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Krimi (diverse)



Stephen King

Colorado Kid

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Colorado Kid“ präsentiert Stephen King seine eigene Interpretation eines Hardboiled Romans. Im Grunde ist es nur eine umfangreiche Novelle, die dank großzügigen Satzes auf Romanlänge gestreckt worden ist. Es ist allerdings weniger ein Harboiledroman, so kommt die Figur des obligatorischen Detektives im ganzen Werk so gut wie gar nicht vor, sondern ein Mystery, das Aspekte von früheren Arbeiten wie „The Body“ variiert, aber nicht immer zufrieden stellend extrapoliert.

Zusätzlich versetzt der Autor die Handlung um gute 25 Jahren durch einen solide angelegten Rahmen zurück, was spannungstechnisch gegen den stringent, aber nicht packend, sondern schriftstellerisch verliebt erzählten Plot spielt.
Die Geschichte beginnt auf der kleinen vor Maines Küste gelegenen Insel Moose- Lookit. Im Sommer wird die Insel von den Urlaubern überrannt, im Winter bleiben die Einheimischen unter sich. Seit mehr als einem halben Jahrhundert betreiben der inzwischen neunzig Jahre alte Vince Teague und sein Geschäftspartner Dave Bowie die einzige Zeitung auf der Insel, den „Weekly Islander“. In diesem Sommer haben die beiden gutmütigen, sehr ruhigen Männer sich Hilfe von einer Auswärtigen geholt. Die zweiundzwanzig Jahre alten Praktikantin Stephanie McCann hat sich freiwillig gemeldet. Teague und Bowie erkennen schnell, dass in der jungen wie bodenständigen Frau eine echte, zähe Journalistin stecken könnte. Eines Tages hört die junge Frau eher durch einen Zufall vom „Colorado Kid“. Bowie und Teague erzählen ihr vom im Grunde einzigen und wahrscheinlich größten Rätsel ihrer Laufbahn. Vor fünfundzwanzig Jahre ist die Leiche eines gut gekleideten, unbekannten Mannes an der Küste gefunden worden. Er ist anscheinend nicht ermordet worden, sondern an einem Stück Steakfleisch erstickt. Niemand kennt den Mann, er trägt keine Papiere bei sich.
Ein Jahr später findet man durch einen Zufall dessen Identität heraus. Es handelt sich um einen in Colorado lebenden Zeichnern namens James Cogan, der ohne eine Spur zu hinterlassen oder sich von seiner Familie zu verabschieden aus dem Bundesstaat verschwunden ist. Noch mysteriöser ist, dass er es in Rekordzeit von Colorado nach Moose-Lookit geschafft hat, um dort geheimnisvoll und nicht richtig erklärbar am Strand zu sterben.

„Colorado Kid“ ist eine schwer zugängliche Geschichte. Im Gegensatz zu den anderen Hardboiled Romanen dieser Reihe möchte Stephen King im Grunde keinen Kriminalroman mit einem Verbrechen, einem ermittelnden Beamten, sowie der Bestrafung des Täters schreiben. Es gibt zwar eine Handvoll von Indizien, die auf einen Mord hindeuten, aber hinsichtlich des Motivs oder möglicher Täter sowie die Reise von Colorado nach Maine gibt es keine Hinweise. In dieser Hinsicht erinnert die Geschichte teilweise an die in seinen frühen Sammlungen zusammengefassten Novellen, die nicht selten eher von den Protagonisten oder der Hintergrundstimmung getragen worden sind als das sie plottechnisch wirklich überzeugen. Der Leser wird zusammen mit der jungen Journalistin in den Bann dieses Falles gezogen. Mit Bowie und Teague verfügt die Geschichte zusätzlich über zwei indirekte Augenzeugen. Zwar verzichtet Stephen King auf den unaufrichtigen Erzähler, wie es Gene Wolfe inzwischen zu einer für den Leser auch manchmal frustrierenden Meisterschaft gebracht hat, aber Bowie und Teague haben nicht alle Fakten zusammentragen können. Die offenen Flanken werden auch nicht in der Gegenwart geschlossen. Zumindest verzichtet King auf eine unwahrscheinliche Wendung, das die junge Stephanie McCann den Fall plötzlich lösen kann. Trotzdem erscheint das Werk insbesondere für eine Gegenwart atypisch, in der Mord wirklich nicht verjährt und jeden Monat Verbrechen aufgrund neuer gentechnischer Ermittlungen nach Jahrzehnten aufgeklärt werden. Man hat ein wenig das Gefühl, als verweigere Stephen King seinem Opfer die letzte Ehre. Als wäre der Titel bestimmende Colorado Kid nur ein MacGuffin, um eine gänzlich andere Geschichte zu erzählen. Wie schon angesprochen ist der vorliegende Kurzroman was die eigentliche Handlung angeht eine kleine Enttäuschung. Es wird auf den ersten Seiten eine Erwartungshaltung aufgebaut, die King nicht wie in vielen seiner letzten längeren Arbeiten - siehe insbesondere „The Arena“ oder „Puls“ - gegen Ende nicht befriedigen kann, sondern an deren natürlicher Extrapolation er jegliches Interesse verliert.
Die Indizien und die dem Leser aufgrund der schon angesprochenen Distanz und der subjektiven Erzählebene fremd bleibenden möglichen Verdächtigen werden mehr und mehr schematisch abgehandelt. Das mysteriöse Element, das im Grunde die Aufmerksamkeit der Leser erregt hat, fällt schließlich erstaunlich bodenständig und frustrierend enttäuschend aus, während der abschließende Monolog zumindest zufrieden stellend ist. Wie schon angesprochen weigert sich Stephen King, seiner Idee Leben einzuhauchen.

