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Krimi (diverse)



David J. Schow

Gun Work

rezensiert von Thomas Harbach

Mit David J. Schows hartem Thriller “Gunwork” legt der amerikanische HARD CASE CRIME Verlag einen Roman des Splatterpunks zum ersten Mal als Taschenbuch auf. Obwohl “Gun Work” - der Titel ist in doppelter Hinsicht voll fetischistischer Anspielungen - auf der stringenten Handlungsebene erstaunlich wenige neue Elemente diesem einzigartigen Subgenre hinzufügen kann, unterhält die Geschichte mit Söldner mit einem ganz kleinen Herzen aus Gold erstaunlich gut. Das liegt an Schows Fähigkeit, den im Grunde klischeehaft eindimensionalen Figuren nicht nur Leben einzuhauchen, sondern sie mit einer überraschenden Mischung aus mexikanischer Lokalkolorit und sympathischen Nebencharakteren zu umgeben, welche dem Leser länger als alle Protagonisten zusammengenommen im Gedächtnis bleiben.

David Schow ist ein erfahrener Drehbuchautor - “Critters 4” oder “Nightmare on Elm Street 3” -, der weiß, wie er seine Leser auf der ersten Seite am Hals packt. Barney ist ein Ex- Soldat und inzwischen ein Söldner, der anscheinend auch Auftragsmorde übernimmt. Barney ist im Grunde eine Chiffre falscher Identitäten, der ein beschaulicheres Leben führt. Eines Tages erhält er einen Anruf von Carl Ledbetter, seinem ehemaligen Kriegskameraden, der ihm im Irak das Leben gerettet hat. Seine Freundin/ Frau Erika ist während eines gemeinsamen Urlaubs in Mexiko Stadt entführt worden. Die Entführer fordern eine Millionen Dollar Lösegeld. Barney soll ihm bei den Verhandlungen helfen. Die erste Lösegeldübergabe klappt nicht wie geplant. Durch Barneys Auftreten verdoppelt sich die Lösegeldforderung. Das blinde Vertrauen, das Barney in seinen ehemaligen Kameraden Carl Ledbetter setzt, wird natürlich enttäuscht. Rückblick hätte er die Warnsignale viel früher sehen müssen. Da bei der Lösegeldübergabe eines der mexikanischen “Vetter” ums Leben kommt, handelt Carl einen einzigartigen Deal aus. Zusammen mit seiner Frau darf er zurück in die USA, während Barney von den Entführern in einem gigantischen Hotelgefängnis mit anderen Geiseln gefangen gehalten wird. Im Gegensatz zu den Geiseln ist er für die Entführer nur ein Muster ohne Wert.

Im ersten Drittel des Buches ist der Plot ausgesprochen stringent und packend. Schow beschreibt packend, wie Barneys Zweifeln im Grunde zu spät wachsen und wie er in der Zelle erkennen muss, wie hinterhältig er von Carl Ledbetter hereingelegt worden ist. Wie bei einem zerbrochenen Spiegel setzt er die einzelnen Teile zusammen und kann sich nur fragen, warum keine seiner inneren Alarmglocken früher angeschlagen hat.

Beim nächsten Kapitel gehen bei Schow ein wenig die Horrorpferde durch. Als erstes stellt sich die Frage, ob Profis Barney nicht einfach hingerichtet und verscharrt hätten. Es wäre für die ganze Organisation ungefährlich gewesen. Statt dessen wird er in der Gefängniszelle gefoltert und schließlich in einer weiteren zwar cineastisch effektiven, aber nicht unbedingt logischen Szene über ein Brückengeländer halbtot in einen dreckigen Fluss geworfen. Als sein Körper wieder an die Wasseroberfläche kommt, schießt der Handlanger der Schurken noch viermal auf ihn. Die Folterszenen sind ausgesprochen brutal, zumal einige Zusammenhänge der Leser zusammen mit dem im Krankenhaus aufwachenden Barney erst sehr viel später erkennt. Schow gelingt es nicht zuletzt aufgrund der intimeren Ich- Erzählerperspektive den Leser deutlich und ungemütlich näher an Barney heranzurücken als es anderen Autoren mit ihren Hardboiled Helden gegangen ist. Und die haben wie in Dan Simmons oder Stephen Donaldsons Krimins auch sehr leiden müssen. Der Leser kann nicht einordnen, ob Barney im Grunde schon vor Beginn seiner Folter ein Waffenliebender Psychopath oder er tatsächlich der ausgesprochen “coole” Überlegen handelnde Söldner gewesen ist. Barney ist kein sympathischer Charakter, das will er auch nicht sein. Da er aber der Erzähler der Geschichte ist, wird alles durch seine subjektive Sichtweise gefiltert. Die Folterszenen sind ungemütlich realistisch, wobei wahrscheinlich der Pragmatismus auf beiden Seiten das erschreckenste Element ist. Hinzu kommt, das das Abschneiden der Zeigefinger einer Kastration gleichzusetzen ist und Barney sich immer wieder impliziert fragt, ob er jemals wieder eine Waffe abfeuern kann. Selbst als ihm von seinen Freunden in den USA Spezialrevolver gebaut worden sind, fangen seine Hände in einer Art Christusanlehnung immer wieder zu bluten an, wenn er eine Handfeuerwaffe betätigt. Erstaunlicherweise ignoriert Schow diesen elementaren Bestandteil des Mittelabschnitts während des finalen Showdowns und negiert einige interessante wie beeindruckend Szenen unfreiwillig.

