Buchecke


:: Home
:: Suche


:: 24 (4)
:: Abenteuer (55)
:: Alias (1)
:: Babylon 5 (7)
:: Buffy & Angel (25)
:: Comics (diverse) (17)
:: Die Bibliothek von Babel (30)
:: Fantasy (diverse) (181)
:: Farscape (1)
:: Heftromane (314)
:: Horror (diverse) (168)
:: Komödien (diverse) (2)
:: Krimi (diverse) (59)
:: Literatur (diverse) (26)
:: Mystery (diverse) (102)
:: Perry Rhodan (122)
:: Roswell (4)
:: SachbĂŒcher (103)
:: Science Fiction (diverse) (715)
:: Star Trek (43)
:: Stargate (1)
:: Thriller (61)
:: TV (diverse) (10)
:: Vampire (37)
:: Zeitschriften / Magazine (15)


:: Artikel (6)
:: Interviews (7)
:: Nachrufe (2)


:: Weitere Sendungen


:: SciFi-Forum: Buchecke


Krimi (diverse)



Lawrence Block

Killing Castro

rezensiert von Thomas Harbach

Mit “Killing Castro” aus dem Jahr 1961 veröffentlicht der Verlag Hard Case Crime ein interessantes Kuriosum. Lawrence Block hat den Roman unter einem Pseudonym geschrieben, das er weder vorher noch nachher in seinem umfangreichen Werk verwandt hat. Inhaltlich verblĂŒfft das fast abrupt zu nennende Ende. UnwillkĂŒrlich fĂŒhlt sich der Leser ein wenig an eine auf Kuba spielende Variante von Quentin Tarantinos “Inglorious Basterds” erinnert. Aus heutiger Sicht mit der Neuveröffentlichung nach fĂŒnfzig Jahren wird “Killing Castro” zu einem interessanten Zeitdokument, da der Roman unmittelbar nach der Abwehr der Invasion in der Schweinebucht und noch vor dem Attentat auf JFK spielt, das manche mit einer Racheaktion Castros in Verbindung gebracht haben.
Auch strukturtechnisch wirkt “Killing Castro” insbesondere in den Zwischenkapiteln wie eine fast klassisch zu nennende Lehrstunde, die sich mit der UnterdrĂŒckung des Volkes, der VerfĂŒhrung durch auf den ersten Blick grenzenlose Macht, Ideale und Feindbilder auseinandersetzt. Blocks Geschichtsstunde beginnt mit der MachtĂŒbernahme Batistas, der sich als rĂŒcksichtsloser Tyrann erwiesen hat. Dann berichtet er in kurzen, knappen SĂ€tzen von Fidel Castros Jugend, seiner Erziehung, seinem Studium und dem ersten von ihm mit zu verantwortenden Putschversuch, der ihn erst ins GefĂ€ngnis und schließlich ins Exil bringt. Block beschreibt Castros RĂŒckkehr mit unverholender Bewunderung. Mit zwölf entschlossenen MĂ€nnern, die von seiner kleinen Armee ĂŒbrig geblieben sind, hat er den Kampf gegen den ĂŒbermĂ€chtigen Diktator aufgenommen, um schließlich unter dem Deckmantel von proletarischer Demokratie sein eigenes Schreckensregime aufzubauen. Block argumentiert teilweise ausgesprochen liberal, entschuldigend. Die Versuchung der RevolutionĂ€re, die hart errungene Macht zu behalten und nicht an fĂ€higere, fĂŒr einen friedlichen Wiederaufbau besser geeignete MĂ€nner abzugewinnen wird ambivalent beschrieben, aber nicht weiter hinterfragt oder gar kritisiert.

