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Krimi (diverse)



Stephen King

Blockade Billy

rezensiert von Thomas Harbach

Stephen King liebt wie viele andere amerikanischen Autoren Baseball. Schon in seinem Kurzroman „The Girl, who loved Tom Gordon“ hat er den Volkssport auf eine eindrucksvolle Art und Weise literarisch verewigt. Mit der Kurzgeschichte „Blockade Billy“ folgt – wie der Ich- Erzähler so passend herausstellt – keine klassische Sportgeschichte, sondern die natürlich fiktiven Erinnerungen an einen große Baseballspieler, der als einziger Major League Spieler aus den Rekordbüchern der Liga gelöscht worden ist. Dieses Schicksal hat nicht einmal Frankensteins Monster in Michael Bishops herausragendem, während des Zweiten Weltkriegs spielenden Baseball Roman „Brittle Innings“ erfahren. Ganz bewusst distanziert sich King von der Geschichte, in dem er stellvertretend für den Leser als Zuhörer auftritt. Er befragt einen inzwischen im Altersheim lebenden Augenzeugen und Mitspieler nach William Blakely, genannt wie die Kurzgeschichte „Blockade Billy“.
Kings Geschichte spielt in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Den Titans fallen innerhalb von achtundvierzig Stunden zwei wichtige Spieler auf der gleichen Position aus. Verzweifelt sucht der Manager nach Ersatz. Vor dem nächsten Spiel taucht der William Blakely auf, der sich trotz einer seltsamen Verletzung seines Gegenspielers als exzellenter Blocker erweist. Innerhalb der nächsten vier Wochen wird der junge schüchterne und introvertierte Blakeley unter den Fittichen des bisherigen Stars zu einem wichtigen Eckpfeiler der Mannschaft. Trotzdem scheint ihn ein dunkles Geheimnis zum umgeben, das ausgerechnet während eines der wichtigsten Spiele der Saison gelüftet wird.
Im Gegensatz zu Michael Bishops „Brittle Innings“ verzichtet Stephen King in dieser packend geschriebenen Kurzgeschichte auf übernatürliche Elemente. Beim Leser schleicht sich immer wieder der Verdacht ein, Blakely könnte ein Vampir sein oder sein überdurchschnittliches Spielverständnis auf übernatürlichen Fähigkeiten basieren, aber die letzt endlich angebotene Erklärung ist dunkel und hinterfragenswert zu gleich. Warum hat Blakely sein Geheimnis so oberflächlich getarnt, während er in der letzten Szene des Plots – ohne zu viel zu verraten – anscheinend einem natürlichen Überlebensinstinkt folgend seinen Antagonisten brüskiert, übertölpelt und schließlich ausschaltet? King bemüht sich zu wenig, diesen Aspekt der Geschichte wirklich eine innere Spannung zu verleihen. Vielleicht wäre es effektiver gewesen, Blakelys Geheimnis vergleichbar Patricia Highsmiths Ripley Romane durch einen Zufall durch einen Zufall aufzudecken. Auch das Verhältnis zwischen Starspieler, Coach und Blakely wird letzt endlich vom Ich- Erzähler und dritten Trainer der Mannschaft anders interpretiert als es King selbst auf den vorangegangenen Seiten beschreibt. Die Spannungen innerhalb dieses Dreigestirns sind zu wenig herausgearbeitet, um wirklich überzeugen zu können. Der letzte schwächste Aspekt des Plots ist allerdings die Erwartungshaltung, die King und zusätzlich der Klappentext beim Leser aufbauen. Blakely ist der einzige Spieler, dessen Leistungen komplett aus den Statistiken der Major League gestrichen worden ist. Dieser Punkt ist nachvollziehbar und wird auch akkurat wiedergegeben. Das sein Team nur eine Fußnote in der langen Geschichte der League ist, erscheint angesichts der Vorfälle fraglich. Skandale haben eine längere Halbwertzeit als Rekorde.
