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Krimi (diverse)



Donald A. Westlake

361

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „361“ legt der Hard Case Crime Verlag ein Frühwerk des über sechs Jahrzehnte aktiven, fleißigen und in der gehobenen Unterhaltungsliteratur unentbehrlichen Donald Westlake als Taschenbuch mit einem etwas unpassenden Titel wieder auf. Westlake hat mehr als einhundert Romane in unterschiedlichen Genres geschrieben, wobei der Krimi im Allgemeinen und die Reihe um die Berufskriminellen Parker – unter Pseudonym geschrieben – und Dortmunder zu seinen herausragenden und zeitlosen Arbeiten gehören. Einer größeren Öffentlichkeit fiel er als Drehbuchautor unter anderem für den unterschätzten Streifen „Grifters“ auf, in dem er die Subkultur der Kleinkriminellen, der Trickdiebe, der Prostituierten minutiös, emotional und zynisch ablichtete. In Bezug auf die eigenen Arbeiten dürfte der von John Boorman s exzellent adaptierte „Point Blank“ herausragen.

„361“ spielt Mitte der vierziger Jahre. Westlake hat den Roman allerdings erst eine halbe Generation später verfasst. Interessanterweise hat der Autor die Grundidee schon zwei Jahre vorher in seinem kompakteren und sehr viel besser strukturierten Roman „The Cutie“ das erste Mal niedergeschrieben. Vergleicht ein aufmerksamer Leser die beiden Texte direkt miteinander, so erscheint „361“ als das frühere Werk, eine Art Rohfassung von „The Cutie“. Leider verzichtet Hard Case Crime in diesem Fall auf ein ausführlicheres Nachwort.

“361” ist ein ungewöhnlich dunkles Buch für die damalige Periode. Der Autor verzichtet auf die klassischen Attribute des Hardboiled Romans. Eine untergeordnete Rolle spielt ein stoisch treuer Ermittler, der nach eigenem Bekunden kaum die jährliche Lizenzgebühren zusammen bekommt, der aber hinsichtlich seiner Ermittlungen fleißig, ehrlich, konsequent, aber auch erstaunlich Risiko scheu. Ganz bewusst scheint Westlake mit dem in einer untergeordneten Rolle agierenden Ermittler einen Gegenentwurf zu Hammett und Chandler entwickeln zu wollen. Weiterhin platziert er diesen ungewöhnlichen Detektiv in die aktivste Zeit des Film Noirs. Ein weiterer Kontrast ist auffällig. Die Geschichte spielt unmittelbar im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg, als die amerikanischen Soldaten mit einem kleinen Handgeld in die nur in der Theorie friedlichere Heimat entlassen worden sind. Die ersten Seiten dieses stringenten Romans sind eine perfekte Mischung aus zynischen Untertöten und einer im Grunde Paukenschlageinleitung. Ray Kelly wird von seinem Vater nach seiner Entlassung aus der Armee abgeholt. Kelly fällt auf, das sein Vater etwas nervös scheint und das Hotelzimmer in New York nicht verlassen möchte. Als sie abends wieder zurück ins Hotel fahren, wird ihr Auto aus einem vorbeifahrenden Wagen beschossen. Kellys Vater ist auf der Stelle tot, Ray Kelly wieder aus dem Wrack gezogen und verbringt Wochen im Krankenhaus. Wie lässt Westlake seinen Erzähler zusammenfassen? Ab diesem Augenblick geht es, wie der Protagonist selbst zugibt, nur noch Berg ab. Ray Kelly verliert ein Auge. Rays Bruder Billy besucht ihn jeden Tag im Krankenhaus, bis seine junge Frau von einem Autor erfasst und getötet wird. Der Fahrer flüchtet unbekannter Weise.
Ray wird nur vom Gedanken an Rache beseelt, während sein Bruder Billy angesichts des Todes seines Vaters und seiner Ehefrau erstaunlich ruhig bleibt. Hier versagt Westlakes ansonsten minutiöse, aber wenig detaillierte Beschreibung seiner Figuren. Der Leser wünscht sich ein wenig mehr Emotionen, zumal der Autor von der ersten Szene an eine Beteiligung Billys an den Morden ausschließt. Wer sich in jedem anderen Roman so kalt, so emotionslos verhält, ist normalerweise der Hauptverdächtige Nummer ein.

