Buchecke


:: Home
:: Suche


:: 24 (4)
:: Abenteuer (55)
:: Alias (1)
:: Babylon 5 (7)
:: Buffy & Angel (25)
:: Comics (diverse) (17)
:: Die Bibliothek von Babel (30)
:: Fantasy (diverse) (181)
:: Farscape (1)
:: Heftromane (314)
:: Horror (diverse) (168)
:: Komödien (diverse) (2)
:: Krimi (diverse) (59)
:: Literatur (diverse) (26)
:: Mystery (diverse) (102)
:: Perry Rhodan (122)
:: Roswell (4)
:: SachbĂŒcher (103)
:: Science Fiction (diverse) (715)
:: Star Trek (43)
:: Stargate (1)
:: Thriller (61)
:: TV (diverse) (10)
:: Vampire (37)
:: Zeitschriften / Magazine (15)


:: Artikel (6)
:: Interviews (7)
:: Nachrufe (2)


:: Weitere Sendungen


:: SciFi-Forum: Buchecke


Krimi (diverse)



Dan Simmons

Flashback

rezensiert von Thomas Harbach

Nach dem ausgesprochen ambitionierten Romanen “The Terror” und “Drood” legt Dan Simmons mit “Flashback” eine deutlich kommerziellere Arbeit vor, die sich was den Protagonisten angeht an dessen Hardboiled Krimis orientiert, wobei der futuristische Hintergrund ausgesprochen nihilistisch ist. Dabei zerfĂ€llt die Arbeit in zwei ausgesprochen unterschiedliche Teile. Zu einem der teilweise doch stark konstruierte und im Groben vorhersehbare Plot mit einem Detektiv, der zwar nicht die Welt rettet, aber eine gigantische Verschwörung aufdeckt, obwohl er eher wie Sam Spade in “The Maltese Falcon” mit den eigenen Problemen sowie seiner Drogensucht zu kĂ€mpfen hat, zum anderen aber in den sicherlich absichtlich provokativ beschriebenen Hintergrund, der - obwohl Dan Simmons sich von den politischen Implikationen distanziert - zumindest diskussionswĂŒrdig ist.

