Buchecke


:: Home
:: Suche


:: 24 (4)
:: Abenteuer (55)
:: Alias (1)
:: Babylon 5 (7)
:: Buffy & Angel (25)
:: Comics (diverse) (17)
:: Die Bibliothek von Babel (30)
:: Fantasy (diverse) (181)
:: Farscape (1)
:: Heftromane (314)
:: Horror (diverse) (168)
:: Komödien (diverse) (2)
:: Krimi (diverse) (59)
:: Literatur (diverse) (26)
:: Mystery (diverse) (102)
:: Perry Rhodan (122)
:: Roswell (4)
:: SachbĂŒcher (103)
:: Science Fiction (diverse) (715)
:: Star Trek (43)
:: Stargate (1)
:: Thriller (61)
:: TV (diverse) (10)
:: Vampire (37)
:: Zeitschriften / Magazine (15)


:: Artikel (6)
:: Interviews (7)
:: Nachrufe (2)


:: Weitere Sendungen


:: SciFi-Forum: Buchecke


Krimi (diverse)



Christian von Ditfurth

Die Akademie

rezensiert von Thomas Harbach

Mit “Die Akademie” liegt der inzwischen sechste Kriminalfall des Historikers Stachelmann aus der Feder Christian von Ditfurths vor. Es ist vorlĂ€ufig der letzte Krimi um den eher unfreiwilligen Ermittler in Sachen Mord und ĂŒberwiegend deutscher Vergangenheit, da der in der nĂ€he von LĂŒbeck lebende Autor eine Trilogie um eine Berliner Kommune in den wilden Sechzigern plant. Gleichzeitig schließt sich im Grunde ein Kreis, denn im ersten Stachelmann - noch weniger als reine Kriminalgeschichte, sondern geschichtliche Analogie konzipiert - “Mann ohne Makel” geht es um einen Mann, der sich fĂŒr die Enteignung seiner Familie an den Nachkommen bekannter hanseatischer Familien rĂ€cht. Relativ stringent und einfach konzipiert lebt die im Grunde schnell motivtechnisch erkennbare Geschichte von der Persönlichkeit Stachelmanns. Mit dem vorliegenden sechsten Roman geht es nach Exkursen in die wilden Sechziger, das Schummeln bei Doktorarbeiten und die Fluchthelferbewegung wieder zurĂŒck in die Exzesse des dritten Reiches, deren bösartige Wurzeln anscheinend nach Christian von Ditfurth auch die Geschicke der 1945 noch nicht geborenen Bundesrepublik Deutschland fest umschlingen sollte.

Stachelmann trifft durch einen Zufall mit seinem Freund Georgie den Kollegen und Leipziger Historiker Heinz Rehmer, der Stachelmann wĂ€hrend eines gemeinsamen Abendessens von einer gigantischen Verschwörung berichtet, auf die er bei seinen Recherchen in Akten aus dem Dritten Reich gestoßen ist. Am nĂ€chsten Tag ist Rehmer ermordet. Normalerweise wĂ€re der Fall hier zu Ende, Stachelsmanns Recherchen laufen im Grunde in eine Sackgasse und die auf einer zweiten Handlungsebene erzĂ€hlten Ermittlungen der Polizei verlaufen sich anscheinend in einer schmutzigen Erpressergeschichte, in die Rehmer laut Angaben des Leiters der Akademie - eines komplexen Konglomerats aus Industriebeteiligungen und Stiftungsgeldern, deren Ziele und Aufgaben so vielfĂ€ltig wie die Beine als TausendfĂŒsslers sind - verwickelt ist. Dann wird Stachelmann aber von einem anscheinend professionellen Killer in seinem schĂ€bigen Hotelzimmer aufgesucht, der ihn auffordert, die am Anfang stehenden Ermittlungen im Fall Rehmer aufzugeben. Kurze Zeit spĂ€ter wird Georgie von zwei MĂ€nner entfĂŒhrt und in einem gigantischen Bauwerk, das die Russen kurz vor der Wende errichtet haben, festgehalten. Als er nach seiner Flucht mit Stachelmann und der örtlichen Polizei zurĂŒckkehrt, sind die EntfĂŒhrer anscheinend erschossen und professionell abtransportiert worden. Das Eingreifen dieser Profis zeigt Stachelmann in einer der stark konstruierten Wendungen des Plots und fĂŒr eine derartig geheimnisvolle, ĂŒber einen Zeit von mehr als fĂŒnfundsechzig Jahren im Grunde unerkannt operierende Organisation amateurhaft ausgefĂŒhrten Aktion, dass Rehmer wirklich etwas Großem auf der Spur gewesen ist.
WĂ€hrend sich Stachelmann zusammen mit seinem Freund Georgie immer wieder von der Polizei angefordert um die Recherche in den Bundesarchiven kĂŒmmert, in der Hoffnung aus den spĂ€rlichen Informationen aus der Zeit April- Mail 1945 Hinweise auf die Gegenwert herauszufiltern, untersuchen zwei Kriminalbeamte Rehmers Umfeld und werden anscheinend wie an einem GĂ€ngelband nach Belieben in verschiedene Richtungen gefĂŒhrt. So deckt eine Erpressung aufgrund einer AffĂ€re mit einer jungen Studentin eine gefĂ€hrlichere, geheimnisvollere Sache und der einzige TatverdĂ€chtige entzieht von einem Augenblick zum NĂ€chsten durch Selbstmord den Ermittlungen. Auf einer dritten, im Grunde auf den ersten Blick Spannungsminimierenden Handlungsebene wechselt Christian von Ditfurth immer wieder die Perspektive und gibt dem verblĂŒfften Leser einen Einblick in die geheimnisvolle Organisation, die nicht nur die Akademie kontrolliert, sondern anscheinend dafĂŒr gesorgt hat, dass die freie Marktwirtschaft in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945 entschlossen eingefĂŒhrt im Grunde die Welt in die jetzt alleine auf wirtschaftlicher Macht basierenden FĂ€nge der Nation getrieben hat, die die Alliierten 1945 als Nationalsozialistisches Deutschland besiegt haben.

