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Krimi (diverse)



Richard Aleas

Little Girl lost

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Little Girl lost“ legt der Hardcase Crime Verlag den Debütroman des für seine Kurzgeschichten ausgezeichneten Autoren Richard Aleas vor. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich der Co- Herausgeber Charles Ardai. Der Roman ist als bestes Romandebüt für den EDGAR Award vorgeschlagen worden. Bevor man von Vetterwirtschaft spricht, „Little Girl Lost“ basiert nicht unbedingt auf einer neuen Idee – das soziale Absacken eines geliebten Menschen, den der Erzähler nach unbeschwerter Jugend aus den Augen verloren hat – oder verbirgt das für aufmerksame Leser im Vergleich zum in dieser Hinsicht naiv blinden Protagonisten sehr viel früher sichtbare „Geheimnis“ viel zu wenig. Diese markante Schwäche des Buches gleicht der Autor mit einem zynischen, dem Film Noir im Allgemeinen und „Der Spur des Falken“ im Besonderen nachempfundenen Ende.

John Blake arbeitet als Privatdetektiv in New York in einer kleinen Kanzlei. Eines Morgens erfährt er aus der Zeitung, dass seine Jugendliebe Miranda Sugarman auf dem Dach eines Stripclubs in der Silvesternacht erschossen, förmlich hingerichtet aufgefunden worden ist. Sie arbeitete dort anscheinend als Stripper. Als Blake Miranda das letzte Mal vor zehn Jahren gesehen hat, wollte sie ans College von Los Alamos gehen und Ärztin werden. John Blake nimmt die Ermordung seines Ex- Freundin persönlich und beginnt mit seinen Ermittlungen. Vor allem sucht er eine Erklärung, warum sie ihn zu Gunsten eines Lebens als Stripperin verlassen hat.

Obwohl in der klassischen Hardboiled Ich – Perspektive geschrieben unterscheidet sich „Little Girl Lost“ in Bezug auf die „Helden“ von zahlreichen Romanen dieses Subgenres. Man kann bis zum zynischen, aber unvermeidlichen Ende von einem naiven Helden sprechen, der auf der Suche nach den Mördern seiner Ex- Freundin in mehrfacher Hinsicht zu einem Mann wird. Er ist jung und ausgesprochen idealistisch. Er sieht manchmal ein wenig verklärt, aber kontinuierlich durchgezogen im Detektivberuf die Chance, Menschen zu helfen, die bei Behörden kein Ohr finden. Während sein Boss Leo ein typischer Ex- Polizist aber mit einem Herzen aus Gold ist, wirkt die Umgebung der Nachtclubs auf Blake vertraut aufgrund früherer Ermittlungen und durch die plötzlich persönlich gewordene Perspektive aber auch abstoßend und fremd. Vor allem macht der Autor nicht den Fehler, John Blake zu einer Art Überermittler zu machen. Im Verlaufe seiner Untersuchungen macht er sehr viele Fehler. So wird er von hinten niedergeschlagen, als er naiver weise einem der Mitverdächtigen seine bis auf einen elementaren Punkt richtige Theorie präsentiert. An einer anderen Stelle wird er vom Rausschmeißer eines Nachtclubbesitzers trotz des Vetos dessen Bosses noch einmal kräftig verprügelt, weil er mit seiner Art auch der mittleren Hierarchieebene auf die Füße getreten ist. Bei seinen Theorien übersieht er mehrmals überambitioniert wichtige Fakten. Er ist vor allem jung. Noch keine dreißig Jahre alt und seine Lebenserfahrung beschränkt sich zumindest in Herzensangelegenheiten nur auf Miranda, die er in seiner Erinnerung vergöttert. Vielleicht wird der emotionale Fall aus dem Olymp durch die neue Liebe zu Susan insbesondere für das Subgenre zu nachhaltig abgefedert, aber diese Aspekte lassen John Blake positiv gesprochen verwundbarer, kitschig heroisch treu Heldenhaft und realitätsfern erscheinen. Durch diese Ecken seiner Persönlichkeit dient er sehr gut als einzige Identifikationsfigur des Lesers, der seinen Ermittlungen ausschließlich und in dieser Hinsicht konsequent logisch aus der subjektiven Ich- Erzählerperspektive folgt.