Der Plot scheint als rein mechanischer Kompromiss gegenĂŒber dem Leser zu dienen. Nick Bottom ist ein ehemaliger Polizist, der vor fĂŒnf Jahren seine Frau bei einem Autounfall verloren hat. Seinen inzwischen fĂŒnfzehn Jahre alten Sohn hat er bei seinem Schwiegervater in Los Angeles geparkt, das von wenigen Unruhen erschĂŒttert wird als Bottoms Heimatstadt Detroit. Der ehemalige Workoholic Bottom ist “Flackback” sĂŒchtig. FĂŒr einen Dollar die Minute ermöglicht die Drogen den AbhĂ€ngigen, in die Vergangenheit einzutauchen und die schönsten/schrecklichsten/beliebtesten Augenblicke noch einmal neu zu erleben. In doppelter Hinsicht wird Bottom mit seiner jĂŒngeren Vergangenheit konfrontiert. Er soll den Mord an einem jungen Japaner noch mal untersuchen. Dessen Vater ist einer der mĂ€chtigsten Konzernchefs der Welt. Bottom hat den Fall schon einmal wĂ€hrend seiner Polizistendienstzeit bearbeitet, konnte aber den/die TĂ€ter nicht finden. Ihm wird eine riesige Belohnung in Aussicht gestellt. Dazu kommt ein ĂŒppiges Spesenkonto, mit dem sich Bottom nicht nur Flashback fĂŒr den Fall kaufen kann, sondern vor allem auch fĂŒr die eigene Reise in eine bessere Vergangenheit. An seine Seite wird der krĂ€ftige LeibwĂ€chter des Industriellen gestellt. Im Grunde hat Bottom kein wirkliches Interesse, den Mord aufzuklĂ€ren, sondern sucht möglichst lange vom Geldstrom seines Auftraggebers zu profitieren. Es ist plottechnisch sicherlich keine Überraschung, dass Bottom trotz seines Widerwillens nicht nur neuen Hinweisen auf die Spur kommt, sondern das der Unfalltod seiner Frau und ihres Kollegen wahrscheinlich ein erfolgreicher Mordanschlag gewesen ist. Hinter der Hinrichtung des Industriellensohnes steckt sehr viel mehr, als Bottom anfĂ€nglich vermutet. Schnell gerĂ€t sein Leben in Gefahr, wĂ€hrend sein Sohn Val in Los Angeles ein Attentat auf einen japanischen Botschafter mit seiner drogenabhĂ€ngigen Gang ausfĂŒhrt und zusammen mit dem Großvater aus Los Angeles fliehen muss. Sie schließen sich einem Konvoi aus, was in den wirtschaftlich bankrotten und jegliche Ordnung verlorenen USA ein Himmelfahrtskommando ist.
So sehr sich Dan Simmons auch bemĂŒht, im Vergleich zu den ansonsten sehr dreidimensionalen Charakteren seiner anderen Werke bleibt Nick Bottom dem Leser fremd. Der drogenabhĂ€ngige Zyniker ist zu klischeehaft gezeichnet und zusammen mit dem stoisch schweigsamen japanischen LeibwĂ€chter bilden sie insbesondere in Anbetracht der Auflösung des Plots ein zu seltsames Paar. Der Funke springt im Grunde nicht ĂŒber. Je tiefer Bottom in diesen im Grunde unlösbaren Fall eindringt, um so weniger benötigt er die Droge Flashback. Anscheinend gibt es keine echten Entzugserscheinungen oder Stress negiert die AbhĂ€ngigkeit. WĂ€hrend Flashback das Eintauchen in die Vergangenheit wie bei einem emotionalen dreidimensionalen Film ermöglicht, soll laut GerĂŒchten das in Produktion befindliche Flachback 2 die Änderung dieser Erinnerungen wie bei einem virtuellen Spiel ermöglichen. Nick Bottom befragt einige Zeugen der damaligen Mordnacht; erkennt auf einem der Überwachungsvideos, das sich seine Frau ebenfalls in der Nacht in der NĂ€he des Hauses aufgehalten hat und kommt schließlich am Ende zumindest fĂŒr den Leser einigermaßen zufrieden stellend begrĂŒndet zu einer eher verblĂŒffenden Lösung, deren Gehalt ĂŒber wirtschaftliche Machtinteressen hinausgeht. Anstatt den Roman auf einer eher realistisch dunklen Note abzuschließen, bemĂŒht Dan Simmons plötzlich nicht nur das Bild des idealistischen amerikanischen Heldens - es finden sich zahlreiche Anspielungen auf die sich im “Alamo” opfernden texanischen FreiheitskĂ€mpfer -, sondern dreht einen bis dahin interessanten, aber auch ambivalenten Charakter förmlich um. Dieser eher bemĂŒhte Versuch inklusiv zweier Epiloge, den Roman auf einer positiven wie versöhnlichen Note enden zu lassen, wirkt nicht ĂŒberzeugend. Es wĂ€re schockierender und vor allem provozierender gewesen, den Roman mit einem negativ ausgehenden Showdown auf der MĂŒllkippe enden zu lassen. Rainer Erler war in dieser Hinsicht bei seinen semifuturistischen Thrillern ein Spezialist fĂŒr diese Art von Enden, in denen der Zuschauer als stummer allwissender Zeuge zurĂŒckgelassen und zum Nachdenken angeregt worden ist.
