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Krimi (diverse)



Robert Silverberg

Blood on the Mink

rezensiert von Thomas Harbach

In seinem Nachwort zur Neuveröffentlichung von “Blood on the Mink” bietet Robert Silverberg dem interessierten Leser eine Reihe von Hintergrundinformationen zu dieser mit dreiundzwanzig Lebensjahren jugendlich ungestümen persönlichen Lebens- und Schaffensphase. Der Markt der Science Fiction Magazine war am Zusammenbrechen und impliziert traute sich Robert Silverberg den Sprung zum Taschenbuch noch nicht zu. So hat er alles geschrieben, was Geld brachte. Neben sensationellen sekundärliterarischen Artikeln erotische Literatur und schließlich auch Kriminalgeschichten in erster Linie für die Magazine “Trapped” und “Guilty”, deren plakative Titel schon sehr viel über den Inhalt aussagten. Als der Verlag des Magazines “Fantasy Universe” ebenfalls in den Bereich der Kriminalliteratur wechseln wollte, fragte man bei Silverberg an, ob er die Auftaktgeschichte zu einer neuen Subreihe im Magazin schreiben wollte. Im Mittelpunkt steht der Ich- Erzähler und Undercoveragent Nick - im Roman fällt dieser Name erst auf den letzten beiden Seiten -, der für jeden Auftrag in eine neue Rolle schlüpft, die Schurkenorganisationen infiltriert und so auf eher halblegale und teilweise brutale Art und Weise Beweise für die späteren Gerichtsverhandlungen organisiert. Silverberg verfasste unter dem Titel “Bridgegrooms Scare Easy” 1959 eine Art Auftaktgeschichte. Die Herausgeber um W.W. Scott baten Silverberg, statt der Kurzgeschichte einen Roman zu verfassen, der zwar angekauft, aber niemals veröffentlicht worden ist. Das Magazin wurde vorher eingestellt. Erst drei Jahre später veröffentlichte “Trapped” den Roman unter dem noch dramatisch klingenden Titel “Too much blond on the Mink”. Der Herausgeber der “Hard Case Crime” Taschenbuchreihe grub das entsprechende Magazin aus und bat Robert Silverberg fast fünfzig Jahre nach der Erstveröffentlichung um die Nachdruckrechte. Mit einem die am meisten dramatische Szene des Romans nachstellenden Titelbild von Michael Koelsch liegt der Roman zusammen mit zwei in den folgenden Jahren veröffentlichten Kurzgeschichten aus Silverbergs Feder wieder vor.

Nick als Ich- Erzähler ist es gewöhnt, in andere Rolle zu schlüpfen. Er ist ein einsamer Jäger, der von seinen Vorgesetzten aus Washington alle Freiheiten erhält. Zu Beginn von “Blood on the Mink” übernimmt er die Rolle eines Ostküstengangsters, der zu Verhandlungen nach Philadelphia fliegt. Im Mittelpunkt stehen die Druckplatten und der Vertrieb von meisterhaft nachgedruckten fünf und zehn Dollarscheinen. Nick als Mister Lowney versucht seinen Verhandlungspartner Klaus bis aufs Blut zu reizen und so vordergründig einen guten Deal herauszuschlagen. Während der einzelnen Verhandlungen versucht sich zum einen Klaus Geliebte Carol an ihr ranzumachen wie später die etwas naive Elena, die Nick das Geheimnis der exzellenten Druckplatten verrät. Ihr Vater ist zusammen mit ihr aus Ungarn nach dem Zweiten Weltkrieg geflohen, wo er als Graphiker gearbeitet hat. Der Gangsterchef Klaus hält sie in einem abgeschieden liegenden Haus gefangen, wo Elenas Vater für Klaus die wirklich meisterhaften Druckplatten erschaffen hat. Sowohl in “Blood on the Mink” als auch der folgenden Kurzgeschichte “Dangerous Doll” sind es übrigens Europäer, welche die Druckvorlagen für die amerikanischen Blüten entwerfen und keine Amerikaner. Nick scheint den Bogen mit seinen unverschämten Verhandlungen zu überspannen, da Klaus mit dem regionalen Gangsterchef Chavez eine weitere Partei zu Verhandlungen einlädt. Und Chavez ist dem wahren Lowney schon einmal begegnet.