Schon angesprochen worden ist die größte Schwäche des Plots. Das Geheimnis des Mörders muss bis zur finalen Konfrontation geheim gehalten werden. Fast krampfhaft lenkt der Autor alle Beweise auf eine zumindest in der Theorie in Frage kommende Person, die aber hinsichtlich der Plotentwicklung keinen Sinn macht. Ansonsten wäre der Roman eher sachte zu Ende gegangen. Aleas will ja noch ein Ausrufezeichen setzen und dafür hat er nur noch einen Trumpf im Ärmel, den der Leser spätestens in dem Augenblick erkennt, als sich John Blake eine verwaschene Videoaufzeichnungen der Stripaufführungen seiner ehemaligen Freundin anschaut. Hinzu kommt, dass die Vorgehensweise des Täters gegen Ende des Plots zweimal keinen Sinn macht. Ohne zusätzlich mittels einer warnenden Botschaft und eines Angriffs auf Susan auf sich aufmerksam zu machen, hätte der Täter ohne Probleme rechtzeitig aus der Stadt fliehen können.

Neben dem nicht selten im Hintergrund agierenden Leo hilft John Blake die Stripperin Susan, die verbal manchen Schlagabtausch gegen den in Liebesdingen eher naiven, aber treuen Blake gewinnt. Vielleicht wirkt ihre Persönlichkeit zu nett, zu eindimensional, aber in Bezug auf das dunkle Ende des Buches ist sie Blakes Licht am Ende des Tunnels. In Bezug auf die Antagonisten ist sich der Autor nicht zu schade, sie in erster Linie als Geschäftsleute zu beschreiben, denen es um den Gewinn geht. Verräter und Leute, die sich an ihrem Hab und Gut vergreifen, müssen auf brutal sadistische Weise bestraft werden, wobei es der Roman in erster Linie bei Andeutungen belässt. Aber wenn Aleas Schurken ihre Vorteile wittern, sind sie auch gerne bereit, Blake nicht nur einmal vor der ermittelnden Polizei zu schützen.

Über allem schwebt Miranda Sugarman. Das Vorbild ist offensichtlich. Zu sehr orientiert sich der Autor an Graham Greenes Drehbuch bzw. Carol Reeds Film „Der dritte Mann“. Wie bei einer Zwiebel entblättert der anfänglich noch ungläubige John Blake die zehn Jahre seitdem Miranda ihn verlassen hat. Mittels einiger emotional nicht unbedingt überzeugender Rückblenden versucht Richard Aleas sie zum „Leben“ zu erwecken, obwohl sie als Phantom sehr viel präsenter und interessanter gewesen ist. Eher ambivalent liefert der Autor auch kein Motiv für ihre Abkehr vom rechten Weg. Nur die inzwischen fast klischeehafte These, dass Liebe blind macht, erscheint ein wenig zu dürftig angesichts der sich stetig steigernden Anzahl von Verbrechen. Während viele klassische Film Noirs den verzweifelten Versuch der gebrochenen Charaktere beschreiben, Vergebung auf Erden und nicht erst im Jenseits von ihrer unmittelbaren Umgebung zu erlangen, verzichtet Aleas positiv für den ganzen Roman auf diesen Aspekt. Dadurch wirkt das beschriebene Geschehen authentischer und weniger gestelzt.

Während die wenigen Actionszenen solide und spannend beschrieben worden sind, besticht „Little Girl lost“ durch die kraftvollen Beschreibungen im Grunde zweier Großstädte. Tagsüber wirkt die Stadt teilweise optimistisch, familiär, fast zurückgeblieben, während nachts die grellen Rotlichtbezirke, der Drogenhandel und schließlich das organisierte Verbrechen reagieren. Insbesondere der Beginn des Romans ist auch stilistisch sehr kraftvoll konzipiert. Den melancholischen, sich selbst unnötig wegen Mirandas Tod Selbstvorwürfe machenden Ton kann der Autor positiv nicht durchhalten, aber Richard Aleas gibt den Stilelementen des Hardboiled Detective Romans eine eigene Note.
Für einen Erstlingsroman ist „Little Girl Lost“ erstaunlich gut gelungen, auch wenn die plottechnischen Konstruktionsschwächen zum Ende teilweise überdeutlich werden. Stilistisch sehr souverän mit Freude am Erzählen geschrieben ist „Little Girl Lost“ eine interessante Variante der im Großstadtdschungel verlorenen Unschuld und die Geschichte einer Reihe verlorener Seelen.



Richard Aleas: "Little Girl lost"
Roman, Softcover, 215 Seiten
Hard Case Crime 2012

ISBN 9-7808-5768-3151

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