Im Vergleich zu den letzten beiden Stachelmann Krimis wirkt der Plot deutlich ĂŒberzeugender und die Geschichte weniger stark an den Haaren herbeigezogen, die grundlegende PrĂ€misse allerdings auch zynisch, politisch absichtlich einseitig provozierend formuliert und mit dem - aus Sicht der Autoren - Vergessen der braunen Vergangenheit abrechnend. So faszinierend die Grundidee - vergleichbar dem Spionagethriller “Das Moskau Spiel” ebenfalls aus Christian von Ditfurths Feder - auch sein mag, so teilweise sperrig bis nicht immer logisch wird diese Verschwörung dunkler MĂ€chte letztendlich zumindest fĂŒr den Leser erklĂ€rt, wenn auch nicht mehr im Rahmen des Plots endgĂŒltig aufgeklĂ€rt. Wie schon in “Das Moskau- Spiel” wĂ€re die Verschwörung, das tief in der Vergangenheit verborgene “Ereignis” geheim geblieben, wenn die attackierenden KrĂ€fte entweder professioneller vorgegangen wĂ€ren - der Auftritt des Auftragskillers ist der erste und lange Zeit einzige Beweis fĂŒr Stachelmann und Georgie, dass mehr hinter Rehmers vagen Äußerungen steckt - oder entschlossener schneller zugeschlagen hĂ€tten. Im Gegensatz zu “Das Moskau- Spiel” hinterfragen zumindest die beiden neben Stachelmann ĂŒber weite Strecken parallel ermittelnden Kriminalbeamten diese offensichtlichen amateurhaften Fehler und stellen die unbeantwortet gelassene Hypothese auf, diese ĂŒberdeutlich roten FĂ€den wĂ€ren nur Teil einer gigantischen Ablenkungsstrategie. Diese Theorie wird allerdings wie manch anderes Plotelement nicht weiter extrapoliert. Insbesondere der Mittelteil des vorliegenden Romans mit seinen zu diesem Zeitpunkt parallel laufenden Ermittlungen ĂŒberzeugt nur phasenweise. Zu lange dauert es, bis Stachelmann/ Georgie die ersten Strohhalme finden, wobei sie plötzlich Hilfe von der Archivangestellten erhalten, die allen Grund hat, Stachelmann und Georgie eher von ihrem Ziel abzulenken . Zu sehr drehen sich die beiden Kriminalkommissare im Kreis, wobei der Leser schon ungeduldig weitere Erkenntnisse erwartet. Das die ihnen anfĂ€nglich prĂ€sentierte Geschichte konstruiert worden ist, weiß der aufmerksame Leser im Gegensatz zu allen handelnden Protagonisten aufgrund der angesprochenen dritten Handlungsebene, die im Grunde derartig expressiv nicht hĂ€tte erzĂ€hlt werden dĂŒrfen. Auf den letzten knapp einhundertfĂŒnfzig Seiten ĂŒberschlagen sich wie in den letzten Stachelmann Krimis die Ereignisse, als wenn Christian von Ditfurth mit der stoisch geplanten Seitenzahl von knapp ĂŒber vierhundert bis vierhundertvierzig Seiten dieses Mal nicht ganz zurecht gekommen ist. Da wird manche ErklĂ€rung dialogtechnisch eingeschoben anstatt ĂŒberzeugend entwickelt und wieder ist es Stachelmann, der im Grunde die wichtigen, zynisch gesprochen sogar die einzigen Fakten dank seiner grĂŒndlichen Recherche ans Tageslicht fördert, nachdem die ĂŒber den absehbaren Zusammenbruch des Dritten Reiches hinausgehenden Planungen ĂŒber Jahrzehnte in den Archiven geschlummert haben. Auch hier stellt sich die Frage, warum eine derartige mĂ€chtige Organisation nicht sorgfĂ€ltiger die eigenen dunklen Spuren deutlich frĂŒher vernichtet hat. Möglichkeiten hĂ€tte es Zuhauf gegeben.
