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Krimi (diverse)



Michael Crichton

Der große Eisenbahnraub

rezensiert von Thomas Harbach

„Wie „Coma“ verfasste Michael Crichton bei seinem einzigen reinrassigen Ausflug in den historischen Kriminalroman „The Great Train Robbery“ erst die literarische Vorlage und verfilmte sie nach seinem eigenen Drehbuch im gleichen Jahr mit Sean Connery in der Hauptrolle. Entgegen der Erwartungshaltung des sehr geradlinig und souverän inszenierten Films geht Michael Crichtons Roman über das bloße Erzählen eines spektakulären Verbrechens hinaus. Schon in seinem Vorwort weißt der Autor sowohl auf den Hintergrund seiner Geschichte und der im Zuge der industriellen Revolution sich verändernden Gesellschaft hin, als auch auf das Schicksal der Protagonisten über die eigentliche Story hinaus hin. Während der eigentliche Bericht mit dem Verschwinden der frechen Diebe endet, argumentiert Michael Crichton, dass sich intelligentes Verbrechen doch auszahlt. Zumindest statisch bewiesen, bevor er darauf hinweißt, dass der nachfolgende Bericht nach den Verhörprotokollen aus der Verhandlung gegen eben diese vor wenigen Monaten noch bewunderten Diebe geschrieben worden ist. Dieses doppelte Spiel mit seinen Lesern betreibt der Autor nicht nur im Vorwort, sondern wie ein roter Faden zieht sich diese ironische Doppeldeutigkeit durch den sehr kompakt und vor allem lehrreich spannend geschriebenen Roman.

Wie wenig es Michael Crichton am klassischen Kriminalroman bzw. modernen Thriller gelegen hat, kann der Leser an zwei Fakten erkennen: der minutiös geplante Raub nimmt ihm eigentlichen Buch keine zehn Seiten ein und der Betrachter weiß von Beginn des Plots an, dass er gelingen wird. Viel größer ist das Interesse des Autoren, den ersten spektakulären Diebstahl in seiner Zeit, dem Jahre 1855, zu beschreiben. Immer wieder schweift Michael Crichton - im Gegensatz zu seinen letzten Büchern immer das Interesse des Lesers mit sich ziehend und keine Sekunde belehrend - vom eigentlichen roten Faden der Handlung ab. Er versetzt zu erst seine Mitkomplizen in diese Zeit des viktorianischen Englands. Er berichtet ausführlich von den positiven Auswirkungen der industriellen Revolution und der Erfindung der Dampfmaschine. Diese führte in England zur ersten industrialisierten und urbanisierten Nation der ganzen Welt. Die Lokomotive als immer schneller werdendes Verkehrsmittel verband die einzelnen industriellen Zentren und sorgt für die gewaltige Expansion, die London in dieser Zeit erfahren hat. Im Vergleich zu vielen historischen Vorstellungen lag die Industrialisierung in erster Linie in der Hand entschlossener Privatleute. Sie bauten und betrieben die einzelnen Strecken. Nur so ist es überhaupt möglich gewesen, dass die Besoldung der im Krimkrieg kämpfenden britischen Streitkräfte von einer Privatbank durch einen extrem mit einem schier unüberwindbaren Safe zusätzlich gesicherten Zug zur französischen Küste transportiert worden ist. Keine Truppen, keine Kanonen wie in den später spielenden amerikanischen Western. Das Verbrechen aus Armut mag im Verlaufe dieser industriellen Revolution weniger geworden sein, es ist nie aufgrund des katastrophalen Gefälles zwischen den einfachen, dumm gehaltenen Arbeitern und der Bürgerschicht verschwunden. Ganz bewusst stellt Michael Crichton als eine der ersten, allerdings unbewiesenen Thesen auf, dass das Kapitalverbrechen nicht aus Armut oder Hunger sich in England erhalten konnte, sondern aus reiner Gier. Und diese reine Gier verkörpert der intelligente, charmante und charismatische Gentlemenverbrecher Edward Pierce. Aus literarischer Sicht ein Nachfolger eines Fantomas, eines Arsene Lupin oder vielleicht eines Judex. Aus historischer Sicht ein Vorläufer Professor Moriartys, der auf eine etwas schlichtere Weise sicherlich den großen Sherlock Holmes keine Generation später gefordert hätte. Über Edward Pierce erfährt der Leser nur die Fakten, welche während der Gerichtsverhandlung von dritten Personen über ihn erzählt werden. Er hat schon einmal unter einem anderen Namen im Gefängnis gesessen. ER bewegt sich ohne weitere Vergangenheit in der gehobenen Gesellschaft. Er muss zumindest aus zweifelhaften Quellen Geld gehabt haben, denn er finanziert den spektakulären Raub vor. Er wird von einer unbekannten Schönen, seiner Geliebten wie es in einem Kapitel heißt, begleitet. Pierce ist der Dreh- und Angelpunkt. Der überraschende Coup entstammt alleine seinen Plänen, auch wenn er verschiedene bekannte Verbrecher für sein Vorhaben eingespannt hat. De wichtige Person ist der Tresorknacker, Schlösserspezialist Robert Agar, der von Beginn am die Schlüsselfigur des Raubs dargestellt hat. Er mußte die vier Schlüssel kopieren und schließlich im fahrenden Zug den Tresor öffnen. Aus seiner Perspektive werden große Teile der Vorbereitung beschrieben. Daneben gibt es einen kleinen gewandten Einbrecherkönig, der sich über jede Mauer und durch jedes Fenster winden kann sowie den kräftigen Handlanger, der schließlich die Beute einsammelt. Und die wunderschöne Frau, die immer wieder wen Pläne zu scheitern drohen, mit ihrem Charme die letzten Informationen besorgt. Unabhängig von dieser schlagkräftigen und intelligenten Truppe ist es die Arroganz und Dummheit der oberen britischen Gesellschaft, mit welcher Edward Pierce und Michael Crichton spielen. So erhalten sie einen der wichtigen vier Schlüssel, in dem sie einem älteren Mann eine “Jungfrau” in einem schäbigen Bordell zu führen. Ein anderer Schlüssel fällt ihnen in die Hände, weil Pierce die unauffällige Tochter des Bankdirektors umgarnt. Nur zwei Schlüssel können sie nach einem minutiös geplanten Einbruch - die Sequenz erinnert in ihrer Intensität nicht zufällig an den französischen “Riffifi” - kopieren. Unabhängig von diesen Vorbereitungen droht ihr Coup an Kleinigkeiten zu scheitern.

