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Krimi (diverse)



Lawrence Block

Killing Castro

rezensiert von Thomas Harbach

Mit “Killing Castro” aus dem Jahr 1961 veröffentlicht der Verlag Hard Case Crime ein interessantes Kuriosum. Lawrence Block hat den Roman unter einem Pseudonym geschrieben, das er weder vorher noch nachher in seinem umfangreichen Werk verwandt hat. Inhaltlich verblüfft das fast abrupt zu nennende Ende. Unwillkürlich fühlt sich der Leser ein wenig an eine auf Kuba spielende Variante von Quentin Tarantinos “Inglorious Basterds” erinnert. Aus heutiger Sicht mit der Neuveröffentlichung nach fünfzig Jahren wird “Killing Castro” zu einem interessanten Zeitdokument, da der Roman unmittelbar nach der Abwehr der Invasion in der Schweinebucht und noch vor dem Attentat auf JFK spielt, das manche mit einer Racheaktion Castros in Verbindung gebracht haben.
Auch strukturtechnisch wirkt “Killing Castro” insbesondere in den Zwischenkapiteln wie eine fast klassisch zu nennende Lehrstunde, die sich mit der Unterdrückung des Volkes, der Verführung durch auf den ersten Blick grenzenlose Macht, Ideale und Feindbilder auseinandersetzt. Blocks Geschichtsstunde beginnt mit der Machtübernahme Batistas, der sich als rücksichtsloser Tyrann erwiesen hat. Dann berichtet er in kurzen, knappen Sätzen von Fidel Castros Jugend, seiner Erziehung, seinem Studium und dem ersten von ihm mit zu verantwortenden Putschversuch, der ihn erst ins Gefängnis und schließlich ins Exil bringt. Block beschreibt Castros Rückkehr mit unverholender Bewunderung. Mit zwölf entschlossenen Männern, die von seiner kleinen Armee übrig geblieben sind, hat er den Kampf gegen den übermächtigen Diktator aufgenommen, um schließlich unter dem Deckmantel von proletarischer Demokratie sein eigenes Schreckensregime aufzubauen. Block argumentiert teilweise ausgesprochen liberal, entschuldigend. Die Versuchung der Revolutionäre, die hart errungene Macht zu behalten und nicht an fähigere, für einen friedlichen Wiederaufbau besser geeignete Männer abzugewinnen wird ambivalent beschrieben, aber nicht weiter hinterfragt oder gar kritisiert.