SchwĂ€cher als der unterhaltsame Kriminalplot sind allerdings die handelnden Protagonisten. Da gibt es AffĂ€re und heimliches Anhimmeln - zwischen den beiden ermittelnden Beamten mit den entsprechenden emotionalen Selbstzweifeln -, aber vor allem einen zwischen zwei Frauen stehenden Stachelmann. WĂ€hrend sich Stachelmann in den letzten Romanen nicht zuletzt aufgrund seines inzwischen unertrĂ€glichen Selbstmitleids und seinen nur auf dem Papier funktionierenden Minderwertigkeitskomplexen dem anderen Geschlecht gegenĂŒber immer mehr im Kreis gedreht und seine Leser verstĂ€rkt gelangweilt hat, kehrt er jetzt von seiner ehemaligen Freundin Anne mit entsprechend schlechtem Gewissen der neuen Freundin Valentina - einer Lehrerin aus Gotha - gegenĂŒber zumindest teilweise in heimische Gefilde (LĂŒbeck/ Hamburg) zurĂŒck. Diese Beziehungsszenen sind teilweise derartig sentimental bis leicht klischeehaft geschrieben worden, als sehne sich Christian von Ditfurth irgendeiner beziehungstechnischen Vergangenheit zurĂŒck. Aufmerksame Leser werden erkennen, dass die ersten Stachelmannromane einer anderen Frau gewidmet sind als die letzten Titel. Stachelmann als Mann zwischen zwei Frauen - leider nur theoretisch, denn der Autor verzichtet in dieser Hinsicht auf jeglichen Spannungsaufbau und unterstreicht widerspruchslos, dass es im Grunde nur Anne im Leben des Historikers Stachelmann gibt - wirkt wenig ĂŒberzeugend und fĂŒllt nur die Seiten zwischen den wichtigsten Aspekten des Verschwörungsthrillers.
Auch wird dieses Beziehungsdreieck im Grunde nicht aufgelöst, Stachelmann ignoriert einfach die neue Freundin. Diese Vorgehensweise distanziert den Leser noch mehr vom dickköpfigen Stachelmann, dessen Ermittlungen inklusiv seines frustrierten, aber aufgrund von Ereignissen, die er nicht vertreten kann, letzt endlich erfolgreichen Vorgehens wahrscheinlich doch gegen alle Wahrscheinlichkeit erfolgreich sein werden.
Der Leiter der Akademie mit seiner unter AnfĂ€llen leidenden Ehefrau, der er auf der einen Seite aus PflichterfĂŒllung oder wahrer Liebe nur fĂŒr eine kurze AffĂ€re entkommen will, wirkt eindimensional, zu wenig als wirklicher Antagonist gezeichnet. Die ermittelnden Kriminalbeamten wirken im Vergleich zu anderen Figuren - insbesondere die Mitglieder dieser geheimnisvollen wie anscheinend ĂŒbermĂ€chtigen Organisation hinter der Fassade bundesdeutscher Demokratie - deutlich lebhafter, auch wenn ihre Dialoge teilweise zu klischeehaft, zu sehr den Stereotypen insbesondere amerikanischer Krimis folgend geschrieben worden sind. Alleine Georgie - die EntfĂŒhrungssequenz inklusiv seines potentiellen Selbstmordes gehört zu den besten Passagen des Romans - ist eine ganz und ganz ĂŒberzeugende, noch originell gestaltete Figur, die ein belebendes Element in diesem sehr ruhigen, zu stark konstruierten und teilweise mit zu wenig Herz geschriebenen Kriminalroman ist. Eher unabsichtlich doppelt Christian von Ditfurth zu viel im vorliegenden Roman. Zwei Selbstmorde mit der eigenen Waffe, zwei AffĂ€ren bei wichtigen EntscheidungstrĂ€gern, Stachelmann zwischen zwei Frauen. Das GefĂŒhl eines Deja Vu stellt sich weniger als ein der schleichende Verdacht, dass die kleinen Details den Autoren eher gelangweilt haben. Wie alle anderen Romane Christian von Ditfurths sind es die historischen Entwicklungen und teilweise sehr perfiden ZusammenhĂ€nge, welche der ausgebildete Historiker ohne zu Belehren faszinierend und sehr bildhaft quasi im Vorbeigehen erlĂ€utert, die auch diesen sechsten Stachelmann Krimi aus dem Einheitsbrei auf ein gehobenes Niveau hieven. Der eigentliche Plot benötigt zu viel konstruktive UnterstĂŒtzung, um gĂ€nzlich ĂŒberzeugen zu können. Die kritische Distanz des Autoren insbesondere den Entwicklungen im Nachkriegsdeutschland mit Blindheit