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Krimi (diverse)



Lester Dent

Honey in his Mouth

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Honey in his Mouth“ veröffentlicht der amerikanische Hard Case Crime Verlag nicht zum ersten Mal einen Roman aus dem Nachlass eines bekannten Autoren. Lester Dent als Schöpfer von „Doc Savage“ und eine der Ikonen der Pulpära hat den Roman wenige Jahre vor seinem Tod verfasst, aber nicht mehr bei einem Verlag eingereicht. Seit Mitte der fünfziger Jahre ruhte der stringente Krimi, dessen Idee eine interessante Variation des Ende der vierziger Jahre entstandenen Film Noir „Der Mann mit der Narbe“ darstellt, in einer Schublade, bevor er jetzt mit einem pulpig effektiven, aber den Plot nicht richtig wiedergebenden Titelbild zum ersten Mal als Hardcover und Taschenbuch veröffentlicht worden ist.

Das Lester Dent seit seinen einzigartigen Geschichten um „Doc Savage“ und seine Mannen aus den dreißiger Jahren nichts verlernt hat, zeigt die hervorragend geschriebene Auftaktsequenz. In einem einzigen Satz macht der Autor klar, dass Walter Harsh ein klassischer „Grifter“ ist, der es mit seinen Schulden – in diesem Fall 712 Dollar für nicht bezahlte Fotoausrüstung – nicht ernst meint. Leider will er seinen Wagen zur falschen Zeit an einer falschen Zapfsäule auftanken. Sein Gläubiger D.C. Roebuck erkennt ihn und will die ausstehende Rechnung eintreiben. Eine rasante Verfolgungsjagd entwickelt sich, in deren Verlauf Harshs rechter Arm zwischen den beiden Wagen gequetscht und mehrere Knochen gebrochen werden. Mit einem verzweifelten Trick lenkt er Roebuck ab, dessen Fahrzeug gegen einen Laternenpfahl prallt. Später stellt sich heraus, dass der ebenfalls halbseidene wie bewaffnete Roebuck bei dem Unfall ums Leben gekommen ist. Ohne dem Leser einen Augenblick der Ruhe zu gönnen oder die Figuren über rudimentäre Beschreibungen hinaus einzuführen, gehört das Auftaktkapitel zu den stärksten Passagen des ganzen Buches.

Harsh schafft es noch, mit seinem gebrochenen Arm vor ein Krankenhaus zu fahren, wo man ihn versorgt. Mit dieser Überleitung beginnt im Grunde die eigentliche Einführung in den Plot, denn mit sichtlichem Vergnügen macht sich Lester Dent daran, den Opportunisten Walter Harsh in einer Art indirektem Dialog mit dem Leser zu beschreiben und die Pflöcke für den weiteren Plotverlauf einzuschlagen. Walter Harsh ist kein sympathischer Charakter. Er hat sich einen Geschäftstrick ausgedacht, mit dem er als freischaffender Fotograf die potentiellen Kunden anlockt und dann animiert, über die freien Fotos hinaus teure Bilder zu erwerben. Er ist ein Hypochonder. Er hat ein Verhältnis mit seiner attraktiven Sekretärin.
Er ist ein Vertreter, der statt an Haustüren zu klopfen sich mit einem halbseidenen Trick in das Vertrauen seiner potentiellen Kunden schleicht und sie über das „Herz“ der jeweiligen Frauen/ Mütter in einem allerdings bescheidenen Namen unter Erbringung einer Gegenleistung in Form von Fotos ausnimmt. Teilweise kann ein Leser es als Schwäche des Autoren auslegen, das es keine Sympathieebene zur wichtigsten Figur gibt. Auf der anderen Seite ermöglicht es diese Vorgehensweise, Harsh zu einer Mischung aus Bauernopfer und schließlich aktivem, wenn auch eher reagierden Täter zu machen. Harsh hat scheinbar in zweierlei Hinsicht Glück. Er ähnelt dem Diktator eines lateinamerikanischen Landes bis auf eine fehlende Narbe und er verfügt mit 0- Negativ über die gleiche seltene Blutgruppe wie der Herrscher. Eine Gruppe von hochrangigen und langjährigen Regierungsangestellten des lateinamerikanischen Landes hat sich in den USA auf die Suche nach einem Doppelgänger für „El Presidente“ gemacht, den sie seit Jahren mittels Scheinkonten ausnehmen. Nur konnten sie das im Ausland gehortete Geld nicht abheben. Diesen Job soll Harsh in einem sehr komplexen Täuschungsmanöver übernehmen, wobei seine Belohung 50.000 Dollar sind. Anfänglich macht Harsh ohne die komplexen Zusammenhänge im Gegensatz zum Leser zu ahnen, mit. Als er erkennt, dass es nicht um Peanuts, sondern Millionen auf Auslandskonten geht, beginnt er nicht zuletzt dank seiner Bekanntschaft mit der gegenwärtigen Freundin des Präsidenten aktiver zu werden. Die Pläne drohen allerdings zu scheitern, als „El Presidente“ wenige Wochen vor Abschluss der Vorbereitungen der Verschwörer seinen Rücktritt erklärt.