Mit der Flucht aus der Folteranstalt weitet David Schow den Hintergrund der Geschichte nicht nur aus, er fügt eine Handvoll sympathischer Figuren hinzu und versucht das dunkle gewalttätige Bild Mexikos aufzuhellen. Im Fluss findet Barney der ältere Juwelier Mano. Er hat den treibenden Körper während der Hochzeit seiner Tochter entdeckt. Mano pflegt Barney wieder gesund, wobei ihm eine Handvoll mexikanischer Ringer helfen, die südlich der amerikanischen Grenze wie Volkshelden verehrt werden. Als ein Killer nach Barney in Manos Haus sucht, weiß dieser, das es Zeit für seine Rache ist. Es ist vielleicht zu viel Interpretation und zu wenig Fundament, wenn man von einer Wiedergeburt Barneys als “Gun Man” spricht, der die Titel gebende “Gun Work” zu erledigen hat. Dazu sind die Unterschiede zwischen dem im ersten Kapitel auftrumpfenden introvertierten Barney und dem Rächer zu gering. Vielleicht wäre es effektiver gewesen, einen Ex- Soldaten und normalen Bürger in diese extreme Situation zu bringen, um ihn schließlich als dunklen “Rächer” von den Scheintoten aufstehen zu lassen. Egal, wie Vorbereitungen auf den Rachefeldzug inklusiv des obligatorischen Hinrichtung Carl Ledbetters sind prägnant und pointiert mit einigen Seitenhieben auf das rücksichtslose Kapitel geschrieben. Aber als Barney mit seinen amerikanischen Freunden inklusiv späterer Unterstützung durch die Ringer in das Gefängnishotel eindringt, erinnert der Roman an einen John Woo Film mit endlosen Feuerwechseln und brutalen Toden. Die Actionszenen drohen den Rahmen zu sprengen, wobei die reinigende Katharsis klar zu erkennen ist. Die “Hintermänner” sind frühzeitig zu erkennen, wobei sich David Schow in einem Gespinst aus Geldwäsche und schwarzen Konten verrennt, deren Erklärungen nicht immer ganz schlüssig sind. Mit dem letzten Schusswaffenwechsel kehrt David Schow zumindest für einen Augenblick zu Hardboiledkriminalgenre zurück, in dem der “Held” alleine, in diesem Fall allerdings als kleinen Kompromiss für die letzten Jahre seines Lebens zufrieden zurückbleibt.

Wie schon angesprochen ist “Gun Work” ein gut zu lesender, stellenweise zynisch überzeugend geschriebener moderner Thriller, dessen Vorbilder allerdings sehr gut zu erkennen sind. Neben eine Variation von Bogarts Sam Spade und den Schusswechseln aus John Woos “The Killer” bzw. “Hardboiled”, die in einer Kirche bzw. einem Krankenhaus stattfinden, erkennt der aufmerksame Lese Züge des Neowesterns in Form von “No Country for old Man” bzw. Sam Peckinpahs in den siebziger Jahren entstandenen Thrillern “Bring me the Head of Alfredo Garcia” oder “Getaway”. Die Idee der Verstümmelung und Wiedererweckung des Antihelden ist geradlinig aus Sergio Corbuccis “Django” übernommen und der Waffenfetischismus stammt aus zahllosen Joel Silver Produktionen. Und trotz dieser bekannten Vorgänge ist David J. Schow mit “Gun Work” ein Roman gelungen, welcher erstens das Rad zwar nicht neu erfindet, es aber als Hommage an die angesprochenen Filme unglaublich schnell drehen lässt. Bis auf einige kleinere Schwächen - insbesondere Barneys Blindäugigkeit zu Beginn des Plots; das dumme Verhalten der Entführer ihm gegenüber und die zu schnellen Ermittlungen in den USA am Ende der Geschichte - ein grundsolider, brutaler, weniger spannender als provozierender moderner Thriller.

David J. Schow: "Gun Work "
Roman, Softcover, 256 Seiten
Hard Case Crime 2011

ISBN 9-7808-5768-3267

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