Die eigentliche Romanhandlung definiert sich über die Anwerbung von fünf sehr unterschiedlichen Männern in den USA wahrscheinlich durch Exilkubaner. Jeden Mann erhält 20.000 Dollar für die Ermordung Castros. Im Grunde handelt es sich um eine Selbstmordmission, welche die fünf Männer aus sehr unterschiedlichen Motiven antreten, die Lawrence Block aus Sprungbrett für eine sehr zynisch dunkle, aber sehr interessante Entwicklung der ihre Handlungen bestimmenden Charaktere nutzt. Am Ende des Buches erwartet den Leser eine überraschend. Viele dieser nicht unbedingt sympathischen Figuren durchlaufen einen Wandlungsprozess, der vom ersten Augenblick nicht zu erkennen ist. Dabei bietet Block seinen gebrochenen Männern im Grunde unabhängig von ihrer teilweise sehr gewalttätigen Vergangenheit die Chance auf einen Neuanfang. Sie erkennen, was sie bei einem Scheitern oder ironischerweise einem Erfolg der Mission im Gegensatz zum festgelegten Gewinn von 20.000 Dollar zzgl. Anteilig die Prämien der nicht zurückkommenden Männer verlieren können.
Turner hat seine Freundin und ihren Geliebten kaltblütig ermordet, als er sie zusammen im Bett erwischt hat. Turner hat verschiedene Berufe vom Fernfahrer bis zum einfachen Bauarbeiter ausgeübt. Er braucht das Geld, um sich in Lateinamerika eine neue Identität zu kaufen und nicht in den USA auf dem elektrischen Stuhl zu enden. Lawrence Block beschreibt ihn anfänglich als einen kalten Egoisten. Er soll zusammen mit dem jüngsten Mitglied des Teams - Hines - anreisen. Hines will seinen Bruder rächen. Der hat anfänglich für Castro in der Revolution gekämpft und ist anschließend vom ihm hingerichtet worden. Hines ist das einzige Mitglied dieser Zweckgemeinschaft, das vordergründig über ein Motiv verfügt. Mit zynischer Gelassenheit seziert Lawrence Block dessen Motivation, entzieht seinem Handeln den Boden und lässt Hines im Niemandsland zurück. Von allen Charakteren unterläuft dieser Junge ein Wechselbad der Gefühle, wird zu einem Mann und endet schließlich als Schlüsselfigur beim finalen Anschlag, der in Absurdität nicht zu übertreffen ist. Turner und Hines nähern sich während der Tage des Wartens auf Kuba ein. Block vermeidet Klischees wie ein Vater- Sohnverhältnis, aber die sehr überzeugend geschriebenen Gespräche zwischen diesen beiden so unterschiedlichen Menschen stimmen den Leser nachdenklich. Der Doppelmörder Turner ist die Figur, die interessanterweise zusammen mit dem Profikiller Garrison das Meiste nicht in monetärer Hinsicht am Ende des Buches gewonnen haben wird. Nicht jedem Amerikaner wird Lawrence Blocks Lösungsvorschlag gefallen, er ist aber in vielerlei Hinsicht konsequent.
Garth ist ein gewalttätiger Schläger, ein klassischer Sadist, dem es Spaß macht, anderen Menschen seinen Willen aufzudrücken. Kaum auf Kuba gelandet, interessiert er sich für die attraktive Revolutionärin Maria, die vor kurzem ihren Mann in den Unruhen verloren hat. An Garth exerziert Lawrence Block die tierischen Instinkte des Mannes durch. Mehrmals versucht er die junge Frau zu vergewaltigen. Das er dabei die Mission gefährdet, interessiert ihn in diesem Moment nicht. Fenton ist das genaue Gegenteil. Lange Jahre hat er bei einer Bank gearbeitet. Vor kurzem hat sein Arzt unheilbaren Lungenkrebs festgestellt. Fenton hat eine Todessehnsucht, einen Drang, seiner Umwelt noch einmal etwas in seinem Leben zu beweisen. Fenton ist die Figur, die am meisten über sich hinauswachsen muss. Zusammen mit einer kleinen Gruppe von Revolutionären wollen sie Castro während einer Überlandfahrt mit seiner Eskorte überfallen und töten. Block schildert in drastischen Bildern die Barbarei der Revolutionskämpfe. Diese Sequenz endet so zynisch, wie sich ein Leser einen normalerweise nur in der Großstadt spielenden Film Noir vorstellen kann. Ob Fenton schließlich als Held stirbt, bleibt dem Leser selbst überlassen. Sein langsamer “Todesmarsch” aus den USA über die Insel Kuba bis zu einer abgeschieden gelegenen Militärkaserne ist eindrucksvoll. Fentons ruhige, an einen den Boden unter den Füßen verlierenden Gentleman erinnernde Art und Weise bleibt angesichts seines Ende dem Leser noch länger im Gedächtnis. Es ist bemerkenswert, das der Charakter, der am wenigsten zu verlieren hat, weil ihm die Zeit wegläuft, am meisten auch von sich opfert.
Garrison ist der Profi. Seit vielen Jahren bringt er für das Syndikat Menschen um. Castros Hinrichtung ist für ihn nur ein Job, den er mit der normalen professionellen Distanz angeht. Während er sich in einem Hotel gegenüber dem Platz einquartiert, auf dem Castro am Sonntag sprechen wird, lernt er die junge Prostituierte Estrella kennen. Auch Garrison durchläuft eine sehr interessante Wandlung. Block extrapoliert wie Melville in seinem Bahnbrechenden “Le Samurai”, das ein Profikiller nur so lange “funktionieren” kann, wie er auf seinen Missionen nichts zu verlieren hat. Das Block dem Leser mit seinem offenen Ende zumindest ein kleines Happy End verweigert, ist vielleicht ein Kompromiss gegenüber dem amerikanischen Verlag, in dem der Roman in den sechziger Jahren das erste Mal erschienen ist. Blocks Vorgehensweise wirkt allerdings ausgesprochen konsequent.
Die fünf Amerikaner umgibt Lawrence Block mit einer Handvoll teilweise sehr lebensecht, dann wieder ein notwendige Klischees erinnernde Kubaner, die entweder heißblütige Revolutionäre, pragmatisch ihr Leben ertragende Frauen oder opportunistische Lebemänner, die als Zwischenhändler jede Chance nutzen, nicht unbedingt immer auf ehrlicher Weise Geld zu verdienen. Lawrence Blocks Kubabild entspricht in vielen Teilen Graham Greenes “Our Man in Havanna”, wobei Block im Gegensatz zu Greene die Blickwinkel sehr viel ambivalenter variiert hat.
Es ist auf keinen Fall ein antikommunistisches Buch. Einen sozialisierten Kommunismus gab es laut Block unter Castro nie. Je stärker der außenpolitische Druck der USA auf Kuba gewesen ist, desto mehr hat laut dem Autoren der Revolutionär die Nähe der Sowjetunion gesucht, ohne seine Pfründe aufzugeben oder die Menschen zu bevorzugen, die ihm geholfen haben. Blocks Roman entstand zu einer Zeit, als das Volk Castros Marotten und spärlich getarnte Gesetzesvorstöße noch akzeptiert hat. Wenn die Figuren davon sprechen, dass Castro unabhängig vom Erfolg ihrer Attentatspläne nicht lange an der Macht bleiben würde, hat die Geschichte diesem Roman schon längst widersprochen. Politik ist für Lawrence Block plakative Polemik auf beiden Seiten der schmalen Wasserstraße, die Kuba von Florida trennt.

Als Geschichte getragen von den einzigartig dunklen, aber sehr gut gezeichneten Figuren und ihren vordergründigen Motiven wird der Leser schnell durch Blocks dynamischen, zynischen Stil in die Ereignisse einbezogen. Vielleicht ist das Ende des Buches aus damaliger Sicht als interessante politische Fiktion zu verstehen. Unabhängig von der Authentizität und möglichen implizierten Hintertüren überrascht es nicht nur durch die Abruptheit, sondern durch die letzte Eruption von Gewalt, die zeigt, wie sehr die Exilkubaner und ihre angeworbenen Helfershelfer die Stimmung auf Kuba falsch interpretiert haben oder dank Scheuklappen nicht erkennen wollten.
“Killing Castro” hat diese Neuauflage mehr als verdient. Es ist ein gut geschriebener stringent entwickelter Politthriller der kleinen Männer, der auf hohem Niveau nicht nur spannend, sondern aufgrund der gut in die Handlung integrierten Hintergrundinformationen auch positiv belehrend unterhält.

Lawrence Block: "Killing Castro"
Roman, Softcover, 204 Seiten
Hard Case Crime 2009

ISBN 9-7808-4396-1133

Weitere Bücher von Lawrence Block:
 - Grifter´s Game
 - The Girl with the long green Heart

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