Obwohl der Fokus auf Harsh als Opfer und Täter zugleich liegt, nimmt sich der Autor ausreichend Raum, um die anderen Figuren zu charakterisieren und ihnen in dem komplizierten Verschwörungsplan die fünf Minuten des Ruhms zu gönnen. Brother ist der Einfädler, der ihn den USA nach einem geeigneten Doppelgänger gesucht hat. Intelligenz, wieselartig und verschlagen fädelt er den Deal ein, ohne Harsh mit ausreichenden Informationen zu versorgen. Mr. Hassam als Vertrauter des Präsidenten ist für die monetäre Logistik zuständig. Er ist das genaue Gegenteil von Harsh und die Zusammentreffen der beiden Männer gehören ohne Frage zu den verbalen Höhepunkten des Romans. Mehr und mehr macht Dent allerdings klar, dass Mr. Hassam wie später Harsh sein eigenes Spiel treibt.
„Honey in his Mouth“ ist in dieser Hinsicht ein ausgesprochen interessantes Buch, da der Plan der Verschwörer ohne Probleme durchführbar und jeder ihrer über Jahre ausgearbeiteten Schritte für den Leser nachvollziehbar ist. Doctor Englaster als Arzt hat in erster Linie mit dem Hypochonder Harsh zu tun. Miss Muirz als die Freundin des Diktators und auf dem Titelbild von Ron Lesser vielleicht zu sexy gezeichnet hätte vielleicht dreidimensionaler und eigensinniger beschrieben werden müssen. Lester Dent schöpft bei ihr das vorhandene Potential genauso wenig aus wie bei Harsh geschäftstüchtiger Freundin Vera Sue. Vera Sue leidet mehrmals unter den Schlägen ihres Arbeitgebers und Liebhaber. Sie rächt sich kurzzeitig, in dem sie Harsh deutlich zeigt, das es ihm am wirklichen Geschäftssinn mangelt. Diese Pyrrhussiege werden von Dent mit Genuss beschrieben, gehen aber in der zweiten Hälfte des Romans durch Sues devote Einstellung förmlich unter.

Lester Dent erweist sich wie in seinen „Doc Savage“ Arbeiten sowie einer Reihe in Vergessenheit geratener Pulpabenteuer als intelligenter Plot, der im Gegensatz zu den „Savage“ Arbeiten den Mut hat, die Handlung ab der Mitte des Buches im Grunde auf den Kopf zu stellen, das Tempo deutlichst anzuziehen. Die Vorbereitungen der Verschwörer sind minutiös. Spannung erzeugt Dent zusätzlich durch den beim Unfall verunglückten Roscoe und einer möglichen Mordanklage durch die amerikanischen Behörden. Um dieses Beiwerk authentisch zu halten, muss sich Harsh ein wenig unglaubwürdig weiterhin in den USA aufhalten und dort in einer abgeschiedenen Villa seine neue Rolle proben. Hätten die Verschwörer ihn vor allem vor der Operation in das lateinamerikanische Land verfrachtet, hätte der Mittelteil des Romans nicht so gut funktioniert. Ab der Mitte des Buches konzentriert sich Lester Dent auf zwei im Grunde eng zusammenhängende und doch konträr verlaufende Handlungselemente. Die Verschwörer versuchen ihre im Ausland gehorteten Gelder nach dem Rücktritt und dem Verschwinden von El Presidente – er wird auf einem ausländischen Kanonenboot im Hafen vermutet – in Sicherheit zu bringen. Diese Pläne erhalten durch ein stark konstruiertes Auftauchen eines weiteren Protagonisten einen Dämpfer. Walter Harsh möchte mit Vera Sue nur die eigene Haut retten und mehr als die ihm versprochenen, aber bislang nicht bezahlten fünfzigtausend Seiten an sich. Wie sich die einzelnen zum Teil konträr laufenden Ereignisse auf den letzten Metern zu einem Ganzen zusammenfügen, ist ausgesprochen gut gemacht. Dent gönnt seinen Figuren und damit auch dem Leser keine Atempause. Höhepunkt ist sicherlich das Verschwindenlassen des Leichnams eines angeblichen Polizisten, bei dem der Autor sich von einer mit schwarzem Humor durchsetzten Seite zeigt. Vielleicht ist die endgültige Lösung ein wenig zu kompliziert und Dents entfernt sich zu schnell vom Doppelgängermotiv, das teilweise eher wie ein interessanter MacGuffin erscheint, aber im Vergleich zu den nicht selten zu einfach, zu schnell herunter geschriebenen „Doc Savage“ Bänden gibt sich Lester Dent Mühe, den Plot gut zu strukturieren und ein wenig zu variieren. Zwischen den Zeilen folgt er allerdings seiner bewährten und inzwischen nach ihm benannten Formel, den unwissenden Protagonisten im ersten Abschnitt in Schwierigkeiten zu bringen und vor allem eine durchgehende Handlung zu entwickeln, den Druck im Mittelteil zu erhöhen und in Bezug auf den finalen Showdown möglichst viele Figuren zu integrieren. Am Ende entsteht so eine Situation, aus der sich der Protagonist nach menschlichem Ermessen nicht mehr herauswinden kann. All diese Aspekte sind vorhanden, werden aber so gut miteinander verbunden präsentiert, dass „Honey in his Mouth“ – die doppelte Ironie des Titels ist ausgesprochen passend – auch mehr als fünfzig Jahre nach der Niederschrift gut unterhält. Es ist weder der brutalste – diese Auszeichnung gehört ohne Frage „Gun Work“ von David J. Schow – noch der hinsichtlich der Stimmung dunkelste Roman der „Hard Case Crime“ Reihe. Was auffällt ist das Fehlen eines klassischen Helden, einer in ihrem Herzen guten oder auch nicht positiven Figur. Gangster legen Gangster rein, wobei der ins Auge gefasste Sündenbock vielleicht noch am wenigsten Dreck am Stecken hat. Das die Geschichte nicht positiv enden steht außer Frage. Morbide faszinierend ist, den Figuren beim Ertrinken lesetechnisch zuzusehen.


Lester Dent: "Honey in his Mouth"
Roman, Softcover, 256 Seiten
Hard Case Crime 2011

ISBN 9-7808-5768-3298

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