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Krimi (diverse)



Boris Koch

300 kByte Angst

rezensiert von Thomas Harbach

Der 1973 in Augsburg geborene Boris Koch ist seit vielen Jahren im Phantastik- und Horrorgenre als ideenreicher und vor allem stilistisch anspruchsvoller Autor etabliert. Im Jahre 2007 veröffentlichte er mit „Feuer im Blut“ im Beltz & Geberg Verlag seinen ersten Jugendkrimi, für welchen er mit dem Hansjörg-Martin-Preis ausgezeichnet worden ist. „300 kByte Angst“ ist ein unabhängiger Roman, der allerdings aus dem ersten empfehlenswerten Buch die Protagonisten und den Schauplatz München übernimmt. Mussten die unfreiwilligen Detektive Mark, Sandro und Bender in „Feuer im Blut“ sich um eine Brandstiftung an der Sporthalle ihres Gymnasiums kümmern, greift Boris Koch im vorliegenden zweiten Band ein bestürzendes und vor allem aktuelles Thema auf. Gewaltvideos auf Handys. Nach einem eigenen Konzert findet Bender ein Video auf seinem Handy, in welchem zwei mit Gorillamasken verkleidete Männer ein junges hübsches Mädchen im Keller einer Fabrik vergewaltigen. Bender zeigt das Video zuerst seinem Freund Mark. Der Absender ist unkenntlich gemacht. Keine der beiden Jungen kann sich erklären, wie das Video auf Benders Handy gekommen ist. Zufällig hat Bender das Mädchen im Video während seines Konzertes kurz gesehen. Es hat seine Lieder mitgesungen. Darum geht ihm der kurze Filmstreifen noch mehr an die Nieren. Am Ende des Gewaltvideos verspricht das Mädchen fast ironisch, das es am liebsten hart genommen werden will und lädt die unbekannten Adressaten zu einer erneuten Begegnung ein. Ihr Gesicht spricht aber eine andere Sprache. Bender und Mark machen sich die auf die Suche nach dem Mädchen, das allerdings von dem Video nichts wissen will und behauptet, es sei der Trailer zu einem Low Budget Horrorfilm. Marks kleiner Halbbruder Sandro gerät inzwischen in die Kreise von Happy Slapping Jugendlichen, welche nicht nur die Filme sammeln und tauschen, sie inszenieren spektakuläre Unfälle und Überfälle, die sie dann mit ihren Handys filmen. Sandro ahnt nicht, wie gefährlich die Leute werden können, wenn sie der Meinung sind, das man ihre Taten parodiert.
„300 kByte Angst“ ist ein ungewöhnlicher, sehr geradliniger Roman. Boris Koch verzichtet auf jegliche Exposition. Der Text beginnt dynamisch auf einem Konzert, in dem Benders und Marks Band in einem der örtlichen Jugendhäuser auftreten. Der Leser hat das Gefühl, als treibe die harte Rockmusik de Plot voran. Im vorliegenden Werk ist Kochs Stil sehr dynamisch. Er schreibt in der Sprache der jetzt dreizehn bis sechzehn jährigen Jungen und Mädchen. Er zitiert ihre Musik und bemüht sich, ohne Vorurteile einen Eindruck von ihrem teilweise chaotischen, provokanten und doch irgendwie klassische Werte wie Freundschaft, Liebe und Geborgenheit suchenden Leben zu zeichnen. Für Koch ist es nicht leicht, im zweiten Band seiner Krimireihe quasi die richtige Mischung aus Bekanntem und Neuen zu finden. Zum einen muss er die einzelnen Charaktere neuen Lesern vorstellen, ohne sein bisheriges Publikum zu langweilen. Der Autor verzichtet auf langatmige Beschreibungen und die einzelnen wichtigsten Protagonisten stellen sich dem Leser in erster Linie durch Dialoge vor. Zum anderen ist das Thema Gewaltvideos nicht leicht anzupacken. Koch muss es