Ray beginnt in der Vergangenheit seines Vaters zu wühlen. Anfang der dreißiger Jahre hat er sich als Rechtsanwalt einen guten, wenn auch nicht gänzlich vom Mob unbeleckten Namen gemacht. Kritisch gesehen fallen Ray zu viele Informationen zu schnell in den Schoß. Wie bei einer russischen Puppe bedeutet aber jeder Fakt, den Ray und Billy ausgraben, eine Tür zu einer anderen Persönlichkeit seines Vaters, aber auch einen Schlüssel, der die eigene Herkunft in Frage stellt. Der Roman ist rückblickend vielleicht ein wenig zu einfach und zu kompliziert zu gleich strukturiert. Zu einfach hinsichtlich der Ermittlungen. Ray kommt im Grunde zu schnell zu seinem eigentlichen Ziel. Der Leser muss berücksichtigen, dass zwischen dem Zeitpunkt, an dem sein Vater vom rechten Weg abgekommen ist, und Rays Befragung von Zeugen mehr als fünfzehn Jahre liegen. Diese zeitliche Diskrepanz führt zu einem der bizarrsten „Morde“ im Rahmen eines Kriminalromans: Ray tötet einen nur mittelbaren Verdächtigen mit seinem Glasauge. Diese plottechnischen Highlights sind selten, reißen aber den Leser auch nicht zu sehr aus dem Strom der Ereignisse. Westlake klopft die üblichen Schemata hinsichtlich des Mobs, der Cosa Nostra, Steuerhinterziehung, erpresste Augenzeugen und schließlich die Entlassung eines der damals festgenommenen Gangster inklusiv einer verschwundenen Summe Geldes ab. Nicht selten bleibt der Eindruck bestehen, als wolle Westlake weniger die Rachgeschichte vorantreiben, sondern seinen Roman mit nicht immer elementaren Nebenschauplätzen füllen. Am Ende des Buches überschlagen sich die Ereignisse, wobei Westlake positiv hinsichtlich der dunklen Stimmung auf einen all zu übertriebenen Showdown verzichtet. Trotzdem kann Ray die mit der Ermordung seines Vaters aufgestellten Rechnungen begleichen. Das Ende des Buches ist nicht zu dunkel, der Autor schenkt seinem Racheengel die Chance eines im Grunde dritten Neuanfangs nach der Zeit im Krieg und der Ermordung einer Reihe von mehr oder weniger aktiven Gangstern und ihren nur auf den ersten Blick so bürgerlichen Helfern.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Ray Kelly. Donald Westlake ballanciert hinsichtlich der Charakterisierung auf einem sehr schmalen Grad, den er überzeugend erklimmt. Ray Kelly ist im Grunde die einzige Identifikationsfigur des Lesers. Er wird von Rache getrieben, wobei sich zumindest vordergründig berechtigte Motive für die Hinrichtung seines Vaters herauskristallisieren. Auf der Jagd nach den Hintermännern begeht Ray Kelly auch eine Reihe von Straf- und Gewalttaten, wobei das zu Tode erschrecken eines Herzkranken Mannes hinsichtlich der Sympathieskala grenzwertig ist. Bei dem nur hinsichtlich seiner Passivität schuldigen Opfer muss der Autor förmlich nacharbeiten, um Kellys emotionale Handlung endgültig zu rechtfertigen. Als Soldat hat er den für ihn mehr oder minder erträglichen Krieg gut überstanden. Als Mitglied der Luftwaffe hat er ausschließlich aus der Ferne getötet. Er ist keiner der zahllosen Vorgänger Rambos, die als Dschungelveteranen zu Killermaschinen geworden sind. Ray Kelly wacht nach seiner Entlassung aus dem Militär und anschließend aus dem Krankenhaus in einer Welt auf, die von Gewalt und Hinterhältigkeit, dem organisierten Verbrechen und schließlich auch dem Mob regiert wird. Ray Kellys Handlungen sind folgerichtig, wobei interessanterweise Donald Westlake seinem Protagonisten nicht nur einmal den Boden unter den Füßen wegzieht. Auch angesichts der von ihm recherchierten Fakten stellt sich für ihn die Frage, ob seine Rache überhaupt noch einen Sinn hat. Westlake hält die Spannung aufrecht, in dem er allerdings teilweise auf dem Niveau einer Soap Opera die Kelly Familie im wahrsten Sinne des Wortes auseinandernimmt und Ray sowie Billys Welt endgültig auseinander bricht. Manche Idee wirkt allerdings zu stark konstruiert und überambitioniert. Auch ohne die unfreiwilligen familiären Beziehungen gäbe es für Ray Kelly genug und ausreichende Gründe, seine Rache zu vollenden.
Leider sind die Antagonisten viel zu oberflächlich charakterisiert, um einen notwendigen Gegenpol zum Erzähler und Protagonisten zu bilden. In dieser Hinsicht wirkt manche Beschreibung eher rudimentär.
Dialogtechnisch überzeugt der Roman. Westlake greift nicht auf die nicht selten lakonischen Wortspiele und absichtlich melancholisch zynische Einsilbigkeit sowie die inneren Monologe des Hardboiledkrimis zurück, sondern lässt seine Figuren ausgesprochen natürlich „sprechen“. Das gipfelt in mancher eine Seite umfassenden belanglosen Unterhaltung, die Einblick in das Seelenleben der Figuren bietet. An einer anderen Stelle versucht Ray Kelly die Zeit totzuschlagen, in dem Krimiromane liest, die er schließlich angewidert angesichts der vorhersehbaren Plots zerreißt und in die Ecke wirft.

Was Westlake aber überdurchschnittlich gut gelingt ist die Zeichnung New Yorks und seiner unterschiedlichen Vororte. Ohne allzu sehr in die Details zu gehen zeichnet der Autor ein realistisches, hintergründiges Bild dieses Molochs Großstadt. Westlake ist ein sehr genauer Beobachter insbesondere kultureller Nebenströmungen, die aus der teilweise etwas zu rudimentär geschriebenen, aber trotz der bekannten Versatzstücke noch unterhaltsamen Rächerstory kein gutes oder restlos zufriedenstellendes, aber ein empfehlenswertes Buch aus der Feder eines in erster Linie amerikanischen Geheimtipps der soliden Unterhaltungsliteratur machen. Auf deutsch ist der Roman unter dem Titel „Mafiatod“ veröffentlich worden.


Donald A. Westlake: "361"
Roman, Softcover, 208 Seiten
Hard Case Crime 2011

ISBN 9-7808-5768-3038

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