. Insbesondere der Mittelteil des vorliegenden Romans mit seinen zu diesem Zeitpunkt parallel laufenden Ermittlungen überzeugt nur phasenweise. Zu lange dauert es, bis Stachelmann/ Georgie die ersten Strohhalme finden, wobei sie plötzlich Hilfe von der Archivangestellten erhalten, die allen Grund hat, Stachelmann und Georgie eher von ihrem Ziel abzulenken . Zu sehr drehen sich die beiden Kriminalkommissare im Kreis, wobei der Leser schon ungeduldig weitere Erkenntnisse erwartet. Das die ihnen anfänglich präsentierte Geschichte konstruiert worden ist, weiß der aufmerksame Leser im Gegensatz zu allen handelnden Protagonisten aufgrund der angesprochenen dritten Handlungsebene, die im Grunde derartig expressiv nicht hätte erzählt werden dürfen. Auf den letzten knapp einhundertfünfzig Seiten überschlagen sich wie in den letzten Stachelmann Krimis die Ereignisse, als wenn Christian von Ditfurth mit der stoisch geplanten Seitenzahl von knapp über vierhundert bis vierhundertvierzig Seiten dieses Mal nicht ganz zurecht gekommen ist. Da wird manche Erklärung dialogtechnisch eingeschoben anstatt überzeugend entwickelt und wieder ist es Stachelmann, der im Grunde die wichtigen, zynisch gesprochen sogar die einzigen Fakten dank seiner gründlichen Recherche ans Tageslicht fördert, nachdem die über den absehbaren Zusammenbruch des Dritten Reiches hinausgehenden Planungen über Jahrzehnte in den Archiven geschlummert haben. Auch hier stellt sich die Frage, warum eine derartige mächtige Organisation nicht sorgfältiger die eigenen dunklen Spuren deutlich früher vernichtet hat. Möglichkeiten hätte es Zuhauf gegeben.
Schwächer als der unterhaltsame Kriminalplot sind allerdings die handelnden Protagonisten. Da gibt es Affäre und heimliches Anhimmeln - zwischen den beiden ermittelnden Beamten mit den entsprechenden emotionalen Selbstzweifeln -, aber vor allem einen zwischen zwei Frauen stehenden Stachelmann. Während sich Stachelmann in den letzten Romanen nicht zuletzt aufgrund seines inzwischen unerträglichen Selbstmitleids und seinen nur auf dem Papier funktionierenden Minderwertigkeitskomplexen dem anderen Geschlecht gegenüber immer mehr im Kreis gedreht und seine Leser verstärkt gelangweilt hat, kehrt er jetzt von seiner ehemaligen Freundin Anne mit entsprechend schlechtem Gewissen der neuen Freundin Valentina - einer Lehrerin aus Gotha - gegenüber zumindest teilweise in heimische Gefilde (Lübeck/ Hamburg) zurück. Diese Beziehungsszenen sind teilweise derartig sentimental bis leicht klischeehaft geschrieben worden, als sehne sich Christian von Ditfurth irgendeiner beziehungstechnischen Vergangenheit zurück. Aufmerksame Leser werden erkennen, dass die ersten Stachelmannromane einer anderen Frau gewidmet sind als die letzten Titel. Stachelmann als Mann zwischen zwei Frauen - leider nur theoretisch, denn der Autor verzichtet in dieser Hinsicht auf jeglichen Spannungsaufbau und unterstreicht widerspruchslos, dass es im Grunde nur Anne im Leben des Historikers Stachelmann gibt - wirkt wenig überzeugend und füllt nur die Seiten zwischen den wichtigsten Aspekten des Verschwörungsthrillers.
Auch wird dieses Beziehungsdreieck im Grunde nicht aufgelöst, Stachelmann ignoriert einfach die neue Freundin. Diese Vorgehensweise distanziert den Leser noch mehr vom dickköpfigen Stachelmann, dessen Ermittlungen inklusiv seines frustrierten, aber aufgrund von Ereignissen, die er nicht vertreten kann, letzt endlich erfolgreichen Vorgehens wahrscheinlich doch gegen alle Wahrscheinlichkeit erfolgreich sein werden.
Der Leiter der Akademie mit seiner unter Anfällen leidenden Ehefrau, der er auf der einen Seite aus Pflichterfüllung oder wahrer Liebe nur für eine kurze Affäre entkommen will, wirkt eindimensional, zu wenig als wirklicher Antagonist gezeichnet. Die ermittelnden Kriminalbeamten wirken im Vergleich zu anderen Figuren - insbesondere die Mitglieder dieser geheimnisvollen wie anscheinend übermächtigen Organisation hinter der Fassade bundesdeutscher Demokratie - deutlich lebhafter, auch wenn ihre Dialoge teilweise zu klischeehaft, zu sehr den Stereotypen insbesondere amerikanischer Krimis folgend geschrieben worden sind. Alleine Georgie - die Entführungssequenz inklusiv seines potentiellen Selbstmordes gehört zu den besten Passagen des Romans - ist eine ganz und ganz überzeugende, noch originell gestaltete Figur, die ein belebendes Element