Die eigentliche Romanhandlung definiert sich ĂŒber die Anwerbung von fĂŒnf sehr unterschiedlichen MĂ€nnern in den USA wahrscheinlich durch Exilkubaner. Jeden Mann erhĂ€lt 20.000 Dollar fĂŒr die Ermordung Castros. Im Grunde handelt es sich um eine Selbstmordmission, welche die fĂŒnf MĂ€nner aus sehr unterschiedlichen Motiven antreten, die Lawrence Block aus Sprungbrett fĂŒr eine sehr zynisch dunkle, aber sehr interessante Entwicklung der ihre Handlungen bestimmenden Charaktere nutzt. Am Ende des Buches erwartet den Leser eine ĂŒberraschend. Viele dieser nicht unbedingt sympathischen Figuren durchlaufen einen Wandlungsprozess, der vom ersten Augenblick nicht zu erkennen ist. Dabei bietet Block seinen gebrochenen MĂ€nnern im Grunde unabhĂ€ngig von ihrer teilweise sehr gewalttĂ€tigen Vergangenheit die Chance auf einen Neuanfang. Sie erkennen, was sie bei einem Scheitern oder ironischerweise einem Erfolg der Mission im Gegensatz zum festgelegten Gewinn von 20.000 Dollar zzgl. Anteilig die PrĂ€mien der nicht zurĂŒckkommenden MĂ€nner verlieren können.
Turner hat seine Freundin und ihren Geliebten kaltblĂŒtig ermordet, als er sie zusammen im Bett erwischt hat. Turner hat verschiedene Berufe vom Fernfahrer bis zum einfachen Bauarbeiter ausgeĂŒbt. Er braucht das Geld, um sich in Lateinamerika eine neue IdentitĂ€t zu kaufen und nicht in den USA auf dem elektrischen Stuhl zu enden. Lawrence Block beschreibt ihn anfĂ€nglich als einen kalten Egoisten. Er soll zusammen mit dem jĂŒngsten Mitglied des Teams - Hines - anreisen. Hines will seinen Bruder rĂ€chen. Der hat anfĂ€nglich fĂŒr Castro in der Revolution gekĂ€mpft und ist anschließend vom ihm hingerichtet worden. Hines ist das einzige Mitglied dieser Zweckgemeinschaft, das vordergrĂŒndig ĂŒber ein Motiv verfĂŒgt. Mit zynischer Gelassenheit seziert Lawrence Block dessen Motivation, entzieht seinem Handeln den Boden und lĂ€sst Hines im Niemandsland zurĂŒck. Von allen Charakteren unterlĂ€uft dieser Junge ein Wechselbad der GefĂŒhle, wird zu einem Mann und endet schließlich als SchlĂŒsselfigur beim finalen Anschlag, der in AbsurditĂ€t nicht zu ĂŒbertreffen ist. Turner und Hines nĂ€hern sich wĂ€hrend der Tage des Wartens auf Kuba ein. Block vermeidet Klischees wie ein Vater- SohnverhĂ€ltnis, aber die sehr ĂŒberzeugend geschriebenen GesprĂ€che zwischen diesen beiden so unterschiedlichen Menschen stimmen den Leser nachdenklich. Der Doppelmörder Turner ist die Figur, die interessanterweise zusammen mit dem Profikiller Garrison das Meiste nicht in monetĂ€rer Hinsicht am Ende des Buches gewonnen haben wird. Nicht jedem Amerikaner wird Lawrence Blocks Lösungsvorschlag gefallen, er ist aber in vielerlei Hinsicht konsequent.
Garth ist ein gewalttĂ€tiger SchlĂ€ger, ein klassischer Sadist, dem es Spaß macht, anderen Menschen seinen Willen aufzudrĂŒcken. Kaum auf Kuba gelandet, interessiert er sich fĂŒr die attraktive RevolutionĂ€rin Maria, die vor kurzem ihren Mann in den Unruhen verloren hat. An Garth exerziert Lawrence Block die tierischen Instinkte des Mannes durch. Mehrmals versucht er die junge Frau zu vergewaltigen. Das er dabei die Mission gefĂ€hrdet, interessiert ihn in diesem Moment nicht. Fenton ist das genaue Gegenteil. Lange Jahre hat er bei einer Bank gearbeitet. Vor kurzem hat sein Arzt unheilbaren Lungenkrebs festgestellt. Fenton hat eine Todessehnsucht, einen Drang, seiner Umwelt noch einmal etwas in seinem Leben zu beweisen. Fenton ist die Figur, die am meisten ĂŒber sich hinauswachsen muss. Zusammen mit einer kleinen Gruppe von RevolutionĂ€ren wollen sie Castro wĂ€hrend einer Überlandfahrt mit seiner Eskorte ĂŒberfallen und töten. Block schildert in drastischen Bildern die Barbarei der RevolutionskĂ€mpfe. Diese Sequenz endet so zynisch, wie sich ein Leser einen normalerweise nur in der Großstadt spielenden Film Noir vorstellen kann. Ob Fenton schließlich als Held stirbt, bleibt dem Leser selbst ĂŒberlassen. Sein langsamer “Todesmarsch” aus den USA ĂŒber die Insel Kuba bis zu einer abgeschieden gelegenen MilitĂ€rkaserne ist eindrucksvoll. Fentons ruhige, an einen den Boden unter den FĂŒĂŸen verlierenden Gentleman erinnernde Art und Weise bleibt angesichts seines Ende dem Leser noch lĂ€nger im GedĂ€chtnis. Es ist bemerkenswert, das der Charakter, der am wenigsten zu verlieren hat, weil ihm die Zeit weglĂ€uft, am meisten auch von sich opfert.
Garrison ist der Profi. Seit vielen Jahren bringt er fĂŒr das Syndikat Menschen um. Castros Hinrichtung ist fĂŒr ihn nur ein Job, den er mit der normalen professionellen Distanz angeht. WĂ€hrend er sich in einem Hotel gegenĂŒber dem Platz einquartiert, auf dem Castro am Sonntag sprechen wird, lernt er die junge Prostituierte Estrella kennen. Auch Garrison durchlĂ€uft eine sehr interessante Wandlung. Block extrapoliert wie Melville in seinem Bahnbrechenden “Le Samurai”, das ein Profikiller nur so lange “funktionieren” kann, wie er auf seinen Missionen nichts zu verlieren hat. Das Block dem Leser mit seinem offenen Ende zumindest ein kleines Happy End verweigert, ist vielleicht ein Kompromiss gegenĂŒber dem amerikanischen Verlag, in dem der Roman in den sechziger Jahren das erste Mal erschienen ist. Blocks Vorgehensweise wirkt allerdings ausgesprochen konsequent.
Die fĂŒnf Amerikaner umgibt Lawrence Block mit einer Handvoll teilweise sehr lebensecht, dann wieder ein notwendige Klischees erinnernde Kubaner, die entweder heißblĂŒtige RevolutionĂ€re, pragmatisch ihr Leben ertragende Frauen oder opportunistische LebemĂ€nner, die als ZwischenhĂ€ndler jede Chance nutzen, nicht unbedingt immer auf ehrlicher Weise Geld zu verdienen. Lawrence Blocks Kubabild entspricht in vielen Teilen Graham Greenes “Our Man in Havanna”, wobei Block im Gegensatz zu Greene die Blickwinkel sehr viel ambivalenter variiert hat.
Es ist auf keinen Fall ein antikommunistisches Buch. Einen sozialisierten Kommunismus gab es laut Block unter Castro nie. Je stĂ€rker der außenpolitische Druck der USA auf Kuba gewesen ist, desto mehr hat laut dem Autoren der RevolutionĂ€r die NĂ€he der Sowjetunion gesucht, ohne seine PfrĂŒnde aufzugeben oder die Menschen zu bevorzugen, die ihm geholfen haben. Blocks Roman entstand zu einer Zeit, als das Volk Castros Marotten und spĂ€rlich getarnte GesetzesvorstĂ¶ĂŸe noch akzeptiert hat. Wenn die Figuren davon sprechen, dass Castro unabhĂ€ngig vom Erfolg ihrer AttentatsplĂ€ne nicht lange an der Macht bleiben wĂŒrde, hat die Geschichte diesem Roman schon lĂ€ngst widersprochen. Politik ist fĂŒr Lawrence Block plakative Polemik auf beiden Seiten der schmalen Wasserstraße, die Kuba von Florida trennt.

