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Krimi (diverse)



Michael Dibdin

Der letzte Sherlock Holmes Roman

rezensiert von Thomas Harbach

Sherlock Holmes und Jack the Ripper bilden sicher die positive wie negative, fiktive wie reale Seite des viktorianischen Englands. Verschiedene Autoren wie die unter dem Autorenpseudonym Ellery Queen veröffentlichenden Schriftsteller haben sich bemüht, das Geheimnis des Massenmörders von Whitechapel dank der Kombinationsgabe Sherlock Holmes zu lösen. In den siebziger Jahren erschien erst die provozierende letzte Sherlock Holmes Geschichte aus der Feder des britischen Kriminalautoren Michael Dibdin, bevor ein Jahr später die exzellente Verfilmung “Murder by Decree” eine zumindest für Holmes Fans akzeptable Erklärung für das plötzliche Verschwinden des Täters nach fünf Morden sowie dessen wahre Identität liefern konnte. Der Roman Michael Dibdins lässt sich ohne eine Auflösung diverser Plotelemente nicht besprechen.

Elementar für den Plot ist eine Aufteilung der Gestalt des Erzählers. Arthur Conan Doyle - liebevoll abgekürzt ACD - tritt in der Handlung auf. Anfänglich übernimmt er Plotelemente aus den Tagebuchaufzeichnungen Watsons für die ersten nicht sonderlich erfolgreichen Detektivgeschichten. Dibdin bleibt dabei so nahe wie möglich an den realen Fakten. Im Verlaufe des Romans erfährt der Leser, dass alle Geschichten bis “The Final Problem” auf den Aufzeichnungen Watsons basieren, während alle späteren Arbeiten reine Phantasie ACDs und damit auch qualitativ “minderwertiger” sind. In Dibdins Roman stirbt Holmes zweimal an den Reichenbachfällen. Der erste vermeintliche Sturz schließt die erste, sehr viel Zufrieden stellendere Hälfte ab. Bis dahin hat Inspektor Lestrade den gelangweilten Holmes gebeten, ihm bei den Jack the Ripper Morden ein wenig zur Hand zu gehen. Im Zuge seiner Ermittlungen ist Holmes der Annahme, das Professor Moriarty hinter der Jack the Ripper Verkleidung steckt. Wie Holmes vom normalen Leben gelangweilt ist, argumentiert der Detektiv, hat Professor Moriarty sein kriminelles Spinnennetz verlassen , das aufgrund seiner erfolgreichen Raubzüge keine wirkliche Herausforderung mehr darstellt und sich statt dessen den bestialischen Morden an unschuldigen Frauen zugewandt, um London nur für Holmes erkennbar mit einem blutigen Buchstaben “M” zu überziehen. Holmes Argumentation ist zwar nicht ganz schlüssig, aber sie ist faszinierend, wobei insbesondere hinsichtlich der Gesetzmäßigkeiten eines Massenmörders ein großes Fragezeichen gesetzt werden muss.
In einer weiteren groben Vereinfachung wird Holmes ohne großes Aufsehen aus der Rolle des beratenden Detektivs zu Lestrades Vorgesetzten befördert, wobei er dessen Polizisten so postiert, dass der letzte Ripper Mord an Mary Kelly im Grunde im toten Winkel der Polizei stattfindet. Gleichzeitig hat angeblich Moriarty versucht, Holmes mittels eines perfekt verkleideten, aber mit dem falschen Bein hinkenden Watsons zu töten. Der Plan misslingt. Dieses Doppelgängermotiv durchzieht den ganzen Plot, wobei der Leser ähnlich wie Watson bald nicht mehr zwischen einer unwahrscheinlichen, aber möglichen Realität sowie dem letzt endlich aufgrund des Drogenkonsums sowohl Holmes als auch direkt auf den finalen Showdown zusteuernd Watsons unterscheiden kann. Es wäre für den ganzen Plot sicherlich sinnvoller gewesen, das Doppelgängermotiv nicht so früh einzusetzen, zumal es im ersten Abschnitt keinen nachhaltigen Eindruck hinterlässt und in der zweiten Hälfte des Buches eher als fadenscheinige Entschuldigung der von Michael Dibdins provozierend These hinsichtlich der realen Identität Jack the Rippers bei gezogen wird. Ohne allzu viel vom Plot zu verraten, erschüttert der Autor die Männerfreundschaft Watsons und Holmes bis ins Mark, als der Doktor seinen Freund ohne das es Holmes merkt beobachtet. Mit dem Verschwinden wird dieser Verdacht zwar nicht aus der Welt geschafft, rückt aber so weit in den Hintergrund, dass die beiden Männer ihre Freundschaft nach Holmes erster Rückkehr von den Reichenbachfällen wieder aufnehmen können. Zu den unglaubwürdigsten Konstruktionen des Romans gehört sicherlich, dass angeblich Professor Moriarty Holmes mit einem Doppelgänger beinahe final hat überraschen können, während der gute Doktor diese Möglichkeit keine Sekunde wirklich in Betracht zieht.

