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Krimi (diverse)



David Stuart Davies

Sherlock Holmes and the Hentzau Affair

rezensiert von Thomas Harbach

In seinem ersten von bislang sechs seit 1991 veröffentlichten Roman um Sherlock Holmes und Doktor Watson verfasste der 1946 geborene David Stuart Davies – Herausgeber mehrerer Holmes Anthologien und Verfasser einer Reihe von sehr lesenswerten Sachbüchern unter anderem auch über Jeremy Brett - weniger eine Fortsetzung zu Anthony Hopes 1894 veröffentlichtem Abenteuerklassiker „The Prisoner of Zenda“, sondern eine alternative Version unter Einbeziehung des berühmten viktorianischen Detektivs. Hope selbst hat 1898 mit „Rupert of Hentzau“ eine eigene, deutlich nihilistischere Fortsetzung zu seinem weltberühmten und mehrfach verfilmten Roman verfasst. Holmes und Watson haben die Welt des fiktiven Königsreichs Ruritania das erste Mal in Nicoles Meyers Werk „The Seven- Percent- Solution“ berührt, als sie den Erzähler aus „The Prisoner of Zenda“ Rudolf Rassendyll im Zug nach Wien getroffen haben, nachdem dieser seine Mission erfüllt und das Königreich verlassen hatte. Vielleicht hat diese Fußnote Davies inspiriert, Hopes Geschichte auf der einen Seite unter Einschaltung, aber leider nicht Integration Holmes ein wenig anders – die grundlegenden Prämissen des Doppelgängermotivs decken sich mit „The Prisoner of Zenda“ – und doch irgendwie gleich zu erzählen.
David Stuart Davies spekuliert in erster Linie, aber weder konsequent noch nachhaltig, wie unterschiedlich eine Fortsetzung von „The Prisoner of Zenda“ verlaufen wäre, hätte der berühmte Ermittlungsdetektiv rechtzeitig vor dem tragischen Höhepunkt – erzählt in „Rupbert of Hertzau“ - in die Handlung eingegriffen. So weit allerdings nur die Theorie, denn Davies unterliegt nicht nur der nachvollziehbaren Faszination, Sherlock Holmes in das Abenteuergarn der literarischen Vorlage zu versetzen, sondern die konsequent tragischen Ereignisse der Fortsetzung inklusive Hopes sich immer selbst hinterfragenden Erzählstil in eine unterhaltsame, aber nicht oberflächliche Verwechselungskomödie mit teilweise überzogenen Tempiwechseln zu wandeln. Dabei kann sich Davies nicht entscheiden, ob Holmes eher inkonsequent im Mittelpunkt der Ermittlungen stehen soll oder der Fokus bei Hopes einzigartigen, allerdings aus heutiger Sicht auch teilweise hölzernen und leicht klischeehaften, durch zahlreiche Verfilmungen inzwischen verfremdeten Charaktere bleiben kann. Die Mischung wirkt trotz des geringen Romanumfangs mit 128 Seiten teilweise sehr uneinheitlich strukturiert. Der Auftakt des Buches ist vielversprechend. Der Leser wird ohne weitere Hintergrundinformationen insbesondere hinsichtlich Hopes „A Prisoner of Zenda“ mitten in das Geschehen geworfen, als Colonel Sapt vom königlichen Hof Ruritanias nach England reist, um Rudolf Rassendyll zu bitten, ein zweites Mal für den diesmal erkrankten König von Ruritania einzuspringen. Doch Rassendyll ist spurlos verschwunden und Sapt sucht bei Sherlock Holmes Hilfe, um den Doppelgänger seines Königs zu finden und die Putschpläne Rupert von Hetzaus zu vereiteln.
David Stuart Davies behält die intime Ich- Erzählerposition Doktor Watsons als Chronist bei und bemüht sich, Arthur Conan Doyles eher sachlichen Stil im Vergleich zu Hopes offensichtlich an Alexandre Dumas angelehnter Schreibweise zu treffen. Kaum hat Colonel Sapt allerdings Holmes um Hilfe gebeten, wird diese in Hopes Werken wichtige Figur von den Hintermännern Rupert von Hetzaus ermordet. Diese erste krasse Bruch zu Hopes Zenda- Romanen soll die entschlossene Rücksichtslosigkeit der im Hintergrund operierenden Antagonisten unterstreichen, hat aber plottechnisch keinen Einfluss auf Holmes Entscheidung, nach Ruritania zu reisen und vor Ort zu helfen, anstatt in England nach dem Doppelgänger Rassendyll zu suchen. Diese deduktiv logischere Möglichkeit wird rückblickend von Davies eher konstruiert als überzeugend ausgeschlossen. Der aufmerksame Leser fragt sich allerdings, woher Holmes außer durch Raten es zu diesem frühen Zeitpunkt außer acht lassen konnte, mittels Rassendylls beruhigendem Einfluss der Westentaschenrevolutionären den Nährboden zu entziehen. Es gibt auch keinen Hinweis, das Rupert von Hertzaus Männer im Vorwege Rassendyll entführt anstatt logischerweise getötet haben, um ein temporäres Wiedereinsetzen auf den Thron zu verhindern.
Nach diesem zumindest atmosphärisch stimmigen Auftakt konzentriert sich Davies deutlich mehr auf die Abenteuerelemente der Zenda- Romane als die klassische Ermittlungsarbeit Sherlock Holmes. Teilweise gerät der Detektiv in offensichtlich angelegte Fallen. Nicht, um mit seiner Ermittlungsarbeit die Drahtzieher – spätestens nach dem ersten Drittel des Buches sind in dieser Hinsicht alle Fronten abgesteckt – aus ihren Verstecken zu locken, sondern weil Davies den eher dünnen Plot aufzufüllen sucht und schriftstellerisch stellenweise ungewöhnlich unsicher in alle Richtungen die Fühler ausstreckend agiert. Am Ende des Romans gelingt Holmes eher überstürzt als konsequent natürlich der ermittlungstechnische Durchbruch, während Watson nicht als eine Art Stichwortgeber die Brücke zum Leser schlagen kann. Mehr als einmal vergisst Davies, das Watson als Chronist die Ereignisse „zusammenfassen“ und für den Leser schriftstellerisch aufgebreitet rekapitulieren muss, damit sie von der Grundstruktur her logisch erscheinen. Die eigentliche Abenteuerhandlung ist stellenweise derartig dünn und in Bezug auf Hopes Romane wie auch Figuren widersprüchlich, dass der Leser die grundsätzliche Idee hinter einer Alternativfortsetzung zu „Prisoner of Zenda“ zu hinterfragen beginnt.
So wirken teilweise sowohl die Figuren des Sherlock Holmes Universums bzw. des Zenda- Kosmos „unrealistisch“ überzogen charakterisiert und in ihren Handlungen eindimensional hölzern. Während Watson als Erzähler einen soliden und auch wieder erkennbaren Eindruck hinterlässt, wirkt Holmes zu stoisch, zu überzeichnet und vor allem wie angesprochen ermittlungstechnisch teilweise zu plump. Sehr viel stärker leiden Hopes Figuren unter Davies Neuinterpretation. Die Königin Flavia hat ihr rotes Haar verloren und eine schwarze Haarpracht gewonnen. Colonel Sapt hat gar nicht die Chance, sich als Figur zu entwickeln und wirkt in seiner Rolle als Stichwortgeber bis zu seinem dramatischen Hinscheiden wie eine unglückliche Randfigur. Rupert von Hertzau wird dagegen als eine Art machtgieriger Professor Moriarty des europäischen Adels beschrieben. Er will um jeden Preis – laut Davies – den ihm nicht zustehenden Thron. Dabei übersieht Davies, das Rupert von Hertzau in Hopes erstem Roman „The Prisoner of Zenda“ sehr viele bessere, nachhaltigere und überzeugendere Möglichkeiten hatte, nach der Krone zu greifen. In „The Prisoner of Zenda“ berauscht sich Rupert an den Intrigen hinter den Kulissen. Dabei geht es ihm sowohl um monetäre Vorteile als auch das Gefühl, mit seinen Verschwörungen dem Gesetz ein Schnippchen schlagen zu können und alleine aufgrund seiner herausragenden Stellung im Königreich Ruritania unangreifbar zu sein. Bei Davies bleibt von diesen insbesondere für die viktorianische Abenteuerliteratur interessanten und innovativen Ambitionen nicht viel übrig. Rupert von Hertzau fehlen im vorliegenden Roman der Charme und vor allem die Persönlichkeit, seine Gegner angesichts ihrer Fähigkeiten und ihres Mutes zu würdigen. Was übrig bleibt ist ein eindimensionaler, egozentrischer, grausamer Schurke, dessen Ziele insbesondere für den Leser im Gegensatz zu den „Helden“ zu schnell zu erkennen sind und dessen Pläne nicht mit waghalsigem Mut, sondern eher nach dem Prinzip des Zufalls und aufgrund Rupert von Hertzaus Arroganz durchkreuzt werden können.