Obwohl der Leser genau weiß, dass der spektakuläre “Bruch” gelingen wird und zwei Jahre später die Täter sich vor Gericht verantworten müssen, liest sich der Roman unglaublich spannend und vor allem farbenprächtig fundiert. Detailliert recherchiert zeichnet Michael Crichton ein dreidimensionales Bild der viktorianischen Gesellschaft. Er erläutert die einzelnen Aufgaben der Teammitglieder, ihre Stärken und Schwächen nicht nur exemplarisch, sondern schafft einen Mikrokosmos der englischen Unterwelt. Bis auf eine Sequenz, in welcher ein potentieller Spitzel mit Pierces Billigung umgebracht wird, ist der Leser von dessen verbrecherischer Intelligenz, seiner kriminellen Energie fasziniert. Schnell beginnt man das schon bekannte Ende des Buches zu vergessen und verfolgt atemlos die genaue Planung des Coups. Diese verläuft deutlich komplexer und teilweise weniger cineastisch als in Michael Crichtons Verfilmung seines Buches. Aber sie ist gut geschrieben. Die fast ausschließliche Konzentration auf die Täter - auch wenn die Chronologie immer wieder durch Dokumente aus der Verhandlung, Tagebuchaufzeichnungen bzw. zwei etwas unglückliche Szenenwechsel unterbrochen wird - lässt Täter und Leser zusammenrücken. Stilistisch ansprechend - man vergleiche nur die im Kern ruhige, gesetzte Erzählstruktur des vorliegenden Bandes mit Crichtons nächstem, nicht unbedingt gelungenem Buch “Congo” -, sprachlich unglaublich kompakt erschafft Michael Crichton ein viktorianisches England, das es verdient, beraubt zu werden.
Einige Passagen sind so ironisch untermalt, das es ein Vergnügen ist, sie zu lesen. Aus dem neutralen Erzähler Crichton wird ein kritischer, auf keinen Fall distanzierter Beobachter. Aus dem Verbrechen wird fast ein sportliche Wettkampf und je größer die Hindernisse werden, um so dreidimensionaler, überzeugender wirkt Edward Pierce. Die Planung des Verbrechens hat fast ein Jahr gedauert und wenn eine Reihe von überraschenden Verzögerungen und Änderungen des Vorhabens fast zum Scheitern bringen, ist die Frustration der einzelnen Figuren im wahrsten Sinne des Wortes greifbar. Dank der Berichtsform überwindet Michael Crichton seine oft spürbaren Schwächen hinsichtlich der Charakterisierung der einzelnen Protagonisten. In einem ausgedehnten Epilog – länger als der eigentliche Raub – hält der Autor dem viktorianischen England nicht nur einen Spiegel ins Gesicht, in Pierce hat er einen Anit-Helden erschaffen, der sich ohne moralische Skrupel angesichts einer aus den Angeln geratenen Welt – siehe die Krimkriege und den Indienaufstand – auf das Wesentliche beschränkt: das Gold. Aus heutiger Sicht wird Pierce damit zu einem modernen Raider, dessen Opfer direkt der Staat und indirekt der Steuerzahler ist. Unerschütterlich, arrogant und trotz seiner im Grunde aussichtslosen Situation trotzt er der Staatsgewalt, um am Ende des Berichts zu triumphieren. Die einzelnen Schicksale der Charaktere fasst Michael Crichton auf den letzten Seiten zusammen, um dann ironisch zu resümieren, dass sich ein Bahnbrechendes, intelligentes Verbrechen immer lohnt. Zusammen mit “Andromeda” ist “Der große Eisenbahnraub” sein plottechnisch dichtester und vor allem zufriedenstellendster Roman, der über dreißig Jahre nach seiner ersten Veröffentlichung immer noch frisch und unverbraucht erscheint. Ein hervorragender Beitrag zum Kriminalsubgenre der spektakulären Verbrechen.

Michael Crichton: "Der große Eisenbahnraub "
Roman, Softcover, 352 Seiten
Droemer Knaur 2000

ISBN 9-7834-2660-2911

Weitere Bücher von Michael Crichton:
 - Airframe
 - Beute
 - Gold
 - Next
 - Timeline
 - Welt in Angst

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