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Krimi (diverse)



Michael Chabon

Das letzte Rätsel

rezensiert von Thomas Harbach

Der für seinen unglaublich vielschichtigen Roman „The Amazing Adventures of Kavalier & Clay“ mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete Michael Chabon gehört zu den interessantesten jungen Literaten. In seiner Kurzgeschichtensammlung „Junge Werwölfe“ hat er sich mit den auseinanderbrechenden amerikanischen Familien auseinandergesetzt und in „The Yiddish Policeman´s Union“ mit Alaska als jüdischem Exilstaat. Die längere Novelle – von einem Roman zu sprechen wäre unehrlich – „Das letzte Rätsel“ aus dem Jahr 2004 ist eine Sherlock-Holmes-Geschichte ohne den Namen des erfolgreichsten/ berühmtesten Ermittlers der Literaturgeschichte auch nur einmal explizit auszusprechen. Die Hinweise auf Holmes sind aber erdrückend. Der knapp neunzigjährige Rentner lebt seit vielen Jahren alleine in seiner einsam gelegenen Hütte in der Nähe der Bahnschienen, welche diese Einöde mit London verbinden, und züchtet Bienen. Die Beschreibung des hageren Mannes mit stechenden Augen passt ebenso auf Doyles weltberühmte Figur wie auch der Ausspruch bei einem Verhör eines Tatverdächtigen: „I am eigthy-nine years old. The little life that remains to me I would prefer to spend in the company of creatures for more intelligent and mysterious than you”. Akzeptiert der Leser Chabons einzigartig dreidimensional und doch unzugänglich gezeichneten Charakter als Holmes, entwickelt sich „Das letzte Rätsel“ geradlinig, gegen Ende sogar enttäuschend. Holmes beobachtet einen kleinen Jungen, der mit einem seltenen Papagei auf der Schulter aus dem Nichts den Bahnschienen folgt. Der Junge ist stumm. Er ist während des tobenden Zweiten Weltkriegs aus Deutschland geflohen, seine jüdischen Eltern vermutlich ermordet. Der namenlose Junge kommt bei einem hilfsbereiten Vikar und seiner Ehefrau unter. Kurze Zeit später verschwindet der Papagei und die Leiche eines erschlagenen Mannes wird vor dem Haus gefunden. Die überforderte Polizei bittet den alten Mann – sein Ruf ist in dieser Gegend eine Legende -, sie bei ihren Untersuchungen zu unterstützen. Chabon bewegt sich hinsichtlich der Beweggründe Holmes, ausgerechnet diesen Fall zu übernehmen, im Niemandsland. Im ersten Kapitel arbeitet er verblüffend einfach eine mögliche Beziehung zwischen Holmes und dem durch einen Zufall in dessen Einsamkeit eindringenden Jungen heraus, um diesen Handlungsbogen wie manch andere wichtige Einzelheit in seinem Roman förmlich untergehen zu lassen. Ob es blanke Ironie ist, dass Holmes trotz aller Bemühungen das finale Problem nicht aufgrund seiner Beobachtungsgabe und seiner einzigartigen geistigen Fähigkeiten, sondern nur aufgrund des von Doyle so abgelehnten Zufalls lösen kann, sei dahingestellt. Im letzten Kapitel wechselt Chabon die Perspektive und die Geschichte droht ins surrealistisch Groteske abzuschweifen. Der eigentliche Plot des Romans ist – wie auch in einigen von Doyles späteren lustlos geschriebenen Texten – Staffage. Michael Chabon verzichtet leider auf eine direkte Konfrontation Holmes mit dem Grauen des Naziregimes. Es bleiben Andeutungen, Spekulationen und eine Heraushebung der zeitweiligen Sonderstellung der jüdischen Steinmans im Nazi-Regime. Für einen derartig intelligenten wie politisch zeitkritischen Autoren gibt sich Michael Chabon viel Mühe, wird aber stellenweise zu bemüht, zu belehrend, um wirklich überzeugen zu können. . Auf der anderen Seite hätte die Geschichte auch zu einer anderen Zeit und nicht vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs bzw. der Judenverfolgung spielen müssen, um hinsichtlich des gealterten Holmes effektiv und interessant zu bleiben.