Als Geschichte getragen von den einzigartig dunklen, aber sehr gut gezeichneten Figuren und ihren vordergrĂŒndigen Motiven wird der Leser schnell durch Blocks dynamischen, zynischen Stil in die Ereignisse einbezogen. Vielleicht ist das Ende des Buches aus damaliger Sicht als interessante politische Fiktion zu verstehen. UnabhĂ€ngig von der AuthentizitĂ€t und möglichen implizierten HintertĂŒren ĂŒberrascht es nicht nur durch die Abruptheit, sondern durch die letzte Eruption von Gewalt, die zeigt, wie sehr die Exilkubaner und ihre angeworbenen Helfershelfer die Stimmung auf Kuba falsch interpretiert haben oder dank Scheuklappen nicht erkennen wollten.
“Killing Castro” hat diese Neuauflage mehr als verdient. Es ist ein gut geschriebener stringent entwickelter Politthriller der kleinen MĂ€nner, der auf hohem Niveau nicht nur spannend, sondern aufgrund der gut in die Handlung integrierten Hintergrundinformationen auch positiv belehrend unterhĂ€lt.

Lawrence Block: "Killing Castro"
Roman, Softcover, 204 Seiten
Hard Case Crime 2009

ISBN 9-7808-4396-1133

Weitere Bücher von Lawrence Block:
 - GrifterÂŽs Game
 - The Girl with the long green Heart

Leserrezensionen

:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht möchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::