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Krimi (diverse)



Jo Soares

Sherlock Holmes in Rio

rezensiert von Thomas Harbach

Schon 1995 veröffentlichte der 1938 geborene Jo Soares - ein Multitalent, das als Humorist, Kolumnist und Fernsehpersönlichkeit Karriere gemacht hat - seine nicht ganz ernst gemeinte, aber trotz einer Reihe von Schwächen lesbare Kriminalfarce “Sherlock Holmes in Rio”. Das Buch ist im Jahre 2001 verfilmt worden.
Im Gegensatz allerdings zu vielen anderen Texten, in denen der berühmte Londoner Detektiv sanft auf die Schultern genommen worden ist, differenziert Soares seine Geschichte zwischen Ernsthaftigkeit - Holmes Gegner ist der später in London als Jack the Ripper bekannt gewordene Frauenmörder - und humorvollem Aufeinandertreffen zweier sehr unterschiedlicher Kulturen. Es ist sicherlich kein Zufall, dass aus Jo Soares Sicht die Leichtigkeit der brasilianischen Lebensweise der unterkühlten britischen Art vorzuziehen ist. Der Autor geht sogar noch einen Schritt weiter, in dem er mit dem Kommissar Mello Pimenta eine Art lateinamerikanisches Pendant erschaffen hat, das gleich bei seinem ersten Auftritt die Methoden Sherlock Holmes kopiert. So löst er alleine aufgrund des Zählens der unterschiedlichen Fussspuren den Mord an einer jungen Frau. Holmes dagegen scheitert mit seiner Fähigkeit der Deduktion einmal schmählich an einem Droschkenkutscher, ein anderes Mal betrügt er seine Gastgeberin und den Leser, in dem er seine Beobachtungen vorher im Hotel einem Verzeichnis des brasilianischen Adels entnommen hat. Intelligenterweise siedelt Jo Soares seinen Plot schon im Jahre 1886 an. Holmes bekennt später bei einer Begegnung mit einer feurigen brasilianischen Schauspielerin, das er nicht nur zweiunddreißig Jahre alt, sondern vor allem noch Jungfrau ist. Nicht das sich in der ersten gemeinsamen Nacht etwas an seinem Zustand ändert. Außerdem scheint er ein Muttersöhnchen gewesen zu sein, denn er erklärt allen Ernstes der heißblütigen und grünäugigen Mulattin, dass es bislang nur eine Frau in seinem Leben gegeben hat.