Konsequenterweise bietet Davies seinen Lesern ein positiveres, optimistischeres Ende als Hope eigentliche inzwischen über einhundertzehn Jahre alte Fortsetzung an. Vielleicht wäre es sinnvoller gewesen, Sherlock Holmes ein weiteres Mal auf hohem Niveau „scheitern“ zu lassen, um dem obligatorischen Vergleich mit „Rupert of Hertzau“ standzuhalten. Zusammengefasst ist „Sherlock Holmes and the Hertzau Affair“ leider weder Fisch noch Fleisch. Aufgrund der Kürze und der sich rasant, wenn auch nicht zufriedenstellend entwickelnden Handlung wird der vorliegende Band eher die „Zenda“/ Hopes Fans als die Anhänger des britischen Detektiv ansprechen. Hinsichtlich der Handhabung der vertrauten und in die englische Literaturgeschichte eingegangenen Figuren Hopes ist Davies allerdings überambitioniert und schriftstellerisch überfordert negativ übers Ziel hinausgeschossen. Hinsichtlich der Sherlock Holmes Elemente ist der Plot zu schwach konstruiert und lässt in Bezug auf die eigentliche Ermittlungsarbeit zu viele Wünsche übrig.




David Stuart Davies : "Sherlock Holmes and the Hentzau Affair"
Roman, Softcover, 128 Seiten
Wordsworth Edition 1991

ISBN 9-7818-4022-5488

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