Michael Dibdins gelingt vergleichbar Nicolas Meyers Roman “The Seven Percent Solution” eine ähnlicher Balanceakt. Der Autor bleibt - bis auf die Neupositionierung ACDs - den Kanongeschichten absolut treu und versucht immer wieder mit Querverweisen seinen Text geschickt im Gesamtwerk zu positionieren. Auf der anderen Seite entwickelt er deutlich provozierender als Nicolas Meyer als nicht nur auf den ersten Blick absurde Theorie, die die Fakten der Jack the Ripper Forschung mit dem fiktiven Detektiv zu verbinden sucht. Das Bindeglied ist - wie ein Querverweis sowohl zu Meyers wenige Jahre vorher veröffentlichten Werk als auch Holmes mehrmals von Arthur Conan Doyle angesprochener Drogensucht - die aufgrund der Drogensucht brüchige “Wand” zwischen Genie und Wahnsinn. Dank Watson im Gegensatz zu Freund werden die psychotischen Charakterzüge Holmes zwar nicht analysiert, aber zumindest offen gelegt, die aber gleichzeitig die Grundlage seiner außerordentlichen detektivischen Fähigkeiten bilden. Da sich Michael Dibdin in erster Linie auf Doktor Watson als letzt endlich verzweifelten Chronisten eines Holmes Bildes konzentriert, das es aufgrund der Faktenlage dieser letzten Sherlock Holmes Geschichte nicht mehr geben dürfte, bleibt der berühmte Detektiv stellenweise ausgesprochen eindimensional bis klischeehaft bizarr zurück. Der Autor suggeriert, dass Holmes schließlich an seiner irrealen Idee scheitert, sich ein verbrecherisches Gegenbild in der Person Professor Moriartys zu schaffen, auf dessen Verhaftung/ Vernichtung er seinen ganzen Intellekt konzentrieren kann. Was die Gewaltexzesse angeht, bleiben die möglichen Erklärungen eher oberflächlich und sie alleine auf die Drogensucht zu schieben, erscheint rückblickend als billige Ausrede und unüberzeugendes Ventil.
Watson durchlebt im Grunde in dieser stringent erzählten Novelle eine Reihe von emotionalen Stadion. Das reicht von klassischer Bewunderung über Schadenfreude - als Holmes nicht erkennt, dass sich Watson entgegen seiner Junggesellengewohnheiten mit seiner Verlobten Mary Morstan getroffen hat - bis zu Besorgnis, die schließlich in einer im Grunde aufopferungsvollen Hilfeleistung gipfelt. Watson gefährdet zu Gunsten seines Freundes sowohl seine Ehe als auch seine berufliche Existenz als Arzt. Die Praxis läuft nach der Rückkehr Holmes derartig schlecht, das er sie schließlich für einen überhöhten Preis - wie die Holmes Forschung vermutet - an einen Mittelsmann seines Freundes verkaufen muss. Michael Dibdin bietet schließlich dem Leser und damit indirekt auch seinem Erzähler Watson eine Art Kompromiss an. Den ersten Verdacht, das Holmes seinen überdurchschnittlichen Verstand verloren haben könnte, negiert der Autor geschickt, in dem er Holmes wieder normal, wenn auch unter Verfolgungswahn leidend “wieder erweckt”. Watson gibt nicht zuletzt aus Schuldgefühl seinem besten Freund gegenüber seine bisherige Existenz wieder auf, hinterfragt aber zu wenig die gemachten Erfahrungen und reagiert letzt endlich viel zu spät auf die wagen, zum Teil nicht immer logischen Ausflüchte