Die Geschichte beginnt mit dem Diebstahl einer wertvollen Stradivari, die ausgerechnet der Kaiser - Brasilien ist die einzige verbliebene Monarchie auf dem lateinamerikanischen Kontinent - seine Geliebten geschenkt hat. Zufällig weilt die wunderhübsche Schauspielern Sarah Bernhardt auf einer Tournee in der Stadt. Sie schlägt dem Kaiser den in Brasilien noch unbekannten Detektiv Sherlock Holmes vor. Watson hat anscheinend noch nicht mit dem Aufzeichnen von Holmes Fällen angefangen, obwohl ihm die Bernhardt mehrmals dazu geraten hat. Die Schauspielerin drückt mehrfach aus, dass sie eine enge Freundin Holmes ist, auch wenn ihre Begegnungen in Rio de Janeiro weder eine besondere Herzlichkeit noch Vertrautheit zeigen. Holmes setzt also zusammen mit Watson auf einem mondänen Fährschiff über und kommt gerade rechtzeitig in Rio an, als ein wahnsinniger Massenmörder - Holmes kreiert aus dem Stehgreif den Begriff Serienmörder - junge Mädchen bestialisch umbringt und in ihren Schamhaaren eine Seite wahrscheinlich der verschwundenen Stradivari versteckt. Als Krimi ist “Sherlock Holmes in Rio” eine sehr zwiespältige Angelegenheit. Die Morde des zukünftigen Jack the Rippers werden expliziert, aber nicht mit übertriebenen Splatterelementen beschrieben. Dazwischen finden sich immer wieder Kapitel, in denen der über weite Strecken unbekannte, aber in den engeren Kreis des Hochadels gehörende Täter etwas übertrieben über seine begangenen wie zukünftigen Taten philosophiert. Dabei schwankt Jo Soares zwischen einem späten Hannibal Lector bzw. einer Hommage an den exzellenten Comic “From Hell” aus der Feder des Briten Alan Moore.
Im Gegensatz zu Autoren wie Robert Bloch oder Richard Laymons “The Ripper”
Kann Jo Soares bis auf dessen Herkunft der Figur Jack the Ripper nichts Neues oder gar Originelles abgewinnen und bleibt nicht selten enttäuschend in Plattitüden stecken. Dabei verschenkt der Autor eine fast einmalige Gelegenheit, dieser Figur eine überzeugende und makaber phantasievoll erzählte Vorgeschichte zu geben. Holmes selbst unterstützt zwar mit seinen Beobachtungen Pimenta, aber sie werden weder Freunde, noch kann Holmes das Verschwinden der Geige aufklären bzw. Jack the Ripper stellen. Die Geige taucht ohne dessen Zutun wieder auf und Jack the Ripper wird sein Unwesen in Großbritannien fortsetzen. Jo Soares setzt seiner kriminalistischen Groteske die Narrenkappe auf, in dem er für seine Leser den Antagonisten identifiziert, Holmes muss aber im Dunkel tappen und in London seine Jagd nach dem sadistischen Massenmörder im Grunde von vorne beginnen. Aus den Krimiteilen zieht der Roman so gut wie keine Spannung. Es kommt nur zu einer dramatischen Konfrontation zwischen Holmes und Jack the Ripper. Die Verfolgung muss der berühmte Detektiv abbrechen, da er nach dem scharfen brasiliaschen Essen - hier ergeht sich Jo Soares förmlich in ausführlichen und liebevollen Beschreibungen - dringend einem menschlichen Bedürfnis nachkommen muss und so sein Ziel im wahrsten Sinne des Wortes aus den Augen verliert. Als Running Gag durchzieht den Roman Holmes übertriebene bis ins Lächerliche überzogene Fähigkeit, sich im Grunde unmöglich zu verkleiden. Während der Detektiv Holmes stolz auf seinen Erfindungsreichtum ist und als Zigeunerin (!) verkleidet den ersten Preis des Kostümwettbewerbs auf der Überfahrt nach Brasilien verliehen bekommt, durchschauen alle Anderen mit Leichtigkeit seine Kostümmanie. Außerdem zielen seine deduktiven Beobachtungen das eine oder andere Mal ins Leere. Da helfen auch die spritzigen Dialoge und teilweise grotesken Geschichten aus seinem bisherigen Leben und seiner Ausbildung im fernen Osten nicht, die der Brite pointiert und teilweise schockierend inklusive einer Anspielung auf seine möglicherweise homosexuellen Neigungen passend oder unpassend zum Besten gibt. Das sich der Killer am Ende über Holmes doch eher oberflächliche Sprachkenntnisse lustig macht, ist für eine Farce eine konsequente Auflösung des Plots, negiert aber gänzlich die Tatsache, das Holmes nicht alleine in diesem Fall ermittelt. Während Watson in der zweiten Hälfte des Buches entweder unpässlich oder einfach nicht da ist, unterstützt Holmes den Inspektor Pimenta, welcher die am Ende auch für den Leser zusammengefassten vom Mörder ausgelegten Hinweise hätte zusammensetzen müssen. Hier agiert Jo Soares vergeblich cleverer als es der Plot als Ganzes zulässt.

Auch hinsichtlich seines als Persönlichkeit liebevoll gezeichneten heimatlichen Inspektors agiert Soares etwas unentschlossen. In der ersten Hälfte des Buches schenkt er ihm einige gute Szenen, in der zweiten Hälfte des Romans geht Pimenta förmlich in den unnötig immer hektischer, aber nicht unbedingt spannender werdenden Ermittlungen - da die Stradivari nur vier Saiten hat, wird automatisch geschlussfolgert, das die Serie der Morde mit der letzten abgerissenen Saite zu Ende gehen muss und wird - unter.