in diesem sehr ruhigen, zu stark konstruierten und teilweise mit zu wenig Herz geschriebenen Kriminalroman ist. Eher unabsichtlich doppelt Christian von Ditfurth zu viel im vorliegenden Roman. Zwei Selbstmorde mit der eigenen Waffe, zwei Affären bei wichtigen Entscheidungsträgern, Stachelmann zwischen zwei Frauen. Das Gefühl eines Deja Vu stellt sich weniger als ein der schleichende Verdacht, dass die kleinen Details den Autoren eher gelangweilt haben. Wie alle anderen Romane Christian von Ditfurths sind es die historischen Entwicklungen und teilweise sehr perfiden Zusammenhänge, welche der ausgebildete Historiker ohne zu Belehren faszinierend und sehr bildhaft quasi im Vorbeigehen erläutert, die auch diesen sechsten Stachelmann Krimi aus dem Einheitsbrei auf ein gehobenes Niveau hieven. Der eigentliche Plot benötigt zu viel konstruktive Unterstützung, um gänzlich überzeugen zu können. Die kritische Distanz des Autoren insbesondere den Entwicklungen im Nachkriegsdeutschland mit Blindheit auf dem Vergangenheitsauge gegenüber überschreitet das normale Maß eines neutralen Erzählers und will sein historisch interessiertes Publikum provozierend zum Nachdenken anregend. Das funktioniert im vorliegenden Buch sehr viel besser als zum Beispiel im ideentechnisch schwächeren “Labyrinth des Zorns” oder in dem angesichts seiner Extrapolation auf einem zu durchschaubaren sowie in Bezug auf die Auswirkungen unglaubwürdigen Fundament gebauten “Lüge eines Lebens”. Auf der anderen Seite verzichtet der Autor aber erstaunlicherweise, seine von Stachelmann aufgeworfenen Thesen in Bezug auf ein Wiedererstehen des Dritten Reiches alleine auf wirtschaftlicher Macht ohne die ideologischen Fehlleitungen abschließend zu präsentieren. Er belässt es bei Andeutungen, die Stachelmann zumindest impliziert mit Beweisen gefunden im Privathaus des Akademiechefs (!!!) wahrscheinlich belegen kann. Erstens ist es unwahrscheinlich, dass derartig brisante Unterlagen vor allem 65 Jahre zurückliegend in dessen Keller lagern und zweitens wirkt der Leiter der Akademie niemals wie ein derartig unvorsichtiger Idiot, als den ihn letzt endlich seine verletzte Frau darstellt. Überambitioniert rechnet Stachelmann stellvertretend für seinen Schöpfer Christian von Ditfurth mit Teilen der anscheinend immer noch vom braunen Gedankengut durchsetzten Creme de Creme der bundesrepublikanischen Gesellschaft ab.
Die persönlichen Leiden des Historikers S. nehmen einen zu großen, zu wenig befriedigend weiterentwickelten Teil des Romans ein, um wirklich auf der elementaren emotionalen Ebene nachhaltig überzeugen zu können. Schon einmal hat Stachelmann die gleichen Erkenntnisse erlangt und sich doch anders entschieden. Im Vergleich zu den früheren Romanen, in denen Stachelmann aufgrund seines starken Gelenkrheumas auf Sex verzichten musste, kommt der Historiker voll auf seine Kosten. Als Frau wirkt Anne insbesondere im Vergleich zu den vorangegangenen Arbeiten deutlich eindimensionaler, eher wie die Wunschvorstellung eines Mannes als eine mit beiden Beinen im lebende stehende und arbeitende Frau. Das Happy End auf der persönlicheren Ebene wirkt zu überhastet, zu wenig emotional vorbereitet und steht leider der Charakterentwicklung derartig stark im Wege, das es nicht überzeugend erscheint, zumal ein Egoist wie Stachelmann erst auf der Gefühlsebene stärker reifen muss, bevor ihm “verziehen” wird.

“Die Akademie” ist ein befriedigender hoffentlich vorläufiger Abschluss der Serie von Stachelmanns Fällen. Der vorliegende Roman unterstreicht, wie gut sich Christian von Ditfurth als Autor seit “Mann ohne Makel” weiter entwickelt hat, auch wenn “Die Akademie” nicht an die Qualität der besten Teile der Serie “Mit Blindheit geschlagen” oder “Schatten des Wahns” heranreicht. Historisch sehr gut recherchierte Unterhaltung auf einem stilistisch zufrieden stellenden, aber immer noch etwas erzählerisch sperrigen Niveau mit leider Schwächen in der Charakterisierung seiner Protagonisten stellt “Die Akademie” auf jeden Fall dar.

Christian von Ditfurth: "Die Akademie"
Roman, Softcover, 420 Seiten
Kiepenheuer & Witsch 2011

ISBN 9-7834-6204-2962

Weitere Bücher von Christian von Ditfurth:
 - Das Dornröschen- Projekt
 - Das Luxemburg-Komplott
 - Das Moskau Spiel
 - Labyrinth des Zorns
 - Lüge eines Lebens
 - Schatten des Wahns

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