So dunkel und nachdenklich stimmend – siehe auch Kings Sechsteiler „Die grüne Meile“ – auch Blakelys Geheimnis ist, so sehr bemüht sich King stellvertretend durch seinen Ich- Erzähler, Auffälligkeiten aus dem ersten Drittel der Geschichte ausführlich zu erläutern. In einigen Punkten ist das nicht nötig. Thematisch wie stimmungstechnisch reiht sich „Blockade Billy“ als eine Art Baseball Variation bekannter Ideen aus „Pin Up“ (deutscher Titel für die Vorlage des Films „The Shawshank Redemption“) in das realistische Oevre Stephen Kings positiv wie nahtlos ein. Wie kaum ein zweiter Autor kann Stephen King den Überlebenskampf seiner Charaktere – ob schuldig oder unschuldig, krank oder gesund spielt selten eine Rolle – in einer feindlichen, brutalen Umgebung wie kein zweiter beschreiben. Zumindest Blakelys Waffe wird dem Leser lange unangenehm in Erinnerung bleiben.
Es ist für eine Baseballgeschichte eher bezeichnend, das die eigentlichen Spielszenen insbesondere für einen Europäer der schwächste Aspekt der Geschichte sind. Wie oft bei King – siehe auch „Under the Dome“ – sind es die sehr unterschiedlichen, lebensecht beschriebenen Figuren oder Charakterköpfe, welche den Reiz seiner Arbeiten ausmachen.
Blakely bleibt in dieser Betrachtung außen vor. Ein riesiges Baseballtalent segelt er im Windschatten der anderen Spieler dahin. Er ist ein bisschen zurückgeblieben, naiv, leicht beeinflussbar, dann aber auch Bauernschlau, rücksichtslos und entschlossen. Die Titans bieten „ihm“ die einzige Chance, Baseball zu spielen und in seinem bislang traurigen Leben etwas zu erreichen, etwas darzustellen. Das er diese Chance mit beiden Händen, aber nicht zu entschuldigenden Mitteln ergreift, steht außer Frage. King schafft es allerdings, den Leser rückblickend zum Nachdenken zu bringen. Eine Stärke, die nicht nur diese Kurzgeschichte auszeichnet. Der Starspieler des Teams „The Doo“ dagegen wirkt ein wenig zu grob geschnitzt. Seine Funktion ist eher ambivalent gehalten. Auf der einen Seite bildet er mit seiner Sucht nach dem Rekord einen interessanten Gegenpol zu dem eher unterkühlt agierenden, aber nicht arrogant wirkenden Blakely. Auf der anderen Seite führt er den Protagonisten bei Frauen – sein natürlich erstes Mal – ein und zieht mit ihm um die Häuser. The Doo will aus ihm einen Mann machen, ohne dass er dessen Vergangenheit kennt. In dem Augenblick, in welchem King Blakelys Vergangenheit publik macht, wirken „The Doos“ Bemühungen fast kindisch, wobei dessen Karriere fast im gleichen Augenblick nach einem Schlag auf den Kopf während des Spieles zu Ende geht.
Es ist der Ich- Erzähler – alt, aber noch klar im Kopf -, der die meisten Sympathien auf sich zieht. Wie oft in Kings Werk ist es diese Altersweisheit, welche dem Text ihre Würze gibt. Auch wenn der dritte Trainer immer wieder betont, das fast fünfzig Jahre zwischen den Ereignissen und der Gegenwart liegen, das sich das Leben und die Liga verändert haben, sind es die menschlichen Aspekte sowohl seines Wesens als auch des Plots, die dem Leser noch länger als die Spielszenen im Gedächtnis bleiben werden.
Stilistisch ansprechend mit einer stimmigen, die Handlung nicht erdrückenden Atmosphäre ist „Blockade Billy“ eine unterhaltsame, facettenreiche Geschichte, die sicherlich nicht zu Kings besten Arbeiten gehört, die aber seine Liebe aber zu Amerikas National Sport und dessen geschichtsreicher Tradition stolz vor der Brust trägt.