Was den Hintergrund angeht, so funktioniert die Geschichte ausgezeichnet. Stephen King hat seinen Heimatbundesstaat Maine in verschiedenen Variationen in seinem Werk verewigt. Im Grunde hat er die letzten sechs Jahrzehnte zu einem literarischen Leben erweckt. Dabei ist es hervorragend gelungen, insbesondere die fünfziger Jahre - siehe „The Body“ - und die sechziger Jahre - siehe „11/22/63“ - mit einer Mischung aus melancholischer Wehmut, aber auch kritischem Hinterfragen der politischen Entwicklungen zum Leben zu erwecken. Viele King Romane tragen auch autobiographische Züge. Die kleine Insel vor der Küste Maines ist im Grunde eine Art Dorian Gray Idyll, das aus der Zeit gefallen ist. Die Häuser sind liebevoll restauriert, die Infrastruktur archaisch. Die Menschen kennen sich alle, was je nach Ansicht positiv oder negativ sein kann. King nimmt sich sehr viel Zeit, die Eigenheiten seiner Mitmenschen ausführlich, vielleicht für einen derartigen Kurzroman zu ausführlich zu beschreiben. Da erinnert manche Sequenz an seine Dr. Lao Interpretation „Needful Things“. Seine kleine Insel ist ausgesprochen lebendig.

Noch interessanter sind aber die handelnden Personen. Auch wenn der Autor es vielleicht nicht gerne zugibt, seine Figuren sind Altersweiser geworden. Sie reagieren auf die nicht mehr übernatürlichen, sondern unausweichlich menschlichen Herausforderungen wie schwere Krankheiten - „Duma Key“ - oder den vorzeitigern Tod eines geliebten Menschen - „A Bag of Bones“ - abgeklärter. In dieser Hinsicht ist „Colorado Kid“ eine der stärksten Nichtgeschichten, die King in seiner langen wie erfolgreichen Karriere geschrieben hat. Während die agile Stephanie McCann von den sie umgebenden alten Männern als ein junger Heißsporn angesehen wird, der talentiert ist, sich aber noch nicht die Hörner abgestoßen hat, überraschen die „älteren“ Herrschaften Bowie und Teague. Sie müssen sich an eine der wenigen „Niederlagen“ in ihrem Leben erinnern. Sie erzählen Stephanie weder chronologisch noch kontinuierlich aus der Zeit vor fünfundzwanzig Jahren, als vor allem Teague mit fünfundsechzig nicht mehr jung war. King baut zwischen diesen drei Menschen eine unglaubliche starke Sympathieebene auf. Die Dialoge sind insbesondere in der englischen Originalausgabe sehr viel ausgeglichener, weniger profan bis karikierend. Es sind ruhige, intime Gespräche zwischen drei Menschen, von denen zwei ihr Leben lang und eine für die nächsten Jahrzehnte der Faszination des Journalismus in seiner vielleicht reinsten, ehrlichsten, aber auch idealisierten Form verfallen sind bzw. verfallen wird. Aber auch hier überlässt der Autor nichts dem Zufall. Stephanie McCann ist sicherlich talentiert und auch ehrgeizig, aber keine Frau, die im übertragenen Sinne über Leichen geht. Sie ist im Grunde für den Großstadtdschungel zu nett, zu sympathisch und zu ehrlich. Der Leser ahnt im Gegensatz zu ihr schon ab der Hälfte des Romans, das sie die Insel beruflich vorerst nicht verlassen wird und auch nicht verlassen will. Das sie Teague und Bowie bei der kleinen Inselzeitung beerben wird. Ihr bleibt die Hoffnung, irgendwann über eine ähnlich große, aber letzt endlich unbefriedigende Geschichte wie den „Colorado Kid“ zu stolpern, aber selbst wenn das nicht der Fall sein sollte, hat der Leser nicht den Eindruck, als würde sie auf diesem kleinen Idyll irgendetwas vermissen.
In emotionaler Hinsicht ist Stephen King eine warmherzige Geschichte, das Portrait der amerikanischen Journalisten gelungen, wie sie vielleicht vor mehr als sechzig Jahren in Frank Capras Filmen aufgetreten und von Billy Wilder bei drohenden Übertreibungen bestraft worden sind. Irgendwann stellt der Leser fest, das jede Geschichte im Grunde nur eine subjektive Wahrnehmung ist und das es eine objektive Reportage nicht geben kann und nicht geben wird. Bis dahin hat man sich ausreichend über den wenig zufrieden stellenden Kriminalfall geärgert und genießt die lebensechten, von King so einzigartig gezeichneten Figuren.

Stephen King: "Colorado Kid"
Roman, Softcover, 176 Seiten
Heyne- Verlag 2009

ISBN 9-7834-5343-3960

Weitere Bücher von Stephen King:
 - 11/22/63
 - Blockade Billy
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