Viel interessanter ist das Duo Holmes/ Watson noch in seiner Frühphase beschrieben. Watson ist der im Grunde naive und teilweise erschreckend dumme Stichwortgeber, der erstens kein Portugiesisch und sich deswegen nicht verständigen kann, der nicht in der Lage ist zu erkennen, das er die Tageszeitung des vorherigen Tages liest und drittens Holmes äußerliche Veränderungen fast stoisch ignorierend hinnimmt. Sherlock Holmes dagegen überzeugt nach einem soliden und mit vielen bekannten Attributen versehenen Auftakt als exzentrischer Charakter, der sich weiße Anzüge schneidern lässt, die er entgegen der kulturellen Geflogenheiten abends bzw. nachts anzieht; der auf der einen Seite portugiesisch spricht und sich teilweise mit der Kultur auskennt, auf der anderen Seite aber beim sehr scharf gewürzten Essen den Kürzeren ziehen muss; das Kokain gegen Cannabis eintauscht und statt mit der schönen Schauspielerin zu schlafen und seine Jungfräulichkeit zu verlieren, nach zu viel Krautgenuss wie ein kleiner Junge auf dem Bett einschläft und dessen Verstand angesichts zweier unerhörter Verbrechen eher im Leerlauf verharrt als wirklich deduzierend vorgehend den/ die Täter überführt. Grundzüge des so bekannten Holmes´schen Charakters sind zu erkennen, aber in dem Versuch, sein eigenes Land und deren vielfältige und farbenprächtige Kultur - insbesondere im Drogenrausch - in den Vordergrund zu rücken, vergisst Jo Soares mehr als einmal, das er im Grunde einen in Brasilien spielenden Kriminalroman und keine augenzwinkernde, aber nicht unbedingt zufrieden stellende Parodie auf den berühmten Detektiv schreiben wollte. Dazu sind die Morde zu brutal und stehen in einem zu starken Kontrast zu der anderen oberflächlich dahinplätschernden Handlung. Aber auch andere historische Figuren wie die Schauspielerin Sarah Bernhardt bzw. den brasilianischen Kaiser werden von Jo Soares eher spärlich entwickelt und nutzen sich im Verlaufe des sicherlich kurzweilig zu lesenden Romans viel zu schnell ab.

Im Grunde verlieren sich schnell Autor und Leser, Holmes und Watson in dem exotischen Lokalkolorit eines fiktiven, aber durchaus dreidimensional und überzeugend geschriebenen Rio de Janeiros, dessen dunkle und schmutzige Seiten der Autoren bissig zynisch gleich im ersten Kapitel abhandelt. Im Grunde führt Jo Soares an Hand einer berühmten literarischen Figur seine Leser in die auch heute noch faszinierende wie einzigartige Kultur Brasiliens ein. Auf dieser Handlungsebene funktioniert “Sherlock Holmes in Rio” ausgezeichnet, wobei Soares weder bei der flüchtigen Abhandlung brasilianischer Geschichte oder den ausführlichen Erläuterungen der verschiedenen Gerichte oder Tänze in einen belehrenden Ton verfällt. Die Informationen werden sachlich, mit einem leicht humorvollen und deswegen so sympathischen Unterton präsentiert und fügen sich nahtlos in das allerdings teilweise sich etwas sehr phlegmatisch entwickelnde Geschehen ein. Die Grundidee, Sherlock Holmes aus dem nasskalten und nebeligen London in die Sonne, an die endlosen Strände Brasiliens zu versetzen, ist sicherlich interessant, hätte aber von Jo Soares noch etwas sorgfältiger und konsequenter herausgearbeitet werden können und müssen. Nur in einzelnen kleinen und plottechnisch eher unwichtigen Abschnitten erkennt der Leser den großen Detektiv wieder. An vielen Stellen versucht Soares mit Peinlich- bzw. Albernheiten den Mythos zu demontieren, er baut aber zu unentschlossen und stellenweise zu arg konstruiert eine für den Roman notwendige Gegenposition auf. “Sherlock Holmes in Rio” ist ein unterhaltsames, aber kein wirklich packendes Buch. Ein literarisches mit einem Augenzwinkern erzähltes Experiment, das sich mehr auf das Zusammentreffen zweier sehr unterschiedlicher Lebensarten konzentriert als eine überzeugende Holmes Geschichte zu erzählen. Über allem steht die brasilianische Lebensfreude, der sich mit teilweise kindlicher Naivität auch ein Holmes beugen muss.

Jo Soares: "Sherlock Holmes in Rio"
Roman, Softcover, 317 Seiten
Diana Taschenbücher 1995

ISBN 9-7834-5319-8265

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