Das Buch lebt von der Beschreibung eines gealterten Holmes, der sich seiner körperlichen Gebrechen wohl bewusst ist. So fürchtet Holmes einen Schlaganfall beim kleinsten Gleichgewichtsverlust mehr als die Nachkommen von Professor Moriartys, die sich immer noch an Holmes rächen könnten. Die in Holmes immer vorhandene Paranoia wird von Michael Chabon im ersten Drittel des Buches überbetont, dann am im Verlaufe der Handlung in den Hintergrund gedrängt, bzw. vergessen. Im Gegensatz zur körperlichen Schwäche sind ihm einzig seine geistigen Fähigkeiten geblieben, auch wenn der Autor den Fehler macht, diese auf das Erkennen von Spiegelschrift und dem leichtfertigen Folgen einer schließlich falschen Spur zu beschränken. Mit etwas mehr Sorgfalt hätte Michael Chabon ein ultimatives Portrait des in Würde gealterten, immer noch exzentrisch schroffen Holmes zeichnen können. Nicht selten bleibt es leider beim Fragment.
Der eigentliche Plot wirkt nach einem sehr intensiven und hervorragend geschriebenen Anfang fast rudimentär. Insbesondere die Auflösung des Falls nach dem Prinzip Zufall ohne ein direktes Eingreifen Holmes und dessen Abneigung, das letzte Rätsel vielleicht sogar aus Angst vor dem Tod aufzulösen, wirkt auf den ersten Blick verwirrend.
Unabhängig von dieser für den Leser greifbaren Ebene spielt Michael Chabon mit der Realität, indem er impliziert, das nicht nur der Detektiv am Ende seiner Kräfte ist, sondern die ganze Welt jegliche Rationalität zu verlieren droht. Holmes konzentriert sich auf die Bienenzucht und nimmt an der Jagd nach dem Mörder eher halbherzig teil. Das führt auch zu einer Fehleinschätzung, welche insbesondere dem Papagei beinahe zum Verhängnis geworden wäre. Als fiktiver namenloser aber sehr gut erkennbarer Charakter unterstreicht der alte Mann Holmes nur in zwei kleinen Szenen seine besonderen Beobachtungs- und Ermittlungsfähigkeiten. Dieses Manko wird durch den im Grunde verwirrenden Untertitel der amerikanischen Originalausgabe unterstrichen, weil „The Final Solution“ keine „Story of Detection“ ist, sondern positiv gesprochen eine Charakterstudie. Unabhängig von dieser Schwäche ist der alternde Detektiv die dominierende Figur dieser Geschichte. Das liegt weniger an den manchmal oberflächlich, dann wieder liebevoll gezeichneten Nebenfiguren oder dem tragischen, nicht ganz aufgeklärten Schicksal des neunjährigen jüdischen Jungen Linus Steinman, dessen Auftauchen in der kärglichen englischen Landschaft fast einem Wunder gleicht, sondern an Michael Chabons Lustlosigkeit, einen klassischen Who-done-it zu schreiben. Vielleicht wäre es sinnvoller und für viele Leser besser nachvollziehbar gewesen, wenn der namenlose Holmes ein letztes Mal – wenn auch nur für einen kleinen Jungen – seine Fähigkeiten demonstriert und der aus den Fugen geratenen, sich im Krieg befindlichen Welt gezeigt hätte, das ein gutes Auge und ein scharfer Verstand immer noch der beste Wall gegen das Böse sind.

Michael Chabon: "Das letzte Rätsel"
Roman, Softcover, 126 Seiten
Kiepenheuer & Witsch 2005

ISBN 9-7834-6203-6268

Weitere Bücher von Michael Chabon:
 - Junge Werwölfe
 - Wonder Boys

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