authentisch beschreiben, darf aber als Erzähler im Grunde keine Position einnehmen. Wird er zu belehrend und Oberlehrerartig, funktioniert sein Plot nicht mehr. Geht er die Sache zu unkritisch und lachst an, wird er dem Thema in keiner Weise gerecht. Zusammen mit dem Leser erkundigt sich Mark über das sogenannte Handyslapping. Zusätzlich will Mark nach dem Erhalt des Videos auf seinem Handy einen Artikel über diesen Subkult der Slapping- Filme für eine Internetkommune schreiben. Boris Koch ermöglicht es so dem Leser, mit dem Charakter zusammen auf Augenhöhe in diese umfangreiche und schwierige Thematik einzusteigen. Dabei greift Mark zum einen auf das Internet zurück, zum anderen befragt er auch andere Mitglieder der Gruppe Schwarzlichter, deren Abenteuer in anderen Städten stehen und die von anderen Autoren geschrieben worden sind. Diese theoretischen Recherchen sollen dazu dienen, wichtige Informationen gezielt, direkt, ohne belehrend zu sein zu vermitteln. Diese Vorgehensweise funktioniert ausgesprochen gut. Boris Koch stellt das Phänomen sehr beispielhaft dar. Auf einer zweiten Handlungsebene zeigt Boris Koch aber sehr viel effektiver am Beispiel Sandros, wie schnell Mann/Frau in diese Szene rutschen kann. Wie stark oder schwach jeder einzelne der Versuchung widerstehen kann, erst mit kleinen Streich angefixt zu werden, die sich schnell zu Körperverletzungen und schließlich zu Folter/ Vergewaltigung und möglicherweise Mord ausweiten. Die Grenzen sind fließend und in einer prägnanten Szene beschreibt Koch sehr schön, wie aus einem klassischen Jugendstreich – ein Seil spannen – ein brutaler Überfall wird.
Ähnlich geht er hinsichtlich der Ermittlungen in Bezug auf die Vergewaltigung vor. Das Opfer leugnet erst die Tat, schweigt später. Boris Koch bemüht sich, die attraktive und lebenslustige Sabine nicht nur, aber auch als Opfer darzustellen, das zum einen vergewaltigt worden ist, zum anderen aber auch an den gesellschaftlichen Klischees – wer mit fremden Jungs mitgeht, ist eine Schlampe – scheiternd zu beschreiben. In mancherlei Hinsicht macht es sich Boris Koch zu einfach und lädt eine Reihe von eher vorgefertigten Vorstellungen auf seinen Charakteren ab. So kann sich Sabine nicht ihrem Freund anvertrauen, weil er sie erstens als Schlampe sehen würde und zweitens mit seiner eifersüchtig egozentrischen Art ihr kein Verständnis entgegenbringt. So verschweigt Mark seiner Freundin, das er in diesem Fall weiter ermittelt, weil Mädchen das so nicht verstehen können. So kommt ein Familienausflug gerade recht, damit seine Freundin zumindest fürs Wochenende von der Bildfläche verschwindet. So versucht sich Sabine in erste dramatischen Szene in der Disko umzubringen, weil sie Angst hat, ihren Freund jetzt zu verlieren und alleine zu bleiben. Auf der anderen Seite reagiert dieser Freund in einer durchaus als Anmache zu verstehenden Szene in der Disko reichlich aggressiv, dann später zumindest wegen Marks Eingreifen dankbar. Boris Koch nimmt sich nicht die Zeit, Sabines Freund wirklich dreidimensionaler darzustellen. Mit dieser Schwäche wird dem Plot auch einiges an Spannung genommen, da sich gegen Ende des Buches der potentielle Täterkreis sehr stark einschränkt. In Hinblick auf die anderen Antagonisten beschreibt Koch die sich stetig stärker anziehende Spirale der Gewalt – von Verprügeln über