Die zweite Kurzgeschichte der Hardcoversammlung „Morality“ ist eine interessante Mischung aus „Was wäre wenn“ Denken aus Kings Anfangszeit als Schriftsteller und einer leider sehr oberflächlichen, wenig subtilen Charakterisierung seiner beiden Hauptfiguren. Chad ist Aushilfslehrer und schreibt an einem Episodenroman, in dem er lustige Erlebnisse seines Arbeitsalltags zusammenfasst. Ein Agent interessiert sich lose für die Sammlung, möchte aber das komplette Manuskript einreichen. Nora ist Krankenschwester und kümmert sich in erster Linie um Pastor Winston, einen von Hause her reichen Geistlichen, der einen Schlaganfall erlitten hat. Chad und Nora bilden die klassische amerikanische Durchschnittsfamilie, deren Einkommen zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig ist. Pastor Winston macht Nora ein unmoralisches Angebot. Es geht – wie er gleich herausstellt – nicht um Sex, sondern darum, dass Nora für Winston quasi eine Sünde begehen soll. In offener Stellvertretung. Chad soll die Tat auf Video aufnehmen. Dafür erhalten die beiden nicht mehr ganz so jungen Menschen 200.000 Dollar in Bar steuerfrei. Nach anfänglichem Zögern entschließen sie sich der Versuchung des Geldes nicht widerstehend, die im Grunde verblüffend simple Tat zu begehen. Sie ahnen nicht, welche Auswirkungen – zumindest in der in diesem Fall eher konstruierten Phantasie des Schriftstellers King – die Tat auf ihr bisheriges und zukünftiges Leben haben wird. Stephen King versucht seinen Lesern glaubhaft zu machen, dass Chad schließlich an dem „leicht“ verdienten Geld scheitern wird. Er verfällt dem Alkohol, nachdem sein Buch nicht der erhoffte Bestseller geworden ist. Nora dagegen wird zu einer Schlampe, die mit anderen Männern Sex hat, aber nicht mit ihnen schläft. Die Eruption der Gewalt hat angeblich auch Auswirkungen auf ihr eigenes Sexualleben. Nora möchte die Tat immer wieder im eigenen Schlafzimmer immer exzessiver „nachspielen“, während Chad sie mit Verachtung straft und sein schlechtes Gewissen im Alkohol ertränkt. Warum Stephen King seinem Ehepaar eine eher zweifelhafte Moral – getreu dem Titel der kurzen Geschichte – aufdrückt, während Jack Finney in dem Roman „The Night People“ nicht nur eine außergewöhnliche Katharsis für seine ebenfalls bürgerlich gelangweilten Protagonisten gefunden hat, sondern ihnen vor allem eine moralisch vielleicht fragwürdige, aber zumindest konsequente Freiheit schenkte, ist hinterfragenswert. Die Figuren sind anfänglich sehr dreidimensional, sehr sympathisch gezeichnet, verlieren sich aber im Laufe der Geschichte in Stereotypen. Was auf den ersten Blick als zynisches Ende dienen soll, ist nur die konsequente, aber wenig inspirierte Extrapolation eher theoretisch diskutierter, aber zumindest hinterfragter Ansätze in der ersten Hälfte der Geschichte. Die im Grunde einfache Tat ist vielleicht das am meisten verblüffende Elemente einer Kurzgeschichte, die – wie von King erwartet wird – souverän geschrieben worden ist, aber seltsam distanziert und leider zu ambivalent endet.

Zusammengefasst ist der schön gestaltete kleine Hardcoverband des Verlages Scribner mit einem sehenswerten Titelbild der nur „Blockade Billy“ beinhaltenden Edition des Verlages „Cemetary Dance“ vorzuziehen. Qualitativ sind beide Geschichten angesichts Stephen Kings vertrautem Niveau gehobenes Mittelmaß mit sehr vielen Stärken, aber hinsichtlich der moralischen Ausrichtung insbesondere bei „Morality“ und der zu eher ambivalenten als nachhaltigen Auflösung in „Blockade Billy“ auch spürbaren Schwächen.

Stephen King: "Blockade Billy"
Anthologie, Hardcover, 132 Seiten
Scribner 2010

ISBN 9-7814-5160-8212

Weitere Bücher von Stephen King:
 - 11/22/63
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