Der Roman bietet interessante, wenn auch teilweise ein wenig zu stark konstruierte Unterhaltung. Mit einer ausgesprochen stringenten, fast rudimentären Extrapolation des Plots, sowie dem Identitätstausch presst Silverberg die Geschichte in ein enges Korsett. Ausschließlich wird der Plot aus Nicks und somit in der intimen, allerdings auch die Spannung mindernden Ich- Perspektive erzählt. Der einzige, welcher das eigentliche Ziel des Plans kennt, ist Nick. Und der muss mehrmals improvisieren, wobei erstaunlicherweise die Rollen des Vamps bzw. der aufopferungsvollen Tochter eher eindimensional und zu wenig nuanciert angelegt worden sind. In “Dangerous Doll” macht es Silverberg besser. Mit dem Auftauchen des Nicks Tarnung durchschauenden Gangster Chavez wird der Plot komplizierter, da Nick zum einen seine Haut vor Chavez retten muss, zum anderen inzwischen bei Klaus auf der Abschussliste steht. Das er sich zusätzlich an ein New Yorker Syndikat zum Schein verkauft hat, macht die Sache nicht einfacher. Manche Plotwendung hängt ein wenig zu sehr vom Zufall ab und die wechselnden Koalitionen, die Nick einzugehen sucht, wirken nicht immer überzeugend. So hätten sowohl Klaus Handlanger als auch Chavez ohne Not Nick für den Gesamtplan erschießen können. Trotz der komplizierten, aber nicht unbedingt komplexen Struktur baut Silverberg sehr gekonnt eine zufrieden stellende Spannungskurve auf, die sich in einem finalen Shootout, der an Fernsehserien wie “The Untouchables” und den dreißig Jahre vorher spielenden Gangsterkrieg in Chicago erinnert und im Gesamtkontext ein wenig zu überzogen erscheint. Die abschließende Verfolgungsjagd bis vor die Tore einer Polizeiwache wirkt dagegen eher unwahrscheinlich und versucht den ausufernden Plot mit Gewalt in ein inhaltliches Korsett zu drücken.
Als Auftakt einer Reihe von Kurzgeschichten und Romanen, deren Grundprämisse allerdings bald stereotyp geworden wäre, ist “Blood on the Mink” ohne Frage zufrieden stellend und interessant, mit Humor ohne für das Hard Boiled Genre so typischen Zynismus erzählt. Der Leser erfährt über Nick nur das Notwendigste. Es ist ein einsamer Job, der ihm übertragen worden ist, aber fatalistisch erklärt er, dass einer ihn ja machen muss, um die Öffentlichkeit vor dem Verbrecher zu schützen. An einer anderen Stelle erklärt er offen, das es ihm lieber ist, wenn Onkel Sam und das Schatzamt unter der Blütenschwämme leiden als die hart arbeitende Bevölkerung, die für ehrliche Arbeit mit bei Bekanntwerden ersatzlos eingezogenen Falschgeld bezahlt wird. Nick ist kein Kostverächter, der aber “unschuldige” Mädchen zurückweißt, sich dafür mit aus dem Milieu stammenden Frauen gerne und ausgiebig vergnügt. Um seiner Rolle Gerecht zu werden, bläht er schon mal die Spesenrechnung auf. Rücksichtslos macht er in Notsituationen von der Waffe gebraucht und verfügt außerdem über eine harte Rechte. Leider wird die Frage niemals beantwortet, wie sich eine Serie von Geschichten um Nick auf die weitere Charakterzeichnung ausgewirkt hätten. In dieser Auftaktstory ist Nick in einem Haifischbecken vielleicht der ehesten sympathisch zu nennende Charakter, wobei seine gefährliche Mission seine Einstellung wie auch sein Wesen beeinflusst. Es ist fast in “James Bond“ Manier ohne entsprechende Action, wie Nick die Höhle des Bösen infiltriert und sich durch keine Änderung der Umstände aus der buchstäblichen Ruhe bringen lässt. Silverberg geht mit diesem ambivalenten Charakter sehr geschickt um und verbindet den auch heute noch unterhaltsam lesenswerten Plot sehr gut mit der Figur eines einhundertprozentigen Undercoverermittlers.