Vergewaltigen bis Mord -, ohne ein Urteil zu bilden, ohne allerdings auch auf den Hintergrund näher einzugehen. Es gibt eben Snuff- Filme und Leute, die sich an echter Gewalt aufgeilen und diese Leute müssen berechtigterweise auch bestraft werden. Boris Koch baut diese Position ein wenig zu plakativ auf. Es geht auch nicht in dieser Kritik darum, eine widersprüchliche Position aufzubauen, aber teilweise vermisst der Leser die kritische Distanz insbesondere in Hinblick auf Sandro, der natürlich aus Schaden klug geworden ist. Das ist teilweise nach dem wirklich sehr guten und realistischem Auftakt zu wenig und wird auch zu passend konstruiert mit einem entsprechenden Showdown abgehandelt. In diesem überschlagen sich die Ereignisse und im Vergleich zum ganzen Roman beschreibt Boris Koch das Geschehen zu hektisch und zu geradlinig auf das Ende zusteuernd.
In Hinblick auf die Protagonisten überzeugt Boris Koch Roman deutlich mehr. Sie kommen aus normalen Familien. Die Jungen und Mädchen finden keine Basis, um mit ihren durchaus verständnisvollen Eltern über diese Themen zu sprechen. Positiv gesprochen, versuchen insbesondere Mark und Bender die Situation auf ihre Art und Weise zu lösen und Verantwortung zu übernehmen, wo andere vielleicht schon abgewunken haben. Boris Kochs Figuren sind dreidimensional, überwiegend sympathisch und vor allem glaubwürdig gezeichnet. Die Dialoge sind sehr lebensecht geschrieben. Viele insbesondere jugendliche Leser werden eigene Erfahrungen in diesen Sequenzen wieder erkennen. Auch hier verurteilt Boris Koch die Elterngeneration nicht. Er zeigt sie auf der einen Seite ihr eigenes Leben mit einer gewissen Verantwortung für die Kinder/ Jugendlichen lebend, auf der anderen Seite aber auch als Eltern, die eine Kommunikationsebene zu ihren Kindern suchen, aber nur in seltenen Fällen finden. Vor allem ist es schön, endlich wieder ein Jugendbuch zu lesen, in denen die Eltern nicht verbitterte allein erziehende Singles sind, die kein Privatleben haben.
Unabhängig von den angesprochenen kleinen Schwächen behandelt Boris Koch mit sehr viel Fingerspitzengefühl und vor allem ohne einen mahnenden Zeigefinger eine neue Eskalation der Gewalt in der Jugendszene. Er zeigt außer Eigenverantwortung als wichtigste Waffe keine einfachen Lösungen oder Alternativen. Er beschreibt die Folgen insbesondere für die unschuldigen Opfer und entlarvt oft die Kaltherzigkeit weniger der Täter als der Zuschauer als vordergründiges Machegebaren, als Versuch, einer neuen „Elite“ anzugehören. Vor allem spricht Boris Koch im vorliegenden Krimi die Sprache seiner jugendlichen Leser. Er hat ihnen aufs „Maul“ geschaut und versucht den Roman ausschließlich aus ihrer Perspektive zu erzählen. Das gibt dem Plot eine spürbare Authentizität und spricht seine Leser direkt an. Der Verzicht auf jegliches Moralisieren kann objektiv als zweischneidiges Schwert wahrgenommen werden. Im vorliegenden Jugendkrimi funktioniert diese Vorgehensweise ausgezeichnet. Boris Koch hat auf jeden Fall mit „300kByte Angst“ nach dem spannenden „Feuer im Blut“ einen weiteren ohne größere Einschränkungen empfehlenswerten Höhepunkt im Rahmen der Schlaglichter veröffentlicht.

Boris Koch: "300 kByte Angst"
Roman, Softcover, 201 Seiten
Beltz & Gelberg 2008

ISBN 9-7834-0774-0960

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