Holmes. Interessanterweise folgt der Showdown Arthur Conan Doyles “The Final Problem” Prämisse - obwohl Holmes diese Begegnung mit Mortiarty angeblich während seines Verschwindens schon abgearbeitet hat -, um dann in einem auf den ersten Blick schockierenden, ausgesprochenen düsteren Finale zu enden, in dem unbegreiflicherweise das Doppelgängermotiv aufgrund des übermäßigen Drogenkonsums sowohl von Holmes als auch Watson wieder aufgenommen wird. Letzt endlich beendet Michael Dibdin seine Geschichte fast überstürzt. Er versucht, den Kampf bei den Reichenbachfällen neu zu interpretieren und vergisst, dass sich nicht Sherlock Holmes und Professor Mortarty gegenüberstehen. Der Autor beendet seine Geschichte auf einer melancholischen Note, wenn Doktor Watsons in seinen natürlich erst fünfzig Jahre nach seinem Tod gefundenen Notizen die letzte wahre Holmes Geschichte erzählt und resignierend resümiert, dass Holmes als reale Figur bis auf einer Handvoll treuer Verbündeter aufgehört hat zu existieren hat und das er zu einer markanten fiktiven Figur nicht zuletzt aufgrund der überwiegend erfundenen Geschichten Arthur Conan Doyles geworden ist.
Als Jack tue Ripper Erzählung betrachtet argumentiert der Autor im Rahmen der provokanten These ausgesprochen schlüssig und konsequent. Er liefert nicht nur Erklärungen für die Unfähigkeit der Polizei, die Menschen in dem Londoner Rotlichtviertel zu schützen, sondern versucht die späteren offensichtlich Trittbretttaten logisch zu erläutern. So weit es geht, bezieht Michael Dibdin historische Fakten in seine Erzählung mit ein und scheut sich auch nicht, zumindest indirekt die bestialischen Verstümmelungen der weiblichen Opfer zu beschreiben. Dabei rutscht der Autor allerdings nie auf das Niveau mancher blutrünstiger Horrorgeschichte ab, erreicht allerdings auch nicht die erzählerische “Eleganz” Robert Blochs, der sich einige Jahre vor Michael Dibdin mit dem Thema auseinandergesetzt hat oder die morbide Eleganz Alan Moores, dessen Comicroman “From Hell” zur Basisliteratur in Bezug auf Jack tue Ripper gezählt werden kann und muss.
Vergleichbar Nicolas Meyers psychoanalytischer Spielerei ist “The Last Sherlock Holmes Story” kein klassisches Kriminalgarn, in dem der weltberühmte Detektiv seine Fähigkeiten beweisen kann, sondern eine teilweise groteske Reise in den brüchigen Verstand eines überdurchschnittlich intelligenten, sensiblen wie arroganten Mannes, der letzt endlich aus Langeweile die letzte Grenze überschritten hat. Akzeptiert der Leser diese Prämisse, unterhält der stilistisch insbesondere im Original sehr lesenswerte Roman solide, provoziert allerdings vergeblich ein Überdenken der aufgeworfenen These. Für Puristen ist die Arbeit sicherlich ein weiterer Meilenstein, das Denkmal Sherlock Holmes zu beflecken, dessen Reinheit und Integrität Doktor Watsons fast an der übermenschlichen Aufgabe verzweifelnd erhalten hat.

Michael Dibdin: "Der letzte Sherlock Holmes Roman"
Roman, Softcover, 200 Seiten
Goldmann Verlag 1979

ISBN 9-7834-4205-2035

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