auf dem Vergangenheitsauge gegenĂŒber ĂŒberschreitet das normale Maß eines neutralen ErzĂ€hlers und will sein historisch interessiertes Publikum provozierend zum Nachdenken anregend. Das funktioniert im vorliegenden Buch sehr viel besser als zum Beispiel im ideentechnisch schwĂ€cheren “Labyrinth des Zorns” oder in dem angesichts seiner Extrapolation auf einem zu durchschaubaren sowie in Bezug auf die Auswirkungen unglaubwĂŒrdigen Fundament gebauten “LĂŒge eines Lebens”. Auf der anderen Seite verzichtet der Autor aber erstaunlicherweise, seine von Stachelmann aufgeworfenen Thesen in Bezug auf ein Wiedererstehen des Dritten Reiches alleine auf wirtschaftlicher Macht ohne die ideologischen Fehlleitungen abschließend zu prĂ€sentieren. Er belĂ€sst es bei Andeutungen, die Stachelmann zumindest impliziert mit Beweisen gefunden im Privathaus des Akademiechefs (!!!) wahrscheinlich belegen kann. Erstens ist es unwahrscheinlich, dass derartig brisante Unterlagen vor allem 65 Jahre zurĂŒckliegend in dessen Keller lagern und zweitens wirkt der Leiter der Akademie niemals wie ein derartig unvorsichtiger Idiot, als den ihn letzt endlich seine verletzte Frau darstellt. Überambitioniert rechnet Stachelmann stellvertretend fĂŒr seinen Schöpfer Christian von Ditfurth mit Teilen der anscheinend immer noch vom braunen Gedankengut durchsetzten Creme de Creme der bundesrepublikanischen Gesellschaft ab.
Die persönlichen Leiden des Historikers S. nehmen einen zu großen, zu wenig befriedigend weiterentwickelten Teil des Romans ein, um wirklich auf der elementaren emotionalen Ebene nachhaltig ĂŒberzeugen zu können. Schon einmal hat Stachelmann die gleichen Erkenntnisse erlangt und sich doch anders entschieden. Im Vergleich zu den frĂŒheren Romanen, in denen Stachelmann aufgrund seines starken Gelenkrheumas auf Sex verzichten musste, kommt der Historiker voll auf seine Kosten. Als Frau wirkt Anne insbesondere im Vergleich zu den vorangegangenen Arbeiten deutlich eindimensionaler, eher wie die Wunschvorstellung eines Mannes als eine mit beiden Beinen im lebende stehende und arbeitende Frau. Das Happy End auf der persönlicheren Ebene wirkt zu ĂŒberhastet, zu wenig emotional vorbereitet und steht leider der Charakterentwicklung derartig stark im Wege, das es nicht ĂŒberzeugend erscheint, zumal ein Egoist wie Stachelmann erst auf der GefĂŒhlsebene stĂ€rker reifen muss, bevor ihm “verziehen” wird.

“Die Akademie” ist ein befriedigender hoffentlich vorlĂ€ufiger Abschluss der Serie von Stachelmanns FĂ€llen. Der vorliegende Roman unterstreicht, wie gut sich Christian von Ditfurth als Autor seit “Mann ohne Makel” weiter entwickelt hat, auch wenn “Die Akademie” nicht an die QualitĂ€t der besten Teile der Serie “Mit Blindheit geschlagen” oder “Schatten des Wahns” heranreicht. Historisch sehr gut recherchierte Unterhaltung auf einem stilistisch zufrieden stellenden, aber immer noch etwas erzĂ€hlerisch sperrigen Niveau mit leider SchwĂ€chen in der Charakterisierung seiner Protagonisten stellt “Die Akademie” auf jeden Fall dar.

Christian von Ditfurth: "Die Akademie"
Roman, Softcover, 420 Seiten
Kiepenheuer & Witsch 2011

ISBN 9-7834-6204-2962

Weitere Bücher von Christian von Ditfurth:
 - Das Dornröschen- Projekt
 - Das Luxemburg-Komplott
 - Das Moskau Spiel
 - Labyrinth des Zorns
 - LĂŒge eines Lebens
 - Schatten des Wahns

Leserrezensionen

:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht möchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::