Der Hintergrund des Buches ist dagegen wie schon angedeutet provokanter und politisch brisanter. Sowohl Europa als auch die USA haben sich mit ihren unbegrĂŒndet ĂŒberzogenen Sozialprogrammen ĂŒbernommen und politisch ins Abseits manövriert. Bei Simmons beginnt die Tragödie unter Obama, der schließlich die USA durch eine neue Isolationspolitik abgeschottet hat. WĂ€hrend China unter seinem eher fiktiven und staatspolitisch gesteuerten Wirtschaftswachstum zusammengebrochen ist und Europa auch durch die Finanzkrise keine Rolle mehr spielt, sieht Dan Simmons Japan wieder als die kommende Macht. Weniger politisch, da Japan auf die Stufe des Imperialismus inklusiv eines “Shoguns” als FĂŒhrer der mĂ€chtigen Konzerne zurĂŒckgekehrt ist. Diese Vorstellung scheint angesichts der gegenwĂ€rtigen insbesondere industriellen Situation bizarr, aber neben der inzwischen die Welt beherrschenden Konglomerate hat Japan eine andere Art von Waffe ausgeschickt, die vielleicht die einzige wirklich Überraschung des Romans ist. Auch wenn man zwischen den Zeilen weit vor Nick Bottom die Implikationen erkennen kann. Japan mit seinen knapp fĂŒnftausendfĂŒnfhundert Atomwaffen - woher die kommen, bleibt das Geheimnis des Autoren - ist das einzige Gegengewicht zum Kalifat, dem sich rasend schnell ausbreitenden Islam, der mit einer aggressiven Politik nicht nur den Nahen Osten islamisiert, Israel atomisiert, Europa unterwandert, sondern vor allem nach GrundstĂŒcken und ganzen Bundesstaaten der USA gegriffen hat. Diese Vorstellung ist sicherlich einer extreme Extrapolation der gegenwĂ€rtigen politischen Strömungen, aber soll das Gegengewicht zu den auch innenpolitisch zerfallenen USA bilden. In den großen StĂ€dten herrscht Anarchie, Terrororganisation jeglicher politischer Farbe zĂŒnden Bomben oder sprengen Autos in die Luft. Der Rechtsstaat ist zerfallen, die Versorgung der Bevölkerung findet nicht mehr statt, die amerikanischen Einwohner haben sich - sofern sie ĂŒber Geld verfĂŒgen - in Ghettos isoliert, wĂ€hrend die immigrierten AuslĂ€nder den Rest der USA kontrollieren. Es ist ein grimmiges Bild, das Dan Simmons hier zeichnet. Hinzu kommt die das öffentliche Leben inzwischen lĂ€hmende Droge Flashback in Kombination mit einer Hyperinflation, wobei der Leser sich fragt, wie eine als Produktivvermögen nicht mehr existente USA ĂŒberhaupt ĂŒber die Mittel verfĂŒgt, seine inzwischen deutlich weniger gewordenen Einwohner zu ernĂ€hren bzw. die Menschen trotz zahlreicher krimineller Initiativen an Geld kommen, um sich Flashback kaufen zu können. NatĂŒrlich existiert ein interessanter Schwarzmarkt, aber wie Bottoms Liebe zu alten Filmen wirkt manches aus der Pflicht denn einer plottechnischen Überzeugung heraus konstruiert.