Die zweite Geldfälschergeschichte “Dangerous Doll” erschien 1960 unter dem Pseudonym Ray McKensie in dem Crimemagazin “Trapped”. Ein junger Mann transportiert die zur Erstellung der Falschgeldblüten im Auftrag des Syndikats durch die USA und überbringt sie Mittelsmänner. Der Neue Auftrag führt ihn nach Los Angeles, wo er am zweiten Tag erkennt, dass eine sehr attraktive junge Frau in das Nebenzimmer in seinem heruntergekommenen Hotel eingezogen ist. Der junge unerfahrene Eddie bricht alle Regeln und landet in einer im Grunde für ihn ausweglosen Situation. Robert Silverberg greift bei der vorliegenden Kurzgeschichte auf einige “Klischees” des Genres zurück, in dem er einen im Grunde naiven, nur am schnellen Geldverdienen interessierten jungen wie unerfahrenen Mann durch einen aggressiven Vamp verführen lässt. Vielleicht ist Eddie Reaktion ein wenig zu naiv, zu gut gläubig auf die Informationen, welche er von seiner Nachbarin erhält. Auf der anderen Seite hat Robert Silverberg im Rahmen seiner Kurzgeschichte auch nicht den Raum, die Figuren nachhaltig und nuanciert zu entwickeln. Interessanterweise wird Andrew Vacchs in seinem empfehlenswerten Roman “Der Fahrer” über eine Generation später einen talentierten wie Lebensunerfahrenen Fluchtwagenfahrer vor eine ähnliche Entscheidung stellen. Beide Texte enden auf der gleichen nihilistischen, wenn auch konsequenten Note.

Der ältesten Geschichte dieser Sammlung „One Night in Violence“ unter dem Pseudonym Dan Malcolm in „Guilty“ 1959 veröffentlicht hat Silverberg das gnadenlose Duell zwischen Gangstern „entliehen“, wobei Sam Mendez es anscheinend für seinen genialen Film „L.A. Confidental“ ebenfalls und genauso nihilistisch übernommen hat. Mike Keller ist Handelsvertreter mit einer hübschen Frau und drei Kindern zu Hause. Er will noch einige Jahre auf Achse bleiben, um der Familie eine finanzielle Grundlage zu schenken. Eines Nachts hört er von seinem Hotelzimmer aus die Schreie einer jungen Frau im Nebenraum. Anfänglich unentschlossen und Zivilcourage mangeln entschließt er sich schließlich doch, nebenan zu klopfen und nach dem Rechten zu fragen. Dadurch gerät Keller in eine Auseinandersetzung zweier Gangsterbanden, in der es für ihn nur zwei Möglichkeiten gibt: entweder schalten sich unwahrscheinlich alle Gangster gegenseitig aus oder Keller endet als Leiche irgendwo in der amerikanischen Provinz.
Die Prämisse dieser Geschichte geht unter die Haut. Der Alptraum eines jeden Reisenden. Irgendwo in einem abgeschiedenen Hotel um sein Leben und die Gesundheit der Familie kämpfen zu müssen. Silverberg nimmt sich insbesondere für die Gesamtlänge der Kurzgeschichte zufrieden stellend viel Zeit, um Mike Keller dem Publikum sympathisch zu machen und damit das Ende der Geschichte von der ersten Zeile an zu rechtfertigen. Die Gangster selbst erscheinen dagegen eindimensional und absichtlich kantig, brutal gezeichnet. In Bezug auf „Sex & Crime“ geht Silverberg auf Ganze und provoziert ohne Frage die Zensoren. Auch wenn das einzig für den Leser der damaligen Zeit akzeptable Ende ein wenig Zufallsbedingt eingeläutet wird, verfolgt Silverberg diese Richtung nicht weiter und stellt Mike Keller stellvertretend für jeden Leser vor eine schwere, vielleicht die schwerste Entscheidung seines Lebens.

Die drei hier versammelten „Hardboiled“ Kriminalgeschichten unterhalten auch über fünfzig Jahre nach ihrer Entstehung auf einem sehr hohen Niveau. Silverbergs Stil mag inzwischen ausgefeilter und vielleicht pointierter sein, aber in Bezug auf Strukturierung und vor allem Charakterisierung wirken sie ausgesprochen reif und sehr zufrieden stellend. Herausgeber Charles Ardai kann nur beglückwünscht werden, dass er Robert Silverbergs bislang eher unbekannte Seite einer neuen Lesergeneration präsentiert.

Robert Silverberg: "Blood on the Mink"
Roman, Softcover, 217 Seiten
Hard case crime 2012

ISBN 9-7808-5768-7685

Weitere Bücher von Robert Silverberg:
 - Die Jahre der Aliens

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