Hinzu kommen unter anderem mit Bottoms Sohn Val seinem Schwiegervater zwei durchwachsene Charaktere. Simmons nutzt sie gut, um den sozialen Verfall der USA mit einem kontinuierlichen Überlebenskampf zu beschreiben. Er ĂŒberspannt den Bogen, in dem er Val zum Mitglied einer kriminellen Gang macht, die sich ohne Vals aktive Beteiligung Massenvergewaltigungen beteiligen und schließlich ohne eine wirklich ĂŒberzeugende BegrĂŒndung einen politischen Anschlag organisieren. WĂ€hrend Bottoms Frau Dara in den Flashbacks eher ein Schatten ist, agieren die japanischen Bonzen genauso so, wie sie in Filmen wie “Wiege der Sonne” eindimensional und klischeehaft beschrieben werden. Die Kleinganoven und Opportunisten, welche Bottom wĂ€hrend seiner Recherchen an exotischen Orten wie einem gigantischen FreiluftgefĂ€ngnis in einem ehemaligen Footballstadion verhören muss, sind da deutlich exzentrischer, aber auch interessanter gezeichnet. Wie Bottom ĂŒber weite Strecken der ersten HĂ€lfte des Buches eine Besessenheit fehlt, wirken die wichtigsten relevanten Protagonisten teilweise im Vergleich zum klassischen Bild einer Dystopie zu sehr verschiedene Lager vertretend als “natĂŒrlich” erschaffen. Simmons fehlt der Mut, gegen den Strich zu bĂŒrsten und manche Kante, die Bottom wĂ€hrend seiner Ermittlung reißt, wird in der finalen Konfrontation in Agatha Christie Tradition fĂŒr den aufmerksamen Leser fast frustrierend positiv geglĂ€ttet. Ganz abschreiben wollte Simmons sein Heimatland augenscheinlich nicht, auch wenn die Rettung aus dem erzkonservativen und sich bislang vom Rest der USA abgeschotteten Texas kommt. Ob es sich dabei um eine satirische Spitze insbesondere gegenĂŒber den bisher aus Texas in jĂŒngster Zeit gekommenen PrĂ€sidenten und ihren katastrophalen politischen Entscheidungen handelt, muss der Leser fĂŒr sich selbst abwĂ€gen.
Zusammengefasst ist “Flashback” immer noch eine solide Unterhaltung. Dan Simmons ist ein guter Autor, der auch altbekannte Geschichten zumindest ĂŒberzeugend erzĂ€hlen kann, aber die grundsĂ€tzlich wenig innovative Idee wird mit einer Mischung aus futuristischem “Die Hard” - so gibt es eine Exkursion in die nĂ€here Umgebung von Los Angeles, die eher an die ebenfalls von Simmons erwĂ€hnten “Mad Max” Postdoomsdayfilme mit einem Hauch High Tech Adventure erinnert - und melancholischen Hardboiled Ton erzĂ€hlt. Es fehlen wirklich neue Ideen, irgendwie erscheint “Flashback” eher aus einem sehr breiten Spektrum von einzelnen Facetten wie “The Matrix” oder “Dark City” - hier fehlt dem Autoren der Mut, die Handlung konsequenter zu Ende zu bringen - sowie zu vielen Klischees des Hardboiledgenres der siebziger Jahre mit einem im Grunde abgeschriebenen und durch seine Drogensucht nicht mehr fĂ€higen Detektiv, der sich natĂŒrlich in diesen einen letzten Fall verbeißt und dank des persönlichen Engagements wieder zu einem drogenfreien Menschen mit einer Zukunft wird zu bestehen, die stilistisch/ erzĂ€hltechnisch allerdings kurzweilig unterhaltsam zusammengesetzt worden sind. In Bezug auf die extremen politischen Positionen greift Simmons im Laufe des Romans im Grunde alle Fraktionen und Machtblöcke bis auf die scheinbar nicht mehr existenten Russen an. Daher kann von einer politischen Provokation sowohl gegenĂŒber dem sich aggressiv ausbreitenden Islam und dessen archaischem Weltbild genauso wenig die Rede sein wie gegen die lang geplante Rache der Japaner fĂŒr die AtombombenabwĂŒrfe und den verlorenen Zweiten Weltkrieg. “Flashback” ist politisch nicht ambitioniert genug gestaltet, um wirklich pointierte AngriffsflĂ€che zu bieten. Zu breit ist der Pinsel, den Dan Simmons in diesem insbesondere fĂŒr seine FĂ€higkeiten eher durchschnittlichen Roman sowohl hintergrund- - der trotzdem herausragt - als auch plottechnisch schwingt.

Dan Simmons: "Flashback"
Roman, Softcover, 640 Seiten
Heyne 2011

ISBN 9-7834-5326-5974

Weitere Bücher von Dan Simmons:
 - Bitterkalt
 - Eiskalt erwischt
 - Helix
 - Im Auge des Winters
 - Terror
 - Welten und Zeit genug

Leserrezensionen

:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht möchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::